Vom Aussehen ein Klassiker, in dem aber ungeahnte Reisemöglichkeiten stecken: die BREMEN, das Küken” in der Hapag-Lloyd-Flotte




Oliver Schmidt




Sie ist die kleinste und die älteste in der exzellenten Flotte von Hapag-Lloyd. Und sie ist die unternehmungslustigste. Mit ihr kann man, so versichert ihr Kapitän, „fast alles machen“, will heißen, so ziemlich jedes Ziel ansteuern. Wer die BREMEN im Hafen besichtigt, erlebt ein kleines, überschaubares Schiff, auf dem Bordunter-haltung und Fun-Angebote offensichtlich keine große Rolle spielen. „Ordentlich“ oder „adrett“ mögen die Etiketten sein, die man der BREMEN nach einem Rund-gang aufklebt. Dennoch hat sie eine so treue Stammklientel wie nur wenige andere Schiffe. Das Geheimnis dieses Zaubers offenbart sich erst, wenn man mitfährt. Die BREMEN ist ein Schiff, das vom Erlebnis lebt. Und was für einem Erlebnis!

Ob die BREMEN nun in blauem Gewand besser aussah oder mit ihrem heutigen weißen Rumpfanstrich, darüber gehen die Meinungen auseinander. Auf jeden Fall wirkt sie auf den Schiffsfreund liebenswert und anheimelnd, der eisverstärkte Rumpf erweckt Vertrauen in die Technik für extreme Routen, und der leuchtend orange Schornstein mit dem stilisierten HL-Logo erweckt Vertrauen in Service und Management.

 

Das Besondere der BREMEN

Dass die BREMEN in Wahrheit ein gesunder Mix aus klassischem Kreuzfahrer und Expeditionsschiff ist, zeigt bereits ein Gang über die Außendecks. Da gibt es ganz oben einen nicht zu kleinen, in Teakholz gefassten Swimmingpool (immerhin vier Schwimmzüge sind möglich, 23 Quadratmeter Wasserfläche), der auf 27°C auf-geheizt ist, und darum ein feines, holzbelegtes Deck mit genügend Liegen, auf denen sich windgeschützt die Sonne genießen lässt. Vorn gibt es eine Aussichts-brücke mit freiem Blick in Fahrtrichtung. Ein kleines Achterdeck hinter dem „BREMEN-Club“ dient zum Sitzen, Cocktailschlürfen und Speisen, wenn morgens und mittags der Club zum Buffet-Restaurant wird. Zwei seitliche Promenaden geben den Passagieren genügend Möglichkeiten, nach neuen Entdeckungen Ausschau zu halten, allerdings sind die Durchgänge etwas eng und verwinkelt. Ein umlaufendes Promenadendeck gibt es nicht. Alle Außenbereiche werden von eifrigen philippinischen Matrosen gehegt und gepflegt und präsentieren sich tipptopp. Antriebsvibrationen spürt man wenig auf der BREMEN, nur vom Bugstrahl-ruder erzittert das Schiff bisweilen.

Etwas weiter hinter dem Swimmingpool-Bereich zeigt die BREMEN, was in ihr steckt: 14 motorgetriebene Schlauchboote, eistaugliche sogenannte „Zodiacs“ warten darauf, die Passagiere an Land zu bringen, wenn es keine Pier zum Anlegen gibt. Die schwarzen Gummiboote, die Jacques Cousteau einst für den Einsatz in der Antarktis erfand, haben alle einen Namen, und eine sachkundige Crew wird eigens in einer Schlauchbootfahrschule an Bord ausgebildet, sie zu steuern. Hapag-Lloyd ist der einzige Veranstalter weltweit, der für die Sicherheit seiner Passagiere solchen Aufwand treibt. Die Zodiacs spielen auf der BREMEN eine zentrale Rolle, denn andere Tenderboote gibt es nicht. Entgegen manch vorgefasster Passagiermeinung ist das Einsteigen kinderleicht, und selbst ältere Kreuzfahrer können sich dem Spaß, in den wendigen, kleinen Booten über die Wellen zu fliegen, nicht entziehen. Die BREMEN ist eines der ganz wenigen Schiffe, deren Passagierzahl es im Verhältnis zu den Zodiacs erlaubt, alle Passagiere gleichzeitig einzubooten. Das umschichtige Aufbrechen zu Ausflugsfahrten, etwa am Amazonas bei Tierbeobachtungen in aller Frühe, entfällt damit.

