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Frachtschiffreise Ausgabe 4-2014 

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Unsere 2007 in China gebaute OPDR LISBOA ist 129,6 Meter lang und 20,6 Meter breit. Es fährt mit 14 Mann Besatzung.Unsere 2007 in China gebaute OPDR LISBOA ist 129,6 Meter lang und 20,6 Meter breit. Es fährt mit 14 Mann Besatzung.

 

Jürgen Schwieger

Eine Frachtschiffreise mit dem Enkel – warum nicht?

Mit der OPDR LISBOA von Rotterdam nach Portugal, Spanien, Gran Canaria und zurück über England nach Hamburg.

 

Die Frage nach dem „Warum”

… ist leicht zu beantworten. Erstens: Kann ich eine solche Reise mit meiner Frau gar nicht unternehmen, weil sie (leider) schon seekrank wird, wenn sie nur ein großes Schiff von weitem sieht. Zweitens: Mein Enkel (13, aus Wien) inzwischen ein Schiffsfan geworden ist und wir uns super verstehen.

Im Juli 2012 waren wir schon einmal unterwegs, und zwar mit der MS BARMBEK von Hamburg durch den NOK nach Kotka und Helsinki in Finnland. Das war zwar nur eine 8-tägige „Probefahrt”, aber sie hat uns inspiriert, eine weitere, etwas längere Reise zu unternehmen.

 

Die Vorbereitungen

… dafür habe ich schon frühzeitig ein halbes Jahr im Voraus getroffen. So viel Zeit sollte man wirklich einplanen, egal wo die Reise hingeht. Die von der Reederei OPDR (das ist nicht die Abkürzung für „Oberpostdirektion”, sondern für die schon 1880 gegründete Oldenburg Portugiesische Dampfschiffs Rhederei GmbH) angebotene Route von Rotterdam aus nach La Coruna, Leixoes/Porto, Sevilla, Las Palmas/Gran Canaria, Cadiz, Lissabon und über Felixstowe/GB zurück nach Hamburg hat mir am meisten zugesagt. Für die Buchung einer solchen Reise stehen verschiedene spezialisierte Anbieter von Frachtschiffreisen zur Verfügung. Ich bin meiner Hamburg-Süd Reiseagentur treu geblieben. Fix buchen sollte man schon deshalb rechtzeitig, weil ja nur wenige Plätze zur Verfügung stehen. Unser Schiff hatte gerade einmal 2 Doppelkabinen, wovon die zweite aber nicht belegt war, d.h. wir hatten genügend Freiraum. Bei allen Unwägbarkeiten nicht vergessen: Reiserücktritts-Versicherung.

 

Die Reisekosten

… sollte man auch früh genug im Budget einplanen, denn so ganz billig ist das Vergnügen ja doch nicht. Und der Enkel mit 13 muss jetzt auch voll bezahlen. Pro Person waren das für die 16-tägige Reise rund 1.300 €. Dazu kommen dann aber die unvermeidlichen Bahnfahrten, Taxifahrten in den Häfen, Versicherungen, Übernachtungen usw. Also, insgesamt so etwa 4.000 € für 2 Personen muss man schon einkalkulieren. Aber man bekommt auch etwas dafür.

 

Sinn und Zweck

… dieses Unternehmens war nicht nur, fremde Städte und Häfen kennen zu lernen, sondern so nebenbei, ohne dass er es merkt, auch meinem Enkel etwas beizubringen, und zwar Englisch sprechen, auf fremde Leute zugehen, das Selbstbewusstsein stärken, Nautik-Kenntnisse erwerben, als Fotograf tätig sein usw. Es hat alles ganz toll funktioniert, weil wir auch eine Super-Crew hatten. Vom Captain über die Officers bis zum „Oiler” oder „Fitter” und ganz besonders zum „Cookie” und dem „Messman” hatten wir die besten Kontakte und ständig interessante Gespräche. Also, langweilig geworden ist uns nie. Kaum zu glauben, wie schnell so ein Tag auf See vergeht.

