SEGELN AUF DEN BRITISH VIRGIN ISLANDS

KARIBIK TROPHY


Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Das Mini-Eiland Sandy Cay dient vielen Schiffen, die zur nördlichsten Jungferninsel Anegada segeln, als Zwischenstopp für ein Sonnenbad am weißen Bilderbuchstrand.


„Zwei Obamas”, verlangt Fred. Grinsend schiebt der Barkeeper dem Taxifahrer zwei Flaschen Bier rüber. „Présidente” steht auf dem Etikett. Die Männer vor und hinter dem Tresen sind schwarz und stolz, dass es Barack geschafft hat, auch wenn er gar nicht ihr Präsident ist. Vor 175 Jahren waren die meisten Bewohner der British Virgin Islands noch Sklaven. „Die BVI’s sind nicht so weit weg von den Staaten”, meint Fred und legt zehn US-Dollar auf den Zahlteller.

Draußen warten Segler mit vollen Einkaufstüten, die zum Yachthafen von Roadtown wollen. „Alles Proviant. Es gibt nicht auf jeder Insel Geschäfte”, kommentiert Ulrike aus Mannheim, die sich bereits auskennt. Zum vierten Mal freut sich die junge Angestellte auf die Karibik Trophy.

Die British Virgin Islands vereinen tropisch-karibisches Flair mit idealen Segel-Bedingungen für Anfänger wie alte Seehasen. Bei karibischem Sonnenschein und einer leichten Brise verlassen am nächsten Morgen 19 Schiffe einschließlich Techniker-Boot die Bucht in Richtung Sir Francis Drake Channel. Die Crews der Einrumpfyachten und Katamarane kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Einige sind komplett angereist, andere haben einzeln gebucht und ihr Team gerade erst kennengelernt. Die jüngsten sind noch in der Ausbildung, die ältesten kriegen schon eine Weile Pension. Manche segeln zum ersten Mal, viele wissen bereits wie Ulrike, was sie erwartet: zehn Tage Einssein mit Himmel und Meer, Erholung, Spaß und Abenteuer auf einem Törn rund um die Britischen Jungferninseln, einem sonnigen, gutgelaunten Segelrevier zwischen Atlantik und Karibik, von dem Kenner behaupten, es sei das beste der Welt.

Wettfahrtleiter Roland Troester, der zu Hause am Bodensee als Förster arbeitet und schon auf allen Weltmeeren gesegelt ist, findet die BVI’s auch für Segel-Unerfahrene sehr geeignet: „Die Strecken zwischen den Inseln sind nicht lang. Das fördert die Moral genauso wie das gute Wetter. Selbst wenn der Seegang mal ein bisschen stärker ist, wirkt das mit blauem Himmel anders als bei grauen Wolken.”

Die lichtüberfluteten Hänge von Tortola verschwinden allmählich am Horizont, das unbewohnte Pelican Island und die bizarren Felsen von The Indians werden passiert. Das erste Tagesziel ist Norman Island. Die malerische Bucht The Bight hätte kein Künstler vollendeter arrangieren können. Zwischen tiefblauem Himmel und türkisfarbenem Meer quillt tropisches Grün wie dicker Samt über Berge und Hügel, umsäumt von weißem Sand und kahlen, senkrecht in die ruhige Brandung fallenden Felsen. Versteckt hinter Kokospalmen, liegt The Pirates, Bar, Restaurant und Souvenirshop, wo der einträgliche Mythos am Leben gehalten wird, Norman Island sei „Die Schatzinsel” von Robert Louis Stevenson. Der schottische Erfolgsautor war niemals hier, jedoch zahllose Seeräuber, vielleicht auch mit ihren Schätzen.

Während die letzten Yachten vor Anker gehen, testen die ersten Crews die entgegen gesetzte Aussicht, Strandliegen und Cocktailkarte. Hinter ihnen schleppen Männer blankpolierte Schüsseln und Tonnen durch den Sand. Es ist eine karibische Steelband mit ihren Drums und Pans, die wenige Stunden später die ohnehin schon feuchtheiße Luft zum Brodeln bringt. Die ganze Bucht vibriert von ihrem hellen Klingelklang. Alle tanzen und genießen es, in einem Trauminseltraum zu sein. Wer danach immer noch nicht schlafen will, fährt mit dem Dinghi hinüber zum Barschiff WILLI T. Bald geht die Sonne auf.

