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Die ARMORIQUE während ihrer mehrstündigen Liegezeit am Vormittag im Hafen von Roscoff.Die ARMORIQUE während ihrer mehrstündigen Liegezeit am Vormittag im Hafen von Roscoff.

Alle Fotos dieser Seite: Kai Ortel, Berlin


Kai Ortel

Mit der ARMORIQUE von Plymouth nach Roscoff und zurück –

Eine Fährlinie am Ende der Welt

Plymouth ist der westlichste Fährhafen Südenglands. Zwei Stunden sind es von Bristol hierher, ganze vier von London. Hinter Plymouth liegt nur noch die raue Grafschaft Cornwall, das Ende der Welt also, selbst für Engländer. Und doch gibt es eine Fährlinie, die Plymouth mit dem Kontinent verbindet und damit mit Europa. Und das schon seit über 40 Jahren.

Die Initiative hierzu ging damals allerdings von französischer Seite aus. 1964 stellte der staatliche britische Fährbetreiber Sealink seine Verbindung von Saint Malo nach Southampton ein, damals die westlichste Verbindung über den Ärmelkanal. Bretonische Bauern mussten ihre Agrarerzeugnisse fortan nicht mehr nur nach Saint Malo, sondern noch weiter östlich nach Cherbourg und Le Havre bringen, um sie dort verschiffen und exportieren zu können. Ein Dauerzustand durfte das nicht sein, schließlich ging es um Obst, Gemüse und Fisch – Güter, die keine langen Transportwege dulden. Und so gründeten besagte bretonische Bauern 1972 ihre eigene Fährlinie, die ihren Ausgangshafen direkt in der Bretagne hatte. Und hier auch nicht etwa in Saint Malo, sondern in dem kleinen Städtchen Roscoff, 30 Kilometer von Morlaix und 65 Kilometer von Brest entfernt. Das Ende der Welt also auch hier, nur aus französischer Sicht. Da passte es gut, dass der kürzeste Seeweg von Roscoff über den Ärmelkanal nach Plymouth führte – die Fährlinie Roscoff-Plymouth war geboren.

Und sie hatte unmittelbaren Erfolg. Setzte Brittany Ferries in der ersten Saison 1973 noch ein reines Frachtschiff mit einer Kapazität für nur 12 LKW-Fahrer ein (die ein Jahr zuvor gebaute KERISNEL), musste 1974 schon eine Autofähre mit Platz für 250 Passagiere her, der Neubau PENN-AR-BED. Doch auch dieses Schiff war dem schnellen Wachstum auf der Strecke nicht gewachsen, es folgte 1975 die PRINCE DE BRETGANE (346 Passagiere), ehe 1976 die ARMORIQUE (700 Passagiere) in Dienst gestellt wurde, ein Fährschiff, das die folgenden 15 Jahre auf dieser Route verblieb. Danach kamen und gingen die Schiffe (QUIBERON 1992-2002, DUC DE NORMANDIE 2002-2004, PONT-AVEN 2004-2006, PONT L’ABBÉ 2006-2009), auch für Brittany Ferries selber waren es nicht immer einfache Zeiten. Doch ihre Existenzberechtigung hat die westlichste Fährlinie über den Ärmelkanal nie verloren, dafür sorgt bis heute allein schon die Agrarproduktion der bretonischen Gemüsebauern, Viehzüchter und Fischer. 2009 bekam die Route daher einen 110 Millionen € teuren Neubau, der denselben Namen erhielt wie das berühmte Vorgängerschiff aus den 1970er und 1980er Jahren – ARMORIQUE. Der Name stammt natürlich von Aremorica, jener Bezeichnung, die bereits die alten Römer dem nordwestlichen Zipfel des damaligen Gallien gegeben hatten.

