Einer der letzten drei dampfgetriebenen Paddle-Wheeler: Die MISSISSIPPI QUEEN.




Oliver Schmidt




Sie ist der mittlere eines Trios von Schaufelraddampfern – die letzten tatsächlich dampfgetriebenen Kabinenschiffe klassischen Stils, die auf dem Mississippi verkehren. Nachdem ihr Eigner die DELTA QUEEN, den tatsächlich antiken Klassiker, vor der Verschrottung bewahrt und erfolgreich als Fluss-Cruiser eingesetzt hatte, gab er den Bauauftrag für ein etwas größeres, moderneres Schiff, das 1976 in Dienst gestellt werden konnte. Gleichwohl hat die MISSISSIPPI QUEEN die gleiche niedrige Freibordkante, die charakteristischen Promenaden, die z.T. in Balkone für die Kabinen unterteilt sind, und die hohen Schornsteine mit der tief eingeschnittenen Krone, die bei den Lastschiffen einst verhindern sollte, dass glühender Maschinenauswurf auf die wertvolle Ladung – die Baumwolle – fiel und sie entzündete. Charakteristisch ist außerdem die lange Gangway, die hochgezogen am Bug mitgeführt wird. Diese Einrichtung hat sich bei allen Mississippi-Dampfern seit eh und je eingebürgert; dementsprechend gibt es nirgends eine Pier. Das Schiff fährt sanft in den Modder am Ufer; die Gangway – flach und ohne Stufen – lässt insbesondere Gehbehinderte sehr bequem an Land kommen. Die hochgezogene Gangway gehört mit zur typischen Silhouette eines Paddle Wheel Steamers. Durch ihren Antrieb – Dampfmaschine plus Schaufelrad – bewegt sich die MISSISSIPPI QUEEN völlig vibrationsfrei.

Das Schiff ist keineswegs amerikanisch-bunt, sondern überaus gediegen eingerichtet. Gemütlich die Kabinen, repräsentativ das Treppenhaus und der Speisesaal mit mächtigen Kristall-Lüstern. Technisch gut ausgestattet der Grand Saloon, der für alle Tagesaktivitäten (Spiele, Vorträge, Buffets) herhalten muss. Sicher standen bei der Einrichtung des Schiffes auch die Südstaatenhäuser in Natchez und Vicksburg Pate.

Das Publikum besteht – bis auf eine Handvoll Europäer – aus US-Amerikanern. Vornehmlich sind die Passagiere im Pensionsalter. Das Schiff ist behindertengerecht ausgestattet; man sieht viele Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer, die stets den Vortritt haben, rührend umsorgt werden und voll am Programm teilnehmen können. Die Aufzüge machen auch die Bewegung an Bord leicht. Das Schiff ist durchgehend angenehm temperiert; übertriebener Gebrauch der Klimaanlage ist nirgends zu beobachten.

 

Rundgang an Bord

Das Restaurant, das nur die Hälfte der Passagiere fasst und im achteren Bereich liegt, bietet Frühstück und Lunch in offener Sitzung an. Der Obersteward platziert die Gäste, wobei er auf Wünsche mit großer Höflichkeit und Zuvorkommenheit Rücksicht nimmt. Gleichzeitig fasst auch der Grand Saloon nur die Hälfte der Passagiere, so dass die abendliche Show zweimal gespielt wird – für die Gäste der zweiten Tischzeit vor dem Dinner.

Vor dem Grand Saloon liegt ein verglaster Vorbau, ein simulierter Fahrstand, der den Passagieren dient. So bleibt die Kommando-Brücke frei von Besuchern. Es sind hier eine Menge Bücher zu finden, Kartenmaterial über die befahrene Strecke; außerdem können Ferngläser ausgeliehen werden.

