DER EISKAPITÄN

AUSGABE 3/2010


Foto: © Kapitän Heinz Aye

Kapitän a.D. Heinz Aye in seinem Antarktis-Outfit als legendärer Icemaster. Am 6. März sprach er zum 5. ExtremWetterKongress im „Klimahaus® 8° Ost” Bremerhaven.  


Werte Kongressteilnehmer, sehr geehrte Damen und Herren, vor 10 Tagen kehrte ich aus der Antarktis von meiner 113. Reise seit 1977 zurück. Das sind 33 Jahre Antarktis-Erfahrung und Beobachtungen zwischen der Peninsula bis nach McMurdo, der US-Station in direkter Südpolnähe, die ich in meinem Berufsleben nicht missen möchte. Auch 2011 und 2012 stehen die gleichen Ziele auf dem Fahrplan, zuzüglich der jährlichen Grönlandreisen. Nicht nur ein unheilbarer Antarktis-Bazillus verharrt konstant in meinem Körper, nicht nur die immer geforderte Seemannschaft, Schiffsführung, oft wechselnde Wettergeschehnisse, Naturereignisse, einmalige Tierbeobachtungen und ständige Beobachtungen zur Erwärmung und deren Folgen. Das ganze Paket solcher Reiseziele, ob von Argentinien oder Neuseeland, Kurs südwärts steuernd, ist und bleibt einmalig.
Wir haben angefangen, den Planeten Antarktis zu verstehen: Zweimal so groß wie Australien, 13,2 Millionen Quadratkilometer bedeckend. Vor etwa 30 Millionen Jahren traten die ersten Eisfelder auf, seit 5 Millionen Jahren dicker Eispanzer, 98 Prozent der Antarktis sind von Schnee und Eis bedeckt. Seit 1820 von Seefahrern erschlossen und seit 1959 der politische Status durch den Antarktisvertrag der 45 Nationen bis 2041 geregelt. Erst seit 1955 stehen komplette Seekarten zur Verfügung.
Alle Bewegungen beschleunigen sich inzwischen. Millionen von Jahren fiel nie ein Tropfen Regen in der Antarktis, sondern nur Schnee. Seit nun etwa 1975 wurde es ganz langsam bis heute 1,7 Grad Celsius wärmer. Es regnet. Die Antarktis war ja bisher – wie der Mond – in weiter, weiter Ferne. Hier, wo Schönheit und für uns Verantwortung zusammentreffen, tragen wir Menschen nun doch wirklich verstärkt große, sehr große Verantwortung für diesen einmaligen Kontinent.
Nur ein nachhaltiges Verhalten sichert unsere Zukunft. Trotzdem steuern wir auf keinen Fall auf eine Klimakatastrophe zu, wie leider jetzt oft und weltweit verbreitet wird. Oft ist zu vermerken, dass die Masse Mensch solche Hysterie-Gebärden einfach benötigt – wie das Luft holen. Wir 6,8 Milliarden Erdenbewohner müssen uns langsam aber konstant und dabei sicher an eine Klimaänderung annähern, gewöhnen und anpassen. Fazit: keine Katastrophe ist am Horizont! Und eine Klimaerwärmung ist keine neue Erfindung – bereits vor 300 Millionen Jahren gab es eine Erwärmung, jedoch ohne Menschen. Eisbohrkerne beweisen es.
Unsere 7 Weltmeere beeinflussen unser tägliches Wetter und das Klima und künstliche Chemikalien sind die Ursache des Ozonlochs. Die Welt bewegt sich auf „dünnem Eis”. Diese wichtige Frage steht im Raum: Kann die Erwärmung noch gestoppt werden? Antwort: eindeutiges NEIN!
Aus der Praxis meiner Antarktisreisen zwischen Dezember und Februar von 1977 bis 2010 ist zu berichten:
Befuhr mit 7 Schiffen unterschiedlicher Eisklassen die schönsten Passagen, Straßen und Kanäle von Neumayer-Kanal, Lemaire-Kanal, Penola-Straße, Paradiesbucht, Erera Channel, Antarctic Sound, MCM Bucht bis in Südpolnähe, den dortigen 11 Seemeilen langen Eiskanal, die Polynja in der Ross See.
Seit etwa 8 Jahren sind mein Einsatz und die Wach-Stunden im direkten Brückendienst geringer geworden. Wo wir uns zuvor 3 Tage durch den Neumayer-Kanal kämpften und Scholle für Scholle beiseite boxten, Growler für Growler wegdrückten mit vielen blauen Multi-Eisbrocken dazwischen, dauert die Passage heute 3 Stunden. Die Strecke ist fast eisfrei geworden, ohne die harten blauen Stücke dazwischen so auch in den eben genannten anderen Passagen.
Die Anzahl der Eisberge hat NICHT abgenommen – unverändert treiben cirka 200.000 zu dieser Stunde um die ganze Antarktis. Auch sind diese Abbrüche nicht geringer geworden.
Beispiel: Die einsamste Insel der Welt „Peter eins” in der Bellinghausen See – zwischen der Ross Sea und der britischen Rothera Station, seit der Entdeckung 1773 von Bellingshausen – fest im ewigen Packeis eingeschlossen, ist heute fast eisfrei und für eine Anlandung mit dem Schlauchboot zu erreichen. Selbst der Entdecker konnte nicht an seiner Insel anlanden. Ich hatte das Glück einer Anlandung während diverser Semicircumnavigation-Reisen von Neuseeland nach Ushuaia, 8000 Seemeilen in 28 Tagen.
Die Ausdehnung des Treibeisgürtels, die so genannte Packeiszone, um den antarktischen Kontinent, unterliegt ausgedehnten jahreszeitlichen und regionalen Unterschieden.
Die maximale Eisausdehnung wird in der Regel Ende September/Anfang Oktober erreicht. Das Minimum der Meereseisbedeckung von im Mittel 3,0 Millionen Quadratkilometern fällt durchschnittlich in den Zeitraum Ende Februar/Anfang März. Es überdauern nur etwa 10 bis 20 Prozent der winterlichen Eisbedeckung den sommerlichen Abschmelzprozess und retten sich in eine neue Eissaison hinüber. Entsprechend der geringen Eisausdehnung während der Sommermonate ist entlang der meisten Küstenabschnitte vorwiegend offenes Wasser anzutreffen. Eine Ausnahme davon bildet die westliche Weddell-See hervorgerufen durch den variablen Küstenstrom. Weitere größere Eisfelder sind auch in der östlichen Ross-See und westlich der Balleny-Inseln anzutreffen. Balleny: Wenn man von Neuseeland nach Süden dampft zu den Campbell, Auckland und Macquarie Inseln.
Eisdicken: Das Meereis im südlichen Ozean setzt sich vorherrschend aus erstjährigem Eis zusammen und erreicht eine maximale Dicke von 1 bis 2,4 Metern unter dem Einfluss von Wind (katabatische Winde) und Strömungen, unterschiedlich in Eisrandzonen. Ein Gebiet, in dem Eispressungen und entsprechend schwierige Packeisbarrieren vorherrschen, ist in der westlichen Weddell-See. Durch den Antarctic Sound fährt man gerne jede Reise ein Stück in die Weddell-See, um die sagenhaften Tafeleisberge mit Sicherheit anzutreffen und dort fünf Reiseziele zu besuchen, obwohl hier öfters Starkwinde die Kurse ziemlich beeinträchtigen.

