SOMMER AUF DEM DNJEPR

AUSGABE 2/2010


Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Das Höhlenkloster in Kiew. Religiöses Zentrum und Touristenmagnet in einem, tut es sich mit dieser Doppelrolle schwer.

     

Eine Schiffsreise von Kiew nach Odessa auf dem Dnjepr und dem Schwarzem Meer zählt zu den eher selteneren Kreuzfahrterlebnissen, bei denen man in den Genuss einer kombinierten Fluss- und Seereise kommt. Die VIKING LOMONOSOV zum Beispiel kreuzt von der ukrainischen Hauptstadt Kiew aus auf dem größten Strom des Landes, bevor sie am fünften Tag in der Seehafenstadt Cherson das weite Mündungsdelta am Schwarzen Meer erreicht. Hier beginnt die Reise über eines der faszinierendsten Binnenmeere der Welt. Allein auf der Halbinsel Krim wird der Anker zwei Mal geworfen – in Sewastopol und im berühmten Bade- und Kurort Jalta, bevor das Schiff Kurs auf die immergrüne Kulturmetropole Odessa nimmt.


Ankunft in Kiew. Transfer zum Flusshafen. Einschiffen auf der VIKING LOMONOSOV. Einen Schluck vom eisgekühlten Sowjetskoje Shampanskoje, der als Willkommensgruß in der Kabine steht. Das offizielle Programm beginnt erst am anderen Tag, doch solange das Schiff noch vor Anker liegt, ist es an Land viel interessanter. Das erste Abenteuer beginnt beim Versuch, die breite, stark befahrene Naberezhnoje Chaussee zu überqueren. Fußgänger mit ausschließlich deutscher Verkehrserfahrung verzweifeln, denn hier haben Autos Vorfahrt. Also besser einen Umweg machen und die Fußgängerbrücke nutzen. Vom Postplatz gegenüber fährt eine Standseilbahn, die Funikuler, für 35 Santimi hinauf in die Oberstadt. Noch schneller und direkt ins pulsierende Herz Kiews gelangt man mit der Metro gleich nebenan.



Wenige Minuten später stehen wir auf dem Chreshtshatyk, der 1200 Meter langen, superschicken Pracht- und Hauptstraße der Millionenmetropole, die den Bessarabischen mit dem Europaplatz verbindet. Teure Kaufhäuser, Cafés und Boutiquen, eilige Geschäftsleute, Frauen beim Einkaufsbummel, Touristen. Laut hupend überholt eine weiße Stretchlimousine einen knatternden Traktor.
Ursprünglich befand sich hier ein tiefes, dicht bewaldetes Tal, das von mehreren Schluchten durchkreuzt wurde. Über diesen Hohlweg soll im Jahre 988 die Bevölkerung Kiews zur Taufe im Dnjepr getrieben worden sein, daher auch der Name Chreshtshatyk – Kreuzigungsweg. Im 19. Jahrhundert entwickelte er sich zum Zentrum der Stadt. Es siedelten sich große Banken an, Hotels und Filmtheater wurden gebaut. Neben der Stadtduma hatte hier auch die Adelsversammlung ihr Domizil.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die meisten Häuser aus dieser Zeit zerstört. Das heutige Erscheinungsbild mit hohen Wohn- und Verwaltungsgebäuden, verkleidet mit hellen Fliesen, rotem oder grauem Granit, wurde in den 1950er Jahren geprägt – Neoklassizismus im Stalinschen Stil. Damals war Kiew die zweitgrößte Stadt in der UdSSR. Heute ist es die Heimat von rund fünf Millionen Menschen.
Ein flüchtiger Blick auf den beeindruckenden Platz der Unabhängigkeit, der mit seinen zahllosen unterirdischen Geschäften „noch zwei Mal größer ist”, wie Valentina meint. Die ehemalige Deutschlehrerin gehört zum Reiseleiterteam des Schiffes, von wo aus am nächsten Tag eine geführte Stadtrundfahrt startet. Vom Chreshtshatyk geht es zum Goldenen Tor, das bis zum 18. Jahrhundert der Haupteingang zur Stadt war, zur Andreaskirche und der Sophienkathedrale, vorbei an der Residenz der Klitschko-Brüder, vis-à-vis davon die deutsche Botschaft, um die Ecke das Opernhaus, dann der Park des ewigen Ruhmes, wo am Denkmal des unbekannten Soldaten die ewige Flamme brennt.



