Oliver Schmidt




Bereits in den 70er Jahren war es guter Brauch, dass mediterrane Reedereien, da-runter Costa und Chandris, mit alten Linern meist mittlerer Größe (darunter verstand man damals 15.000 bis 20.000 BRZ!) Kreuzfahrten auf Drei-Sterne-Niveau anboten. Selbst die Karibik wurde damals von solchen Schiffen dominiert. Einigen von ihnen spüren wir in Teil IV unserer Oldie-Suche nach.

 

 

MS ACHILLE LAURO

Sie war nicht wirklich ein glückliches Schiff. Mit dem Namen ACHILLE LAURO verbinden die meisten seit 1985 die bisher einzige Entführung eines Kreuzfahrtschiffes in der Geschichte. Palästinensische Terroristen hatten den Cruiseliner in ihre Gewalt ge-bracht und ermordeten einen behinderten US-Passagier. Dabei hatte die Schiffskar-riere hoffnungsvoll angefangen. 1939 in den Niederlanden als WILLEM RUYS auf Kiel gelegt, verhinderte der Krieg ihre Fertigstellung und auch ihren gefährlichen Kriegs-einsatz. Erst 1947 begann sie mit ihrem Liniendienst nach Indonesien. 1958 ging sie in den Liniendienst Rotterdam-New York über, 1959 dann nach einem Umbau auf eine Route rund um die Welt. 1964 wurde sie an Achille Lauro verkauft und 1966 auf der Route Italien-Australien-Neuseeland in Dienst gestellt. 1972, beim Umbau zum Kreuzfahrtschiff, wird sie durch ein Feuer schwer beschädigt. 1975 kollidiert sie mit einem Viehtransporter, der daraufhin sank. 1982 wurde sie wegen einer offenen Rechnung in Teneriffa in Arrest genommen. 1985 macht sie schließlich Schlagzeilen durch die Entführung. 1994 schließlich soll sie in Südafrika eingesetzt werden, erreicht es aber nicht. Im November entwickelt sich auf offener See ein Feuer. Die ACHILLE LAURO sinkt.

 

 

MS AZUR

Die AZUR wurde als EAGLE für die P&O Southern Ferries als Fährschiff gebaut. 1971 wurde sie fertig gestellt. Bereits 1975, nach ihrem Verkauf nach Frankreich, unter-nahm sie als AZUR nur noch Kreuzfahrten. Der entsprechende Umbau zum Kreuz-fahrtschiff erfolgte jedoch erst 1981. Im ehemaligen Autodeck wurden zusätzliche Passagierräume untergebracht. 1987 gelangte sie als THE AZUR zur Chandris-Flotte. Ab 1994 absolvierte sie ihre Mittelmeerkreuzfahrten für Festival Cruises. Zehn Jahre später ging das Unternehmen in Konkurs, und die AZUR wurde nach Odessa verkauft. Als Charterschiff ist sie heute in die Flotte des israelischen Anbieters Mano Cruises integriert. Dort heißt sie ROYAL IRIS. Nach einem Werftaufenthalt mit Umbau und Modernisierung ist sie wieder ganzjährig im Mittelmeer unterwegs.

www.mano.co.il/boats.asp

 

 

SS BRITANIS

Sie war lange Jahre der dienstälteste Cruiseliner der Welt. Die BRITANIS, im Jahre 1931 in den USA erbaut als MONTEREY. Ab 1932 war das Schiff auf der Strecke San Francisco-Hawaii-Sydney eingesetzt. Von 1941 bis 1946 stand sie als Truppentrans-porter in den Diensten der US-Army. Nur von 1946 bis 47 nahm die MONTEREY wieder ihre alte Route auf, danach zwang sie eine Finanzkrise zu einer Pause. 1952 über-nahm die US-Regierung das Schiff, nutzte es aber nicht. Die Matson Line kaufte es 1956 zurück und ließ es bis 1970 die altbekannte Strecke bedienen, ab 1963 unter dem Namen LURLINE. 1970 verkaufte man den Oldie an Chandris, der ihm ein zweites Leben schenkte. Zunächst im Rund-um-die-Welt-Dienst Southampton-Sydney-Sout-hampton eingesetzt, machte das in BRITANIS umbenannte Schiff ab 1975 nur noch Kreuzfahrten. Beinahe unglaublich: Bis 1994 war die BRITANIS in der Karibik im Dienst und hatte viele Liebhaber, obwohl sie auf ihren rund 20.000 BRZ (mehrere Vermes-sungen in ihrem langen Leben ergaben unterschiedliche Rauminhalte zwischen 18.000 und 25.000 BRZ) bis zu 1600 Passagiere unterbrachte. Danach wurde sie in Tampa (Florida) aufgelegt und schließlich zum Abwracken verkauft. Im Oktober 2000 sank sie auf ihrer Schleppfahrt vor der Küste von Südafrika.