 

Plymouth am Abend

Mit Historie schmückt sich auch das englische Plymouth, wo unsere Reise an einem Oktoberabend beginnt. Sir Francis Drake begann hier 1588 seine Angriffe auf die spanische Armada, die Pilgerväter starteten 1620 von hier aus in Richtung Neue Welt, und auch Charles Darwin stach 1831 in Plymouth zu seiner Weltumrundung mit der BEAGLE in See. Mit den Worten „Welcome to Plymouth – Britain’s Ocean City” begrüßt daher auch die Stadt jene Besucher, die mit der Bahn hier ankommen. Dumm nur, dass von jenem Ocean zunächst nicht viel zu sehen ist. Weder vom Bahnhof aus, noch auf dem Weg zum Fährhafen. Denn während der Bahnhof ganz im Gegensatz zu Portsmouth drei Kilometer vom Wasser entfernt im Binnenland liegt, befindet sich der Barbican & Sutton Harbour mit seinen historischen Gebäuden, Hafenkneipen und Restaurants in genau entgegengesetzter Richtung zum RoRo-Anleger von Associated British Ports. Und die Royal Parade bzw. Union Street, jene Straße, die den Fähr- bzw. Marinehafen von Plymouth mit der Altstadt verbindet? Erinnert im abendlichen Berufsverkehr auch eher an Berlin oder Leipzig als an jene Bilder, die man ansonsten mit Südengland verbindet. Der Fährhafen an der Millbay Road schließlich? Jede Menge Asphalt und Beton, die wohlbekannten Stacheldrahtzäune und die Aussicht auf, nun ja, drei große Öltanks. Bis zur Abfahrt der ARMORIQUE um 22:00 Uhr heißt es: Warten.

Das Schiff kommt pünktlich um 20:30 Uhr, zu sehen ist es allerdings erst kurz nachdem es an der Plymouth vorgelagerten Drake Island in Richtung Fähranleger „abgebogen” ist. Da ist es allerdings schon herbstlich dunkel. Immerhin gibt es eine kleine Aussichtsterrasse, von der aus man das anschließende Von-Bord-Rollen der diversen Autos und LKWs gut beobachten kann.  

Im Passagierterminal ist es derweil noch immer fast leer, nur eine Handvoll Fußpassagiere wollen heute Abend ohne rollenden Untersatz in die Bretagne. Auf den Fernsehern im Terminal laufen Nachrichten in Dauerschleife. Der Krieg gegen den IS liefert beklemmende Bilder, doch er ist auch weit weg. Hier in Plymouth dagegen ist die Fährsaison zu dieser Jahreszeit vorbei, die Einschiffung um kurz nach 21 Uhr verläuft zügig und unkompliziert. Und die Wege sind kurz. Nach einer Treppe im Terminal geht es unten am Kai zu Fuß zur ARMORIQUE, deren geöffnete Bugtore in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht einem riesigen Maul gleichen, das gefüttert werden will.

Einmal an Bord, geht es dort wider Erwarten lebhaft zu. Viele Kinder und Teenager trifft man hier plötzlich an, sie sind auf dem Hin- oder Rückweg ihrer Klassenfahrt und mit Reisebussen aufs Schiff gekommen. Auch dazu ist die Fährlinie Roscoff-Plymouth nämlich gut – gelebte Völkerverständigung zwischen zwei an sich strukturschwachen Regionen, die ohne die Fähre nicht nur geographisch ziemlich weit auseinander lägen. Der Großteil der jungen Passagiere übernachtet übrigens in den Ruhesesseln vorne auf Deck 6 oder gleich auf den Sofas in den öffentlichen Räumen. Denn die ARMORIQUE verfügt zwar über 248 Kabinen mit einer Bettenkapazität für 788 Passagiere. Ausgeschöpft wird diese Kapazität aber nur selten. Den Grund hierfür erfahren wir später.

Unterdessen macht sich die Brittany-Fähre bereit zum Auslaufen. Überpünktlich um 21:45 Uhr statt um 22:00 Uhr macht sie die Leinen los und manövriert zunächst rückwärts vom Anleger weg, ehe sie in sicherem Abstand vom Pier wenden und den Bug in Richtung Nordfrankreich drehen kann. Die Außendecks der ARMORIQUE sind übrigens sauber und gepflegt; Schade nur, dass es absolut nichts zu sehen gibt, nachdem das Schiff an diesem Herbstabend Drake Island umrundet hat und wieder aus Plymouth ausgelaufen ist.

