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Werte
Kongressteilnehmer, sehr geehrte Damen und Herren, vor 10 Tagen kehrte ich
aus der Antarktis von meiner 113. Reise seit 1977 zurück. Das sind 33 Jahre
Antarktis-Erfahrung und Beobachtungen zwischen der Peninsula bis nach
McMurdo, der US-Station in direkter Südpolnähe, die ich in meinem
Berufsleben nicht missen möchte. Auch 2011 und 2012 stehen die gleichen
Ziele auf dem Fahrplan, zuzüglich der jährlichen Grönlandreisen. Nicht nur
ein unheilbarer Antarktis-Bazillus verharrt konstant in meinem Körper, nicht
nur die immer geforderte Seemannschaft, Schiffsführung, oft wechselnde
Wettergeschehnisse, Naturereignisse, einmalige Tierbeobachtungen und
ständige Beobachtungen zur Erwärmung und deren Folgen. Das ganze Paket
solcher Reiseziele, ob von Argentinien oder Neuseeland, Kurs südwärts
steuernd, ist und bleibt einmalig.
Wir haben angefangen, den Planeten Antarktis zu verstehen: Zweimal so groß
wie Australien, 13,2 Millionen Quadratkilometer bedeckend. Vor etwa 30
Millionen Jahren traten die ersten Eisfelder auf, seit 5 Millionen Jahren
dicker Eispanzer, 98 Prozent der Antarktis sind von Schnee und Eis bedeckt.
Seit 1820 von Seefahrern erschlossen und seit 1959 der politische Status
durch den Antarktisvertrag der 45 Nationen bis 2041 geregelt. Erst seit 1955
stehen komplette Seekarten zur Verfügung.
Alle Bewegungen beschleunigen sich inzwischen. Millionen von Jahren fiel nie
ein Tropfen Regen in der Antarktis, sondern nur Schnee. Seit nun etwa 1975
wurde es ganz langsam bis heute 1,7 Grad Celsius wärmer. Es regnet. Die
Antarktis war ja bisher – wie der Mond – in weiter, weiter Ferne. Hier, wo
Schönheit und für uns Verantwortung zusammentreffen, tragen wir Menschen nun
doch wirklich verstärkt große, sehr große Verantwortung für diesen
einmaligen Kontinent.
Nur ein nachhaltiges Verhalten sichert unsere Zukunft. Trotzdem steuern wir
auf keinen Fall auf eine Klimakatastrophe zu, wie leider jetzt oft und
weltweit verbreitet wird. Oft ist zu vermerken, dass die Masse Mensch solche
Hysterie-Gebärden einfach benötigt – wie das Luft holen. Wir 6,8 Milliarden
Erdenbewohner müssen uns langsam aber konstant und dabei sicher an eine
Klimaänderung annähern, gewöhnen und anpassen. Fazit: keine Katastrophe ist
am Horizont! Und eine Klimaerwärmung ist keine neue Erfindung – bereits vor
300 Millionen Jahren gab es eine Erwärmung, jedoch ohne Menschen.
Eisbohrkerne beweisen es.
Unsere 7 Weltmeere beeinflussen unser tägliches Wetter und das Klima und
künstliche Chemikalien sind die Ursache des Ozonlochs. Die Welt bewegt sich
auf „dünnem Eis”. Diese wichtige Frage steht im Raum: Kann die Erwärmung
noch gestoppt werden? Antwort: eindeutiges NEIN!
Aus der Praxis meiner Antarktisreisen zwischen Dezember und Februar von 1977
bis 2010 ist zu berichten:
Befuhr mit 7 Schiffen unterschiedlicher Eisklassen die schönsten Passagen,
Straßen und Kanäle von Neumayer-Kanal, Lemaire-Kanal, Penola-Straße,
Paradiesbucht, Erera Channel, Antarctic Sound, MCM Bucht bis in Südpolnähe,
den dortigen 11 Seemeilen langen Eiskanal, die Polynja in der Ross See.
Seit etwa 8 Jahren sind mein Einsatz und die Wach-Stunden im direkten
Brückendienst geringer geworden. Wo wir uns zuvor 3 Tage durch den
Neumayer-Kanal kämpften und Scholle für Scholle beiseite boxten, Growler für
Growler wegdrückten mit vielen blauen Multi-Eisbrocken dazwischen, dauert
die Passage heute 3 Stunden. Die Strecke ist fast eisfrei geworden, ohne die
harten blauen Stücke dazwischen so auch in den eben genannten anderen
Passagen.
Die Anzahl der Eisberge hat NICHT abgenommen – unverändert treiben cirka
200.000 zu dieser Stunde um die ganze Antarktis. Auch sind diese Abbrüche
nicht geringer geworden.
Beispiel: Die einsamste Insel der Welt „Peter eins” in der Bellinghausen See
– zwischen der Ross Sea und der britischen Rothera Station, seit der
Entdeckung 1773 von Bellingshausen – fest im ewigen Packeis eingeschlossen,
ist heute fast eisfrei und für eine Anlandung mit dem Schlauchboot zu
erreichen. Selbst der Entdecker konnte nicht an seiner Insel anlanden. Ich
hatte das Glück einer Anlandung während diverser Semicircumnavigation-Reisen
von Neuseeland nach Ushuaia, 8000 Seemeilen in 28 Tagen.