Das berühmte Höhlenkloster, reich an märchenhaft schönen Kirchen und unermesslichen Kunstschätzen, hinterlässt leider einen faden Nachgeschmack. Religiöses Zentrum und Touristenmagnet in einem, tut es sich mit dieser Doppelrolle schwer. Man möchte Geld verdienen mit den vielen fremden Besuchern, kann aber nicht verbergen, dass sie dort eigentlich stören
Am Abend legt unser schwimmendes Hotel ab. 1989 im ostdeutschen Boitzenburg gebaut, hat die VIKING LOMONOSOV ihre Jungfernfahrt auf der Elbe erlebt. Inzwischen grundlegend modernisiert, ist sie längst auf dem Dnjepr daheim. Ein Abschiedsständchen tönt aus den Lautsprechern. Endlich beginnt der Boden unter den Füßen ein bisschen zu schwanken. Vor uns, um uns herum das graue Wasser des Dnjepr. Am Kabinenfenster ziehen Kiews grüne Hügel und goldene Kuppeln vorbei. Von ganz oben winkt Mutter Heimat – „Brezhnews Weib”, wie viele Kiewer sagen – mit erhobenem Schwert hinterher.
Die Geräusche der Stadt entfernen sich. An den Ufern tauchen jetzt schmucke Einfamilienhäuschen auf und protzige Villen, groß wie Burgen, dann immer mehr Landschaft, ab und zu ein Dörfchen. Während die meisten Passagiere ihr Abendessen im Bordrestaurant genießen, beginnt draußen der Fluss, seine Gestalt allmählich zu verändern. Wir haben den Krementshug-Stausee erreicht. Auf einer Länge von 260 Kilometern verbreitet sich der Dnjepr nun stellenweise bis zu über 32 Kilometer.
Am nächsten Morgen, bei Swetlowodsk, ist der Stausee zu Ende. Eine winzige Schleuse, gerade so breit, dass das Schiff hineinpasst, soll uns auf den Normalwasserstand des Flusses zurückbringen. Eine Schulklasse nutzt die Anwesenheit ausländischer Touristen für praktische Englisch-Übungen. „Wo kommen Sie her, wie heißen Sie, wie alt sind Sie?” rufen die Kinder, winken freudig mit gelben Blumensträußen und fotografieren uns mit ihren Handys. Im Hintergrund, mit hellblauem Dach, der Flussbahnhof, gleich daneben der Kulturpalast „W. I. Lenin”. Beide verschwinden nun langsam aus unserem Sichtfeld, weil das Schiff 15 Meter nach unten gesenkt wird.