„Raum”schiff ARMORIQUE

Unter Deck erweist sich die Fähre regelrecht als „Raum”schiff. Denn erstaunlich groß ist sie, jedenfalls für eine Handvoll Schulklassen und kaum mehr Auto- und LKW-Fahrer. Über gleich zwei Decks (6 und 7) erstrecken sich die öffentlichen Räume, und über zwei weitere (8 und 9) die Kabinen. Ganz zu schweigen von den zweieinhalb Autodecks weiter unten im Bauch des Schiffes. Wunderbar gleichmäßig verteilen sich die Passagiere so über die Decks, ähnlich entspannt hat der Autor dies auf dem Ärmelkanal zuletzt nur an Bord der DOVER SEAWAYS von DFDS erlebt. Auf Deck 6 haben die Gäste die Wahl zwischen den bereits erwähnten Ruhesesseln vorne, dem daran anschließenden „Le Café” und einer weiteren Lounge mit Flugzeugsitzen achtern; dazwischen befinden sich zwei Kinos, die beiden Shops und das ebenfalls großzügig dimensionierte Vestibül mit der Information.

Ein Deck höher (Deck 7) ist vorne das große Selbstbedienungsrestaurant untergebracht sowie ein Kinderspielzimmer, mittschiffs die gemütliche „Le Bar” mit Blick aufs Meer und achtern eine ruhige „Reading Lounge”. Auch das Gratis W-LAN funktioniert einwandfrei, fürs erste lässt die ARMORIQUE also keinen Wunsch offen. Ein Partydampfer ist sie aber auch wieder nicht, denn auch wenn sie über Nacht nach Frankreich fährt, ist die Nacht an Bord kurz – um 7:00 Uhr sind wir morgen bereits in Roscoff, da ist es kein Wunder, dass das Café eine halbe Stunde nach der Abfahrt bereits wieder geschlossen und auch das Büffet-Restaurant am späten Abend nur noch spärlich besucht ist. Nur die Shops haben etwas länger offen, und sie lohnen einen Besuch nicht nur deshalb, weil man im Gegensatz zu anderen Schiffen in Ruhe stöbern und gucken kann, sondern auch weil sich das Sortiment auf wohltuende Weise von dem auf anderen Fähren abhebt: Bretonische Pasteten und Kekse gibt es hier, englischen Tee sowie royale (und viele andere) Souvenirs aller Art, wo man anderswo nur einigermaßen ratlos vor Bergen aus Gummibärchentüten und Paletten mit Bier steht.

Bonjour, la France

In Kabine 8133 vibriert es ordentlich, als ein langer Tag, der am Morgen noch im fernen Avonmouth begonnen hatte, zu Ende geht. Der Nachtruhe tut dies aber keinen Abbruch, und auch die Teenager haben ihr Nachtquartier zum Glück ja zwei Decks unter mir, können also nicht laut lärmend über die Korridore trampeln. „Funktional” beschreibt die Einrichtung der Innenkabine übrigens am besten. Einen Fernseher gibt es nicht (dafür ja zwei Kinos an Bord), genauso wenig wie einen Stuhl oder einen Schrank. Ein Unterbett, ein Oberbett, ein Nachttisch, ein kleines Bad mit Dusche und WC – das war’s. Schließlich ist die ARMORIQUE ja auch kein Kreuzfahrtschiff.

Umso erstaunlicher dagegen das Weck-Procedere am nächsten Morgen: Sanfte instrumentale Gitarrenmusik kommt um Punkt 6:00 Uhr aus dem Kabinenlautsprecher, dreimal nacheinander im Abstand von jeweils fünf Minuten. Nicht zu leise, nicht zu laut, so wird man doch gerne geweckt. Dafür ist das angebotene Frühstück im Le Café maßlos überteuert. Ein trockenes Croissant und ein 0, 2 cl-Becherchen Orangensaft („Mini Breakfast”) gibt es für 4,10 €, dasselbe plus einen Becher Tee oder Kaffee („Express Breakfast”) für 5,50 €. Dagegen ist das „Full English Breakfast” mit 6,45 € geradezu preiswert, nur hat dafür am Morgen der Ankunft in Roscoff leider niemand so richtig Zeit. Gefrühstückt wird jedoch trotzdem fleißig, und sei es auch nur das, was die Schülerinnen und Schüler in ihren Tupper-Dosen mitgebracht haben. Um kurz vor 7:00 Uhr ertönen dann jedoch auch schon die Durchsagen, denen zufolge sich die Autofahrer zu ihren Fahrzeugen und die Fußpassagiere zur Gangway auf Deck 6 begeben sollen. Schnell noch die Uhren eine Stunde vorgestellt (in Frankreich ist es aufgrund des Zeitunterschieds bereits 8:00 Uhr), und schon trennen sich im Fährhafen von Roscoff die Wege von Schülern und Studenten, Geschäftsreisenden und Touristen, Auto- und LKW-Fahrern.