 

Gemütliches Zuhause

Ungewöhnlich für ein Schiff dieser Größe sind zwei große Lounges, die allen Passagieren Platz bieten. Die eine vorn oben am Bug gelegen und mit Aussichts-fenstern in Fahrtrichtung ausgestattet, dazu Verdunklungs- und Projektionsmög-lichkeiten, ist in hellen, freundlichen Farben gehalten, verfügt über eine kleine Bar und wird durch einige Grünpflanzen aufgelockert. Am Heck liegt der BREMEN Club, der mit seinen bequemen Sofa-Ecken und Sesseln, niedrigen Tischen, Wand-lampen, Holz, Messing und einem langen Bar-Tresen tatsächlich an einen engli-schen Club erinnert. Eine kleine Bühne in Form einer Tanzfläche gibt die Möglich-keit, hier auch Abendunterhaltung anzubieten. Der BREMEN-Club geht fließend in die Bibliothek über, die an Bord eine wichtige Funktion einnimmt, kann man doch auf langen Seestrecken seinen Wissensdurst hier stillen. Dementsprechend ist auch das Bücherangebot ausgewählt: Viele Bildbände, Reiseliteratur, geographi-sche, geologische, glaziologische, ethnologische und noch ein halbes Dutzend weitere populärwissenschaftliche Werke geben Hintergrund-Infos zum jeweiligen Reisegebiet, bequem zu lesen in tiefen Ohrensesseln neben einem Globus. Über 20 laufende Meter der Bücherwand sind Nachschlagewerke und Bildbände.

Auf der BREMEN gibt es nichts Protziges, noch nicht einmal Repräsentatives. In vielen Punkten ist sie ganz einfach funktionell ausgestattet: In den Kabinengängen oder der Panorama-Lounge zeigt sie die schlichte Klarheit eines skandinavischen Postschiffes. Gemütlichkeit im Club, ansonsten einige Kunstwerke an den Wän-den – die BREMEN scheint zu wissen, dass ein 6000-Tonner gegen die Großartig-keit der Fahrtgebiete, die auf ihrem Routenplan stehen, nicht auftrumpfen kann. In den Treppenhäusern (zwei Stück gibt’s an Bord) findet sich zudem eine Homma-ge an die Seefahrtstradition der Reedereien Hapag und Norddeutscher Lloyd. Großformatige Schwarz-Weiß-Fotos der Liner vergangener Tage erinnern unter anderem an die berühmten Namensvorgängerinnen der BREMEN. Mit diesen klaren Strukturen ist die BREMEN ein übersichtliches Schiff, das jeder neue Fan in einem Tag „im Griff“ hat.

Ein Deck unter dem BREMEN-Club mit seiner achteren Veranda liegt das Restau-rant. Davor gibt es auf der Steuerbordseite eine kleine Boutique, die mit allerhand Nützlichem und verschiedenen Kleidungsstücken gut gefüllt ist. Davor können an zwei Terminals kostenlos e-Mails versandt werden (Attachments gegen Gebühr). An Backbord warten hinter einem kleinen – ebenfalls unauffälligen – Tresen die Damen vom Zahlmeisterbüro und der Bordreiseleitung, die Landgangs-Infos für die Passagiere bereithalten. Auch hier steht die Hilfsbereitschaft im Vordergrund, nicht ein pompös aufgemachter Empfangsbereich.

 

Liebe geht durch den Magen

Das weiß auch die BREMEN, und sie versteht sich mit kulinarischen Köstlichkeiten in die Herzen ihrer Passagiere zu spielen. Ihr Restaurant fasst – unabdingbar für erfolgreiche Expeditionskreuzfahrten – alle Passagiere zugleich. Mit halbhohen Raumteilern und Grünpflanzen wird ein wenig Privatsphäre an den Tischen geschaffen, die so weit auseinander stehen, dass gute Unterhaltung ebenso möglich ist wie störungsfreier Service. Helle, skandinavische Farben und große Fenster machen den ersten Eindruck des überschaubaren Restaurants aus. Jeweils zwei Service-Kräfte servieren das Menu, eine weitere die Getränke. Alle Service-Mitarbeiter sind deutscher Muttersprache oder sprechen erstklassig Deutsch. Die Tischplatzreservierung kann man nach Ankunft selbst beim Ober-steward im Restaurant vornehmen. Dreimal täglich wird zum Essen hierher gebe-ten. Morgens zu einem Frühstück, bei dem es die zum erweiterten kontinentalen Angebot gehörenden Speisen am Buffet gibt (im hinteren Restaurant-Bereich ist eine professionell gestaltete Buffet-Station). Beim Steward/der Stewardess kann man alle erdenklichen Eierspeisen, Würstchen und knusprigen Frühstücksspeck ordern. Kaffee und Brötchen sind natürlich nach deutschem Geschmack.