Vor uns liegt Saporozhje. Von den gefürchteten neun Stromschnellen, denen es seinen Namen verdankt, ist heute kaum etwas zu sehen. Der 1932 fertig gestellte, 761 Meter breite Staudamm, der das Wasser des Dnjepr für zwei gigantische Kraftwerke sammelt, hat sie überflutet und damit den drittgrößten Strom Europas auch hier schiffbar gemacht.
Als Urheber des Jahrhundertprojekts gilt Lenin, der weder Saporozhje noch sonst irgend einen Ort in der Ukraine besucht hat, aber dennoch in jeder ukrainischen Stadt mit mindestens einem Monument gefeiert wird. So auch hier, göttergleich und blumenverziert. In den Ostblockländern war der Name der Stadt seinerzeit vor allem geläufig wegen des hier produzierten Kleinwagens Saporozhec. In der DDR nannte man das panzerartige Vehikel auch „Soljankaschüssel” oder „Chrustshows letzte Rache”.
Die zum Schiff gehörenden Reisebusse (die die VIKING LOMONOSOV während der gesamten elftägigen Reise begleiten) rollen über den zwölf Kilometer langen Leninprospekt, dessen Stalinbarock-Fassaden mehr und mehr hinter bunten Werbetafeln verschwinden. Historische Wohnhäuser, moderne Zweckbauten und pompöse Soldatendenkmäler, der Konzertsaal Michael Glinka, Läden, Spielcasinos, Parks.
Dichte Baumkronen verdecken die nahen Fabrikschornsteine. Ausgerechnet auf dem Platz der Freiheit steht ein steinerner Feliks Dzierzhynski, Chef der berüchtigten Geheimpolizei Tscheka. Zwei Blondinen mit endlos langen Beinen staksen am Szenecafé „Politbüro” vorbei. Betrunkene Bettler im Matrosenhemd. Kleine Mädchen mit blauen Riesenschleifen an den Zöpfen. Straßenhunde in allen Größen. Eine demonstrierende Menschenmenge mit orangenen Fahnen wird von einer vorbei fahrenden Lottowerbung übertönt.
„Willkommen in der Heimat der Kosaken!” steht auf einem Schild hinter der Preobrazhenskij-Brücke, die das Festland mit Chorticja verbindet. Mit rund 27 Hektar größer als die Nordseeinsel Norderney, aber kaum bewohnt, sonnt sich das grüne Flussidyll in seiner heldenhaften Vergangenheit.



Mit dem Bau einer Inselfestung im 15. Jahrhundert wurde das Dnjepr-Eiland Zentrum der Kosakenbewegung, die im Widerstand gegen die Tataren entstand und sich neben Männern aller Schichten vor allem aus geflohenen Leibeigenen rekrutierte. Im 17. Jahrhundert, nachdem Hetman Bogdan Chmelnitzky dem russischen Zaren den Treueeid geschworen hatte, wurde es Sitz seines Kosakenstaates „Saporozhskaja Sitsch”. Von hier aus starteten sie ihre gefürchteten Raubzüge, trotzten den Polen und den Türken. Ein Ende bereitete dieser autonomen Männergesellschaft im Jahre 1775 die russische Zarin Katharina die Große, indem sie sie kurzerhand in ihre Armee eingliederte.
Im Mittelpunkt des heute wieder erwachten Kosakenkults steht ein leider sehr langweiliges, recht improvisiert wirkendes Museum. Viel aufregender sind dagegen die Kosakenreiterspiele – dargeboten von bunten Haufen schnurrbärtiger Haudegen in einem ehemaligen Kolchos, der mit bunt bemalten Fassaden zur touristischen Attraktion umgebaut wurde.
Mit nackter Brust, Zopf und Glatze, Fellmützen und Pluderhosen lümmeln sie auf ihren Pferden und sehen aus, als seien sie geradewegs dem berühmten Gemälde Ilja Repins „Die Saporozhjer Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief” entschlüpft. Grob, laut und lustig geht es dann beim Reiten, Raufen, Tanzen und Saufen zu. Kopfüber, seitlich hängend oder auf zwei Pferden und zwei anderen Männern stehend, galoppieren sie pfeifend und schreiend an den Zuschauern vorbei, lassen ihre Säbel rasseln, Peitschen knallen und literweise Wodka durch ihre rauen Kehlen rinnen.
Auch Zuschauer können sich an der Folkloreshow beteiligen. Wer mutig genug ist, kann sich einen Grashalm aus der Hand peitschen lassen. Als Belohnung dafür gibt es eine gewaltige Menge Wodka zu trinken. Einen Schnaps kriegen alle anderen auch, ebenso „Original Kosakenbrei”, der sich allerdings als Plow entpuppt. Das Nationalgericht der Usbeken, bestehend aus Reis, Fleisch und Gemüse, zählt zu den beliebtesten Rezepten in der ehemaligen Sowjetunion.