Es gibt sowohl in Fahrtrichtung (der Fahrtwind vermag bei einer Geschwindigkeit von 5 Meilen pro Stunde niemanden zu stören) als auch auf dem Achterdeck genügend Sitzgelegenheiten. Hinten befindet sich zusätzlich die „Calliope Bar“, deren Namensgeber, eine Dampforgel, zum Auslaufen von einem Organisten bespielt wird. An Flusstagen (ohne Landgang) können sich zur Mittagszeit die Passagiere selbst daran versuchen. In beiden Fällen ist der Hörgenuss zweifelhaft. Das achtere „Calliope Deck“ ist z.T. überdacht. In der Mitte befindet sich eine Bar, in die das einzige Fernsehgerät an Bord integriert ist, das zumeist Sportreportagen zeigt. Seitlich lockt ein Stand mit allen Zutaten, die zur Zubereitung bester Hot Dogs notwendig sind. Von 11.00 bis 17.00 Uhr steht dieses Angebot unentgeltlich jedem offen. Zusätzlich gibt’s auch noch Softeis in verschiedenen Geschmacksrichtungen und Toppings (sprich: Schoko-Streusel u.ä.). Vom Achterdeck hat man den besten Blick auf das Schaufelrad, dessen Tätigkeit, bei der es Abermillionen Wassertröpfchen in die Luft schleudert, den Beobachter für Minuten zu fesseln vermag. Vor der Calliope Bar liegt die Paddle Wheel Lounge, deren untere Ebene sich ein Deck tiefer hinter dem Restaurant befindet. Große Panorama-Scheiben geben auch von hier den Blick auf das Schaufelrad frei. Ein langer Bar-Tresen zieht sich durch den Raum, und über der Tanzfläche ist das obere Deck zugunsten eines riesigen Kronleuchters ausgeschnitten. So wird die „Upper Paddle Wheel Lounge“ zu einem Balkon über dem Geschehen. Ein Raum mit viel Atmosphäre, in den man gern zum Mitternachtssnack oder auf einen Absacker geht. Aus entsprechenden Maschinen wird hier durchgängig frisches Popcorn angeboten. Wer allerdings den süßlichen Popcorn-Geruch nicht ständig mag, wird auch diese Lounge nicht mögen – der Jahrmarkt-Odem hüllt die Paddle Wheel Lounge ständig ein.

Auf zwei Galerien vor dem Restaurant laden Tische und Stühle zum Sitzen vor großen Fenstern ein. An Steuerbord gibt es dazu eine kleine Getränke-Bar und in Vitrinen etliche Exponate, die die Geschichte der Mississippi-Dampfschifffahrt erzählen, an Backbord stehen ständig Kaffee, Tee, Kakao und Plätzchen bereit. In der Mitte befindet sich der Bordshop mit Boutique, Foto-Artikeln, Andenken etc. Vom oberen Foyer gelangt man in die umfangreiche Bibliothek, die mit Reader’s-Digest-Romanen, Bildbänden, Nachschlagewerken, Tour-Books USA und jeder Menge Mark Twain erstklassig bestückt ist. Freilich sind alle Bücher in englischer Sprache. Außerdem gibt’s Gesellschaftsspiele wie Jeopardy, Monopoly, Trivial Pursuit, Domino und Schach.

Der untere Kabinengang endet vorn in einer Lounge mit Sitzgelegenheiten, in der Zahlmeisterbüro und Landausflugsmanager untergebracht sind. Im Bauch des Schiffes gibt es eine Laundry, in der Passagiere ihre Wäsche waschen können, und ein Filmtheater. Es werden aktuelle Spielfilme, Klassiker, auch Reportagen über die Reiseroute gezeigt. Darauf, dass das Kino nach jeder Vorführung, während derer die Passagiere das angebotene Popcorn und die Verpackung von Schokoriegeln gleichmäßig im Raum verteilen, desaströs aussieht, hat die Schiffsleitung nur bedingt Einfluss, dass aber niemand sich bemüßigt fühlt, die Schweinerei zu beseitigen, dagegen ließe sich durchaus etwas machen.