Die Ausdehnung des Treibeisgürtels, die so genannte Packeiszone, um den
antarktischen Kontinent, unterliegt ausgedehnten jahreszeitlichen und
regionalen Unterschieden.
Die maximale Eisausdehnung wird in der Regel Ende September/Anfang Oktober
erreicht. Das Minimum der Meereseisbedeckung von im Mittel 3,0 Millionen
Quadratkilometern fällt durchschnittlich in den Zeitraum Ende Februar/Anfang
März. Es überdauern nur etwa 10 bis 20 Prozent der winterlichen Eisbedeckung
den sommerlichen Abschmelzprozess und retten sich in eine neue Eissaison
hinüber. Entsprechend der geringen Eisausdehnung während der Sommermonate
ist entlang der meisten Küstenabschnitte vorwiegend offenes Wasser
anzutreffen. Eine Ausnahme davon bildet die westliche Weddell-See
hervorgerufen durch den variablen Küstenstrom. Weitere größere Eisfelder
sind auch in der östlichen Ross-See und westlich der Balleny-Inseln
anzutreffen. Balleny: Wenn man von Neuseeland nach Süden dampft zu den
Campbell, Auckland und Macquarie Inseln.
Eisdicken: Das Meereis im südlichen Ozean setzt sich vorherrschend aus
erstjährigem Eis zusammen und erreicht eine maximale Dicke von 1 bis 2,4
Metern unter dem Einfluss von Wind (katabatische Winde) und Strömungen,
unterschiedlich in Eisrandzonen. Ein Gebiet, in dem Eispressungen und
entsprechend schwierige Packeisbarrieren vorherrschen, ist in der westlichen
Weddell-See. Durch den Antarctic Sound fährt man gerne jede Reise ein Stück
in die Weddell-See, um die sagenhaften Tafeleisberge mit Sicherheit
anzutreffen und dort fünf Reiseziele zu besuchen, obwohl hier öfters
Starkwinde die Kurse ziemlich beeinträchtigen.
Der
Vergleich von Eiskarten zeigt, dass z.B. in der Bellingshausen See im Januar
2008 deutlich mehr lockeres bis sehr dichtes Treibeis vorhanden war als
2010. Weiter nordwärts war die Westseite der Antarktischen Halbinsel eines
der Hauptbesuchsgebiete für Kreuzfahrtschiffe in beiden Jahren, da nahezu
meereisfrei! |
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Der antarktische Ozean wird
ständig von Stürmen gepeitscht, so dass hier die Eisbildung auf der rauen
See nie in Körnchen bzw. Pfannkucheneis abläuft. Mehrjähriges Eis gibt es
lediglich noch in der Weddell-See.
Der Untergang der ENDURANCE von Ernest
Shackleton war vor fast 100 Jahren. Der Druck drängte Eismassen unter den
Kiel und verursachte die schwere Schlagseite und das Sinken des
Holzschiffes.
In der Antarktis gibt es eine Region, die besonders vom Klimawandel
betroffen ist, das ist der Westteil der Antarktischen Halbinsel. Dort sind
in den letzten 50 Jahren die Temperaturen um 5 Grad Celsius gestiegen, auch
die Wassertemperaturen an der Oberfläche. Dadurch kommt es zum Rückgang des
mehrjährigen Eises, das hier den Sommer übersteht. Die Packeis-Saison im
Winterhalbjahr hat in den letzten 25 Jahren um 85 Tage abgenommen,
gleichzeitig ging die Packeisbedeckung zurück. Das macht sich vor allem an
der Spitze der Halbinsel bemerkbar und hat Auswirkungen auf das Leben im
Wasser. In den antarktischen Meeren wimmelt es von riesigen Krill-Schwärmen.
Weniger Packeis ist die Ursache für den Rückgang der Kieselalgen, die an der
Unterseite des Eises im Winter leben. Die Hauptnahrung des Krills. Die
Bestände haben sich halbiert. Deshalb der Rückgang der Adelie Pinguine, es
sind nur noch 20 Prozent der Brutpaare vorhanden. Der Rückgang des Packeises
ist dramatisch für die Brutgebiete der Kaiserpinguine, die nur auf dem
Festeis brüten.
Inland-Gletscher werden schneller, ein permanenter Vorgang, der mitunter
Eisberge von der Größe des Saarlandes erzeugt, ist teilweise auf die
Klimaerwärmung zuzuführen, ebenso Abbrüche vom Larsen Schelf.
Es gibt noch viel Unbekanntes in der Westantarktis. Forscher warnten
bereits, die Westantarktis drohe zu kippen, denn die Eismassen in der
westlichen Antarktis reagieren besonders empfindlich auf die globale
Erwärmung. Dazu gehöre der Abbau des Schelfeises, der vor allen von unten
durch die warme Meeresströmung geschieht, sowie dessen Geschwindigkeit. Vom
Schmelzen des Schelfeises wird das Meeresniveau hingegen nicht verändert.
