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Eine Schiffsreise von Kiew
nach Odessa auf dem Dnjepr und dem Schwarzem Meer zählt zu den eher
selteneren Kreuzfahrterlebnissen, bei denen man in den Genuss einer
kombinierten Fluss- und Seereise kommt. Die VIKING
LOMONOSOV zum Beispiel kreuzt von der
ukrainischen Hauptstadt Kiew aus auf dem größten Strom des Landes, bevor sie
am fünften Tag in der Seehafenstadt Cherson das weite Mündungsdelta am
Schwarzen Meer erreicht. Hier beginnt die Reise über eines der
faszinierendsten Binnenmeere der Welt. Allein auf der Halbinsel Krim wird
der Anker zwei Mal geworfen – in Sewastopol und im berühmten Bade- und
Kurort Jalta, bevor das Schiff Kurs auf die immergrüne Kulturmetropole
Odessa nimmt.
Ankunft in Kiew. Transfer zum Flusshafen. Einschiffen auf der VIKING
LOMONOSOV. Einen Schluck vom
eisgekühlten Sowjetskoje Shampanskoje, der als Willkommensgruß in der Kabine
steht. Das offizielle Programm beginnt erst am anderen Tag, doch solange das
Schiff noch vor Anker liegt, ist es an Land viel interessanter. Das erste
Abenteuer beginnt beim Versuch, die breite, stark befahrene Naberezhnoje
Chaussee zu überqueren. Fußgänger mit ausschließlich deutscher
Verkehrserfahrung verzweifeln, denn hier haben Autos Vorfahrt. Also besser
einen Umweg machen und die Fußgängerbrücke nutzen. Vom Postplatz gegenüber
fährt eine Standseilbahn, die Funikuler, für 35 Santimi hinauf in die
Oberstadt. Noch schneller und direkt ins pulsierende Herz Kiews gelangt man
mit der Metro gleich nebenan.

Wenige Minuten später stehen wir auf dem Chreshtshatyk, der 1200 Meter
langen, superschicken Pracht- und Hauptstraße der Millionenmetropole, die
den Bessarabischen mit dem Europaplatz verbindet. Teure Kaufhäuser, Cafés
und Boutiquen, eilige Geschäftsleute, Frauen beim Einkaufsbummel, Touristen.
Laut hupend überholt eine weiße Stretchlimousine einen knatternden Traktor.
Ursprünglich befand sich hier ein tiefes, dicht bewaldetes Tal, das von
mehreren Schluchten durchkreuzt wurde. Über diesen Hohlweg soll im Jahre 988
die Bevölkerung Kiews zur Taufe im Dnjepr getrieben worden sein, daher auch
der Name Chreshtshatyk – Kreuzigungsweg. Im 19. Jahrhundert entwickelte er
sich zum Zentrum der Stadt. Es siedelten sich große Banken an, Hotels und
Filmtheater wurden gebaut. Neben der Stadtduma hatte hier auch die
Adelsversammlung ihr Domizil.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Häuser aus dieser Zeit zerstört. Das
heutige Erscheinungsbild mit hohen Wohn- und Verwaltungsgebäuden, verkleidet
mit hellen Fliesen, rotem oder grauem Granit, wurde in den 1950er Jahren
geprägt – Neoklassizismus im Stalinschen Stil. Damals war Kiew die
zweitgrößte Stadt in der UdSSR. Heute ist es die Heimat von rund fünf
Millionen Menschen.
Ein flüchtiger Blick auf den beeindruckenden Platz der Unabhängigkeit, der
mit seinen zahllosen unterirdischen Geschäften „noch zwei Mal größer ist”,
wie Valentina meint. Die ehemalige Deutschlehrerin gehört zum
Reiseleiterteam des Schiffes, von wo aus am nächsten Tag eine geführte
Stadtrundfahrt startet. Vom Chreshtshatyk geht es zum Goldenen Tor, das bis
zum 18. Jahrhundert der Haupteingang zur Stadt war, zur Andreaskirche und
der Sophienkathedrale, vorbei an der Residenz der Klitschko-Brüder,
vis-à-vis davon die deutsche Botschaft, um die Ecke das Opernhaus, dann der
Park des ewigen Ruhmes, wo am Denkmal des unbekannten Soldaten die ewige
Flamme brennt.