Zurück auf dem Schiff. Nach einem weiteren großartigen Schleusen-Erlebnis gleich hinter Saporozhje, bei dem es sage und schreibe 36 Meter in die Tiefe geht, bringt uns die VIKING LOMONOSOV auf dem Kachowsker Stausee und dem sich anschließenden natürlichen, sehr schmalen Flusslauf des Dnjepr nach Cherson.
Nach einer langen Vorgeschichte, die vom Beginn der skythischen Epoche im achten Jahrhundert vor Christus über Kiewer Rus, die Zeit der Kosaken, die der Khane und die des türkisch-osmanischen Reiches reicht, wurde die Stadt 1778 von Fürst Potjomkin neu gegründet und im Jahre 1703 Zentrum der Cherson-Provinz. Ihre Namensgebung erfolgte damals in Anlehnung an die griechische Kolonie auf der Krim. Der Meeres- und Flusshafen von Cherson, seit dem 19. Jahrhundert von Bedeutung, war die Wiege der Schwarzmeerflotte. 1783 lief hier das erste Schiff der russischen Flotte vom Stapel.

Unser Ziel ist jedoch nicht die von 360.000 Menschen bewohnte Stadt Cherson, sondern eine nahe gelegene Fischerinsel inmitten des weit verzweigten Deltas, das der Dnjepr hier gebildet hat. Ein schmales Boot, das sich auf den schmalen Wasserläufen problemlos bewegen kann, ersetzt das große Flussschiff.

 

Die meisten der ehemaligen Fischerhütten ringsum sind farbenfroh bemalt. Die meisten werden heute Datschen (Ferien- und Wochenendhäuschen) genutzt. Die dazu gehörigen kleinen Grundstücke dienen zum Anbau von Obst und Gemüse. Als Folklore-Programm für die ausländischen Gäste wird auf der Insel ein Fischerdorf inszeniert. Den Mittelpunkt bildet ein improvisierter Markt. Angeboten werden Pelzmützen, Matrjoshki, bestickte Tischdecken und Blusen – bloß kein Fisch, den brauchen gut versorgte Touristen nicht.
Die Reiseleiter führen uns zu „Fischerin Lydia”, die uns mit ihrer Familie im Hause ihrer über 80jährigen Eltern empfängt. Sie selbst wohnt mit ihrem Mann seit langem in der Stadt, wo auch die Kinder und Enkel leben. Auf einer großen Tafel im Innenhof stehen selbstgebrannter Schnaps, verdünnter Apfelmost und Kekse. Auch ein Blick in die gute Stube wird angeboten. Am Ausgang steht ein großer Topf für die Geldscheine. Eine etwas unangenehme Veranstaltung, die zum Glück bald vorbei ist.


Die Lichter des letzten Dorfes verschwinden langsam in der Nacht, das Rauschen und Brausen wird lauter. Beschienen von einem wunderschönen Sternenhimmel, tragen die stärker werdenden Wellen das Schiff vom Dnjepr auf die offene See hinaus. Am anderen Morgen zeigt sich das Schwarze Meer strahlend blau und schickt am Fenster des Bordrestaurants ein paar Delfine zur Begrüßung vorbei. Noch ehe die Kameras gezückt werden können, sind die Großen Tümmler wieder von der Bild-Fläche verschwunden. Wenige Minuten später denkt keiner mehr ans Fotografieren. Die Sonne scheint, und auf dem Oberdeck werden die freien Plätze knapp.
Die Felsenküste der Krim erhebt sich am Horizont. Wenig später erreicht das Schiff die oft umkämpfte „Weiße Stadt” Sewastopol. Militärische Tradition und Gedenken an die leidvolle Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner sind hier überall präsent – vom Schlachtenpanorama „Die Verteidigung Sewastopols 1854 bis 1855” über tausend Kriegsdenkmäler bis zum Chor der russischen Schwarzmeerflotte, deren Heimathafen Sewastopol bis heute ist.
Bis in die 90er Jahre hinein für die Öffentlichkeit ein verbotener Ort, überrascht es heute seine Besucher mit herrlichen Parks und Alleen, vielen prachtvollen Gebäuden, durch deren helle Kalksteinfassaden es zu seinem Beinamen kam. Besonders angenehm für den Reisenden ist die allgemeine Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Sewastopoliten. „Wenn Sie morgen schon weiterreisen, müssen Sie unbedingt noch nach Bachtshisaraj”, rät uns eine Verkäuferin, die wissen wollte, woher wir kommen.