Im untersten Deck geben mehrere Fenster den Blick in den Maschinenraum frei, damit das Kind im Manne Spaß an der „Riesen-Dampfmaschine“ hat. Leider sind jedoch von hier aus keine relevanten Teile in Funktion zu sehen.

Ganz oben hat die MISSISSIPPI QUEEN ein kleines, aber für die Passagieransprüche durchaus ausreichendes Fitness-Center mit einem Laufband, einem Stepper, zwei Fahrrad-Ergometern und einem Ventilator. Das Sonnendeck darüber bietet einige Sonnenliegen an – nicht viele gemessen an der Passagierzahl, allerdings machen die Amerikaner auch wenig Gebrauch davon. Der achteckige Swimming-Pool liegt unter einem Sonnendach, misst 4,90 Meter im Diameter und ist hüfttief.

 

Unterhaltung an Bord

Auf der MISSISSIPPI QUEEN wird ein Höchstmaß an Unterhaltung geboten. Tagsüber ist an erster Stelle der „Riverlorian“ zu nennen, ein Historiker, der in erstklassig strukturierten Kapiteln, in leicht verständlichem Englisch und gut fassbar mit Witz die Geschichte des Flusses, wichtige Ereignisse und die kommenden Sehenswürdigkeiten erläutert. Dass allerdings der Grand Saloon nur gut die Hälfte der Passagiere fasst, ist dabei ein Manko. Der Run auf die Plätze setzt schon eine halbe Stunde vor dem Vortrag ein. Dass das Kabinenradio eine Live-Übertragung bringt, ist nicht für alle ein geeigneter Trost. Kurse in lokaler Tanzkunst, Kartenspiele, Bingo, Walk-a-Mile und das Basteln für eine Parade origineller Hüte sowie verschiedene Quizveranstaltungen und „Horse-Racing“ (Virtuelles Pferderennen mit „Pappkameraden“) bringen einen locker durch den Tag. Einzelveranstaltungen wie Brückenführung, Navigationsseminar und Serviettenfalten kommen noch hinzu. Auf dem Achterdeck wird an Flusstagen mittags eine Grillstation aufgebaut. Hier finden zudem Koch-Vorführungen statt. Danach allerdings gleicht auch das Achterdeck einem Schlachtfeld, und es kann Stunden dauern, bis sich jemand erbarmt, Ordnung zu schaffen.

Abends wird im Grand Saloon eine Show von professioneller Qualität gespielt. Das 4köpfige Team erweist sich als überaus wandlungsfähig. Die jeweils zwei Damen und Herren überzeugen mit Tanzauftritten und überraschen mit gutem Gesang. Themen der Shows sind z.B. Dixieland, Musical, Filmhits und natürlich die klassischen Südstaaten-Themen. Begleitet wird das Show-Team von einer sechsköpfigen Showband, die Musik in einer Qualität liefert, die man sonst nur von einer Big-Band erwarten kann. Der Grand Saloon ist mit guter Bühnen-Technik ausgestattet. Außerhalb der Showtime scheint jedoch die Paddle Wheel Lounge mehr Anziehungskraft zu haben. Hier sorgt ein dreiköpfiges Ensemble für Unterhaltungsmusik. Wieder viel Jazz und Dixie, „Old-Fashioned Songs“ sowie amerikanische Folklore animieren die Zuhörer bisweilen zum Mitsingen. Loblieder auf die Vereinigten Staaten sind besonders geeignet, das Publikum in Stimmung zu bringen.

 