 

Bevor die Fun-Regatta zu ihrem ersten Rennen an den Start geht, gibt eine Delfinschule eine beeindruckende Synchron-Vorstellung. Im Dickicht der liegenden Schiffe tauchen und springen die zirka 20 Tiere, als sei es das normalste von der Welt. Wer würde nicht gern so elegant durch die Wellen gleiten können? Nach einem guten Frühstück hissen die Besatzungen die Segel und vertrauen sich dem Wind und den Navigierkünsten ihrer Skipper an. Wie unterschiedlich die seemännischen Fertigkeiten sind, ist schon nach wenigen Minuten zu sehen. „Darauf kommt es nicht an”, ist Hartmut Holtmann überzeugt. „Die Hauptsache, alle haben Spaß dabei”, sagt der Stuttgarter Segelreiseveranstalter, der diese Karibik Trophy zusammen mit dem BVI Tourist Board organisiert und als erfahrener und begeisterter Segler selber immer mitten drin ist. Den Anstoß zu dem jährlichen Event, das unter der Regie von KH+P yachtcharter im November 2010 zum 21. Mal stattfindet, hatte 1990 die Friedrichshafener Messe Interboot gegeben.

Zweimal werden Pelican Island und Great Thatch umrundet. Belohnungen sind nicht nur dem Siegerschiff gewiss. Die exotische Bilderbuchidylle der kleinen Palmeninsel Sandy Cay entschädigt selbst die ersten Fälle leichter Seekrankheit im Nu. Doch damit nicht genug. Auch wenn gar nichts wehtut, können sich am Abend in Soper’s Hole alle mit „Pusser’s Painkiller” behandeln lassen. Das hochprozentige Nationalgetränk der BVI’s, bestehend aus vier Teilen Ananas- und je einem Teil Orangensaft und Kokosnusskrem sowie einem guten Schuss Pusser’s Rum, gecrashtem Eis und einer Prise frischgeriebener Muskatnuss, ist eng mit der Geschichte der Royal Navy verbunden. Seit 300 Jahren ist die legendäre Schnapsmarke offizieller Lieferant der königlich-britischen Flotte. Die Feinheiten beim Zubereiten des seglerfreundlichen Schmerztöters verrät den Trophy-Teilnehmern später sein Erfinder und heutiger Pusser’s-Eigentümer, Charles Tobias, höchstpersönlich bei einem Painkiller-Seminar auf seiner Privatinsel Marina Cay.

Bevor es weiter geht nach Jost van Dyke, das nach einem berühmten holländischen Piraten benannt wurde, nutzt man den Aufenthalt auf Tortola zu einer Erkundung der Hauptinsel. Mit einem Taxi-Guide geht es bei atemberaubenden Aussichten über steile Bergstraßen bis nach Roadtown mit seinen bunten Wohn- und Geschäftshäusern. Einige ältere Gebäude wie Kirche oder Post oder Teile des Fort Burt Hotel, das auf den Ruinen einer 300 Jahre alten Festung errichtet wurde, stammen noch aus der Kolonialzeit. Nach Columbus, der die Inseln 1493 entdeckte und nach den 11.000 Jungfrauen der Heiligen Ursula benannte, von Spanien, später den Niederlanden besetzt, kamen 1672 die Briten und machten viele der Inseln zu Zuckerrohrplantagen, auf denen sie Afrikaner als Sklaven arbeiten ließen. Alte Zuckermühlen, renoviert und zu modernen Restaurants umgebaut, erinnern daran. So etwa im eleganten Long Bay Beach Resort an der Nordküste Tortolas oder im benachbarten, romantischen Sugar Mill Hotel, das zu den besten in der ganzen Karibik gehört.

„Wem es dort zu teuer ist, der wird auch bei Mrs. Scatliffe satt”, weiß Egbert, der Taxi-Touristenführer. In ihrem Wohnhaus ganz in der Nähe kocht die alte Dame für Liebhaber westindischer Küche und bewirtet sie bei sich zu Hause. „Ihre Chicken-Curries, die sie in Kokosnussschalen serviert, sind ein Traum”, schwärmt der 56-jährige. Und noch eine berühmte Adresse in der Carot Bay zeigt der Inselguide: die

 

Bar „Bomba Shack” – nicht mehr als ein Verschlag im Sand aus bunt bemalten Brettern, Blech und Pappen, und doch eine Institution. Jeden Monat feiern hier mehrere Hunderte Leute die berüchtigten Vollmondparties – mit viel Alkohol, Musik und „Mushroom-Tea” (für zehn Dollar, die Tasse zum Mitnehmen). Wie Trophäen hängen Bikinis an Wänden und Decken.