 

Und dann ging es endlich los

… am 6. Juli 2013 mit der Bahn von Villingen über Frankfurt/Main nach Rotterdam. Vorher musste aber noch mein Co-Passenger von Wien nach Stuttgart eingeflogen werden. Auch so etwas muss eingeplant werden. Nach 8-stündiger Fahrt und 3 mal Umsteigen haben wir am Nachmittag unser erstes Ziel erreicht, wo wir uns laut Anweisungen der Reederei zunächst einmal bei der Einwanderungsbehörde anzumelden hatten. Warum das bloß? Die Prozedur war nach Vorlage unserer Pässe in fünf Minuten erledigt. Unser Schiff sollte am nächsten Tag auslaufbereit sein, war es aber nicht, sondern erst am 8. Juli. Also hieß es zweimal Übernachten, aber wo?

 

Die SS ROTTERDAM

… ein Mitte der 50er Jahre gebauter Luxusliner (38.645 BRT) der Holland America Line war für uns genau das Richtige. Dieses 228 Meter lange, 29 Meter breite und für etwa 1.500 Passagiere konzipierte Schiff ist rund 40 Jahre zunächst im Liniendienst Rotterdam-New York und später als Kreuzfahrer auf allen Weltmeeren gefahren, ehe es im Jahr 2000 still gelegt werden musste und seit 2010 im Rotterdamer Hafen als Hotel- und Museumsschiff eine Attraktion darstellt. Wir hatten Glück, im „Lower Promenade Deck” die letzte freie Kabine zu bekommen, denn ohne Reservierung geht da normalerweise gar nichts. Die zwei Tage an Bord waren nicht nur sehr angenehm, sondern auch interessant. Und der Preis von 140 € pro Doppelkabine und Nacht inklusiv Frühstück war auch akzeptabel und angemessen.

Im Hamburger Hafen liegt ja auch ein Relikt aus früheren Zeiten als Museumsschiff, die 1961/2 für die Hamburg-Süd Reederei gebaute CAP SAN DIEGO, das letzte von 6 baugleichen Schiffen, welches in letzter Minute vor der Verschrottung gerettet werden konnte. Im Unterschied zur SS ROTTERDAM ist sie aber noch fahrbereit, sogar zertifiziert für Atlantik-Fahrten. Dieses waren damals die schnellsten Frachter auf der Südatlantik-Route nach Brasilien und Argentinien, weshalb sie auch die „Weißen Schwäne” des Südatlantiks genannt wurden.

 

Unsere OPDR LISBOA

… traf dann tatsächlich am 8. Juli mit einiger Verspätung aus Felixstowe kommend im Prinzessin Beatrix Hafen ein. Ehe wir an Bord gehen konnten, mussten wir aber auf strikte Anweisung der OPDR Hafen-Agentin nochmals zur Einwanderungsbehörde. Die nette Beamtin hat sich gewundert, dass wir da ja schon registriert waren. Also, etwa 30 € Taxikosten für umsonst. Aber immerhin, wir haben etwas Neues von Rotterdam gesehen. Unser Taxi hat uns dann direkt vor das Schiff gefahren, wo es aber keine Gangway gab, sondern nur eine „Strickleiter”, über die wir an Bord klettern mussten. Unsere Koffer haben uns sehr freundliche Filipinos auf unsere „Kammer” gebracht, wo wir uns auch gleich wohl gefühlt haben. Sehr ordentlich und zweckmäßig eingerichtet. Platz hatten wir mehr als genug, weil die zweite Kabine unbenutzt war und wir den Aufenthaltsraum ganz für uns alleine hatten. Insgesamt so etwa 60 Quadratmeter. 

 

Das Schiff

… fährt unter der Flagge von Zypern und ist 2007 in China gebaut, oder besser gesagt, zusammen gesetzt worden, denn die meisten Bauteile inklusive Maschine wurden aus Deutschland und anderen europäischen Ländern angeliefert. Mit nur 8.150 BRT ist es für ein Containerschiff relativ klein, sodass auch maximal nur 700 TEU Container mitgenommen werden können. Die Länge misst 129,60 Meter und die Breite 20,60 Meter. Tiefgang cirka 7,0 Meter. Die Maschine „liefert” 7.000 kW bzw. 10.000 PS, womit eine Geschwindigkeit von rund 18 Knoten, das sind 32 km/h erzielt werden kann.

 

Die 14-köpfige Crew

… war international besetzt. Kapitän, 1. Offizier und der Chief Engineer waren Polen, 2. Offizier und 2. Maschinist kamen aus Spanien, der Elektriker aus Litauen. Die Mannschaft setzte sich hauptsächlich aus Filipinos sowie einem Bulgaren und einem Rumänen zusammen. Ganz wichtig, Koch und Steward waren auch Filipinos und ganz hervorragend. Lenny und ich waren nur die „Supernumeraries”, also die, die (fast) alles dürfen, aber nichts machen müssen.