Wir besuchten vor zwei Wochen die ukrainische Antarktis-Station Vernadsky
(ex UK Faraday) wiederholt – eben nördlich des südlichen Polarkreises – hier
wurde ja das Ozonloch überhaupt festgestellt.
Dieses Ozonloch dürfte sich bis 2065 (!) langsam erholen – dank
internationaler Abkommen zwecks reduzierter Anwendung von FCKW – hat jedoch
jetzt noch die Größe von Nordamerika.
In Luftschichten zwischen 13 und 21 Kilometern Höhe gibt es so gut wie kein
Ozon. Allerdings haben viele Chemikalien leider doch eine sehr lange
Lebensdauer in der Atmosphäre, so dass ein Abbau dieser schädlichen
Substanzen äußerst langsam ist. Die Atmosphäre der Erde erholt sich
schneller als bislang gedacht. Dass Ozonloch ist keine ständige Erscheinung
in der Antarktis! Das wäre ja schlimm! Je dünner die Ozonschicht ist, desto
mehr ultraviolette Strahlung erreicht den Boden der Erde. Ganz klar und
allen bestens vertraut. Dies kann empfindliche Pflanzen zerstören, die am
Anfang der Nahrungskette stehen. Beim Menschen kann die erhöhte
ultraviolette Strahlung zu Hautkrebs, Augenschäden und anderer Krankheiten
führen. Die Stationsbewohner der über 50 Antarktis-Stationen schützen sich
seit Jahren vorbildlich.
Mit 42 (!) Passagierschiffen kreuzten wir im letzten antarktischen Sommer
bis Februar 2010 in der Antarktis. Durch die Größe der Antarktis treffen
sich die Schiffe selten. 1977 waren wir nur mit zwei Schiffen in diesem
Fahrtgebiet: LINDBLAD EXPLORER
und WORLD DISCOVERER.
Gefahr für die Besucher und Besatzung durch das Ozonloch besteht nicht,
durch die sehr kurze, nur jeweils einwöchige Aufenthaltszeit.
Die beiden zum Teil größten Gletscher der Welt machen seit Tagen von sich
reden; Mertz- und Ninnis-Gletscher südlich des magnetischen Südpols. Von
dort löste sich B9B nach einer gegenseitigen Kollision. B9B, 400 Meter dick,
Tiefgang über 200 Meter, Gewicht 700 Milliarden Tonnen. Die Ablösung einer
solch riesigen Eisfläche kommt in der Antarktis nur alle paar Jahrzehnte
einmal vor. Hatte die Gelegenheit, beide riesigen Gletscher in den Vorjahren
und die französische Station Dumont d’Urville und die Mawson Station zu
besuchen.
Nun zum Abschluss ein Ausblick: Unabhängig von zukünftigen möglichen
Veränderungen der Meereisverhältnisse in der Antarktis, ist zum jetzigen
Zeitpunkt zumindest ein positiver Trend sprich Eiszunahme nicht
ausgeschlossen. Um genauere Vorhersagen der Antarktiszukunft zu ermöglichen,
sind mehr Anstrengungen der Forschung erforderlich, denn es gibt noch viele
unbekannte Größen, wie der Abbau des Schelfeises. Der antarktische Kontinent
ist in jeder Hinsicht ein klimatischer Extremfall.
Unabhängig von möglichen Trends in der Entwicklung der Eisverhältnisse,
findet die Eisfahrt in einem sehr sensiblen Ökosystem statt. Entsprechend
streng sind daher die Vorschriften des Umweltschutzprotokolls zum
Antarktisvertrag an Mensch und Technik für die genehmigungspflichtige
Durchführung.
Obwohl die Antarktis sehr weit weg ist von unserer Heimat, haben wir auf der
Nordkalbkugel einen entscheidenden Einfluss darauf, wie es weitergehen wird.
Nicht nur natürliche Faktoren bestimmen die Veränderung des Klimas und damit
auch die Eissituation in der Antarktis, sondern in zunehmenden Maße wir,
wenn wir Treibhausgase, insbesondere CO2, erzeugen.
Wenn wir die Einmaligkeit dieses Kontinents erhalten wollen, müssen wir
nicht nur vor Ort die Pinguine im 5-Meter-Abstand vor jeder Person schützen,
wie wir es laut der IAATO streng durchführen, sondern auch verantwortlich
mit der Produktion von Klimagasen umgehen.
Der Schiffsführung von Kreuzfahrtschiffen in der Antarktis obliegt somit
eine ganz besondere Verantwortung zum Einen für die Sicherheit der Menschen
(Crew und Gäste) an Bord, zum Anderen für den Schutz der Natur, in der sie
sich bewegen. Und all dies ist mit den Ansprüchen der Passagiere nach einem
besonderen Naturerlebnis zu vereinen. Für mich gilt weiterhin das Motto: ICE
IS NICE. Ahoi |