Das ehemalige Forschungsschiff AKADEMIK SERGEJ VAVILOV ankert vor Spitzbergen.




Dr. Peer Schmidt-Walther




Ehemalige russische Forschungsschiffe, für die es keine wissenschaftlichen Auf-gaben mehr gibt, wie die AKADEMIK SERGEJ VAVILOV, werden nicht aufs Altenteil geschickt – vielmehr haben die russischen Eigner die Gesetze der Wirtschaft er-kannt und zählen auf abenteuerlustige Touristen mit gut gefülltem Geldbeutel. Frei-zeitforscher, die sich vorgenommen haben, die letzten „weißen Flecken unserer Erde zu erforschen – im doppelten Sinne des Wortes.

 

Mit von der „eisigen Partie zu sein, ist sonst nur Wissenschaftlern vergönnt gewesen. Diese Exklusivität ist nun vorbei. Forscher sind zwar an Bord, aber sie kümmern sich in erster Linie als Lektoren um Vorträge und fachkundige Führungen der Passagiere an Land. Es geht um Ökologie, Ornithologie, Zoologie, Vegetation, Ozeanographie, Geographie – sozusagen auf einer schwimmenden „Arktis-Universität.

Ausgangspunkt unserer touristischen Expedition ist die Svalbard-Hauptstadt Long-yearbyen. MS AKADEMIK SERGEJ VAVILOV geht ankerauf. Dazu eine schneebedeckte Gebirgskulisse. Selbst im Sommer und auf 78 Grad Nord. An Land Hütten und in den Hang getriebene Schächte, aus denen arktische Kohle – die nördlichste der Welt – gefördert wird. Durch den langgezogenen Fjord dampft das weiße Schiff auf Südkurs. Im gletschergesäumten Hornsund wird zur Postübergabe eine Wissenschaftsstation angelaufen. Eine freundliche Geste an die einsamen Nord-Männer. Am nächsten Tag „Maschine Stopp! vor Haaö-ya, der „Todesinsel: Hunderte von uralten Walross-Skeletten leuchten sonnengebleicht vom Strand herüber. Mit diesem ersten „Tier-Erlebnis müssen wir uns vorerst begnügen. Die See gebärdet sich zu grob und lässt uns nicht landen. Sicherheit geht nun mal vor.

 

„Pinguine und Könige der Arktis

Am nächsten Morgen poltern Treibeisschollen gegen die verstärkte Bordwand. Zwergwale, Ringelrobben und Kurzschnabellummen, scherzhaft auch „Pinguine der Arktis genannt, mit ihren quietschvergnügten Jungen ficht das überhaupt nicht an. Sie tummeln sich munter im eisigen Wasser. Das Treibeis verdichtet sich unter dem Einfluss von Wind und Strömung zu Packeis. Franz-Josef-Land voraus! Nasse Lan-dung per Zodiac-Schlauchbooten auf der Insel Northbrook. Tierfreunde und -fotogra-fen kommen voll auf ihre Kosten, besser gesagt: zum „Schuss: 20 tonnenschwere Walross-Kolosse lümmeln auf einer einzigen Scholle.

Historisches am Rande: Die Jackson-Station, in der schon Fridtjof Nansen während seiner polaren Driftfahrt mit dem Holzsegler FRAM überwinterte. Welche Strapazen gegen unsere „weiche Reise – hier kann jeder es nachempfinden. Vor der Wilczek-Insel „empfängt uns ein kapitaler Eisbär. Der ist so neugierig, dass er sogar auf das Schiff lostappt – oder er ist sich seiner Stärke als „König der Arktis bewusst. Ob die Polarforscher Weyprecht und Peyer auch so „angegangen wurden, als ihre österrei-chische Expedition mit der Fregatte TEGETHOFF hier 1875 erstmals landete? Die foto-gene Szene setzt noch eins drauf mit sonnenbestrahlter blauer Himmelskulisse.

Die AKADEMIK SERGEJ VAVILOV muss sich gegen massives Treibeis stemmen, als sie bis in die Tychaja-Bucht vordringt. Das Schaben, Kratzen und dumpfe Donnern wirkt beängstigend. Die wuchtige Stabilität des eisstarken Schiffes verdrängt solche Gefühle augenblicklich.

 

Polarhistoriker und Lebewelt

Nächste Station: Bell-Insel. Nicht nur eine gut erhaltene Hütte der Leigh-Smith-Expe-dition vom Ende des vorigen Jahrhunderts lockt Polarhistoriker an Land. „Endlich einmal mit eigenen Augen zu sehen, unter welchen harten Bedingungen hier damals geforscht und gehaust wurde!, so der Ausruf eines Mitreisenden. Auch die Fauna hält während einer Abendexkursion bei Mitternachtssonne Überraschungen bereit: einen Polarfuchs, brütende Schmarotzerraubmöwen, Sterntaucher und Meeres-strandläufer beleben die scheinbar leblose Arktis.