Wir folgen ihrem Rat und treten, nur ein Stück von Sewastopol entfernt, in eine Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht ein. Bachtshisaraj ist der Gartenpalast der Tataren-Khane, die bis zum Jahre 1783 hier residierten. Entworfen von persischen, türkischen und italienischen Baumeistern, wurden Palast und Garten im 16. Jahrhundert von Sklaven errichtet. Die durch eine Mauer umgrenzte Anlage verfügt über großzügige Gebäude, die um einen Hof angeordnet sind. Optisch beherrscht wird das ganze Ensemble von den beiden hoch aufragenden Minaretten der Moschee.
Wir betreten die Anlage durch das verzierte Botschaftertor. Verschiedene Brunnen mit bedeutungsvollen Namen wie „Heiliger Paradies-Brunnen”, „Brunnen des Lebens”, „Brunnen der Verliebtheit” zieren den großen Innenhof. Im Nordflügel des Palastes befindet sich das Museum, deren bunte Sammlung auf zwölf Räume verteilt ist.
Wir bekommen alte Fotos, Dokumente und typische Gegenstände aus der tatarischen Kultur gezeigt, darunter etliche Stücke aus dem persönlichen Besitz des letzten Khans, der, so wird erzählt, hier einst auch Zarin Katharina die Große empfangen haben soll. Bunte Fenster, Schränke mit wertvollen Intarsienarbeiten und vor allem viele weiche Teppiche und Polster gibt es in den drei Räumen zu sehen, in denen sich einst der Harem des Khans befand.
Im Innenhof des Palastes schließlich entdecken wir den sagenumwobenen weißen Marmorbrunnen, der Alexander Pushkin zu einem Gedicht inspiriert haben soll. Geschaffen wurde dieser Brunnen von einem persischen Sklaven für den Khan Girai, um dessen ewige Trauer zu symbolisieren. Er hatte sich in seinem Harem in eine schöne Polin verliebt. Doch sie starb unter merkwürdigen Umständen. Da der Khan als Herrscher nicht weinen durfte, tat das an seiner Statt der Brunnen und tut es heute noch.