Unser Kapitän fährt schon seit 35 Jahren zur See, aber jetzt fiebert er doch seiner Pensionierung entgegen. Hauptziel in seinem 3-monatigen Urlaub, den er nach der nächsten Reise antritt, ist, möglichst kein Wasser zu sehen.

Ganz interessant ist die Geschichte bzw. der Werdegang des Chief Officers, den ich altersmäßig so auf Mitte 50 schätze. Sehr sympathisch und intelligent. Zunächst hat er mal in Moskau Wirtschaft studiert und darin auch sein Examen gemacht. Aus irgendeinem Grund wurde ihm dann nahe gelegt, er möge doch bitte nach Polen zurückkehren. Das Verhältnis zwischen Russen und Polen ist ja auch heute noch leicht gestört. Zwischendurch war er dann mal 5 Jahre an einer Schule als Lehrer tätig, ehe er sich aufs Land zurückgezogen hat, wo er eine Viehwirtschaft mit etwa 500 Schafen betreibt. Dafür hat er einen Verwalter und Arbeiter aus der Ukraine angeheuert. Seine Frau und die Kinder betreiben ein kleines Krankenhaus. Also, diversifizierter geht es nicht. Warum und wann es ihn zur Seefahrt gezogen hat, weiß ich nicht. Jedenfalls ist er schon viele Jahre als 1. Offizier auf großen Schiffen unterwegs gewesen. An unsere kleine OPDR LISBOA musste er sich erst noch gewöhnen.

 

Unsere erste Etappe

… von Rotterdam nach La Coruna verlief wenig aufregend, zumal auch die See in dieser sonst etwas stürmischen Gegend total ruhig war. Im Morgengrauen sehen wir die imposanten Kreidefelsen von Dover. Die englische Ostküste kommt in einiger Entfernung immer mal wieder in Sicht. Wie auf einer Autobahn fahren wir unserem ersten Hafen entgegen, wo wir am Abend eintreffen, aber leider nicht an Land gehen können, da die Ladezeit gerade einmal 2 Stunden dauerte. Ähnlich war es in Leixoes, dem Hafen von Porto.

Richtig interessant und spannend wurde es dann im Golf von Cadiz. Als wir am Nachmittag das Cabo Sao Vicente, den südwestlichsten Punkt von Europa passiert hatten, war klar, dass wir zu schnell unterwegs waren und warten mussten, bis mit der Flut der Guadalquivir nach Sevilla passierbar war. Statt vor der Flussmündung zu ankern, hat sich der Kapitän entschieden, vor der Küste der Algarve hin und her zu fahren. Das war für den C/O (Chief Officer) die Gelegenheit, Lenny, meinen Enkekl, weiteren Unterricht in Sachen Nautik zu erteilen. Diese Unterrichtsstunde findet jeden Tag von 16:00 bis 17:00 statt. Und heute kam der Höhepunkt, denn Lenny durfte unter der fachkundigen und strengen Aufsicht des Ersten unser Schiff eigenhändig steuern. Inklusive zwei 180° Wenden. Das hat aus der Ferne ein Fischerboot beobachtet und uns angefunkt, was wir denn da für einen Blödsinn machen würden ... Die Sache war schnell aufgeklärt und Lenny hatte ein tolles, aufregendes Erlebnis.

Die 6-stündige Fahrt durch den Guadalquivir nach Sevilla fand in der Nacht statt und da haben wir lieber in unseren Kojen geschlafen.

 

Im Hafen von Sevilla

… ist nicht viel Betrieb, denn wir waren wirklich das einzige Schiff dort. Lenny’s treffender Kommentar dazu: „Und das nennt man Hafen?” Interessant sind die entlang des Flusses gelegenen alten Hafengebäude und Kräne, die früher sicher einmal bessere Zeiten erlebt haben. Nicht ganz verständlich ist, warum man unter diesen Umständen den Frachtverkehr nicht über Cadiz abwickelt, denn dieser wichtige Hafen ist gerade einmal 120 Kilometer entfernt. So würde man auch die hohen Kosten für das ständige Ausbaggern des Guadalquivir vermeiden, denn Cadiz ist ein moderner Seehafen. Selbst bei unserem kleinen Schiff hatten wir auf dem Fluss gerade mal noch etwa 15 Zentimeter Wasser unter dem Kiel. Aber Spanien wird demnächst von der EU Geld bekommen, um die schmale Fahrrinne vertiefen zu können.