Wer die ARMORIQUE hingegen trotz ihrer wenig kreuzfahrt-ähnlichen Anmutung als Mini-Kreuzfahrtschiff gebucht hat, hat nun viereinhalb Stunden „Landgang” in Roscoff, denn erst um 12:55 Uhr Ortszeit fährt das Schiff wieder zurück nach Plymouth. Die Stadt entpuppt sich dabei schon nach wenigen Metern als eine der Kontraste. So beginnen gleich hinter dem Hafen die Kohlrübenfelder, ganz als wolle der Ort unterstreichen, welchem Produkt das Fährschiff unten am Anleger seine Existenz zu verdanken hat. Ein kleiner Trampelpfad zur linken führt darüber hinaus in einen etwas hochtrabend so benannten „Jardin exotique” – einen kleinen Wald, der wenig exotisch wirkt, dafür aber einen guten Blick über die Bucht mit ihren vielen kleinen Felseninseln bietet. Das gleiche gilt für die kleine Chapelle Sainte-Barbe, die zur rechten des Fähranlegers auf einem Hügel thront. Erst dahinter erstreckt sich das eigentliche Roscoff, eine malerische Küstenstadt von 3.500 Einwohnern, die architektonisch als eine der schönsten in der Bretagne gilt.

 

Schmuckstück dessen ist die Kirche Notre Dame de Croaz Batz aus dem 16. Jahrhundert, die sich harmonisch einfügt in ein Geflecht aus Stein gemauerten Häusern und Kopfsteinpflastergassen, die ebenfalls überwiegend aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammen. Auch das Wohnhaus von Maria Stuart existiert noch; die Schottenkönigin erreichte das katholische Frankreich 1548 im zarten Alter von fünf Jahren auf der Flucht vor dem protestantischen England unter Heinrich VIII. Darüber hinaus war Roscoff jahrhundertelang eine Schmuggler-Hochburg, war berühmt für seine Zwiebelproduktion und gilt heute als Wiege der modernen Thalasso-Therapie.

Die schroffen Küstengewässer rund um Roscoff sind ferner bekannt für ihre Reichhaltigkeit – die vielen kleinen und großen Fischerboote im Vieux Port geben davon eindrucksvoll Zeugnis. Mit einem Tidenunterschied von bis zu zehn Metern zählt dieser Teil der Bretagne auch zu den Regionen Europas mit der größten Differenz zwischen Hoch- und Niedrigwasser überhaupt.

 

Zurück nach England

Jener Tidenunterschied ist es im Übrigen auch, der Schiff und Reederei heute dazu zwingt, vom regulären Fahrplan abzuweichen. Normalerweise sieht dieser nämlich eine Tagesfahrt von Roscoff nach Plymouth um 15 Uhr vor (Ankunft in England: 20:10 Uhr). An diesem Oktobertag aber wurde die Abfahrt wohlweislich auf 12:55 Uhr vorverlegt. Zwei Stunden später hätte das Schiff nämlich womöglich nicht mehr genug Wasser unterm Kiel gehabt, um schadlos aus Roscoff auslaufen zu können. Auch starke Winde und heftige Strömungen machen das Manövrieren auf französischer Seite mitunter zu einer Herausforderung.

Zur Mittagszeit ist von all dem jedoch nichts zu spüren. Nieselregen sorgt dafür, dass die Außendecks der ARMORIQUE wie leergefegt sind, als das Schiff Roscoff verlässt. Dafür bekommt man wie auf jeder Schiffsreise nach England eine Stunde geschenkt, denn an Bord herrscht immer noch englische Zeit, also ist es bei der Abfahrt gerade einmal 12:00 Uhr mittags. Geplante Ankunftszeit in Plymouth: 18:00 Uhr. Macht sechs Stunden „quality time” – Essen und Trinken mit Blick auf den Ärmelkanal, Lektüre in der „Reading Lounge”, ein Bummel durch die Bord-Shops, vielleicht ein Kino-Besuch, wann schafft man das sonst schon mal im hektischen Alltag.