Der nächste Ausflug führt uns in südlicher Richtung die Küste entlang, wo uns eine Sehenswürdigkeit ganz anderer Art erwartet: der kürzlich als Museum eröffnete U-Boot-Bunker von Balaklawa – einst eines der bestgehüteten Geheimnisse der Sowjetunion. Aus Angst vor einem amerikanischen Atomangriff beschloss Moskau nach dem Abwurf der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki, dieses unterirdische Bollwerk zu errichten. Das Innere des Berges von Balaklawa, der weit ins Meer hinein reichte, schien ein idealer Platz zu sein.
„Hinzu kommt, dass die Bucht von Balaklawa eine ganz spezielle Form, nämlich die eines großen S hat. Somit ist der Ort, der sich entlang der Bucht erstreckt, vom Meer aus unsichtbar. Die U-Boote fuhren in die Bucht und durch ein schweres Metalltor in den Berg hinein. Durch ein zweites Tor schlichen die U-Boote am anderen Ende direkt wieder ins Meer hinaus”, erklärt Irina, die uns bei dieser Tour führt.
Von 1954 bis 1963 wurde die gigantische Festung, die einer 100-Kilotonnen-Atombombe standhalten sollte, 126 Meter tief im Berg erbaut. Vier U-Boote konnten gleichzeitig in der 15.000 Quadratmeter großen Anlage aus Trockendocks und Werkstätten repariert werden. 1997, nachdem das letzte U-Boot die Ukraine verlassen hatte, wurde auch das Städtchen Balaklawa geöffnet. Seitdem können Touristen unbeschwert dieses Relikt des Kalten Krieges bestaunen.
Und es ist tatsächlich atemberaubend. Schon wenn man die jeweils zehn Tonnen schweren „Türflügel” des Bunkers durchquert, glaubt man sich in einen James-Bond-Film versetzt. Das System aus krummen Tunneln, diffus beleuchteten Hallen und Kanälen, in denen U-Boote repariert und Atomraketen gelagert wurden, machen die Illusion des Agententhrillers perfekt.
Irina lässt die Gruppe den verstecken Weg der U-Boote nachvollziehen – vorbei an der Schleuse, den Trockendocks, an den ehemals sehr gut belüfteten Werkstätten, in denen die Torpedos getestet wurden. „300 Spezialisten arbeiteten hier unten im Dreischichtsystem, jeweils vier Stunden lang. Das Werk verfügte über eine eigene Küche und auch eine Poliklinik. Denn im Ernstfall war man auf die Evakuierung von 3000 Menschen eingestellt. 30 Tage lang hätte man Flüchtlinge und neun U-Boote verstecken können”, so die junge Reiseleiterin.
Das Kontrastprogramm finden wir auf der anderen Seite der Bucht: Die hübschen Häuser von Balaklawa, die Anfang des 20. Jahrhunderts von wohlhabenden Bürgern der Stadt Sewastopol als Sommerresidenz erbaut worden waren, sind restauriert. Im Hafen schaukeln Fischerboote neben Luxus-Yachten und Ausflugsschiffen, die Touren auf dem Schwarzen Meer und nach Jalta anbieten. Cafés und Fischrestaurants laden zum Entspannen ein, ein Tauchfachgeschäft bietet Ausrüstung sowie Kurse an. Von der Uferpromenade genießt man einen herrlichen Blick über die Bucht auf den Ruinenhügel der genuesischen Festung Tshembalo.
Die Region, in der seit Jahrhunderten erbittert um die Vormacht am Schwarzen Meer gekämpft wurde, ist zu einem Paradies für Taucher und Sonnenanbeter geworden. Urlaub zu machen in einem mediterran anmutenden Hafenstädtchen, das vor noch gar nicht langer Zeit einer der geheimsten Orte des sowjetischen Imperiums war, ist ein seltsames Gefühl.


Wir kehren nach Sewastopol zurück. Dort finden wir, drei Kilometer südlich vom Zentrum, einen Ort von stiller Magie: Chersones. Unmittelbar am Meer, umrahmt von schroffen Felsen, zartem Grün und duftend blühenden Sträuchern, liegen die schneeweißen, 2500 Jahre alten Ruinen des einstigen dorischen Stadtstaates. Darüber thront auf einem Hügel die goldglänzende Kathedrale Großfürst Wladimirs, der sich hier 988 taufen ließ und damit die orthodoxe ostslawische Kirche begründete.
Weltgeschichte erwartet uns auch im subtropischen Jalta. Bei der nach diesem malerisch gelegenen Kurort benannten Konferenz entschieden 1945 im Liwadija-Palast die Alliierten über das Schicksal Europas. Die Beletage des ehemals kaiserlichen Sommerschlosses mit umfangreichem Originalinventar gibt ungewöhnliche Einblicke in das Privatleben der Herrscherfamilie. Wir betrachten lustige Kinderzeichnungen und seltene Fotografien. Eins zeigt den Imperator in kurzen Hosen beim Tennis-Match, eins die Zarin als ganz normale Mutter, die zwanglos mit ihren Kindern herumtollt.
Sehenswerte Zeugnisse aristokratischer Datschenkultur liefern ebenso der von sechs weißen Marmor-Löwen bewachte Palast des Grafen Michail Woronzow in Alupka, oder das berühmte „Schwalbennest”, das eine reiche Moskauerin im Stil eines mittelalterlichen Rheinschlösschens auf die ins Meer hinaus ragende Felsengruppe Aj-Todor bauen ließ. Heute befindet sich darin ein teures italienisches Restaurant. Gegen einen Obolus darf man das Grundstück betreten.