Das berühmte Höhlenkloster, reich an märchenhaft schönen Kirchen und
unermesslichen Kunstschätzen, hinterlässt leider einen faden Nachgeschmack.
Religiöses Zentrum und Touristenmagnet in einem, tut es sich mit dieser
Doppelrolle schwer. Man möchte Geld verdienen mit den vielen fremden
Besuchern, kann aber nicht verbergen, dass sie dort eigentlich stören
Am Abend legt unser schwimmendes Hotel ab. 1989 im ostdeutschen Boitzenburg
gebaut, hat die VIKING LOMONOSOV
ihre Jungfernfahrt auf der Elbe erlebt. Inzwischen grundlegend modernisiert,
ist sie längst auf dem Dnjepr daheim. Ein Abschiedsständchen tönt aus den
Lautsprechern. Endlich beginnt der Boden unter den Füßen ein bisschen zu
schwanken. Vor uns, um uns herum das graue Wasser des Dnjepr. Am
Kabinenfenster ziehen Kiews grüne Hügel und goldene Kuppeln vorbei. Von ganz
oben winkt Mutter Heimat – „Brezhnews Weib”, wie viele Kiewer sagen – mit
erhobenem Schwert hinterher.
Die Geräusche der Stadt entfernen sich. An den Ufern tauchen jetzt schmucke
Einfamilienhäuschen auf und protzige Villen, groß wie Burgen, dann immer
mehr Landschaft, ab und zu ein Dörfchen. Während die meisten Passagiere ihr
Abendessen im Bordrestaurant genießen, beginnt draußen der Fluss, seine
Gestalt allmählich zu verändern. Wir haben den Krementshug-Stausee erreicht.
Auf einer Länge von 260 Kilometern verbreitet sich der Dnjepr nun
stellenweise bis zu über 32 Kilometer.
Am nächsten Morgen, bei Swetlowodsk, ist der Stausee zu Ende. Eine winzige
Schleuse, gerade so breit, dass das Schiff hineinpasst, soll uns auf den
Normalwasserstand des Flusses zurückbringen. Eine Schulklasse nutzt die
Anwesenheit ausländischer Touristen für praktische Englisch-Übungen. „Wo
kommen Sie her, wie heißen Sie, wie alt sind Sie?” rufen die Kinder, winken
freudig mit gelben Blumensträußen und fotografieren uns mit ihren Handys. Im
Hintergrund, mit hellblauem Dach, der Flussbahnhof, gleich daneben der
Kulturpalast „W. I. Lenin”. Beide verschwinden nun langsam aus unserem
Sichtfeld, weil das Schiff 15 Meter nach unten gesenkt wird.

Vor uns liegt Saporozhje. Von den gefürchteten neun Stromschnellen, denen es
seinen Namen verdankt, ist heute kaum etwas zu sehen. Der 1932 fertig
gestellte, 761 Meter breite Staudamm, der das Wasser des Dnjepr für zwei
gigantische Kraftwerke sammelt, hat sie überflutet und damit den
drittgrößten Strom Europas auch hier schiffbar gemacht.
Als Urheber des Jahrhundertprojekts gilt Lenin, der weder Saporozhje noch
sonst irgend einen Ort in der Ukraine besucht hat, aber dennoch in jeder
ukrainischen Stadt mit mindestens einem Monument gefeiert wird. So auch
hier, göttergleich und blumenverziert. In den Ostblockländern war der Name
der Stadt seinerzeit vor allem geläufig wegen des hier produzierten
Kleinwagens Saporozhec. In der DDR nannte man das panzerartige Vehikel auch
„Soljankaschüssel” oder „Chrustshows letzte Rache”.
Die zum Schiff gehörenden Reisebusse (die die VIKING
LOMONOSOV während der gesamten
elftägigen Reise begleiten) rollen über den zwölf Kilometer langen
Leninprospekt, dessen Stalinbarock-Fassaden mehr und mehr hinter bunten
Werbetafeln verschwinden. Historische Wohnhäuser, moderne Zweckbauten und
pompöse Soldatendenkmäler, der Konzertsaal Michael Glinka, Läden,
Spielcasinos, Parks.
Dichte Baumkronen verdecken die nahen Fabrikschornsteine. Ausgerechnet auf
dem Platz der Freiheit steht ein steinerner Feliks Dzierzhynski, Chef der
berüchtigten Geheimpolizei Tscheka. Zwei Blondinen mit endlos langen Beinen
staksen am Szenecafé „Politbüro” vorbei. Betrunkene Bettler im Matrosenhemd.
Kleine Mädchen mit blauen Riesenschleifen an den Zöpfen. Straßenhunde in
allen Größen. Eine demonstrierende Menschenmenge mit orangenen Fahnen wird
von einer vorbei fahrenden Lottowerbung übertönt.
„Willkommen in der Heimat der Kosaken!” steht auf einem Schild hinter der
Preobrazhenskij-Brücke, die das Festland mit Chorticja verbindet. Mit rund
27 Hektar größer als die Nordseeinsel Norderney, aber kaum bewohnt, sonnt
sich das grüne Flussidyll in seiner heldenhaften Vergangenheit.