Von Hektik ist auch auf der Brücke keine Spur. Der Kapitän hat sich nach dem Auslaufen aus Roscoff in seine Kabine zurückgezogen, das Kommando haben bis kurz vor Plymouth ein Kadett, der Erste Offizier (wie der Kadett keine 25 Jahre alt) und der Autopilot. 102 Autos und 293 Passagiere seien heute an Bord, und dass auf dieser Route die Tagesfahrten traditionell besser gebucht seien als die Nachtfahrten, erfahren wir. Ansonsten hat sich seit dem Jahr 1973 nicht viel geändert auf der Linie Roscoff-Plymouth: Nach Südengland werden vor allem landwirtschaftliche Produkte und Fisch befördert, in umgekehrter Richtung reisen vorwiegend betuchte Engländer mit einem Sommerhäuschen in der Bretagne. Und in beide Richtungen gleichermaßen Schulklassen auf Sprachurlaub, insofern war meine Hinreise heute Nacht eine äußerst typische. 90 Prozent aller Passagiere auf dieser Route seien im übrigen Engländer, was man dann allerdings doch nicht gleich auf den ersten Blick merkt. Vielleicht haben die aber auch nur zur Gänze die Reading Lounge auf Deck 7 übernommen, um sich dort britisch zurückhaltend die Zeit der Überfahrt mit der Lektüre der „Times” zu vertreiben.  

Ganz im Gegensatz zu ihren Passagieren ist die Besatzung der ARMORIQUE komplett Französisch. Die meisten Besatzungsmitglieder kommen aus der Bretagne, manch eine(r) aber auch aus dem Süden Frankreichs, bis nach Marseille. Und warum hat das Schiff nun so viele Kabinen, will ich wissen. Der Grund ist einfach: In der Nebensaison muss die ARMORIQUE auch auf den anderen Routen von Brittany Ferries aushelfen, z. B. wenn die dortigen Regelfähren in der Werft sind. Und da auf einer Fährlinie wie Caen-Portsmouth selbst in der Nebensaison mitunter noch mehr los ist als auf der Route Roscoff-Plymouth im Sommer, muss das Schiff über eine hohe Kabinenkapazität verfügen. Über eine hohe Frachtstellfläche aber ebenso, denn auch das LKW-Aufkommen ist umso höher, je weiter man an der Kanalküste gen Osten kommt. Die ARMORIQUE wurde daher als wahrhaftige „multi-purpose ferry” konzipiert, die sowohl als Tages- als auch als Nachtfähre, und als Auto- und Passagierfähre wie auch als Frachter eingesetzt werden kann. Auch die mitunter engen Fahrpläne der anderen Brittany Ferries-Strecken muss sie einhalten können.

Denn während sie schon zwischen Roscoff und Plymouth mit beachtlichen 22 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs ist, hat sie auf ihren Probefahrten sogar über 27 erreicht. Selbst die langen Fährlinien zwischen Südengland und Nordspanien, auf denen es in der Biskaya in Sachen Seewetter häufig turbulent zugeht und wo daher Verspätungen an der Tagesordnung sind, sind für die ARMORIQUE also kein Problem.

Brücke und Maschinenraum

Eine Oktober-Überfahrt nach Plymouth ist dagegen reinste Routine. Der Wind weht draußen mit 28 Knoten Geschwindigkeit, Windstärke 5 bis 6 also – nichts Besonderes für den Westlichen Ärmelkanal. Im Anschluss an unseren Brückenbesuch dürfen wir daher noch den Schornstein und den Maschinenraum besichtigen. Ersterer ist insofern eine Besonderheit, als auch auf der ARMORIQUE im Zuge einer flottenweiten Umrüstung im März 2016 ein Abgaswäscher, ein sogenannter „Scrubber”, eingebaut wurde. Verschönert hat dieser die Silhouette des Schiffes zwar nicht gerade, im Vergleich zur PONT-AVEN ist die ARMORIQUE jedoch optisch noch einigermaßen glimpflich davongekommen bei ihrem Umbau. Eigentlich wollte Brittany Ferries ja einen Teil der Flotte auf LNG-Betrieb umstellen, über die Höhe der dafür gewünschten Beihilfen wurde man sich aber mit der französischen Regierung nicht einig. Also musste Plan B her – man fährt jetzt also weiterhin mit Schweröl, musste dafür nur eben besagte Abgaswäsche installieren. Die ARMORIQUE und die PONT-AVEN waren die letzten beiden von sechs Schiffen, die entsprechend umgerüstet worden sind, allein bei diesen beiden Fähren schlug der Umbau mit umgerechnet zusammen 36 Millionen € zu Buche.