Edle Speisen mit Überraschungen

Das Frühstück wird auf der MISSISSIPPI QUEEN in offener Sitzung im Restaurant serviert. Gleichzeitig steht im Grand Saloon ein Buffet zur Verfügung. Das Angebot ist durchaus umfangreich. Auch am Buffet werden Eierspeisen von einem Koch frisch und nach Passagierwunsch zubereitet. Allerdings wird man das Angebot insgesamt sehr verschieden finden von dem, was internationale Schiffe bieten. Eine Brotauswahl gibt es kaum, dafür viele warme Speisen, einen Brei, der englischem Porridge ähnelt, Würstchen und (wunderbar knusprigen) Frühstücksspeck. Zwar muss man sich nicht den Gebräuchen der US-Passagiere anschließen, Rührei, Haferbrei, Würstchen, Speck und Blaubeermuffin auf einem Teller mit süßem Sirup zu einer Masse zu vereinen, aber man wird nach einigen Tagen die Süßspeisen als zu süß und die warmen Gerichte als zu zahlreich empfinden. Leicht Verdauliches für die Fitness beim Landgang gibt’s kaum. Zudem kann der Kaffee, den man getrost auch Kleinkindern geben kann, deutsche Gemüter nicht beglücken.

Auch zum Lunch gibt es eine Buffet-Alternative im Grand Saloon. Da locken verschiedene Salate, Hähnchenschenkel, gegrillter Fisch, zwei Suppen und wiederum eine Speise, die vor den Augen der Passagiere zubereitet oder wenigstens demonstrativ frisch aufgeschnitten wird. Mittags steht plötzlich leichte Kost sehr im Vordergrund, abgesehen von den Süßspeisen, bei denen man den Namen abermals zu wörtlich genommen hat.

Im Restaurant (offene Sitzung) besteht das Mittagessen aus einer kalten Vorspeise oder einer Suppe, vier leichten Hauptgerichten (darunter auch Kaltes oder eine Salatplatte), gefolgt von der vollen Dessert-Palette.

Des Nachmittags kündigt der Prospekt in der „Forward Cabin Lounge“ (vor dem Zahlmeisterbüro) einen „High Tea“ an. Wer etwas im britischen Stil erwartet, sieht sich getäuscht, denn es steht von 15.30 Uhr bis 16.30 Uhr lediglich Beuteltee zum Selbstaufbrühen bereit. Daneben gibt es trockenen Kuchen und Kekse.

Das Dinner wird in zwei Sitzungen an festen Tischplätzen im Restaurant eingenommen. Wer nicht gerade Insasse eines Altersheimes ist, wird die Uhrzeit für die erste Sitzung – 17.15 Uhr – gewöhnungsbedürftig finden. Mit 20.00 Uhr (zweite Sitzung) lässt sich da schon eher leben. Dem einen oder anderen missfällt allerdings, dass er dann die Show vor dem Dinner sehen muss.

Es stehen abends zwei kalte Vorspeisen zur Auswahl, gefolgt von zwei Suppen, zwei Salaten, vier Hauptgerichten (darunter Fisch) plus einer vegetarischen Alter-native. Zum Schluss werden drei Desserts sowie Früchte und Eiskrem gereicht. Die Präsentation dieses Angebotes ist allerdings verblüffend. Von jedem Dessert wird ein Anschauungs-Objekt an den Tisch gebracht. Diese einzelnen Cremes, Puddings oder Eisbecher bewirbt der Steward, von seinem „Busboy“ kräftig unterstützt, mit dem Charme eines Staubsaugervertreters. Die einzelnen Teller und Becher werden dann nach Wunsch am Tisch verteilt, ggf. Fehlendes hinzu geholt oder Überflüssiges zum nächsten Tisch getragen. In den ersten Tagen mag die Mentalität des Service-Personals verwundern. Amerikanische Arbeitskräfte sind teuer, gut ausgebildete noch teurer. So drillt man die als Stewards eingestellten Kräfte selbst, bis sie wortwörtlich das tun, was der Passagier ihnen aufträgt. Befindet sich unter den präsentierten Nachspeisen ein Ice Cup (Eisbecher), man bittet jedoch um Ice Cream, wird der schön dekorierte Eisbecher wieder abtransportiert und aus der Küche extra einfaches Vanille-Eis geholt. Die Freundlichkeit und Unbekümmertheit macht dabei vieles wieder wett, und mancher wird verblüfft hinterdreinschauen, wenn der Steward fröhlich singend im Vorbeigehen mit elegantem Schwung den Teller vor seinem Gast platziert.