Wieder auf hoher See, genießen die Liebhaber längerer Segelstrecken die Fahrt nach Anegada. Vorbei an The Baths, einer bizarren Ansammlung gewaltiger glatter Felsen mit Höhlen und Pools an der Südküste der zweitgrößten Insel Virgin Gorda, der „dicken Jungfrau”. Kündigen sich die anderen der rund 60 Britischen Jungferninseln schon aus der Ferne mit aufragenden Silhouetten an, empfängt das einzige Korallen- und Kalksteinatoll die Ankommenden nur als flacher Strich in der Landschaft. Bewohnt von Leguanen und Flamingos sowie frei lebenden, „jagdbaren” Rindern, Schafen und Ziegen, ist das von unzähligen Riffen umgebene Anegada vor allem bei unterwasseraktiven Feinschmeckern begehrt. Tagsüber geht man schnorcheln und tauchen, abends speist man Fisch und Hummer – angeblich so gut wie nirgendwo sonst in der Karibik.


An- und Einreise: Mit Air France (Telefon 01 80-583 08 30) von Frankfurt am Main via Paris und St. Martin, oder mit Condor  (Telefon 01 80-576 77 57) nonstop von Frankfurt via Antigua, innerkaribische Weiterflüge von St. Martin oder Antigua nach Tortola mehrmals täglich mit Liat und Winair, Flugzeit ab St. Martin (SXM) etwa 40 Minuten, ab Antigua (ANU) zirka eine Stunde 25 Minuten. Ein Visum für die BVI’s ist nicht erforderlich, gültiger Reisepass genügt.

Ganzjährig herrscht tropisch warmes Klima mit Temperaturen zwischen 24 und 32 Grad. Im Herbst ist mit kurzen Regenschauern zu rechnen. Hauptsaison ist von Dezember bis April, Reisen ist zu jeder Zeit gut möglich.

vom 20. November bis zum 5. Dezember 2010: Die beliebte Fun-Regatta startet in diesem Jahr mit einem neuen Programm, dem „Großen Inselcocktail”. Das heißt sportliches Segeln im Passat von Guadeloupe zum ersten Mal nach Dominica, mit Marie Galante, Les Saintes, Montserrat, Antigua, Barbuda, St. Barts nach St. Martin. Yachten und Katamarane für Einzelbucher und komplette Crews, auch für Neueinsteiger geeignet. Regattakenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Die preisgünstige Zubringerflotte z. B. ab Martinique bietet Langstrecken und weitere Inseleindrücke. Verlängerungsprogramm an Bord und an Land möglich.

Angeboten werden die Modelle Sun Odyssey 39i Premier (mit drei Kabinen), Oceanic 473 (vier Kabinen) und Katamarane vom Typ Lagoon 410 für vier bis acht Personen.

Die Preise hängen von Schiffstyp und Buchungsart (einzeln oder als komplette Crew) ab. Beispiel: Selbstfahrer auf einem Dreikabiner mit sechs Personen inklusive aller Flüge, Regatta- und Rahmenprogramm mit Welcome-Cocktails, Siegerparty mit Buffet, Abendveranstaltungen und Erinnerungspreisen, Endreinigung, Außenborder, Bettwäsche, Handtücher, Crew-Shirts und -caps u.a. ab 1.940 Euro. Im Preis nicht enthalten sind Liegegebühren vor Ort, Flughafengebühren, Departure Tax, Wasser und Diesel, sowie Bordverpflegung.

Insgesamt stehen auf den BVI’s etwa 1300 Zimmer in rund 100 Hotels, Appartment-Häusern, Pensionen und Villen zur Verfügung. In der gehobenen Klasse kostet die Nacht pro Person zwischen 100 und 500 US-$, in der mittleren 50 bis 100 US-$. Pensionen und Privatzimmer gibt es ab 40 US-$ pro Person pro Nacht. Außerhalb der Saison gibt es vielerorts bis zu 40 Prozent Rabatt. Beispiele für die gehobene Kategorie: The Sugar Mill Hotel (Telefon +284-495-43 55) Tortola (Zimmer in verschiedenen Preiskategorien von Deluxe Accomodation über Pool Suites und Plantation House Suites bis zu Cottages und Deluxe Villas) oder, ebenfalls in Tortola, das Long Bay Beach Resort (Telefon +44 870 160 9645) mit Villen im Plantagenhaus-Stil, mit Sommer-Special gibt es dort das Zimmer pro Nacht ab 149 US-$ plus Steuern oder als Drei-Tage-Package mit täglich amerikanischem Frühstück, Mietwagen für einen Tag sowie einer Tagessegeltour zu einer Nachbarinsel mit Lunch, Getränken und Schnorchelausflug ab 599 US-$ pro Person.