Der Vergleich von Eiskarten zeigt, dass z.B. in der Bellingshausen See im Januar 2008 deutlich mehr lockeres bis sehr dichtes Treibeis vorhanden war als 2010. Weiter nordwärts war die Westseite der Antarktischen Halbinsel eines der Hauptbesuchsgebiete für Kreuzfahrtschiffe in beiden Jahren, da nahezu meereisfrei!


Der antarktische Ozean wird ständig von Stürmen gepeitscht, so dass hier die Eisbildung auf der rauen See nie in Körnchen bzw. Pfannkucheneis abläuft. Mehrjähriges Eis gibt es lediglich noch in der Weddell-See.
Der Untergang der ENDURANCE von Ernest Shackleton war vor fast 100 Jahren. Der Druck drängte Eismassen unter den Kiel und verursachte die schwere Schlagseite und das Sinken des Holzschiffes.
In der Antarktis gibt es eine Region, die besonders vom Klimawandel betroffen ist, das ist der Westteil der Antarktischen Halbinsel. Dort sind in den letzten 50 Jahren die Temperaturen um 5 Grad Celsius gestiegen, auch die Wassertemperaturen an der Oberfläche. Dadurch kommt es zum Rückgang des mehrjährigen Eises, das hier den Sommer übersteht. Die Packeis-Saison im Winterhalbjahr hat in den letzten 25 Jahren um 85 Tage abgenommen, gleichzeitig ging die Packeisbedeckung zurück. Das macht sich vor allem an der Spitze der Halbinsel bemerkbar und hat Auswirkungen auf das Leben im Wasser. In den antarktischen Meeren wimmelt es von riesigen Krill-Schwärmen. Weniger Packeis ist die Ursache für den Rückgang der Kieselalgen, die an der Unterseite des Eises im Winter leben. Die Hauptnahrung des Krills. Die Bestände haben sich halbiert. Deshalb der Rückgang der Adelie Pinguine, es sind nur noch 20 Prozent der Brutpaare vorhanden. Der Rückgang des Packeises ist dramatisch für die Brutgebiete der Kaiserpinguine, die nur auf dem Festeis brüten.
Inland-Gletscher werden schneller, ein permanenter Vorgang, der mitunter Eisberge von der Größe des Saarlandes erzeugt, ist teilweise auf die Klimaerwärmung zuzuführen, ebenso Abbrüche vom Larsen Schelf.
Es gibt noch viel Unbekanntes in der Westantarktis. Forscher warnten bereits, die Westantarktis drohe zu kippen, denn die Eismassen in der westlichen Antarktis reagieren besonders empfindlich auf die globale Erwärmung. Dazu gehöre der Abbau des Schelfeises, der vor allen von unten durch die warme Meeresströmung geschieht, sowie dessen Geschwindigkeit. Vom Schmelzen des Schelfeises wird das Meeresniveau hingegen nicht verändert.
Wir besuchten vor zwei Wochen die ukrainische Antarktis-Station Vernadsky (ex UK Faraday) wiederholt – eben nördlich des südlichen Polarkreises – hier wurde ja das Ozonloch überhaupt festgestellt.
Dieses Ozonloch dürfte sich bis 2065 (!) langsam erholen – dank internationaler Abkommen zwecks reduzierter Anwendung von FCKW – hat jedoch jetzt noch die Größe von Nordamerika.
In Luftschichten zwischen 13 und 21 Kilometern Höhe gibt es so gut wie kein Ozon. Allerdings haben viele Chemikalien leider doch eine sehr lange Lebensdauer in der Atmosphäre, so dass ein Abbau dieser schädlichen Substanzen äußerst langsam ist. Die Atmosphäre der Erde erholt sich schneller als bislang gedacht. Dass Ozonloch ist keine ständige Erscheinung in der Antarktis! Das wäre ja schlimm! Je dünner die Ozonschicht ist, desto mehr ultraviolette Strahlung erreicht den Boden der Erde. Ganz klar und allen bestens vertraut. Dies kann empfindliche Pflanzen zerstören, die am Anfang der Nahrungskette stehen. Beim Menschen kann die erhöhte ultraviolette Strahlung zu Hautkrebs, Augenschäden und anderer Krankheiten führen. Die Stationsbewohner der über 50 Antarktis-Stationen schützen sich seit Jahren vorbildlich.
