LANDGANG

AUF MALLORCA


Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Im Hafen von Sóller, katalanisch Puerto de Sóller, mit dem Leuchtturm, dem Far de Cap Gros.

   

Das hatte ich nicht erwartet. Mallorca bestand für mich jahrzehntelang aus Bildern einer Ballermann 6 Küste bei Arenal oder winzigen Orten mit kleinen Stränden an hügeligen Küsten. Sóller? Nie gehört. Einen Hafen soll es haben, den man mit einer Straßenbahn erreichen kann? Nun ja, fahren wir mal hin: Landgang auf Mallorca.

Wir hatten uns eine brandneue Autokarte gekauft, denn seit dem Besuch vor mehr als zwanzig Jahren hatte sich Vieles geändert, am auffälligsten die Straßennummern und die Ortsnamen. Wir entdeckten ein System hinter Buchstaben und Zahlen, das die Orientierung auf den Fahrten erleichterte und fanden bestätigt, dass das Katalanische sich vom Spanischen deutlich unterscheidet. Viele Orte waren anders ausgeschildert als in unseren alten Karten.

Sóller war leicht zu finden. Fast genau nordwärts führt die Ma-11 von Palma in die Serra de Tramuntana, die auf der alten Karte noch als Sierra del Norte ausgezeichnet war, Katalanisch heute, Spanisch damals. 1983 wurde die Inselgruppe der Balearen und damit Mallorca eine der 17 autonomen Regionen des demokratischen Spaniens. Das Katalanische, von Franco unterdrückt, erlebte eine Wiedergeburt.

Parallel zu unserer Straße liefen Eisenbahnschienen. Die Karte zeigte, dass es von Palma aus zwei Schienenstränge gibt, den nach Sóller und einen, der über den Osten im Nordosten der Insel endet. Zwei Stränge, zwei Gesellschaften, zwei Kopfbahnhöfe in Palma – wie einst in London und England, dem Mutterland zahlreicher regionaler Bahngesellschaften. Englisch war auch das Schienenmaß – drei Fuß breit, 914 Millimeter. Als die Eisenbahnschienen 1912 lagen, fehlte eine Verbindung von der Stadt in den Bergen zu ihrem Hafen am Meer. Und so kam es 1913 zu einer Straßenbahn, von Siemens 1929 elektrifiziert. Die Wagen, die wir bewunderten, sind noch die alten von einst.

Bei Alfabia in den Vorbergen mussten wir uns entscheiden, entweder durch den 1329 Meter langen Tunnel weiterfahren, bei dessen Bau ein Skandal den damaligen Regierungspräsidenten zum Rücktritt gezwungen hatte. Oder die alte, inzwischen sehr gut ausgebaute Strecke mit 36 Kurven über den Coll de Sóller nehmen. Wir entschieden uns für die kurvenreiche, 14 Kilometer lange Strecke und bewunderten Radfahrer, die hier für die kommende Rennsaison trainierten. Auch in den steilsten Partien schob niemand sein Rad.

Und dann lag Sóller vor uns im Tal. Es gibt zwei Deutungen des Namens, der sich vom maurischen Sulliar ableitet, das Gold bedeutet. Aber wohl auch Muschel, wie andere Interpreten meinen. Wir konnten beides nachvollziehen. Die Stadt mit ihren knapp 14.000 Einwohnern liegt wie in einer gewaltigen Muschel in den Bergen über dem Meer. Das Gold, das die Stadt einst reich machte und in Verzweiflung stürzte und dann wieder in altem Glanz erblühen ließ, waren die Orangen.

Aus dem revolutionären Frankreich flüchteten Ende des 18. Jahrhunderts Händler und Bauern ins Tal von Sóller und organisierten von hier aus den Handel mit Südfrüchten. Sie wurden reich dabei, bis ein Schädling Bäume und Früchte befiel. Ab 1860 begann ein Exodus vor allem von Bauern – zurück nach Frankreich oder ins überseeische Exil, etwa nach Venezuela, Kuba, Puerto Rico. Als der Schädling besiegt und Vitamin C entdeckt worden war, explodierte die Nachfrage nach Südfrüchten. Viele Exilanten kehrten zurück, bauten Neues auf und so erklärt sich der unterschiedliche Stil vieler Bauten in der Stadt. Häuser im alten spanischen Inselstil stehen neben Gebäuden nach Art von Palästen aus den Kolonien.