The Pirates, Bar und Restaurant auf Norman Island serviert Blackbeard’s Barbequed Ribs mit Beilagen für 22 US-$, als Appetizer-Portion für 13 US-$. Alle Kindermenüs werden für 8 US-$ (zum Beispiel Chicken Fingers mit Pflaumensoße) angeboten. Im Big Bamboo Restaurant an der Loblolly Bay auf Anegada (Telefon +284 499-1680) kann man einen frisch gefangenen, gegrillten Hummer für 32 US-$ genießen. Alle anderen Gerichte kosten zwischen 14 und 30 US-$ (Lunch) bzw. 20 und 40 US-$ (Dinner). Wer Jost van Dyke besucht, darf Foxy’s Bar nicht vergessen. Die kultige Strandkneipe, zugleich Minibrauerei, ist täglich geöffnet, bietet verrückte Cocktails wie Wreck on the Rocks oder Vanilla Killa und die ausdauerndsten Tanzparties.

Offizielle Währung auf den BVI’s ist der US-Dollar. Bezahlen kann man auch mit Travellerschecks oder Kreditkarten. Bankautomaten geben Bargeld auf EC-Karten mit PIN. Bargeldumtausch von Euro zu US-$ ist schwierig.

Im Sommer liegt die Zeit auf den BVI’s sechs Stunden von der Mitteleuropäischen Zeit zurück, im Winter fünf.

unter KH+P yachtcharter (Telefon 07 11-63 82 82) sowie beim Fremdenverkehrsamt der Britischen Jungferninseln c/o TravelMarketing Romberg (Telefon 02104-28 66 7).

Foto: Carsten Heinke, Leipzig
Die Hauptinsel Tortola ist mit einer Fläche von 19 x 5 Kilometer die größte der Britischen Jungferninseln. Die meisten der 14.000 Einwohner leben in der Hauptstadt Road Town, wo sich auch der internationale Flughafen befindet. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Archipel von einer dichten tropischen Pflanzendecke überwuchert.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig Eindrücke von der Karibik Trophy. Im Hintergrund zu sehen ist Great Thatch. Die westlich von Tortola liegende unbewohnte Insel wurde 1997 von seinen ehemaligen Privatbesitzern an den Staat zurückgegeben und ist seitdem ein Nationalpark.

 


Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Wenn sich die Sonne neigt, werden die Liegeplätze rund um die Britischen Jungferninseln wie hier kurz vor Jost van Dyke immer knapper. Doch auch wenn die Segler aus aller Welt kommen, ist die Wahrscheinlichkeit, neben einem Schiff mit deutscher Besatzung zu ankern, gar nicht so gering. 

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Der Weg nach Spanish Town führt vorbei an The Baths, einer bizarren Felsformation an der Südküste der drittgrößten Insel Virgin Gorda. Ihren Namen verdankt die dicke Jungfrau ihrem Entdecker Columbus ...

 

... den ihre Umrisse an eine mollige Schöne erinnerten. Die gewaltigen Granitbrocken von The Baths bieten Strandgängern abenteuerliche Spaziergänge durch natürliche Grotten sowie Klettertouren.

Der Hafen von Spanish Town, zweitgrößter Stadt der BVIs und Hauptort der Insel Virgin Gorda, gehört mit seiner belebten Marina zu den beliebtesten Ankerplätzen. Hier gibt es jede Menge Restaurants, Bars und Shops.

 

Kurz vor Peter Island liegt das Piratennest Dead Chest. Lange Zeit diente die kleine Insel Seeräubern als Verbannungsort. Wer ihnen nicht in den Kram passte, wurde dort ausgesetzt.

Nach dem Einfädeln durch die enge Zufahrt des Gorda Sound liegt die von fast allen Seiten umschlossene Bucht wie ein Traumbild vor den Seglern. Hier können es selbst die ungeduldigsten Wellen-Abenteurer eine Weile aushalten.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Im Restaurant Pussers Landing in Soper's Hole am West End von Tortola ...

 

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

... genießt man den Pussers Painkiller stilecht aus bunt bemalten Blechtöpfen.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Da man auf Anegada die besten gegrillten Hummer bekommt, zieht die nördlichste Britische Jungferninsel viele Feinschmecker an. Die Segler kommen mit Dinghis.

 

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Geschafft – ein Etappensieger der Karibik Trophy läuft kurz vor Anegada über die Ziellinie. Nun schnell ins Wasser – denn wer eher ankommt, kann länger baden.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Wer den Sonnenuntergang auf dem Meer erleben will, muss sich beeilen, den Liegeplatz bis zur völligen Dunkelheit zu erreichen. Bis dahin helfen gut sichtbare Markierungen beim Umschiffen der Korallenbänke, die viele Jungferninseln umgeben.