Stets sind alle angebotenen Speisen von allerfeinster Qualität, auf den Punkt genau gekocht und ansprechend präsentiert. Ein zuviel geordertes Gericht, eines, das sich der Gast anders vorgestellt hatte (möglicherweise durch Verständigungsschwierigkeiten) oder ganz einfach nicht mag, wird mit Charme und Freundlichkeit gerne ausgetauscht.

Zu allen Mahlzeiten gibt es Kannen mit Eiswasser, auf Wunsch Eistee, am Buffet sogar verschiedene Soft Drinks, die inkludiert sind.

 

Gut untergebracht und ausgeruht

Die Kabinen auf der MISSISSIPPI QUEEN sind gut ausgestattet, bieten jedoch in den untersten Kategorien nur das Nötigste an Platz. Die Innenkabine ist mit Stockbetten und einem schmalen Gang davor recht eng, die normale Balkonkabine hat zwei einzeln stehende Betten, im Flur einen großzügigen offenen Wandschrank, allerdings wenige Fächer für Kleinkram. Die Betten sind von bequemem Härte-grad und mit Laken plus Wolldecke ausgestattet. Die elektrische Spannung beträgt 110 Volt / 60 Hertz, amerikanische Stecker! Die Nasszelle ist funktionell, bietet aber wenig Stauraum. An der Duscharmatur eine konstante Temperatur einzustellen, erweist sich als schwierig. Die Duschtasse ist mit einem zweiteiligen Vorhang sauber abgetrennt, der übrige Fußboden bleibt trocken. Ein Kabinen-Radio ist vorhanden, TV gibt es indes nicht. Der Balkon besteht aus einem Teil der Außenpromenade, jeweils durch einen Sichtschutz vom Nachbarn abgetrennt. Zweimal täglich kommt der Kabinenservice und erledigt geschwind und aufmerksam alle anfallenden Arbeiten. Zusätzliche Kleiderbügel und Sonderwünsche werden gern berücksichtigt.

 

God Bless America!

Die MISSISSIPPI QUEEN ist ein Binnenschiff, das unter US-amerikanischer Flagge fährt. Demzufolge müssen auch die Besatzungsmitglieder zu einem Gutteil aus den USA stammen. Gleichzeitig ist auch das Gros der Passagiere US-amerikanisch. Lediglich eine Handvoll Europäer findet sich auf einer Kreuzfahrt, falls nicht gerade ein deutscher Gruppencharter ein Kontingent füllt. Es kann sich kein deutscher Kreuzfahrer – auch wenn er amerikanisch dominierte Hochseeschiffe kennt – vorstellen, wie amerikanisiert ein touristisches Produkt dieser Art sein kann. Bei der Unterhaltung, bei der Geschichtsbehandlung und bei den simplen Flaggen an Deck muss man sich damit anfreunden, dass das unangefochtene Heiligtum der Sternenbanner ist. Hier kommen etliche Faktoren zusammen: Der Mittlere Westen ist vom internationalen Tourismus nur wenig berührt; wo der Rest der Welt von den Weltkriegen spricht, gibt es hier „Ante-Bellum-Häuser“, also Vorkriegshäuser, womit der Bürgerkrieg gemeint ist – als hätte es nie einen anderen gegeben. Eine Diskussion in dieser Richtung ist überflüssig und der Atmosphäre abträglich.

Bestimmte Rituale sind beim besten Willen nicht zu umgehen, so etwa, dass der bevorstehende Landausflug dazu führt, dass sich 200 Mann im unteren Kabinengang in Reih’ und Glied aufstellen – 45 Minuten vor der Ausschiffung. Der Autor rät keinem Passagier, etwa vor dem Landausflug einen Stadtbummel zu machen und praktischerweise gleich neben dem Ausflugsbus stehen zu bleiben, anstatt sich an Bord an der Schlange vorbei an deren Ende zu kämpfen – anderenfalls wird man mit exakt 200 bitterbösen Blicken bedacht werden.