Mit dem Bau einer Inselfestung im 15. Jahrhundert wurde das Dnjepr-Eiland
Zentrum der Kosakenbewegung, die im Widerstand gegen die Tataren entstand
und sich neben Männern aller Schichten vor allem aus geflohenen Leibeigenen
rekrutierte. Im 17. Jahrhundert, nachdem Hetman Bogdan Chmelnitzky dem
russischen Zaren den Treueeid geschworen hatte, wurde es Sitz seines
Kosakenstaates „Saporozhskaja Sitsch”. Von hier aus starteten sie ihre
gefürchteten Raubzüge, trotzten den Polen und den Türken. Ein Ende bereitete
dieser autonomen Männergesellschaft im Jahre 1775 die russische Zarin
Katharina die Große, indem sie sie kurzerhand in ihre Armee eingliederte.
Im Mittelpunkt des heute wieder erwachten Kosakenkults steht ein leider sehr
langweiliges, recht improvisiert wirkendes Museum. Viel aufregender sind
dagegen die Kosakenreiterspiele – dargeboten von bunten Haufen
schnurrbärtiger Haudegen in einem ehemaligen Kolchos, der mit bunt bemalten
Fassaden zur touristischen Attraktion umgebaut wurde.
Mit nackter Brust, Zopf und Glatze, Fellmützen und Pluderhosen lümmeln sie
auf ihren Pferden und sehen aus, als seien sie geradewegs dem berühmten
Gemälde Ilja Repins „Die Saporozhjer Kosaken schreiben dem türkischen Sultan
einen Brief” entschlüpft. Grob, laut und lustig geht es dann beim Reiten,
Raufen, Tanzen und Saufen zu. Kopfüber, seitlich hängend oder auf zwei
Pferden und zwei anderen Männern stehend, galoppieren sie pfeifend und
schreiend an den Zuschauern vorbei, lassen ihre Säbel rasseln, Peitschen
knallen und literweise Wodka durch ihre rauen Kehlen rinnen.
Auch Zuschauer können sich an der Folkloreshow beteiligen. Wer mutig genug
ist, kann sich einen Grashalm aus der Hand peitschen lassen. Als Belohnung
dafür gibt es eine gewaltige Menge Wodka zu trinken. Einen Schnaps kriegen
alle anderen auch, ebenso „Original Kosakenbrei”, der sich allerdings als
Plow entpuppt. Das Nationalgericht der Usbeken, bestehend aus Reis, Fleisch
und Gemüse, zählt zu den beliebtesten Rezepten in der ehemaligen
Sowjetunion.