Manpower braucht die moderne Technik allerdings kaum. Bis zu 15 Mann arbeiten in Spitzenzeiten im Maschinenraum, bei unserem Besuch ist er jedoch mehr oder weniger verwaist, genauso wie der Maschinenkontrollraum gleich nebenan. Dafür ist es angenehm kühl im Maschinenraum, auch dies ein Merkmal, von dem sich die Kanalfähre auf wundersame Weise von so ziemlich allen anderen Passagierschiffen dieser Welt unterscheidet. Sogar ein frischer Wind weht hier unten; was auf anderen Schiffen einer unerträglich heißen und lauten Vorhölle gleicht, ist auf der ARMORIQUE wohltuend klimatisiert und fast verstörend leise. Wir sind schwer beeindruckt.

Dasselbe gilt im Übrigen wenig später auch für den Rest des Schiffes. Fast mucksmäuschenstill ist es während der Überfahrt, ein Großteil der 293 Passagiere ist also entweder in ihren Kabinen oder liest und döst in den Bars und Lounges vor sich hin. Kinder scheinen diesmal nicht in größerer Zahl an Bord zu sein. Auch dies ist ein Vorteil der ARMORIQUE: Da ihre Nachtfahrten relativ kurz, ihre Tagesfahrten aber relativ lag sind, musste das Schiff so flexibel wie möglich konzipiert werden. Mit einer Überfahrtsdauer von sechs Stunden ist die ARMORIQUE somit keine klassische Kurzstreckenfähre, aber auch kein Minikreuzfahrtschiff, im Zweifel müssen sich ihre Passagiere an Bord also gut verteilen können.

Aufgrund ihres Fahrplans mit der Spätabendabfahrt ab Plymouth und der Nachmittagsabfahrt ab Roscoff hat die ARMORIQUE im Gegensatz zu ihren Flottenkameradinnen z. B. zwischen Caen und Portsmouth auch kein A la Carte-Restaurant bekommen. Die Zeit, gediegen zu speisen, nimmt man sich schließlich weder zur Geisterstunde noch um 16 Uhr nachmittags. Stattdessen lässt sich die Steuerbordseite des Büffet-Restaurants auf Deck 7 bei Bedarf zu einem kleinen A la Carte-Bereich abtrennen – Flexibilität heißt auch hier das Stichwort. Den vorderen Teil von Deck 6, wo das „Le Café” in eine Zone mit Ruhesesseln übergeht, hat man sich dagegen von der Schnellfähre NORMANDIE EXPRESS abgeguckt, die Cherbourg und Portsmouth in nur drei Stunden miteinander verbindet. In der ARMORIQUE vereinigen sich somit Elemente der Kurzstreckenfähren von Brittany Ferries mit solchen der Langstreckenfähre der Reederei, und das auf eine faszinierend gelungene Weise.

Ankunft

Am Nachmittag gönne ich mir, ganz un-französisch, eine Pizza Regina im „Le Café”. Das italienische Nationalgericht ist üppig mit Schinken, Käse, Oliven und Pilzen belegt, und frisch aufgewärmt für 5,10 € vielleicht nicht herausragend, aber durchaus essbar. Den Rest der Überfahrt verbringe ich dann auf den Außendecks, auch diese sind auf der ARMORIQUE vor allem am Heck rund um den Schornstein unerwartet großzügig dimensioniert. Wale und Delfine lassen sich heute zwar nicht blicken, auch wenn jene in diesem Bereich des Ärmelkanals durchaus häufig anzutreffen sind. Dafür zieht vor Plymouth die Fregatte HMS MONMOUTH ihre Runden, wird dabei aber von der ARMORIQUE natürlich mühelos überholt. Ein weiterer Pluspunkt der Fahrt zurück in der Abendsonne: Die lieblich grüne Küste Devons bleibt in Sicht, bis die Fähre mit den letzten Strahlen der Oktobersonne um kurz vor 18:00 Uhr in den Hafen von Plymouth eingelaufen ist.