Bedauerlicherweise werden auch etliche Klischees erfüllt. Der Veranstalter – und möglicherweise sogar die Passagiere – mögen das Schiff, auf dem eine Woche mit rund 2200 US-$ berechnet wird, ja für ein Fünf-Sterne-Produkt halten. Das zumeist farbige Service-Personal im Restaurant ist auch durchaus gutwillig. Bäte man etwa den Tischsteward darum, doch bitte nicht während des Servierens ständig geräuschvoll die Nase hochzuziehen (ein verbreitetes Phänomen), dann würde er sich danach richten – ebenso bereitwillig wie verständnislos. Der Autor – weiß Gott alles andere als ein Rassist – bedauert, die meisten Klischees über das Miteinander von Schwarz und Weiß hier an Bord bestätigt gefunden zu haben. Übrigens: Unter den Passagieren war nicht ein einziger Farbiger …

 

Was sonst noch so auffällt

Die oben gegebene Beschreibung des Service-Personals macht eine völlig andere Struktur in der Hierarchie nötig, als man sie auf anderen Schiffen kennt. Wo kein Mitarbeiter mitdenkt, muss der Vorgesetzte stets zur Stelle sein. Das bedeutet, dass die leitenden Personen erstklassig ausgebildet, gut in Menschenführung und stark in die Kommunikation zwischen Passagier und Personal integriert sein müssen. Wer sich an Kreuzfahrtdirektor, Maître d’ o.ä. mit einem Anliegen wendet, darf sofortiger, kompetenter und gutwilliger Hilfe sicher sein – anderenfalls allerdings nicht … – Das Trinkgeld-System ist zwar kompliziert, wird aber bis ins kleinste Detail erklärt. Pro Tag und Passagier müssen die Kabinenstewardess, der Tisch-Steward und dessen Gehilfe bedacht werden. Aber auch der Dining-Room Captain, der Maître d’ und die Kofferträger erwarten einen wöchentlichen Obolus. Zum Teil ergeben sich dabei lächerlich kleine und völlig krumme Beträge – aber nach amerikanischem Gastronomie-Usus ist eben der Gast für die Bezahlung des Personals verantwortlich. Bei einer siebentägigen Reise muss der Passagier mit rund 100 $ Trinkgeld kalkulieren. – Bisweilen (selten) müssen für eine Brückenpassage die Schornsteine nach hinten flach gelegt werden. Sie pusten dann ihren Ruß ungeniert aufs Achterdeck. Dass keine Lautsprecherdurchsage davor warnt, ist nicht eben hilfreich. – Ein Arzt ist auf Flussschiffen nicht vorgeschrieben und wird auch nicht mitgeführt. – Disziplin ist oberstes Gebot, gleichgültig, welche Aktivität ansteht. Ist eine Veranstaltung nur für Passagiere der ersten Essenssitzung oder ein Buffet nur für die Landausflugsteilnehmer, wird genauestens kontrolliert, dass kein ungebetener Gast mit durchschlüpft. Freundlich, sehr bestimmt und eine Spur vorwurfsvoll wird man ggf. in seine Schranken gewiesen. – Aufgrund der ständigen Angebote von Eiswasser, Kaffee, Tee etc. kann der Flüssigkeitsbedarf ohne Besuch in einer (kostenpflichtigen) Bar gedeckt werden. Es lassen sich also die Nebenkosten in diesem Punkte ggf. fast auf Null halten. – Um auf der MISSISSIPPI QUEEN Freude, Unterhaltung und Kontakt zu Mitpassagieren zu haben, um Lektorate zu besuchen, Landausflüge mitzumachen oder nur sein Essen zu bestellen, muss der Passagier gut bis sehr gut Englisch sprechen. Anderenfalles verliert er nicht nur wesentliche Teile seiner Kreuzfahrt, die für ihn nicht nutzbar weil unverständlich sind, sondern er lebt isoliert und kann nicht einmal die Verständigung mit dem Steward bewerkstelligen. Mit der abenteuerlichen Vorstellung, irgend jemand spreche Deutsch oder bemühe sich darum, sollte niemand eine Buchung tätigen. Allenfalls befindet sich unter den Passagieren ein deutscher Emigrant, der sich über Landsleute freut. – Die Bordwährung ist der US-Dollar. – Der Bordfotograf fertigt Bilder von durchschnittlicher Qualität an, die er allerdings zu recht gesalzenen Preisen verkauft. – Der offizielle Bekleidungs-Codex sieht tagsüber legere Kleidung, abends elegante Garderobe vor. Daraus macht sich aber jeder Passagier seine eigene Interpretation zurecht, der Einfallsreichtum bei der Bekleidungsauswahl ist erstaunlich. Während der Prospekt recht klare Grenzen zu ziehen scheint, lässt die Phantasie der Mitpassagiere so ziemlich jedes Kleidungsstück aus deutschen Kleiderschränken mit Ausnahme der Badehose geeignet erscheinen. – In den Innenräumen der MISSISSIPPI QUEEN herrscht generelles Rauchverbot.