Zurück auf dem Schiff. Nach einem weiteren großartigen Schleusen-Erlebnis
gleich hinter Saporozhje, bei dem es sage und schreibe 36 Meter in die Tiefe
geht, bringt uns die VIKING LOMONOSOV
auf dem Kachowsker Stausee und dem sich anschließenden natürlichen, sehr
schmalen Flusslauf des Dnjepr nach Cherson.
Nach einer langen Vorgeschichte, die vom Beginn der skythischen Epoche im
achten Jahrhundert vor Christus über Kiewer Rus, die Zeit der Kosaken, die
der Khane und die des türkisch-osmanischen Reiches reicht, wurde die Stadt
1778 von Fürst Potjomkin neu gegründet und im Jahre 1703 Zentrum der
Cherson-Provinz. Ihre Namensgebung erfolgte damals in Anlehnung an die
griechische Kolonie auf der Krim. Der Meeres- und Flusshafen von Cherson,
seit dem 19. Jahrhundert von Bedeutung, war die Wiege der Schwarzmeerflotte.
1783 lief hier das erste Schiff der russischen Flotte vom Stapel.
Unser Ziel ist jedoch nicht die
von 360.000 Menschen bewohnte Stadt Cherson, sondern eine nahe gelegene
Fischerinsel inmitten des weit verzweigten Deltas, das der Dnjepr hier
gebildet hat. Ein schmales Boot, das sich auf den schmalen Wasserläufen
problemlos bewegen kann, ersetzt das große Flussschiff. |
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Die meisten der ehemaligen
Fischerhütten ringsum sind farbenfroh bemalt. Die meisten werden heute
Datschen (Ferien- und Wochenendhäuschen) genutzt. Die dazu gehörigen kleinen
Grundstücke dienen zum Anbau von Obst und Gemüse. Als Folklore-Programm für
die ausländischen Gäste wird auf der Insel ein Fischerdorf inszeniert. Den
Mittelpunkt bildet ein improvisierter Markt. Angeboten werden Pelzmützen,
Matrjoshki, bestickte Tischdecken und Blusen – bloß kein Fisch, den brauchen
gut versorgte Touristen nicht.
Die Reiseleiter führen uns zu „Fischerin Lydia”, die uns mit ihrer Familie
im Hause ihrer über 80jährigen Eltern empfängt. Sie selbst wohnt mit ihrem
Mann seit langem in der Stadt, wo auch die Kinder und Enkel leben. Auf einer
großen Tafel im Innenhof stehen selbstgebrannter Schnaps, verdünnter
Apfelmost und Kekse. Auch ein Blick in die gute Stube wird angeboten. Am
Ausgang steht ein großer Topf für die Geldscheine. Eine etwas unangenehme
Veranstaltung, die zum Glück bald vorbei ist.

Die Lichter des letzten Dorfes verschwinden langsam in der Nacht, das
Rauschen und Brausen wird lauter. Beschienen von einem wunderschönen
Sternenhimmel, tragen die stärker werdenden Wellen das Schiff vom Dnjepr auf
die offene See hinaus. Am anderen Morgen zeigt sich das Schwarze Meer
strahlend blau und schickt am Fenster des Bordrestaurants ein paar Delfine
zur Begrüßung vorbei. Noch ehe die Kameras gezückt werden können, sind die
Großen Tümmler wieder von der Bild-Fläche verschwunden. Wenige Minuten
später denkt keiner mehr ans Fotografieren. Die Sonne scheint, und auf dem
Oberdeck werden die freien Plätze knapp.
Die Felsenküste der Krim erhebt sich am Horizont. Wenig später erreicht das
Schiff die oft umkämpfte „Weiße Stadt” Sewastopol. Militärische Tradition
und Gedenken an die leidvolle Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner sind
hier überall präsent – vom Schlachtenpanorama „Die Verteidigung Sewastopols
1854 bis 1855” über tausend Kriegsdenkmäler bis zum Chor der russischen
Schwarzmeerflotte, deren Heimathafen Sewastopol bis heute ist.
Bis in die 90er Jahre hinein für die Öffentlichkeit ein verbotener Ort,
überrascht es heute seine Besucher mit herrlichen Parks und Alleen, vielen
prachtvollen Gebäuden, durch deren helle Kalksteinfassaden es zu seinem
Beinamen kam. Besonders angenehm für den Reisenden ist die allgemeine
Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Sewastopoliten. „Wenn Sie morgen
schon weiterreisen, müssen Sie unbedingt noch nach Bachtshisaraj”, rät uns
eine Verkäuferin, die wissen wollte, woher wir kommen.

Wir folgen ihrem Rat und treten, nur ein Stück von Sewastopol entfernt, in
eine Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht ein. Bachtshisaraj ist der
Gartenpalast der Tataren-Khane, die bis zum Jahre 1783 hier residierten.
Entworfen von persischen, türkischen und italienischen Baumeistern, wurden
Palast und Garten im 16. Jahrhundert von Sklaven errichtet. Die durch eine
Mauer umgrenzte Anlage verfügt über großzügige Gebäude, die um einen Hof
angeordnet sind. Optisch beherrscht wird das ganze Ensemble von den beiden
hoch aufragenden Minaretten der Moschee.
Wir betreten die Anlage durch das verzierte Botschaftertor. Verschiedene
Brunnen mit bedeutungsvollen Namen wie „Heiliger Paradies-Brunnen”, „Brunnen
des Lebens”, „Brunnen der Verliebtheit” zieren den großen Innenhof. Im
Nordflügel des Palastes befindet sich das Museum, deren bunte Sammlung auf
zwölf Räume verteilt ist.
Wir bekommen alte Fotos, Dokumente und typische Gegenstände aus der
tatarischen Kultur gezeigt, darunter etliche Stücke aus dem persönlichen
Besitz des letzten Khans, der, so wird erzählt, hier einst auch Zarin
Katharina die Große empfangen haben soll. Bunte Fenster, Schränke mit
wertvollen Intarsienarbeiten und vor allem viele weiche Teppiche und Polster
gibt es in den drei Räumen zu sehen, in denen sich einst der Harem des Khans
befand.
Im Innenhof des Palastes schließlich entdecken wir den sagenumwobenen weißen
Marmorbrunnen, der Alexander Pushkin zu einem Gedicht inspiriert haben soll.
Geschaffen wurde dieser Brunnen von einem persischen Sklaven für den Khan
Girai, um dessen ewige Trauer zu symbolisieren. Er hatte sich in seinem
Harem in eine schöne Polin verliebt. Doch sie starb unter merkwürdigen
Umständen. Da der Khan als Herrscher nicht weinen durfte, tat das an seiner
Statt der Brunnen und tut es heute noch.