Am Mittag zeichnet sich das Restaurant-Angebot durch leichte Speisen aus. Viele Salate stehen am Buffet bereit, und auch Vorspeisen und Dessert kann man dort in Augenschein nehmen, bevor man sich entscheidet. Nur die Suppe und den Hauptgang bringt der Steward. Morgens und mittags wird im Restaurant bei freier Platzwahl gespeist. Sympathisch: Mittags empfiehlt die Speisekarte zwei offene Weine (jeweils 0,25 l). Meist sind nur wenige Tische belegt, denn man findet sich mehrheitlich im BREMEN-Club zusammen, um dort – an einem teilweise improvi-sierten Buffet – zu essen. Es stört die Passagiere keineswegs, dass in dem zum Speisen nicht gedachten Raum hier und dort ein Tischchen mit Vorspeisen oder Desserts steht, dass man an den niedrigen Tischen und in den Sesseln, die mehr für den Nachmittagskaffee geeignet sind, eigentlich nicht bequem essen kann. Selbst diesen Fauxpas macht die Liebenswürdigkeit der Crew wieder wett. Beim Frühstück kann man auch hier Rühr- und Spiegeleier oder Omeletts mit einer schier unübersehbaren Auswahl an Zutaten (Speck, Zwiebeln, Schnittlauch, Tomate etc.) ordern, die dann vor den Augen des Gastes frisch zubereitet werden. Immer steht ein dienstbarer Geist bereit, der notfalls gern hilft, den Teller zum Tisch zu balancieren. Die Mittagsbuffets stehen gern unter einem bestimmten Thema (z.B. arabische Speisen, Fisch, Pizza & Pasta). Auf dem achteren Außen-deck gibt es an einer Grillstation stets Steaks, Hamburger, Hot Dogs und Fisch vom Grill, mit Pommes frites, Ofenkartoffel oder Bratkartoffeln. Frischer Salat dazu ist selbstverständlich. Wenn es das Wetter erlaubt, wird das elegante Holzmobi-liar draußen mit feiner Tischwäsche eingedeckt und avanciert zum edlen Veranda-Restaurant.

Am Nachmittag trifft man sich zur Tee- und Kaffeestunde im BREMEN-Club, und wieder ist es kaum möglich, die Vielfalt an Torten, Obstkuchen, Windbeuteln, Kek-sen und anderem trockenem Gebäck durchzuprobieren. Wer nichts Süßes mag, findet auch eine Platte mit klassischen Sandwichs.

So locker man sich auch tagsüber an verschiedenen Orten zum Essen einfindet, so stilvoll ist doch das Dinner. Zwar bittet das Tagesprogramm nur zweimal – zum Welcome und zum Farewell – um festliche Kleidung (die dann auch von den Pas-sagieren ohne Ausnahme angelegt wird) und schlägt ansonsten sportlich-legeres Outfit vor, aber vom Ambiente im Restaurant über die Gesellschaft und die Tisch-gespräche bis hin zu den Speisen und deren Präsentation wird auch der Fünf-Sterne-verwöhnte Gast an einem Dinner auf der BREMEN nichts auszusetzen haben. Es werden vier verschiedene Vorspeisen angeboten, gefolgt von zwei Suppen. Sodann werden ein Zwischengericht und ein Sorbet gereicht. Zum Hauptgang wählt man aus drei verschiedenen, wechselnden Angeboten (eines davon Fisch), oder entscheidet sich für die stets als Alternative aufgeführten Gerichte aus den Sparten „vegetarisch“, „Grill“ oder „Pasta“. Drei verschiedene Desserts runden das Bild ab. Stets findet man edle Südfrüchte, erlesene Gemüse und Salate oder auch Meeresfrüchte unter den angebotenen Speisen. Und selbst die Frage „Das Hauptgericht war exzellent – könnte ich das nochmal bekommen?“ wird mit dem gleichen freundlichen Lächeln quittiert wie der Wunsch nach zwei, drei oder wievielen Desserts auch immer.