 

Routen und Ausflüge

Der Klassiker für Passagiere aus Übersee ist stets die „Baumwoll-Route“ von New Orleans (der Besuch dieser Stadt ist u.U. schon ausschlaggebend) nach Memphis, sei es nun zur Zeit der Baumwoll-Reife oder im zeitigen Frühjahr, wenn für einige Wochen auch jene „Ante-Bellum-Häuser“ für Besucher geöffnet werden, die noch von Privatleuten bewohnt sind. Auf dieser Strecke ist jedoch einiges zu beachten: Die einwöchige Tour umfasst zwei volle Flusstage (ohne Landgang), ansonsten nur halbtägige Stopps. Dazwischen zieht zwar die Flusslandschaft vorbei, aber die besteht während der einen Woche auf rund 1000 Kilometer aus nichts als immer demselben Wald. Die Besiedlung hier ist dünn, außer den besuchten vier Städten gibt es keine menschlichen Ansiedlungen. Bei Tageslicht passiert man vielleicht eine Brücke und eine Industrie-Ansiedlung pro Tag. Man decke sich, so man nicht an allen Unterhaltungsveranstaltungen des amerikanischen Publikums teilnehmen will, reichlich mit Lesestoff ein. Natchez (Stadt der Baumwollbarone) und Vicksburg (Schlachtfelder des Bürgerkrieges) sind durchaus sehenswert, Helena ein Muss für Jazz- und Bluesfreunde (jährliches Spektakel mit 80.000 Besuchern). Die Öde Greenvilles ist nicht in Worte zu fassen; es dient lediglich der Vermeidung eines weiteren Flusstages. Bei allen Landgängen jedoch sind die angebotenen Ausflüge erstklassig zusammengestellt, bieten gute Überblicke, werden exzellent geführt und machen auch kleine Highlights zum Erlebnis. So wird nach Möglichkeit der Besuch von Gospel- oder Blueskonzerten mit eingebunden, Mitarbeiter und landseitige Agenturen setzen sich persönlich ein, um Unmögliches möglich zu machen. Stets werden sehr rechtzeitig umfassende Hafeninformationen und Historisches über die besuchten Orte schriftlich auf die Kabine geliefert. Der Ausflugsmanager erklärt mit Engelsgeduld detailliert, was welcher Ausflug bietet und wie man möglichst viel sehen kann.

Mehr Abwechslung bei der Flussfahrt (und mehr städtisches Flair) bieten die Routen nördlich von Memphis. Es bleibt zu überlegen, bei der Routenauswahl auf den Publikumsmagneten New Orleans zu verzichten, und dafür insgesamt eine Route zu wählen, die kontinuierlich mehr Sehenswürdigkeiten verspricht.