Der nächste Ausflug führt uns in südlicher Richtung die Küste entlang, wo
uns eine Sehenswürdigkeit ganz anderer Art erwartet: der kürzlich als Museum
eröffnete U-Boot-Bunker von Balaklawa – einst eines der bestgehüteten
Geheimnisse der Sowjetunion. Aus Angst vor einem amerikanischen Atomangriff
beschloss Moskau nach dem Abwurf der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki,
dieses unterirdische Bollwerk zu errichten. Das Innere des Berges von
Balaklawa, der weit ins Meer hinein reichte, schien ein idealer Platz zu
sein.
„Hinzu kommt, dass die Bucht von Balaklawa eine ganz spezielle Form, nämlich
die eines großen S hat. Somit ist der Ort, der sich entlang der Bucht
erstreckt, vom Meer aus unsichtbar. Die U-Boote fuhren in die Bucht und
durch ein schweres Metalltor in den Berg hinein. Durch ein zweites Tor
schlichen die U-Boote am anderen Ende direkt wieder ins Meer hinaus”,
erklärt Irina, die uns bei dieser Tour führt.
Von 1954 bis 1963 wurde die gigantische Festung, die einer
100-Kilotonnen-Atombombe standhalten sollte, 126 Meter tief im Berg erbaut.
Vier U-Boote konnten gleichzeitig in der 15.000 Quadratmeter großen Anlage
aus Trockendocks und Werkstätten repariert werden. 1997, nachdem das letzte
U-Boot die Ukraine verlassen hatte, wurde auch das Städtchen Balaklawa
geöffnet. Seitdem können Touristen unbeschwert dieses Relikt des Kalten
Krieges bestaunen.
Und es ist tatsächlich atemberaubend. Schon wenn man die jeweils zehn Tonnen
schweren „Türflügel” des Bunkers durchquert, glaubt man sich in einen
James-Bond-Film versetzt. Das System aus krummen Tunneln, diffus
beleuchteten Hallen und Kanälen, in denen U-Boote repariert und Atomraketen
gelagert wurden, machen die Illusion des Agententhrillers perfekt.
Irina lässt die Gruppe den verstecken Weg der U-Boote nachvollziehen –
vorbei an der Schleuse, den Trockendocks, an den ehemals sehr gut belüfteten
Werkstätten, in denen die Torpedos getestet wurden. „300 Spezialisten
arbeiteten hier unten im Dreischichtsystem, jeweils vier Stunden lang. Das
Werk verfügte über eine eigene Küche und auch eine Poliklinik. Denn im
Ernstfall war man auf die Evakuierung von 3000 Menschen eingestellt. 30 Tage
lang hätte man Flüchtlinge und neun U-Boote verstecken können”, so die junge
Reiseleiterin.
Das Kontrastprogramm finden wir auf der anderen Seite der Bucht: Die
hübschen Häuser von Balaklawa, die Anfang des 20. Jahrhunderts von
wohlhabenden Bürgern der Stadt Sewastopol als Sommerresidenz erbaut worden
waren, sind restauriert. Im Hafen schaukeln Fischerboote neben Luxus-Yachten
und Ausflugsschiffen, die Touren auf dem Schwarzen Meer und nach Jalta
anbieten. Cafés und Fischrestaurants laden zum Entspannen ein, ein
Tauchfachgeschäft bietet Ausrüstung sowie Kurse an. Von der Uferpromenade
genießt man einen herrlichen Blick über die Bucht auf den Ruinenhügel der
genuesischen Festung Tshembalo.
Die Region, in der seit Jahrhunderten erbittert um die Vormacht am Schwarzen
Meer gekämpft wurde, ist zu einem Paradies für Taucher und Sonnenanbeter
geworden. Urlaub zu machen in einem mediterran anmutenden Hafenstädtchen,
das vor noch gar nicht langer Zeit einer der geheimsten Orte des
sowjetischen Imperiums war, ist ein seltsames Gefühl.