Der Hafen in der fast kreisrunden Bucht unterhalb der Stadt wurde ausgebaut. Von ihm aus konnte man übers Meer in zehn Stunden Palma erreichen, von Sóller aus die Hauptstadt in weniger als einer.

 

Schon der alte Hafen, der einzige an der Nordwestküste Mallorcas, hatte immer wieder Piraten angelockt. 1561 legten Algerier unter Uludsch Ali ihn in Schutt und Asche, bis sie Hauptmann Joan Angelats, Capità de Sóller, mit Unterstützung aus benachbarten Dörfern am 11. Mai wieder vertrieb. Zur Erinnerung an diesen Sieg der Christen über die Mauren wird in der Stadt an jedem Montag nach dem zweiten Sonntag im Mai nachmittags das Fest Moros i Cristians gefeiert, in bunten Kostümen, mit Böllerschüssen und Holzwaffen.

Für das diesjährige Fest kamen wir zu früh, die Dekorationen hingen zwar schon, Besucher drängelten sich im Zentrum, die Bars und Cafés waren übervoll, Parken konnte man nur, wenn man sich aus Knöllchen nichts machte. Doch noch trug niemand Kostüme, Polizei blieb unsichtbar.

Die Autofahrt in den Hafen hinab war abenteuerlich, Sóllers Innenstadt war für Eselskarren ausgelegt, man musste Angst um Außenspiegel und Kotflügel haben. Aufatmen unten am Hafen. Pause bei Paella und Rosewein.

Dann folgten wir dem Rat von DELPHIN VOYAGER-Kreuzfahrtdirektor Florian Herzfeld,  der uns auf der Karte zwei Daumenbreiten weiter nach Osten lockte und mühelos aussprach, was wir kaum lesen konnten: Sa Calobra, Cala de Sa Calobra und Torrent de Pareis. Die Strecke sah kurvenreich aus und verschlug uns gleich darauf den Atem – ob ihrer Schönheit. Wer die Tramuntana befährt, muss kurbeln können, auf der Ma-10 nordostwärts ging das noch leicht.

Kluge Straßenbauer hatten auch immer wieder Plätze in den Felsen gesprengt, auf denen Fotografen halten können, oder nur zum Schauen. Den höchsten Berg der Insel, den Puig Major mit seinen 1445 Metern, ließen wir linkerhand liegen und wagten uns dann eine Straße hinab, die Ma-2141. Ziel: Sa Calobra. Auf 12,5 Kilometer ging es über 12 Haarnadel-Kurven 780 Meter bergab – auf exzellentem Asphalt. Bis 1932 hatten da unten am Meer nicht einmal drei Dutzend Leute gelebt, warum also diese Straße? Um den Schmugglern den Weg zu erleichtern, so Spötter. Es plante und baute ein Antonio Paretti, Italiener, ein Gebilde, das sich höchstens mit 20 Stundenkilometern befahren ließ und von fast jeder Stelle aus vier Straßenbänder sichtbar werden lässt. Sein Meisterstück leistete er sich an der Brücke am Nus de sa Corbata, eine Kurve von 270 Grad, in der die Straße unter sich selbst durchläuft.

Und über dieses schmale Asphaltband sollen an manchen Tagen bis zu 34.000 Besucher, zumeist in Bussen, anreisen! Um den Strand in der Bucht von Sa Calobra zu sehen? Nein, ein Weg führte von den Parkplätzen dort unten weiter zur Platja de Torrent de Pareis, einem Strand am Ende einer steilen Schlucht, die bei Naturfreunden als eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Insel gilt. Aus zwei Quellbächen und zwei Seen gespeist stürzt dieser „Doppelbach von den hohen Bergen durch eine Felsenge ins Meer.