Strahlend präsentiert sich am nächsten Reisetag in Odessa das opulente Opernhaus aus dem 19. Jahrhundert, das mit Recht zu den schönsten der Welt gezählt wird. Auch eine Reihe anderer bereits sanierter historischer Gebäude wie etwa in der teuren Flanier- und Shoppingmeile Deribasowskaja sorgt für Erstaunen. Das Gros der einzigartigen Bausubstanz der einst blühenden Hafenstadt harrt jedoch der dringend notwendigen Restaurierung.
Erneuerungsbedürftig scheint auch die Gedächtniskultur, wie ein groteskes Schauspiel im „Park des Ruhmes” zeigt. Das Denkmal „Dem unbekannten Matrosen”, das an die Befreiung von der deutsch-rumänischen Besetzung am 10. April 1944 erinnern soll, wird von uniformierten Kindern mit Holzgewehren bewacht. Mit eisiger Miene stehen sie wie versteinert am Sockel des Obelisken – unten die Mädchen, oben die Jungen, mit Kalashnikow-Atrappen in den Händen. Selbst die Wachablösung läuft ganz nach militärischem Reglement ab: in perfekter Marschformation, die Beine im Stechschritt bis zum rechten Winkel gehoben.
Vom Erfolg des Herzogs von Richelieu (1766-1822), Odessa zu einem Paris des Ostens zu machen, kann man sich an vielen Stellen überzeugen. Vor der französischen Revolution geflohen, bescherte der Adlige (übrigens ein Nachkomme der „Grauen Eminenz”, des Kardinals Richelieu) als Gouverneur der Hafenstadt am Schwarzen Meer eine Blütezeit, deren Früchte heute vielfach welk, doch noch immer deutlich sichtbar sind. Richelieus Denkmal steht oberhalb der 30 Meter hohen, aus 193 Stufen bestehenden Treppenanlage, die früher seinen Namen trug, doch nach der berühmten Kinderwagenszene in Sergej Eisensteins Film („Panzerkreuzer Potjomkin”, 1925) nur noch Potjomkin-Treppe heißt.

 

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Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Die nach ihrer Sprengung in der Sowjetzeit von 1998 bis 2000 wiedererbaute Uspenskij-Kathedrale im Höhlenkloster von Kiew.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Blick vom Höhlenkloster über den Dnjepr auf das „moderne” Kiew.

 

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Unser Schiff, die GENERAL LAVRINENKOV, am Anleger in Kiew.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Der Kosakenhügel auf der Museumsinsel Chorticja nahe Saporoshje.

 

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Chef-Kosak bei den Reiterspielen auf Chorticja.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Akrobatische Kosaken-Reiterspiele.

 

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Absolut Zirkusreif sind diese Darbietungen.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Umweit von Sewastopol am Schwarzen Meer liegen die 2500 Jahre alten Ruinen des dorischen Stadtstaates Chersones.

 

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Über den Ruinen von Chersones thront die Kathedrale Großfürst Wladimirs, dem Gründer des ersten russischen Staates und der orthodoxen ostslawischen Kirche.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Dieses Gebäude wurde eigens für das Panorama-Gemälde „Die Verteidigung Sewastopols 1854-1855 errichtet.

 

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Orchester, Chor und Tanzgruppe der Schwarzmeerflotte spielen, singen und tanzen in Sewastopol für die Passagiere der VIKING LOMONOSOV.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Die Südwestküste der Halbinsel Krim.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

In Alupka auf der Krim steht das Wontzow Schloss. Churchill wohnte hier während der Jaltakonferenz 1945.

 

Foto: GFDL

Das „Schwalbennest” auf der Felsenküste bei Jalta. Heute ist es in privater Hand und zu einem teuren italienischen Restaurant umgestaltet.  

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Der Liwadija-Palast war die Sommerresidenz des letzten russischen Zaren Nikolaus II., sie wurde im Jahre 1910 erbaut und liegt in der gleichnamigen Städtchen Liwadija, einem Vorort von Jalta.

Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Das Opernhaus in Odessa wird zu den schönsten der Welt gezählt.


Foto: Carsten Heinke, Leipzig

Das Archäologische Museum in Odessa.