SeereisenMagazin Logo klein 347 65EDITORIAL · AUSGABE 1/2020hr

Kobalt nach Indien für Kohle aus Deutschland
Welthandel und Klimawandel

Ich möchte hier gern mal ein ziemliches komplexes Thema behandeln. „Komplex” sagt man ja neuerdings immer, wenn man das, was man sagt, für wichtig hält. Und wenn man hofft, der andere möge es auch für wichtig halten. So ist das mit der Entstehung von Mode-Wörtern: früher sagte man „kompliziert” oder „schwierig” oder „vielfältig”. Heute ist alles „komplex”. Jede Lage ist „komplex”, jede politische Entwicklung, sogar die Mannschaftsaufstellung von Hertha BSC.

Vom Klimawandel über die Parteienlandschaft bis zur Ernährung: so vieles ist auf einmal „komplex”. Früher gab es den „Gebäudekomplex” oder den „Minderwertigkeitskomplex” – jetzt schreibt die Volksbank in einer großen Anzeige: „unser Finanz-Concierge reduziert die Komplexität ihrer Geldanlage”. In Wirklichkeit fordern sie ihre Kunden auf, ihre Sparkonten aufzulösen und Aktien zu kaufen. – Ein weiteres Modewort heißt „Expertise”. Achten Sie mal drauf. Früher war die Expertise ein fachlich fundiertes Gutachten, die Beurteilung durch einen Experten also. Heute ersetzt der Modebegriff Worte wie „Erfahrung” und „Klugheit” und „Wissen”. Am besten, Sie sehen meinen nachfolgenden Text also als komplexe Expertise.

Handel funktioniert nur gegenseitig
Thema Welthandel: Dieser Gedanke erscheint zunächst sehr einleuchtend: warum im Supermarkt Wein aus Südafrika oder Heidelbeeren aus Peru kaufen? Wäre es nicht logisch und empfehlenswert, lieber auf einheimische Produkte zu setzen? Also Wein vom Rhein, Gemüse aus Vorpommern und Obst aus der Pfalz zu kaufen? Also verbrauchernah angebaute Erzeugnisse? Die Antwort lautet: nein. Jedenfalls nicht nur. Denn wir sind Exportnation. Wir leben davon, dass die Welt unsere Erzeugnisse kauft: Autos, Maschinen, Werkzeuge, Geräte, Kraftwerke, Turbinen, Fahrstühle. Unsere Handelsbilanz ist – noch – extrem positiv. Das heißt: wir exportieren weit mehr als wir importieren. Wenn nun Deutschlands Kunden in der Welt in der Lage sein sollen, unsere Exportgüter auch bezahlen zu können, dann müssen wir – logisch! – umgekehrt ja auch deren Güter einführen und bezahlen. So funktioniert der Welthandel. Also gehören auf unseren Tisch nicht nur unsere Äpfel aus dem Alten Land und unsere Gurken aus dem Spreewald, sondern auch Ananas aus Sri Lanka und Heidelbeeren aus Peru, Wein aus Südafrika, Bananen aus Costa Rica und Kiwis aus Neuseeland.

Das hat mit zusätzlicher Umweltbelastung nichts zu tun. Denn die Linienschiffe fahren ja sowieso. Genau wie ein Bus auf der Buslinie, egal wie viele Fahrgäste gerade mitfahren. Warum sollte der Frachter, der auf der Hinreise deutsche Turbinen nach Südamerika bringt, auf der Rückreise leer über den Atlantik fahren? Und dabei genauso viele Abgase ausstoßen wie beladen? Die Umwelt wird ja kein bisschen mehr belastet, wenn in seinen Kühlcontainern Kokosnüsse aus Brasilien, Rindfleisch aus Argentinien und eben auch Heidelbeeren aus Peru für die Bestimmungshäfen Hamburg und Bremen verstaut sind! Der auf den ersten Blick logische Slogan: „Esst einheimisches Obst!” verliert also schon beim zweiten Blick seine Logik. Übrigens können der Wein aus Kapstadt und die Heidelbeeren aus Peru in unseren Supermärkten so relativ preiswert sein, weil die Schiffe ja ohnehin zurück nach Europa fahren und die Kühlfrachtraten entsprechend günstig sind.

Der Ausverkauf des Schwarzen Kontinents
Noch wichtiger wäre ein fairer Handelsaustausch mit den Ländern Afrikas. Ich halte es für idiotisch, denen Hähnchenschenkel aus europäischer Massentierhaltung anzudrehen, und dann den dortigen von uns arbeitslos gemachten Kleinbauern generös deutsche Entwicklungshilfe anzubieten. Die brauchen keine Spendierhosen und keine Spendier-Saris. Die brauchten eigentlich nur Fairness. Wie sagte schon der Heilige Petrus: „Gebt dem Hungernden keinen Fisch, gebt ihm eine Angel.”

Überhaupt Afrika: Eine kleine Klientel korrupter Schwarzmilliardäre ist im Kongo, in Zaire, in Tansania, in Zentralafrika, in Nigeria und etlichen anderen Ländern Afrikas gerade an all d e n Minen beteiligt, die zur Zeit in großem Stil von Russen und Chinesen ausgebeutet werden. Diese schwarz-weiß-gelbe Clique hat sich mit Waffengewalt all der Bodenschätze bemächtigt, die sie jetzt in großem Stil nach China und Russland verschifft. Sogar die Indische Digital-Industrie kauft jetzt Seltene Erden in Zentralafrika ein – zum Teil tatsächlich für Entwicklungshilfe-Milliarden aus Deutschland. Das heißt: der deutsche Steuerzahler subventioniert die Konkurrenz der eigenen Industrie! Kobalt nach Bangalore für Kohle aus Berlin. Die astronomischen Geld- und Goldvermögen der afrikanischen Stammesfürsten landen auf Schweizer Nummernkonten. Und in der Aufrüstung ihrer Armeen. Ein brisanter Mix aus zu vielen Menschen, zu vielen Waffen und zu viel Geld in den Händen viel zu weniger.

Eine gigantische Armada von Massengutfrachtern transportiert die Erze und heiß begehrten Bodenschätze von Ostafrika nach China. Aber die Abgase dieser riesigen Flotte interessieren unsere sonst so beflissenen CO2-Wächter wenig. Was soll die dieselgesperrte Stresemannstraße in Hamburg bewirken, wenn zwischen Beira und Bejing aus tausend Schiffsschornsteinen Tag für Tag und Nacht für Nacht Milliarden Kubikmeter Kohlendioxyd in den Himmel über dem gemeinsamen Erdball gepustet werden? Es ist ja so viel bequemer, über die – im Vergleich minimale – Umweltbelastung durch die Kreuzfahrtflotte zu mosern, als sich mit Moskau oder Peking anzulegen ... Die Klimagöttin Greta scheint auf einem Auge blind zu sein. Oder unterscheidet der Klimawandel zwischen Südchinesischem Meer und Norddeutscher Tiefebene?
Das fragt sich: Ihr Herbert Fricke