Um 22.30 oder 23.00 Uhr (je nach Tages-/Landgangsprogramm) steht im BREMEN-Club noch ein Spätimbiss bereit, z.B. Würstchen in Blätterteig, kleine Pizzen oder Ähnliches.

 

Wohin mit den Kalorien?

Jogging-Runden um das Deck bieten sich bei der Größe der BREMEN nicht an. Wer seine überschüssige Energie nicht im Swimming-Pool loswerden will, für den gibt es gleich dahinter ein kleines Fitness-Center, dessen Geräte aber kaum je überbelegt sind. Vorhanden sind zwei Stepper, zwei Fahrrad-Ergometer, ein Laufband, einige Hanteln und eine Stereo-Anlage für den nötigen Schwung. Durch kleine Fenster erhascht man beim Workout einen Blick aufs Meer. Nebenan wartet eine Sauna von beachtlicher Größe, die nur in Polargebieten dazu neigt, wirklich gut gefüllt zu sein. Die nötigen Utensilien wie Thermometer, Sanduhr, Aufguss-Eimer und frische Handtücher sind vorhanden. Wer bei einer Massage entspan-nen oder seinen gestählten Muskeln noch einen Beauty-Feinschliff hinzufügen will, wird im Friseur- und Beauty-Salon fündig.

 

Großzügigkeit im Privaten

Die Kabinenkategorien sind auf der BREMEN genauso überschaubar wie das Schiff selbst: Drei verschiedene Angebote gibt’s, ausschließlich Außenkabinen. Standard ohne Balkon, 16 Standard-Kabinen mit Balkon und zwei Suiten (mit Balkon), die sich allerdings von den Standard-Kabinen nur durch die Größe unter-scheiden. „Echte“ Suiten mit getrenntem Wohn-/Schlafbereich sind es nicht. Schon die Standard-Kabinen verfügen über ein großzügiges Raumangebot, wirken aber durch die den Raum beherrschenden Doppelbetten (die auf Wunsch auseinander geschoben werden können) nicht übermäßig groß. Gleichwohl ist am Fenster (respektive Balkontür) noch Platz für einen Cocktailtisch mit zwei Ses-seln sowie einen Schreibtisch, der diese Bezeichnung verdient. Stets steht in der Kabine frisches Obst bereit. Ab Deck 3 aufwärts haben die Kabinen Fenster (keine Bullaugen), soweit sie nicht eine Balkontür haben. Die Seite gegenüber dem Fenster wird gänzlich von einer Schrankwand in gediegenem Holz eingenommen, die genügend Stauraum für Kleidung und Gepäck nebst ausreichenden Kleider-bügeln bietet, und in die auch das TV-Gerät integriert ist. Es zeigt – je nach örtlichen Empfangsbedingungen – die beiden öffentlich-rechtlichen deutschen TV-Programme, dazu RTL, VOX, Sat-1, N24 und CNN, drei schiffseigene Spielfilm-kanäle, einen extra Nachrichten-Kanal (auch als Text), und die Bilder einer Bug-kamera.

Die Betten sind nach deutschem Vorbild mit einem Bettbezug und Kunststoff-Inlay bezogen. Die Schallisolierung zur Nachbarkabine ist gut, kein lautes Wort dringt herüber. In der Mini-Bar unterm Schreibtisch warten allerlei Soft-Drinks, die kostenlos entnommen werden können und regelmäßig wieder aufgefüllt werden. Darüber hinaus gibt es Spirituosen (Preise siehe Preis-Teil). Der Kabinen-Service steht jederzeit zur Verfügung und hält kleine, aber feine Snacks (kostenlos) bereit, so etwa Sandwichs, Salate, Consommé, Käseteller oder Parma-Schinken mit Melone. Ein kontinentales Kabinenfrühstück kann am Vorabend bestellt werden.

Die Kabine verfügt über einen in den Schrank integrierten Safe und zwei abschließbare Schubladen. Bademantel und Fön liegen bei Ankunft in der Kabine schon bereit. Die Nasszelle ist, wie alles andere auch, funktionell gestaltet, aber in allen wichtigen Punkten (funktionale Armaturen, Stauraum in Griffhöhe etc.) bestens ausgestattet. Die Standard-Kabinen verfügen über eine Dusche, in den sogenannten Suiten befindet sich eine Badewanne. Eine Handbrause macht das Duschbad angenehm. Der Service wird von überaus freundlichen Kräften aus Fernost erledigt, die meist aber nur wenig oder kein Deutsch sprechen, dafür aber (so scheint es) 24 Stunden präsent sind. Stets begegnet man ihnen irgendwo auf dem Kabinengang, und ihre Freundlichkeit gehört zum guten Ton auf der BREMEN.