 

Preise an Bord

Getränke (Bar): „Well Drinks“ (Basis-Spirituosen) 3.75 $, Premium Liquors 5.75 $, Lokales Bier 3.50 $, Import-Bier 4 $, Soft-Drinks 1 $, Hauswein pro Glas 5 $, Premium-Wein 8.50 $, Cocktails 4 bis 6 $, alle Preise zzgl. 15% Service-Charge

Beauty Salon: Haarschnitt 25 $, Maniküre 25 $

Shop: T-Shirt 12.99 bis 18.99 $, Sweat-Shirt 29.99 bis 49.99 $, Herren-Jeanshemd 39.99 $, Polo-Shirt 34.99 $ (alle vorgenannten Stücke sind Logo-Artikel!), Damenbluse 44.95 bis 54.99 $, Socken 7.99 $, Krawatte 24.95 $, Mikrofaserjacke 89.95 $, Windjacke 29.99 $

Bordfotograf: 10 $ pro Bild (größere Formate entsprechend teurer)

Ausflüge: Bustour halbtags (4 Stunden) 58 bis 66 $, Abendveranstaltung an Land 24 $, Walking-Tour (3 Stunden) 25 $

Trinkgelder: Kabinen-Steward(ess) 4.50 $ pro Tag und Person, Tisch-Steward(ess) 4.50 $ pro Tag und Person, dessen Gehilfe 3.25 $ pro Tag und Person, Dining Room Captain 5.75 $ pro Paar pro Reise, Maîte d’ 4.25 $ pro Paar pro Reise, Kofferträger 2.50 $ pro Gepäckstück pro Bewegung (also 5 $ für An- und Abreise zusammen pro Gepäckstück).

 

Technische Daten  
Vermessung: 3364 BRZ
Länge: 114,60 m
Breite: 20,40 m
Höhe (Kiel bis Schornstein) 21,30 m
Tiefgang: 2,70 m
Geschwindigkeit: 26 km/h
Passagierkapazität: maximal 416 in 208 Kabinen (8 Kategorien)
Passagierdecks 7
Besatzung: 157
Flagge: USA
Reisegeschwindigkeit: 11,2 km/h (maximal 17,6 km/h)
Indienststellung: 1976
Komplettrenovierung: 1996
Schaufelrad: 10,80 m breit, 6,60 m Durchmesser
Schaufelradgewicht: 70 Tonnen

Dieses Schiffsportrait entstand an Bord der MISSISSIPPI QUEEN vom 28. März bis 4. April 2005.


 

Auf der (schmalen) Promenade lässt sich das Schiff leider nicht umrunden.

 

Piers gibt es kaum am Mississippi. Deshalb haben die

Steamer ihre Gangway immer dabei.

 

Über den eigenen, improvisierten Landungssteg geht's

schneller von Bord als mit einer klassischen Gangway.

 

Das Restaurant ist pompös eingerichtet – gerade im Stil jener Häuser, die die Baumwollbarone einst bewohnten.

 

Die öffentlichen Räume – hier das Foyer – sind weitläufig

und großzügig ausgestattet.

 

Die Paddlewheel-Lounge bietet einen beeindruckenden Blick auf Schaufelrad und Kielwasser.

 

In der Show Lounge finden Spiele, Lektorate, Abendveranstaltungen und Buffets statt.

 

Das 4-köpfige Show-Ensemble erweist sich als Verwandlungskünstler und spielt eine professionelle Show auf der Bühne.

 

Hier lässt sich’s wohnen: Gehobene Kabinen-Kategorie auf der MISSISSIPPI QUEEN.

 

Die Innenkabine nimmt sich im Platzangebot äußerst

bescheiden aus.

 

Der Blick in das wirbelnde Wasser des Schaufelrades kann manchen Passagier minutenlang fesseln.

 

Nicht üppig: Der Swimming-Pool – eigentlich nur ein

Kinderplantschbecken ...

 

Auf dem Achterdeck finden tagsüber oft Koch-Vorführungen mit anschließen-der Verkostung statt.




Nervtötendes Instrument: Die Dampforgel. Aber wenn jeder sich an ihrem Manual versuchen darf, ist der Ansturm groß.