Vor der Prinz-Georg-Insel wieder Makro-Lebewelt: Ein Grönland-Wal wird gesichtet und angelaufen. Zwei Stunden liegen Schiff und Riesen-Meeressäuger einträchtig Seite an Seite, sich freundlich gegenseitig beäugend, von Bord aus durch die Objek-tive zahlreicher Kameras. Erstaunliches erfahren wir von „unseren Wissenschaftlern: Diese Wal-Spezies sei im Nördlichen Eismeer zum Glück noch nicht ausgestorben. Allgemeine Freude und Erleichterung machen sich breit und äußern sich spontan:

„D a s  wenigstens hat der Mensch noch nicht geschafft!

Bergtour auf das Kap Nansen. Tief unter uns die AKADEMIK SERGEJ VAVILOV, einge-klemmt im dichten Fjord-Eis der Cambridge-Bucht. Eine streunende Eisbären-Fami-lie lässt sich dadurch nicht irritieren.

 

Wettertrupp Haudegen

Flotte Fahrt mit Kurs West zurück nach Spitzbergen. Das offene Wasser, in diesem Seegebiet nur selten anzutreffen, begünstigt unseren Fahrplan. Kvitöya – hier über-winterte der schwedische Polar-Ballonfahrer Andrée. Kaum vorstellbar, so ein luftig-eisiges Unternehmen. Jüngste, mehr unheilvolle Geschichtsbetrachtung im Rypfjord an der Nordflanke von Nordauslandet. „Wettertrupp Haudegen funkte aus diesem äußersten Winkel Spitzbergens Daten an die Wehrmachts-Besatzer nach Norwegen – für Kampfschiffe der deutschen Kriegsmarine. Die bekämpfte im zweiten Weltkrieg Handelsschiffskonvois von und nach Murmansk auf der Kola-Halbinsel. Bartrobben auf erhöhten Strandterrassen scheren die verrosteten Stahlhelme heute wenig.

Geradezu überwältigend die Kulisse im Lomfjord. Berge und Gletscher gereichen dem Namen „Spitzbergen hier zur Ehre. In der geschützten Bucht sprießt zudem eine kärgliche bodendeckende Vegetation. Sogar „Bäume wachsen zwischen dem Stein-pflaster: die Polarweide, mit maximal zehn Zentimetern „Stammhöhe kleinster Ver-treter seiner hohen Vettern in südlicheren Breiten. Schneehühner finden in diesem Felstundra-„Wald noch ihr bescheidenes Auskommen. Im Wahlenberg-Fjord, ein paar Meilen weiter, sichten wir Ringelgänse und sogar Großwild: äsende Rentiere.

 

Eisberg-Geburtsstätte

Zodiac-Ausflüge entlang der Gletscher-Kalbungsfronten im Randfjord: die Geburts-stätte von Eisbergen. Menschliche Rest-Ansichten auf Ytre Norsköya und Smeeren-burg, Gräber von Walfängern aus dem 17. Jahrhundert. Der Frostboden hat ihre Skelette pietätlos wieder ans Licht gepresst. „Nackt liegen sie am Strand. Alkhornet ist Ziel einer ornithologischen Exkursion; am Isfjord-Eingang Siedlungsgeschicht-liches: Ruinen des altrussischen Pomors-Jägerstammes aus dem 18. Jahrhundert.

Blick in die Gegenwart bei einem Landgang durch die neu-russische Bergwerkssied-lung Barentsburg mit ihren eintönigen Betonplatten-Burgen und Gräberfeldern. Weit-hin leuchtet der auf eine Bergflanke gepinselte Schriftzug „Mir – Frieden. Den haben wir in der Arktis erlebt – an Bord und in einer grandiosen Natur.

 

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Schiffsinformation

Forschungsschiff

AKADEMIK SERGEJ VAVILOV

Vermessung

6450 BRZ

Länge

117,04 Meter

Breite

18,28 Meter

Tiefgang

6,09 Meter

Baujahr

1988

2003 vollständig renoviert

in Finnland

Stabilisatoren

ja

Eisklasse

1 A

Passagiere

10 maximal

Crew

53

Geschwindigkeit

14,5 Knoten

Flagge

Russland


 

Eisbär vor Nordspitzbergen – der König der Arktis.

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Wanderung zu einem Gletscher auf Franz-Josef-Land.

 

Kalbungsfront eines Gletschers im Randfjord.

 


Treibeisfelder vor Franz-Josef-Land.
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Walknochen am Strand.