 

Unterhaltung

Die Nummer eins in der Unterhaltung auf der BREMEN sind ganz klar die Routen und Ziele. Ihnen werden andere Aktivitäten untergeordnet, und niemand käme hier auf die Idee, ein Show-Programm einzufordern, wenn draußen Wale oder Eisber-ge zu sehen sind. Auf vielen Reisen spielen auch tatsächlich die Lektoren die zentrale Rolle, wenn die Passagiere sich zu Veranstaltungen zusammenfinden. Als musikalische Begleitung zur Teestunde, zum Aperitif oder am Abend fährt eine vierköpfige Combo mit, die im BREMEN-Club gute Unterhaltungsmusik spielt. Lässt die Route genügend freie Zeit für die leichte Muse erwarten, kann noch ein Sänger oder Alleinunterhalter dazukommen, der den Passagieren mit einem Liederabend oder bunten Programm zusätzlich Abwechslung verschafft. Über alldem steht jedoch die hohe Kommunikativität des Schiffes. Stets trifft man auf Mitpassagiere, Offiziere oder Lektoren, die ein offenes Ohr für eine Frage oder Lust zu einem Plausch haben.

 

Ein Blick zurück

Ihren deutschen Traditionsnamen bekam die BREMEN erst in ihrem zweiten Leben. Als sie in Japan gebaut wurde, hieß sie FRONTIER SPIRIT, und die „Grenzerfahrung“, die in ihrem ersten Namen steckt, kennzeichnet ihre Reisen noch heute. Inzwischen ist sie Eigentum von Hapag-Lloyd Bahama Ltd., wo sie lange Jahre mit dem Charakter ihres berühmten Kapitän Aye identifiziert wurde, der nach 99 Antarktis-Reisen in den verdienten Ruhestand ging. Ihr heutiger Master, Mark Behrend, der in Urlaubsphasen von anderen erfahrenen Hapag-Lloyd-Kapitänen vertreten wird, zeigte schnell, dass die Fußstapfen seines Vorgängers ihm nicht zu groß sind. Die BREMEN gibt jedem Kapitän Gelegenheit, zu zeigen, was er kann, denn ihr eisverstärkter Rumpf braucht vor Extrembedingungen nicht zurückzu-schrecken. „Ein Schiff, dem man fast alles zumuten kann“, resümiert Behrend.

Als aber Hapag-Lloyd im Herbst 2004 die Idee hatte, das Konzept zu ändern und das Schiff unter dem Namen DISCOVERER auch auf dem US-Markt anzubieten, wandten etliche Stammgäste sich beleidigt ab, so dass man von dieser Idee rasch wieder absah.

 

Das Konzept

Waren die Reisen in Extremfahrtgebiete zunächst (und dem Zeitgeist der 90er Jahre entsprechend) nur das Tüpfelchen auf dem „i“, hat sich die BREMEN inzwischen ganz und gar solchen Routen verschrieben, die kaum ein anderes Schiff befährt. Wenn die Antarktis, Nordpolargebiete, der Amazonas oder gar die legendäre Nordwestpassage auf dem Fahrplan stehen, bedarf es keiner großen Anstrengungen der Routenplaner, ein besonderes Erlebnis zu zaubern. Auf Rei-sen in Nord- und Ostsee, im Mittelmeer oder in der Südsee (um nur einige Ziele zu nennen), werden mit Akribie neue Ziele gesucht, um ein Fahrtgebiet wirklich erschöpfend zu behandeln und den BREMEN-Passagieren mehr zu zeigen als dem „normalen“ Kreuzfahrtgast.