Dessen Ansteuerung im Übrigen, wie man uns vorhin auf der Brücke erzählt hat, nautisch weit anspruchsvoller ist als der auf französischer Seite, einfach weil das Fahrwasser zwischen der Landspitze Rame Head und dem Fähranleger direkt gegenüber dem Millbay Pier so eng und kurvig ist. Am Ende ist die ARMORIQUE aber nicht nur pünktlich, sondern auch sicher zurück in Plymouth, wo die Ausschiffung auch genauso schnell und komplikationslos verläuft wie tags zuvor die Einschiffung. Dafür gestaltet sich die Weiterreise schwierig, denn der „Last Train to London” braucht mehr als vier Stunden in die britische Hauptstadt. Über Exeter, Bristol, Bath und Reading geht die Reise, und das im Schneckentempo, wie es scheint. Plymouth ist eben doch ein bisschen das Ende der Welt. Erst um kurz vor Mitternacht bin ich so am Bahnhof Paddington, da ist die ARMORIQUE natürlich längst wieder auf See in Richtung Bretagne unterwegs. Dem anderen Ende, wenn man so will, aber auch das hat ein Anrecht auf eine Schiffsverbindung mit dem Rest der Welt. www.brittanyferries.de

Technische Daten MS ARMORIQUE

Bauwerft 

STX Europe, Helsinki / Finnland 2008

Reederei

Brittany Ferries, Morlaix / Frankreich

Flagge

Frankreich

Heimathafen

Morlaix

IMO-Nummer

9364980

Länge

168,30 Meter

Breite

26,80 Meter

Tiefgang

6,30 Meter

Tonnage

29.468 BRZ

Etwas außerhalb des Stadtzentrums von Plymouth teilt sich die Brittany Ferries-Fähre den Hafen mit einigen Sportbooten.

Etwas außerhalb des Stadtzentrums von Plymouth teilt sich die Brittany Ferries-Fähre den Hafen mit einigen Sportbooten.

Elegant geschwungene Linien dominieren die Eingangshalle der ARMORIQUE.

Elegant geschwungene Linien dominieren die Eingangshalle der ARMORIQUE.

Einfach, aber bequem: Innenkabine 8133 auf Deck 8.

Einfach, aber bequem: Innenkabine 8133 auf Deck 8.

Während der Tages- wie während der Nachtfahrten der ARMORIQUE werden in den beiden Bordkinos aktuelle Filme gezeigt.

Während der Tages- wie während der Nachtfahrten der ARMORIQUE werden in den beiden Bordkinos aktuelle Filme gezeigt.

 

Die „Le Bar” ist vor allem während der Tagesfahrten ein beliebter Aufenthaltsort an Bord.

Die „Le Bar” ist vor allem während der Tagesfahrten ein beliebter Aufenthaltsort an Bord.

Im „Le Café” auf Deck 6 kann der kleine Hunger oder Durst zwischendurch gestillt werden.

Im „Le Café” auf Deck 6 kann der kleine Hunger oder Durst zwischendurch gestillt werden.

 

Eine ausgewiesene „Reading Lounge” erlaubt es, sich an Bord in Ruhe mit einem guten Buch zurückzuziehen.

Eine ausgewiesene „Reading Lounge” erlaubt es, sich an Bord in Ruhe mit einem guten Buch zurückzuziehen.

Ein interessantes Sortiment bieten auf der ARMORIQUE die beiden Geschäfte mittschiffs.

Ein interessantes Sortiment bieten auf der ARMORIQUE die beiden Geschäfte mittschiffs.

 

Wer keine Kabine buchen möchte, kann die Überfahrt zwischen Roscoff und Plymouth auch in einem von vielen Flugzeugsesseln verbringen.

Wer keine Kabine buchen möchte, kann die Überfahrt zwischen Roscoff und Plymouth auch in einem von vielen Flugzeugsesseln verbringen.  

Die Speisung der 1.600: Im Selbstbedienungsrestaurant der ARMORIQUE ist Platz für einen Großteil der Passagiere gleichzeitig.

Die Speisung der 1.600: Im Selbstbedienungsrestaurant der ARMORIQUE ist Platz für einen Großteil der Passagiere gleichzeitig.