Sein ganzes Einzugsgebiet wurde zum Naturdenkmal erklärt, etwa dreißig Pflanzen-Arten wachsen nur dort, sonst nirgendwo auf der Welt. Strenge Schutzvorschriften erlauben zwar Klettertouren, die nicht ungefährlich sind, aber neue Sicherungshaken dürfen beim Klettern in den Schluchten nicht eingeschlagen werden, Sport- oder Freizeitaktivitäten müssen angemeldet werden, wenn mehr als 20 Personen teilnehmen und bei über 40 Teilnehmern sogar genehmigt werden.

Zurück nach oben, kurbelnd, voraus denkend, vorsichtig fahrend, die große Straße Ma-10 überquerend, weiter auf einem ähnlich engen, aber sanfter abfallenden Asphalt-Streifen nach Inca. Und dann die Autobahn nach Palma, in Richtung Sonnenuntergang. – Wir schwiegen. Erst beim Aperitif fasste dann einer zusammen, was wir fühlten: „Hätte ich nicht gedacht, dass es auf Mallorca so viel Schönes gibt.

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Nach tausend Serpentinen diesseits und jenseits des Passes – des Coll de Sóller – liegt Sóller vor uns im Tal.

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Ein „Tal des Goldes ist die Gegend um Sóller mit seinen enormen Gärten mit den vielen Orangen- und Zitronenhainen geblieben.

 

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Die Plaça Constitució vor der Pfarrkirche Sant Bartomeu ist schon für das Fest Moros i Cristians geschmückt.

Dem Hafen von Sóller gegenüber liegt die Platja des Tréves. Hier rollen die über faustgroßen Kiesel mit einem mächtigen Grollen in der Brandung an den Strand.

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Entlang der Platja des Tréves in Puerto de Sóller fährt die Straßenbahn von 1913, die von Siemens 1929 elektrifiziert wurde und deren Streckenverlauf durch Orangen- und Zitronenhaine zurück nach Sóller führt.

 

 

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Autor

Dieter Bromund

bei Paella und Rosé.

Der zweite Teller – und Glas – ist für den Fotografen.

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Abschied von Puerto de Sóller mit einem Blick vom Mirador de ses Bàrques aus gesehen.

Foto: GFDL Gryffindor

Puerto de Sóller im letzten Licht des Sonnenuntergangs vom Mirador de ses Bàrques aus fotografiert.

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

In der Serra de Tramuntana auf dem Weg nach Sa Calobra.

 

 

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Der Stausee de Cúber unterhalb des 1445 Meter hohen Puig Major (Großer Berg).

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Die bei Son Torella beginnende Straße auf den höchsten Punkt Mallorcas – dem hier bildfüllenden mächtigen Puig Major – wurde, wie auch die Serpentinenstraße zur

Cala de Sa Calobra, von dem italienischen Ingenieur Antonio Paretti geplant und unter seiner Leitung erbaut.

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

An diesem alten Viadukt zweigt die Ma-2141 von der Ma-10 nach Sa Calobra ab.

 

Foto: Egon Giebe, SeereisenMagazin

Solche Felsen-Kathedralen wurden wegen der Straßenführung durchbohrt.

Foto: GFDL Olaf Tausch

Der sogenannte Krawattenknoten mit dem Aussichtsparkplatz.

 

Foto: GFDL Olaf Tausch

Diese Straße von 12,5 km Länge mit 12 Haarnadelkurven wurde von Hand gebaut.

Foto: GFDL Olaf Tausch

Die mehrere Meter hohe Kiesaufschüttung wird verursacht durch die Brandung an der Cala de Sa Calobra, die den Abfluss des Wassers der Bäche ins Meer verhindert.

Starke Wassermengen der Bäche schaffen es jedoch zu manchen Zeiten des Jahres, die Felsenge an der Mündung zu öffnen.

Foto: GFDL Olaf Tausch

Der Strand an der Mündung des Torrent de Pareis mit seiner Kiesaufschüttung von der Meerseite aus gesehen.