Für den ziemlich öden Hafen wurden wir dann in der 700.000 Einwohner zählenden Provinz-Hauptstadt Andalusiens entschädigt. Während einer 2-stündigen Stadtrundfahrt mit einem offenen Doppeldecker-Bus haben wir viel Interessantes gesehen, so z.B. auch das Gelände und die Bauten der Weltausstellung EXPO von 1992. In der Altstadt waren die vielen im maurischen Stil erbauten Gebäude imposant. Eigentlich wollten wir noch mehr sehen und erleben, doch da wurde es für unsere Begriffe zu heiß. Im Juli/August steigen die Temperaturen auf bis zu 40° an. Deshalb waren wir froh, als wir wieder auf unserem klimatisierten Schiff waren.

 

Das Auslaufen nach Las Palmas

… war für Mitternacht angesagt, weil wir erneut die Flut abwarten mussten. Auf jeden Fall war bei uns die Vorfreude auf Hafen, Stadt und Strand aufgekommen. Nach der 2-tägigen Überfahrt sahen wir am Abend die Lichter von Las Palmas, es war ein toller Anblick und versprach vieles. Für alle war klar, dass wir morgen sicher bis zum Nachmittag im Hafen liegen würden, denn wer von den Spaniern würde schon gern die Nacht durcharbeiten? Von wegen – die sind mit 2 „Gangs” angekommen, haben ihre Ladebrücken bestiegen und angefangen, die Container vom Schiff zu hieven und dann andere wieder aufzuladen. Um Mitternacht teilte uns der Port Agent mit, dass wir schon gleich in der Früh wieder auslaufen müssten. Die Enttäuschung über diese Nachricht war groß, doch so ist das nun einmal bei Frachtschiffreisen – man muss auf alle Überraschungen eingestellt sein – und sie auch akzeptieren. Der Hafen von Las Palmas, der „Puerto de la Luz”, auf der nördlichen Halbinsel „La Isleta” gelegen, ist eine wichtige Drehscheibe für den Frachtverkehr zwischen Europa, Südamerika, Afrika und Asien. Hier laden die „Feeder-Schiffe”, also die Zubringer, so wie wir es sind, ihre Fracht ab, welche dann unverzüglich auf große Schiffe zu den anderen Kontinenten verladen wird.   

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Die obligatorische Feuerlösch-Übung

… haben wir inzwischen auch schon hinter uns gebracht. Kurz nach der „Coffee Break” tutet das Signalhorn 7x kurz und 1x lang. Das heißt Alarm und „abandon ship” – also Schiff verlassen. Mit unseren Rettungswesten eilen wir zum „Musterplatz”, wo jeder seinen nummerierten Platz einnehmen muss. Der Chief Officer erklärt die zu treffenden Maßnahmen. Der 2. Offizier ist für alle Sicherheitsvorkehrungen verantwortlich. In das Freifall-Rettungsboot mussten wir auch einsteigen, aber Gott sei Dank wurde es nicht zu Wasser gelassen. Dafür kam aber das Szenario, dass das Freifall-Boot nicht frei gemacht werden konnte und wir deshalb alle in eine Rettungsinsel einsteigen müssten. Also, im Ernstfall hätte ich das nicht so gerne mitgemacht. Schließlich wurde auch noch geübt, wie ein Brand in der Kombüse wirksam zu bekämpfen ist. Das Ganze war eine spannende Angelegenheit.

 

In Cadiz

… sind wir nach 1.260 Kilometer Seereise morgens gegen 8:00 Uhr eingelaufen. Super bei diesem Hafen ist, dass er direkt vor der Stadt liegt und man in 5 bis 10 Minuten zu Fuß das alte Zentrum erreicht.

Erste Anlaufstation für uns war natürlich wieder die „Oficina de Turismo”, wo wir einen sehr übersichtlich gestalteten Stadtplan mit allen Sehenswürdigkeiten erhielten. Darin sind die empfohlenen Rundgänge in verschieden farbigen Linien eingezeichnet und diese farbigen Linien findet man dann auf den Gehwegen und Straßen wieder. Gute Idee, zur Nachahmung empfohlen.