Dabei kündigt Hapag-Lloyd Kreuzfahrten an, auch auf solchen Routen das Erleben durch mehrere Lektoren mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten zu fördern, ein Versprechen, das allerdings nicht konsequent eingehalten wird. Auf einer Route entlang der kroatischen Küste beispielsweise hätte es von versierten Fachleuten sicher einiges über die politischen, wirtschaftlichen und religiösen Gegensätze in Ex-Jugoslawien zu sagen gegeben. Geboten wurden aber nur die Standard-Vorträge, die der Vorbereitung auf Landausflüge dienen. Dafür inkludiert man auf einigen ausgewählten Routen nun einen Gutteil der Landausflüge. Der Erfolg stellt sich prompt ein: Durch den homogenen Tagesablauf (nur wenige Passagiere verzichten auf die Teilnahme) wird das gemeinsame Erleben gestärkt, und kein Passagier fühlt sich gelangweilt oder gar unterfordert, nur weil er diesen oder jenen Ausflug nicht gebucht hat.

 

Die Atmosphäre

„Stil ist der richtige Verzicht auf das Unwesentliche.“ Selten findet man diese Maxime so konsequent umgesetzt wie auf der BREMEN: Nirgends wird Raum ver-schenkt, es ist kein Schnörkel zu viel. Aber alles, was der Passagier braucht, um sich wohl zu fühlen (dem Autor sei verziehen, dass er beinahe „sauwohl“ geschrieben hätte) ist mit großer Selbstverständlichkeit da. Dass die Mehrzahl der Passagiere das genauso sieht, zeigen sie schon durch den verbreiteten Wunsch, „nie mit einem größeren Schiff fahren zu wollen“. Mit „Niveauvolle Entdecker“ ist die BREMEN-Klientel vielleicht richtig beschrieben. Regelmäßig kommen zu den überwiegend deutschsprachigen Passagieren auch Stammgäste aus den USA, Südafrika und noch einem halben Dutzend anderer Länder.

Es ist auf der BREMEN nicht nur eine Frage ihrer überschaubaren Größe, dass die Crew ihre Passagiere nach wenigen Tagen samt und sonders persönlich und mit Namen kennt. Es ist vielmehr die Philosophie des Schiffes, die bei der ohnehin geringen Personal-Fluktuation von einem zum anderen weitergegeben wird. Und es kann durchaus zu Tränen rühren, wenn eine Stewardess, die in der dritten Saison an Bord ist, davon spricht, dass sie „endlich ihren Passagieren die Antark-tis zeigen kann.“ Und wenn Kapitän Behrend erzählt, auf der Brücke habe ihn eine Dame in den Arm genommen und gedankt, „dass sie das noch erleben kann“, dann glaubt man ihm das.

Ein Wort zur Brücke darf an dieser Stelle nicht fehlen. Alle Kreuzfahrtschiffe sind heute an den Sicherheitscode ISPS gebunden. Danach gibt es keine offene Brücke mehr. Manche Schiffe behelfen sich daher mit geführten Brückenbesu-chen, auf Einladung eines Offiziers und zeitlich begrenzt. Das geschieht auch auf der BREMEN: Man wird kaum länger als eine Minute neben der Brückennock stehen, bis ein Offizier ruft: „Wollen Sie nicht reinkommen?“ Dabei ist die Führung stets gegeben (denn naturgemäß hält sich auf der Brücke jederzeit ein sachkundi-ger Nautiker auf), und zeitlich begrenzt sind die Besuche auch – denn irgendwann geht auch der hartnäckigste Passagier von selbst ins Bett ... Für die interessierte Klientel, die auf der BREMEN bucht, macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man eine beeindruckende Hafeneinfahrt oder Eisfahrten in der Arktis/Antarktis nur sieht, oder ob man die Spannung, den Sachverstand und den völligen persönli-chen Einsatz der Nautiker auf der Brücke spürt. Mancher kehrt darob nicht mit dem Gefühl wieder „Wir sind in die Antarktis gefahren worden“, sondern „Wir sind in die Antarktis gefahren“. Dieser kleine Unterschied zwischen passivem und aktivem Erleben ist vielleicht der wesentliche Faktor, dass die BREMEN ihre Passagiere so glücklich macht, wie sonst nur Eltern ihre Kinder glücklich machen können.

Es ist sicher keine Absicht der Reederei, dass auf der Brücke der BREMEN mit der Stammbesatzung zwei weibliche Offiziere Dienst tun, aber die volle Erfüllung der Frauenquote in der nautischen Führungsetage rundet das Bild dieses sympathi-schen, kleinen Schiffes ab.