www.maritimematters.com/britanis.html

 

 

MS DALMACIJA

Die DALMACIJA wurde zusammen mit dem baugleichen Schwesterschiff ISTRA 1965 für den Einsatz bei der jugoslawischen Jadrolinja gebaut. Vielen deutschen Kreuzfah-rern wurde sie durch Charter bei Touropa (TUI) in den 70er und 80er Jahren bekannt. Sie befuhr damals mit deutscher Reiseleitung und deutschem Unterhaltungspro-gramm beliebte Routen im Nordland und der Ostsee, wie auch im Mittelmeer. Heute gehört sie zu Adriatic Cruises. Sie hat verschiedene Modernisierungen erfahren, die allerdings ihren ureigenen 70er-Jahre-Charme mit einem Hauch von Ostalgie nicht wegretouchiert, sondern liebevoll konserviert haben. Im vergangenen Jahr war sie durch einen Privatcharter nicht buchbar. Ab März 2007 wird sie von Hansa Kreuzfahr-ten in Bremen vermarktet.

www.adriaticcruises.hr

www.hansakreuzfahrten.de/Flotte/ms_dalmacija.html

 

TS EUGENIO COSTA

Die EUGENIO COSTA war der letzte traditionelle Transatlantik-Liner, der in Italien ge-baut wurde. 1966 begann ihr Schiffsleben als EUGENIO C. Im Liniendienst fuhr sie auf der Route Genua-Buenos Aires. Auch nach ihrem Wechsel zu Costa Crociere blieb sie dem Südamerika-Dienst treu und löste hier die FEDERICO C ab. Ab 1987 fuhr sie unter dem Namen EUGENIO COSTA. Auf 30.000 BRZ brachte der alte Liner die gewalti-ge Zahl von 1600 Passagieren unter. 1989 wurde ihre Maschinenleistung reduziert,


 

 

um sie wirtschaftlicher betreiben zu können. 1996 wechselte das Schiff als EDINBURGH CASTLE zu Direct Cruises. Durch Insolvenz schließlich wurde der Oldie bei Premier Cruises rot gestrichen und als BIG RED BOAT II in Dienst gestellt. Das Schiff verkam mehr und mehr, und als auch diese Gesellschaft von der Bildfläche verschwand, trat die ehemalige EUGENIO C nach einiger Aufliegezeit 2005 ihre letzte Reise – übrigens aus eigener Kraft! – zum Abwracken in Indien an. Der folgende Link zeigt, wie ein auf der Abbruchwerft halb zerstörtes Schiff aussieht.

www.maritimematters.com/images/brb2alang0206a.jpg

 

MS ISTRA

Die ISTRA wurde 1965 mit ihrer Schwester DALMACIJA (s.o.) gebaut und in Dienst gestellt. Zunächst bediente sie eine regelmäßige Verbindung zwischen Venedig und Ägypten. Seit 1999 fährt sie unter dem Namen ARION für Classic International Cruises. Hier wurde sie für 15 Millionen Dollar aufwändig renoviert. Sie hat weitaus mehr Veränderungen erfahren als ihre Schwester DALMACIJA. Auch äußerlich hat sich ihr Profil gewandelt. Sie fährt heute mit internationalem europäischem Publikum, bei dem sie sich großer Beliebtheit erfreut. www.cic-cruises.com/vessel/2

 