Gedruckte Seekarten gehören auf der Kommandobrücke noch immer zur Standard-Ausrüstung.

Gedruckte Seekarten gehören auf der Kommandobrücke noch immer zur Standard-Ausrüstung.

Modernste Technik bei minimalem Crew-Einsatz: Im Maschinenkontrollraum der ARMORIQUE.

Modernste Technik bei minimalem Crew-Einsatz: Im Maschinenkontrollraum der ARMORIQUE.

Das Herz eines jeden Schiffes: der Maschinenraum. Dank eines Scrubber-Einbaus im Schornstein kann die ARMORIQUE weiterhin mit Schweröl betrieben werden.

Das Herz eines jeden Schiffes: der Maschinenraum. Dank eines Scrubber-Einbaus im Schornstein kann die ARMORIQUE weiterhin mit Schweröl betrieben werden.

Seefahrtsromantik anno 2016: Metallsitze mit Blick auf die Rettungsboote. 

Seefahrtsromantik anno 2016: Metallsitze mit Blick auf

die Rettungsboote.

Im strömenden Oktoberregen verlässt die ARMORIQUE den Hafen von Roscoff.

Im strömenden Oktoberregen verlässt die ARMORIQUE den Hafen von Roscoff.

Plymouth nennt sich stolz „Britain’s Ocean City”, der Marine-Stützpunkt (eigentlich „Her Majesty's Naval Base Devonport”) ist der größte in Westeuropa.

Plymouth nennt sich stolz „Britain’s Ocean City”, der Marine-Stützpunkt (eigentlich „Her Majesty's Naval Base Devonport”) ist der größte in Westeuropa.

Deutlich erkennbar ist auf dem Achterdeck der im Frühjahr 2016 nachträglich installierte Abgaswäscher (Scrubber) neben dem Schornstein. 

Deutlich erkennbar ist auf dem Achterdeck der im Frühjahr 2016 nachträglich installierte Abgaswäscher (Scrubber) neben dem Schornstein.

Im Hafen von Plymouth bekommen die Fußpassagiere bereits einen ersten Eindruck von der imposanten Größe ihrer Fähre nach Frankreich.

Im Hafen von Plymouth bekommen die Fußpassagiere bereits einen ersten Eindruck von der imposanten Größe ihrer Fähre nach Frankreich.

„Britain’s Ocean City” weist Reisende bereits am Ortseingang auf das maritime Flair von Plymouth hin.

„Britain’s Ocean City weist Reisende bereits am Ortseingang auf das maritime Flair von Plymouth hin.

Die Plymouth Guildhall an der Kreuzung Royal Parade/Armada Way ist eines der markantesten Bauwerke der Stadt.

Die Plymouth Guildhall an der Kreuzung Royal Parade / Armada Way ist eines der markantesten Bauwerke der Stadt.

Die Millbay Marina versprüht altmodischen Charme und liegt genau gegenüber dem Fähranleger in Plymouth.

Die Millbay Marina versprüht altmodischen Charme und liegt genau gegenüber dem Fähranleger in Plymouth.

Blick über den alten Hafen von Roscoff. Aufgrund ihrer abgeschiedenen Lage war die Stadt früher eine Schmuggler-Hochburg.

Blick über den alten Hafen von Roscoff. Aufgrund ihrer abgeschiedenen Lage war die Stadt früher eine Schmuggler-Hochburg.

Die Bretagne wie aus dem Bilderbuch: Alte Steinhäuser trotzen an den schroffen Ufern Roscoffs Wind und Wetter.

Die Bretagne wie aus dem Bilderbuch: Alte Steinhäuser trotzen an den schroffen Ufern Roscoffs Wind und Wetter.

 

Die Kirche Notre Dame de Croaz-Batz in Roscoff stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde von den Reedern und Schiffseignern der Stadt finanziert.Die Kirche Notre Dame de Croaz-Batz in Roscoff stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde von den Reedern und Schiffseignern der Stadt finanziert.

Die Trawler im Hafen von Roscoff verdeutlichen, dass die Fischerei in der Bretagne nach wie vor eine bedeutende Einnahmequelle darstellt.

Die Trawler im Hafen von Roscoff verdeutlichen, dass die Fischerei in der Bretagne nach wie vor eine bedeutende Einnahmequelle darstellt.

hr