 

Was sonst noch so auffällt

Am Ende der Reise bekommen die Teilnehmer ein Reisetagebuch/Logbuch aus-gehändigt, in dem die Reiseleitung die wichtigsten Ereignisse und Besichtigun-gen in Text und s/w-Bildern festgehalten hat. – Auf der BREMEN gibt es keine obli-gatorischen Trinkgelder. Ein freundlicher Abschiedsgruß für die Stewardess / den Steward reicht aus; ein kleiner Obolus wird natürlich gern genommen. – Währun-gen der besuchten Länder hält das Zahlmeisterbüro nicht zum Tausch bereit. – An Bord findet eine erstklassige Kreuzfahrtberatung statt, keine Verkaufsveranstal-tung, sondern Tipps aus erster Hand, welche Reise für den Passagier geeignet sein könnte. – Auf die Behindertentauglichkeit des Schiffes angesprochen, weist die Schiffsleitung darauf hin, dass es durchaus auch möglich ist, Passagiere mit Rollstuhl per Schlauchboot auszubooten. – Mit welchem Verantwortungsbewusst-sein jeder auf der BREMEN seine Aufgaben wahrnimmt, zeigt ein Rundgang des Kochs durch das Restaurant, bei dem er sich bei allen Passagieren einzeln für die Qualität einzelner Steaks entschuldigt, für die er zwar letztlich nichts kann, aber dennoch die Passagiere von Angesicht zu Angesicht um Verständnis bitten möch-te, dass man ihm in einem Hafen schlechte Ware geliefert hat.

 

Routen und Ausflüge

Dass die BREMEN auf ausgesuchten Routen ein umfangreiches Landausflugs-paket in den Reisepreis inkludiert, wurde bereits gesagt. Nicht so deutlich führt sich mancher Newcomer vor Augen, dass gleiches auch auf den Expeditions-reisen gilt, denn die Fahrten mit den bordeigenen Zodiacs sind selbstverständlich auch im Preis mit drin. Ansonsten werden in den Häfen Ausflüge angeboten, die deutlich auf das Entdecken fremder Kulturen in Antike und Gegenwart ausgerich-tet sind. Auch in kleinen Häfen und Städten überlässt man die Passagiere nicht sich selbst, sondern organisiert fußläufig durchgeführte Stadtbesichtigungen. Hervorzuheben ist, dass unter den einheimischen Führern nur die besten ihrer Zunft für BREMEN-Gäste gebucht werden, so dass mancher Passagier bekannte Häfen unter neuen Gesichtspunkten ein zweites Mal entdeckt. Soweit Ausflüge kostenpflichtig sind, werden sie zu recht moderaten Preisen (unteres Preisniveau deutschsprachiger Anbieter) verkauft.

Obwohl eine Weltentdeckerin, hat die BREMEN ihre festen Routen, denn die Saison für die Antarktis ist nicht verschiebbar. Hier trifft sie regelmäßig vor Weihnachten ein und bleibt bis in den Februar. In vielen Jahren schließen sich Amazonas-Reisen an, wobei die BREMEN zu einer Handvoll Schiffe gehört, die den Strom bis Iquitos (4400 Flusskilometer ab der Mündung) befahren kann. Den Sommer verbringt sie auf Nordland-Reisen fernab ausgetretener Pfade, und wenn Hapag-Lloyd das Wagnis eingeht, die Nordwest-Passage zu bezwingen, dann findet man sie im August auf dieser ungewöhnlichen Strecke. Auch die Südsee, Australien, Neuseeland und Tasmanien sind beliebte Fahrtgebiete.

 

Bordleistungen und Preise

Massage/Beauty: Maniküre: 18 €, Gesichtsbehandlung (60 Minuten): 50 €, Teil-massage (25 Minuten): 24 €, Ganzkörpermassage (50 Minuten): 44€

Bordfotograf: Foto 10x15 cm: 4,60 €, Foto 15x20 cm: 7,70 €, Entwicklung 36er Film mit Abzügen 10x15 cm: 17 €

e-Mails: kostenlos, Attachments: 0,30 € pro Kilobyte (bei ein- und ausgehenden Mails)

Friseur: Herrenschnitt 18 €; Waschen, Schneiden, Fönen: 23,50 €, Bartschnitt: 7,50 €, Waschen und Fönen (Damen): 25,50 €, Frisieren: 12 €, Färben (komplett): 30,50 Euro, Tönen: 20,50 €

Boutique: Herren-Poloshirt: 30 bis 100 €, Oberhemd: 34 bis 105 €, Strickpulli: 40 bis 200 €, Krawatte: 35 bis 45 €, Damen-Poloshirt: 26 bis 40 €, Damen-Strick-weste: 65 bis 200 €, Regenjacken: 128 €, Logo-Kappe: 12,50 €, Logo-Weste: 58,50 €, Logo-Poloshirt: 28,50 €