Mit 42 (!) Passagierschiffen kreuzten wir im letzten antarktischen Sommer bis Februar 2010 in der Antarktis. Durch die Größe der Antarktis treffen sich die Schiffe selten. 1977 waren wir nur mit zwei Schiffen in diesem Fahrtgebiet: LINDBLAD EXPLORER und WORLD DISCOVERER.
Gefahr für die Besucher und Besatzung durch das Ozonloch besteht nicht, durch die sehr kurze, nur jeweils einwöchige Aufenthaltszeit.
Die beiden zum Teil größten Gletscher der Welt machen seit Tagen von sich reden; Mertz- und Ninnis-Gletscher südlich des magnetischen Südpols. Von dort löste sich B9B nach einer gegenseitigen Kollision. B9B, 400 Meter dick, Tiefgang über 200 Meter, Gewicht 700 Milliarden Tonnen. Die Ablösung einer solch riesigen Eisfläche kommt in der Antarktis nur alle paar Jahrzehnte einmal vor. Hatte die Gelegenheit, beide riesigen Gletscher in den Vorjahren und die französische Station Dumont d’Urville und die Mawson Station zu besuchen.

Nun zum Abschluss ein Ausblick: Unabhängig von zukünftigen möglichen Veränderungen der Meereisverhältnisse in der Antarktis, ist zum jetzigen Zeitpunkt zumindest ein positiver Trend sprich Eiszunahme nicht ausgeschlossen. Um genauere Vorhersagen der Antarktiszukunft zu ermöglichen, sind mehr Anstrengungen der Forschung erforderlich, denn es gibt noch viele unbekannte Größen, wie der Abbau des Schelfeises. Der antarktische Kontinent ist in jeder Hinsicht ein klimatischer Extremfall.
Unabhängig von möglichen Trends in der Entwicklung der Eisverhältnisse, findet die Eisfahrt in einem sehr sensiblen Ökosystem statt. Entsprechend streng sind daher die Vorschriften des Umweltschutzprotokolls zum Antarktisvertrag an Mensch und Technik für die genehmigungspflichtige Durchführung.
Obwohl die Antarktis sehr weit weg ist von unserer Heimat, haben wir auf der Nordkalbkugel einen entscheidenden Einfluss darauf, wie es weitergehen wird. Nicht nur natürliche Faktoren bestimmen die Veränderung des Klimas und damit auch die Eissituation in der Antarktis, sondern in zunehmenden Maße wir, wenn wir Treibhausgase, insbesondere CO2, erzeugen.
Wenn wir die Einmaligkeit dieses Kontinents erhalten wollen, müssen wir nicht nur vor Ort die Pinguine im 5-Meter-Abstand vor jeder Person schützen, wie wir es laut der IAATO streng durchführen, sondern auch verantwortlich mit der Produktion von Klimagasen umgehen.
Der Schiffsführung von Kreuzfahrtschiffen in der Antarktis obliegt somit eine ganz besondere Verantwortung zum Einen für die Sicherheit der Menschen (Crew und Gäste) an Bord, zum Anderen für den Schutz der Natur, in der sie sich bewegen. Und all dies ist mit den Ansprüchen der Passagiere nach einem besonderen Naturerlebnis zu vereinen. Für mich gilt weiterhin das Motto: ICE IS NICE. Ahoi

Foto: GFDL Jacques Verron

Durch die Kollision eines Eisbergs mit dem antarktischen Mertz-Gletscher zerbrach dieser in zwei Teile und bildete einen rund 80 Kilometer langen Eisberg.


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