Die Stadt hat zwar nur etwa 120.000 Einwohner, aber sie ist unheimlich interessant. Das Zentrum besteht aus vielen engen, winkeligen Gassen mit schönen alten Geschäften. Da fahren auch keine Autos, alles ist Fußgängerzone. Sehr schön und einladend sind die vielen kleinen Bars und Straßen-Cafés. Überragt wird alles von dem mächtigen Dom.

 

Die Fahrt nach Lissabon

… hat gerade einmal etwa 15 Stunden gedauert. Was uns in der Hauptstadt Portugals erwarten würde, wusste keiner, denn im Hafen war ein 2-tägiger Streik der Hafenarbeiter angesagt. Aber es kam wieder mal anders als erwartet – es war kein Streik und damit auch keine 2 Tage Aufenthalt in Lisboa, schade. Pünktlich, wie kalkuliert, kommen wir am Freitag 19. Juli gegen 7:30 Uhr vor der Tejo-Mündung an.  Mit 17,6 Knoten fahren wir ziemlich flott, was zur Folge hatte, dass wir von einer portugiesischen Fregatte per Funk aufgefordert wurden, unsere Fahrt zu verlangsamen. Der „Zweite” war so verdutzt, dass er abrupt abbremste, wie man es bei einer Radarfalle ja auch macht. Und plötzlich war die Fregatte auf unserem Radarschirm nicht mehr zu sehen – sie hatte sich technisch eingenebelt. Sie konnte uns mit Sicherheit sehen, wir sie aber nicht.

Die etwa 1-stündige Fahrt von der Flussmündung, wo man an Backbord den Nobelort Cascais sehen kann, bis zum Anlegeplatz ist mehr als eindrucksvoll. Zunächst geht es vorbei an grünen Hügeln, wo die malerischen Vororte von Lissabon angesiedelt sind. Kurz vor der imposanten Drahtseilbrücke „Ponte Vasco da Gama”, die zwei Stadtteile verbindet und mit über 17 Kilometer eine der längsten der Welt ist, passieren wir den 1521 als Festung errichteten „Torre de Belem”, der dann später auch mal Zollstation und Gefängnis war. Kurz danach kommt  das „Padrao dos Descobrimentos”, das Denkmal der Entdeckungen, welches den portugiesischen Seefahrern und Entdeckern gewidmet ist. An der Spitze des einer Caravelle nachgebildeten Denkmals steht „Heinrich der Seefahrer” mit der Bibel in der Hand. Auch Ferdinand Magellan soll mal gesagt haben: „Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken”. Auf der südlichen Flussseite sieht man auf einem Hügel die mächtige, 113 Meter hohe Christus-Statue, ähnlich der, die auf dem Corcovado von Rio de Janeiro steht.   

Nach dem Festmachen und dem Erledigen der Formalitäten nimmt uns der freundliche Hafen-Agent mit seinem Auto bis ins Zentrum mit, wo wir an der „Praca do Comercio” einen ersten Eindruck von dieser altehrwürdigen Stadt bekommen. Die kam übrigens nach der 400-jährigen Herrschaft der Mauren über die Iberische Halbinsel erst im Jahr 1147 zu Portugal. Heute leben dort gerade einmal 500.000 Menschen.

Auffallend sind sofort die über 100-jährigen Trams, die immer noch voll fahrbereit sind und eine Attraktion für die Stadtrundfahrten darstellen. Leider hatten wir dafür keine Zeit, denn unser Schiff sollte schon am Nachmittag wieder ablegen. Aber immerhin, in den paar Stunden haben wir viel Interessantes von Lissabon gesehen. Muito abregado.

 

Barbecue

… gehört auf jeder Frachtschiffreise unbedingt dazu. Eigentlich hätte das schon vor Cadiz stattfinden sollen, doch da hat „Cookie” gemeint: „Not possible – not enough meat!” Er musste in Cadiz erst einmal nachbestellen. In diesen Dingen hat er offensichtlich mehr Autorität als der Captain.

Egal, nach dem gestrigen „Großreinemachen” auf dem Schiff hat die Mannschaft auch heute noch guten Appetit.  Am Nachmittag werden erste Vorbereitungen für das Fest getroffen. Auf dem Musterdeck wird der Grill aufgestellt und „angeworfen”. Cookie und seine Filipinos haben Erfahrung darin. Der Tisch ist „nicely decorated”, aber nur für Captain, Officers und natürlich für uns, den Paxen. Die Crew muss es sich im Stehen gut gehen lassen.