Wir kehren nach Sewastopol zurück. Dort finden wir, drei Kilometer südlich
vom Zentrum, einen Ort von stiller Magie: Chersones. Unmittelbar am Meer,
umrahmt von schroffen Felsen, zartem Grün und duftend blühenden Sträuchern,
liegen die schneeweißen, 2500 Jahre alten Ruinen des einstigen dorischen
Stadtstaates. Darüber thront auf einem Hügel die goldglänzende Kathedrale
Großfürst Wladimirs, der sich hier 988 taufen ließ und damit die orthodoxe
ostslawische Kirche begründete.
Weltgeschichte erwartet uns auch im subtropischen Jalta. Bei der nach diesem
malerisch gelegenen Kurort benannten Konferenz entschieden 1945 im
Liwadija-Palast die Alliierten über das Schicksal Europas. Die Beletage des
ehemals kaiserlichen Sommerschlosses mit umfangreichem Originalinventar gibt
ungewöhnliche Einblicke in das Privatleben der Herrscherfamilie. Wir
betrachten lustige Kinderzeichnungen und seltene Fotografien. Eins zeigt den
Imperator in kurzen Hosen beim Tennis-Match, eins die Zarin als ganz normale
Mutter, die zwanglos mit ihren Kindern herumtollt.
Sehenswerte Zeugnisse aristokratischer Datschenkultur liefern ebenso der von
sechs weißen Marmor-Löwen bewachte Palast des Grafen Michail Woronzow in
Alupka, oder das berühmte „Schwalbennest”, das eine reiche Moskauerin im
Stil eines mittelalterlichen Rheinschlösschens auf die ins Meer hinaus
ragende Felsengruppe Aj-Todor bauen ließ. Heute befindet sich darin ein
teures italienisches Restaurant. Gegen einen Obolus darf man das Grundstück
betreten.

Strahlend präsentiert sich am nächsten Reisetag in Odessa das opulente
Opernhaus aus dem 19. Jahrhundert, das mit Recht zu den schönsten der Welt
gezählt wird. Auch eine Reihe anderer bereits sanierter historischer Gebäude
wie etwa in der teuren Flanier- und Shoppingmeile Deribasowskaja sorgt für
Erstaunen. Das Gros der einzigartigen Bausubstanz der einst blühenden
Hafenstadt harrt jedoch der dringend notwendigen Restaurierung.
Erneuerungsbedürftig scheint auch die Gedächtniskultur, wie ein groteskes
Schauspiel im „Park des Ruhmes” zeigt. Das Denkmal „Dem unbekannten
Matrosen”, das an die Befreiung von der deutsch-rumänischen Besetzung am 10.
April 1944 erinnern soll, wird von uniformierten Kindern mit Holzgewehren
bewacht. Mit eisiger Miene stehen sie wie versteinert am Sockel des
Obelisken – unten die Mädchen, oben die Jungen, mit Kalashnikow-Atrappen in
den Händen. Selbst die Wachablösung läuft ganz nach militärischem Reglement
ab: in perfekter Marschformation, die Beine im Stechschritt bis zum rechten
Winkel gehoben.
Vom Erfolg des Herzogs von Richelieu (1766-1822), Odessa zu einem Paris des
Ostens zu machen, kann man sich an vielen Stellen überzeugen. Vor der
französischen Revolution geflohen, bescherte der Adlige (übrigens ein
Nachkomme der „Grauen Eminenz”, des Kardinals Richelieu) als Gouverneur der
Hafenstadt am Schwarzen Meer eine Blütezeit, deren Früchte heute vielfach
welk, doch noch immer deutlich sichtbar sind. Richelieus Denkmal steht
oberhalb der 30 Meter hohen, aus 193 Stufen bestehenden Treppenanlage, die
früher seinen Namen trug, doch nach der berühmten Kinderwagenszene in Sergej
Eisensteins Film („Panzerkreuzer Potjomkin”, 1925) nur noch Potjomkin-Treppe
heißt.

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