Wäscherei: Hose: 3,10 €, Rock: 2,80 €, Pullover: 2,25 €, Hemd: 2,55 €, Pyjama: 2,30 €, Taschentuch: 0,30 €

Bügelservice: Hose/Rock: 2,55 €, Kleid: 3,40 €, Faltenrock: 7,20 €, Abendkleid: 6,75 €, Hemd: 2,25 €, Anzug: 5,60 €, Jacke: 3,10 €

Getränke (Bar): Beck’s vom Fass (0,3l): 1,50 €, Jever (Flasche 0,33l): 2 €, verschiedene Whiskys (4cl): 2,60 bis 4,60 €, Wodka/Gin/Akvavit (4cl): 2,30 €, Cola, Fanta, Sprite (0,25l): 1,50 €, Apfel-/Orangensaft (0.2l): 1,50 €,  Cocktails z.B. Kir Royal: 7,70 €, Tequila Sunrise/Manhattan/Alexander/Grasshopper/Planter’s Punch /Mai Tai/Singapore Sling/Pina Colada etc.: 3,60 €

Getränke Restaurant: Flasche Mineralwasser (1l): 3,30 €, offener Wein (Lunch, weiß/rot, 0,25l): 4,50 bis 5 €

Getränke (Mini-Bar): Softdrinks kostenlos, Becks/Heineken (Flasche 0,33l): 2 €, Moskovskaya Wodka (1 Liter): 9,50 €, Wodka Absolut (1 Liter): 12 €, Beefeater Gin (1 Liter): 16 € , Johnny Walker Red Label (1 Liter): 18,50 €, Chivas Regal 12 Jahre (1 Liter): 39,50 €, Weine auf besondere Bestellung nach Weinkarte.

 

Technische Daten der MS BREMEN

Vermessung

6752 BRZ

Passagierkapazität

maximal 188 Passagiere in 82 Kabinen

Besatzung

94

Baujahr

1990

Bauwerft

Mitsubishi Heavy Industries, Kobe, Japan

Länge

111,5 Meter

Breite

17,0 Meter

Tiefgang

4,8 Meter

Passagierdecks

7

Antrieb

2 Daihatsu-Hauptmaschinen, 3300 PS

Bugstrahlruder

1 x 520 PS

Stabilisatoren

2  Sperry 4,65 Quadratmeter

Geschwindigkeit

maximal 16,5 Knoten

Flagge

Bahamas

Heimathafen

Nassau

Sicherheitsklasse

Germanischer Lloyd

Sonstiges

Osmoseanlage, Müllverbrennungsanlage


Trotz robusten, eisverstärkten Rumpfes elegante Linien: Die BREMEN

 

Nicht aufwändig, dafür hilfreich und freundlich: Die Rezeption

 

Kabinen auf der BREMEN: Ohne Schnörkel – behaglich und mit genügend Raum

 

Skandinavischer Stil mit Charme: Das Bordrestaurant

 

In der Panorama-Lounge hat man freien Blick aufs Meer – oder die Leinwand

 

Die Bibliothek ist mit Reiseliteratur und populärwissenschaftlichen Büchern gut bestückt

 

Gemütlich bis elegant: Der BREMEN-Club, Treffpunkt an Bord

 

Vor dem Restaurant warten zwei Terminals auf e-Post.

 

Nicht riesig, aber genug für die BREMEN-Klientel: Das Fitness-Center

 

Klein mit gutem Service und Massage-Angebot: Friseur- und Beauty-Salon

 

Erstaunlich weitläufig für die kleine BREMEN: Pool mit Sonnendeck

 

Für BREMEN-Größe eine Riesen-Sauna wartet auf Gesundheitsbewusste

 

Eine kleine, holzbelegte Promenade beginnt beidseitig am Achterdeck 

 

Das kleine Achterdeck wird mittags schick zum Essen eingedeckt

 

Die meisten Passagiere geben mittags dem Buffet auf dem Achterdeck den Vorzug

 

14 eistaugliche Motorschlauchboote bringen die BREMEN-Passagiere an Land

 


 

Dieses Schiffsportrait entstand an Bord der BREMEN vom 8. bis 20. Oktober 2005 und wurde am 13. Juli 2006 aktualisiert.