Bei angenehmen Temperaturen mit Sonnenschein gab es gegrilltes Schweinefleisch, Würstel, diverse Salate und sogar Kuchen. Der Captain hat eine Kiste Bier spendiert. Vom Essen konnte sich jeder nehmen, so viel er wollte. Alle haben gestaunt, was Lenny geschafft hat: mindestens 4 Stücke Fleisch, 3 Würstel und noch 2 Stück Kuchen. Seeluft macht wohl doch hungrig.

Der Höhepunkt dieses Events war, als Lenny vom Captain sein Zertifikat überreicht bekommen hat. Darin wird ihm bescheinigt, was er in Sachen Nautik alles gelernt hat und dass er sogar schon das Schiff steuern durfte. Opa und Enkel waren stolz darauf.

 

Felixstowe

… an der Ostküste Englands, gegenüber von Harwich gelegen, ist unser nächstes Ziel. Es ist wohl einer der wichtigsten Frachtschiffhäfen Englands, aber bis dahin haben wir noch gute 1.600 Kilometer vor uns, oder anders gesagt, noch 2 Tage. Also genug Zeit, um weitere Details des Schiffes zu erkunden und interessante Gespräche zu führen. Ich musste ab sofort sowieso etwas langsamer treten, denn laut Lenny’s exakter Berechnung sind wir in den vergangenen 14 Tagen rund 14.000 Stufen rauf und runter gegangen. Das waren für mein rechtes Knie einige zu viel. Die Lehre daraus habe ich schon gezogen: Wenn es noch mal eine Reise geben sollte, dann nur mit einem Schiff, das über einen Aufzug verfügt.

Die Besichtigung des Maschinenraumes, in dem 5 Leute tätig sind, war für uns natürlich sehr eindrucksvoll. Unglaublich, was da für eine Technik untergebracht ist. Und da soll sich dann noch einer mit dem Gewirr von Leitungen, Kabeln, Rohren usw. auskennen. Doch unser C/E beherrscht sein „Reich”.

Genau so kompliziert und verantwortungsvoll ist die Arbeit im „Ballast Control Room”, von wo aus die Trimmung des Schiffes kontrolliert und erforderlichenfalls korrigiert wird. Das sind Aufgaben für den 1. und 2. Offizier. Auch hier stellt man fest, ohne Computer geht gar nichts.

Die interessantesten Gespräche führen wir meistens mit dem Chief Officer, der seine Wache auf der Brücke immer von 4:00 bis 8:00 Uhr morgens hat. In dieser Zeit passieren ihm die tollsten Erlebnisse. Gestern, noch im Atlantik bzw. in der Biscaya, ist er einem 1-Mann-Segler begegnet, der die Welt umrundet hat und einen neuen Rekord aufstellen wollte. Den hat er leider um nur 18 Stunden verfehlt – was ist das schon für eine Differenz, wenn man um die ganze Welt fährt und jetzt kurz vor dem Ziel in Bordeaux ist. Lustig auch heute die Begegnung mit drei Extrem-Sportlern, die an der Kanal-Enge zwischen Calais und Dover den Kanal schwimmend überqueren wollten, begleitet natürlich von ihren Helfern in einigen Booten. Die kamen unserem Kurs so nahe, dass der „Erste” die angeschnauzt hat. Deren coole Antwort lautete nur: „Der Englische Kanal ist für alle da“.

Jedenfalls laufen wir gegen Mittag in den weitläufigen Hafen von Felixstowe ein und haben hier bis Mitternacht Zeit. Doch diese 12 Stunden Aufenthalt hätten wir lieber in Las Palmas gehabt. Der Ort mit rund 34.000 Einwohnern war wohl mal ein bekanntes Seebad, aber sonst ist es ein verschlafenes Nest mit zwei Hauptstraßen und sonst gar nichts.

An einiges musste man sich hier in England doch gewöhnen. Zunächst mal an den etwas ungewöhnlichen Akzent, den sie hier sprechen. Dann an den Linksverkehr, der selbst für uns Fußgänger gewöhnungsbedürftig ist. Und schließlich noch an die englische Währung, das Pfund. Im „Seafarers Centre”, der im Hafen gelegenen Anlaufstation für alle Seeleute, habe ich die freundliche Bedienung gefragt, wann sie denn endlich mal den € einführen. Ihre Antwort: „Hopefully never“.