MS MONTEREY

Als sie 1952 als Frachter vom Stapel lief, hätte wohl niemand gedacht, dass der da-maligen FREE STATE MARINER noch eine glanzvolle Karriere als Passagierschiff bevor-stehen würde. Bereits 1955 wurde das Schiff an die Matson Line in San Francisco verkauft und in MONTEREY umbenannt. 1956 wurde es nach dem Umbau zum Passa-gierliner in Dienst gestellt und löste dort die vorige MONTEREY, spätere BRITANIS (s.o.), ab. In ihrem folgenden Dasein erlebte die MONTEREY eine Reihe von Eignerwechseln, Konkursen und neuen Aufgaben. Stabilisatoren wurden eingebaut; 1980 wurde ihr Interieur noch einmal neu gestaltet. 1988 gelangte sie zu MSC (Mediterranean Ship-ping Company), die neben ihrem Fracht- und Containerdienst auch einen kleinen Zweig mit Passagierschiffen aufbaute. Hier wurde sie schnell zum Publikumsliebling, der sie bis 2006 blieb. Ihr gediegenes Interieur stand bei ihren Fans hoch im Kurs. Die spätestens für 2010 anstehende Außerdienststellung, bedingt durch die neuen SOLAS-Vorschriften, wurde jedoch vorgezogen, als ein geplanter Charter nach Süd-afrika scheiterte. Still und heimlich in MONTE umbenannt, trat das Schiff in seinem 51. Dienstjahr als Cruiseliner seine letzte Reise an: Zu den Abwrackern in Alang, wo es jetzt auf seinen Abbruch wartet. www.midshipcentury.com

 

 

MS OCEAN ISLANDER

Als kleinstes und überaus gemütliches Schiff der Epirotiki-Flotte ist die OCEAN ISLAN-DER vielen Passagieren bekannt geworden. An den niedlichen Oldie, Baujahr 1956, mit seinem blankgeputzten Maschinentelegrafen erinnert man sich gern zurück. CITY OF ANDROS und SAN GIORGIO hat sie vorher schon geheißen. Als Epirotiki sich von dem Schiff trennte, schlug der schweizerische „African Safari Club” zu. Seit 1990 kreuzt die umgebaute und auf Vier-Sterne-Niveau gebrachte ROYAL STAR, ex OCEAN ISLANDER, zwischen Sansibar, Madagaskar und Mombasa. 2006 erlebte sie bereits ihr 50. Dienstjahr auf See. Allerdings dürfte sie mit den SOLAS 2010 Schwierigkeiten bekommen. www.africansafariclub.com/html/cruises.php

 

 

MTS PEGASUS

Erst 1974 als Fähre erbaut und 1975 in Dienst gestallt, hatte die spätere PEGASUS ein bewegtes Leben. Sie fuhr als SVEA CORONA im Liniendienst zwischen Helsinki und Stockholm für die Silja Line, um dann ab 1984 unter dem Namen SUNDANCER Kreuzfahrten nach Alaska zu unternehmen. Im selben Jahr läuft sie auf einen Felsen und wird dabei so schwer beschädigt, dass sie als Totalverlust abgeschrieben wird. Epirotiki in Piräus kauft das Schiff und lässt es nach Griechenland schleppen. Ab 1987 unternimmt die jetzt unter dem Namen PEGASUS fahrende ehemalige Fähre Kreuzfahrten, darunter im Winter die beliebten Samba-Tango-Routen zwischen Rio de Janeiro und Buenos Aires. 1991 bricht auf der PEGASUS im Hafen von Venedig ein Feuer aus, das schließlich dazu führt, dass die PEGASUS auf den Hafengrund sinkt. Zum zweiten Mal in ihrem Leben wird sie zum Totalverlust erklärt. Bis 1994 liegt sie noch auf, um repariert zu werden. Die in IONIAN EXPRESS umbenannte PEGASUS wird abermals von einem Feuer heimgesucht. Danach ist sie reif zum Abwracken.

www.simplonpc.co.uk/Svea_Corona_1975.html

 

 

MS VICTORIA

1936 wurde der 15.000-Tonner als DUNATTOR CASTLE bei der berühmten Werft Har-land & Wolff gebaut, bei der auch die TITANIC vom Stapel lief. Die spätere VICTORIA hatte jedoch mehr Glück: Ihr Schiffsleben sollte über 60 Jahre währen. Bis 1958 ver-sah sie von Southampton ausgehend ihren Dienst auf der Strecke nach Kapstadt und rund um Afrika. Unterbrochen wurde sie dabei durch den unvermeidlichen Kriegsein-satz als Truppentransporter. 1960 wurde sie verkauft und nach einem Umbau zum Cruiseliner und einer Jungfernreise Le Havre-New York nur noch für Kreuzfahrten ein-gesetzt. Jetzt bekam sie den Namen VICTORIA. Nach verschiedenen Verkäufen stieß sie 1977 zur Chandris-Flotte, wo sie THE VICTORIA hieß und auch im deutschen Markt auftauchte. 1993 wechselte sie unter die Flagge der zypriotischen Louis Cruises als PRINCESA VICTORIA. Dort fuhr sie bis 2004, wo sie im sagenhaften Alter von 68 Jahren an ein Abbruchunternehmen verkauft wurde.