 

Die Fahrt zurück nach Hamburg

… dauert rund 30 Stunden. Das Auslaufen aus Felixstowe haben wir infolge eines Tiefschlafs gar nicht mitbekommen. Dafür sehen wir aber am Vormittag in einiger Entfernung die holländischen ostfriesischen Inseln Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland und Schiermonnkog. Vor Borkum, in deutschen Hoheitsgewässern, erkennen wir im Dunst den „Windpark” – ein Wald von Masten mit den Windrädern zur Stromerzeugung. Nach den bisher gemachten Erfahrungen muss man jedoch bezweifeln, ob damit unser Strom wirklich billiger wird.

Die Fahrt geht mit nur 7 Knoten sehr langsam voran, da wir von der Reederei aus Hamburg Order bekommen haben, den Lotsen von dem Lotsenschiff ELBE 1 erst gegen Mitternacht aufzunehmen. Dieses Schauspiel musste ich natürlich mitverfolgen. Und das war wirklich ein Lichtermeer, die vielen beleuchteten Schiffe um die Lotsenstation herum liegen zu sehen. Alle mussten auf ihren Lotsen warten.

Frühmorgens waren wir wieder hellwach, um den letzten Teil der Reise live mit zu erleben. Vor Blankenese ist der dritte und letzte Lotse, also der Hafenlotse, an Bord gekommen. Die Einfahrt in den Hamburger Hafen ist immer wieder ein besonderes Erlebnis, vor allem morgens, wenn man mit einem faszinierenden Sonnenaufgang begrüßt wird. Vorbei an der alten Lotsenstation, dem Eurogate und dem Burchardkai geht es in den Kaiser-Wilhelm-Hafen, wo um 7:00 Uhr festgemacht wird. Die Maschine steht still, bis zum Nachmittag, dann geht es schon wieder nach Rotterdam – ohne uns.

Wir genießen zum letzten Mal in der Officers Mess unser ausgiebiges Frühstück, packen unsere letzten Sachen ein und warten auf die Wasserschutzpolizei. Diese Beamten müssen nach dem Wegfall der äußeren Zollgrenzen die Passkontrollen usw. jetzt an Bord der Schiffe vornehmen. Kein Problem für uns.

Danach erfolgte eine sehr herzliche Verabschiedung vom Captain und den Offizieren mit dem Versprechen: „We stay in contact”. Cookie lässt es sich nicht nehmen, unsere zwei schweren Koffer über die schwankende Gangway zu dem schon wartenden Taxi zu bringen.

Das war’s. Eine tolle 16-tägige Reise mit vielen interessanten Erlebnissen, an die mein Enkel und ich noch lange zurück denken werden. Lenny hat jedenfalls gesagt: „Diese Reise hätte noch zwei Wochen länger dauern können”. Vielleicht heißt es doch noch einmal: „Schiff ahoi”. 

Die SS ROTTERDAM, ein Luxusdampfer aus den 50er Jahren, war für 2 Nächte unser exklusives Hotel. Die zwei Tage an Bord waren nicht nur sehr angenehm, sondern auch interessant.

Die SS ROTTERDAM, ein Luxusdampfer aus den 50er Jahren, war für 2 Nächte unser exklusives Hotel. Die

zwei Tage an Bord waren nicht nur sehr angenehm, sondern auch interessant.

So ist das Schiff von 1956-1959 einmal gebaut worden. Das Foto hing in unserer Kabine.So ist das Schiff von 1956-1959 einmal gebaut worden. Das Foto hing in unserer Kabine.

Nach La Coruna haben wir den zweiten Hafen erreicht - Leixoes bei Porto.Nach La Coruna haben wir den zweiten Hafen erreicht – Leixoes bei Porto.

 

Lenny hat alles unter Kontrolle.Lenny hat alles unter Kontrolle.

Lenny ist gut vorbereitet für die obligatorische Rettungsübung.Lenny ist gut vorbereitet für die obligatorische Rettungsübung.

Lenny macht Feierabend für heute.Lenny macht Feierabend für heute.

Der Plaza de Espana in Sevilla.Sevilla ist mit etwa 700.000 Einwohnern die wichtigste Stadt Andalusiens. Hier der Plaza de Espana.

Eine nette Runde am Captain’s Table. Eine nette Runde am Captains Table.

 

So sieht der Maschinenraum aus. Es herrscht darin ein Höllenlärm.So sieht der Maschinenraum aus. Es herrscht darin ein Höllenlärm.

Blick über Lissabon und den Tejo.Blick über Lissabon und den Tejo.

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