FRÜHLING AUF SPREE, ODER + OSTSEE

AUSGABE 2/2010


Foto: GFDL iStock

Das Brandenburger Tor in Berlin.




Lob der Langsamkeit: Eine kontrastreiche Kreuzfahrt zwischen Havelland und Ostseestrand mit Endstation Kap Arkona auf Rügen und Stralsund am Strelasund.

Die 1000 PS im Maschinenraum von Jens Mosel quirlen grauen Schlamm im Tegeler Hafenbecken auf. Mit dem gerade mal fingerdicken Steuerhebel dirigiert Kapitän Johann Magner seine 82 Meter lange und 9,50 Meter breite SAXONIA wie spielerisch aus dem engen Gewässer. Doch dahinter stecken rund 30 Jahre Binnenschiffer-Erfahrung auf europäischen Flüssen und Kanälen. 2010 kann er im Übrigen auf sein neunzehnjähriges Kreuzfahrtjubiläum zurückblicken.

Das Steuerhaus ist bereits knarrend in seiner Versenkung verschwunden. Voraus wölbt sich die „Sechserbrücke”. „Der Einzige, der noch übersteht, bin ich”, grinst der Mann am Außenfahrstand, geht aber gleich darauf mit eingezogenem Kopf in die Hocke. „Hier haben wir ja noch 80 Zentimeter Luft”, gibt sich Magner gelassen, „da kommen noch ganz andere Dinger.”


Die 90 Passagiere erleben das knappe Manöver-Schauspiel beim Frühstück im Restaurant. Für sie ist das Sonnendeck tabu, bis der Brückenschatten über den weißen Binnenliner hinweg gestrichen ist. Jogger stoppen ihren Lauf und wundern sich, wie’s scheint, über den Heimathafen Basel am Heck. „Kommt ihr aus der Schweiz?”, hört man einen rufen. „Nee, aus Berlin.”, erwidert jemand schlagfertig von unten. Die schweizerische Flagge knattert dazu fröhlich im Morgenwind.
Tegels Hochhaus-Skyline duckt sich bald hinter der hohen Kiefernkulisse, worin sich das Schloss der Familie von Humboldt versteckt. In einem Punkt jedoch gleicht die vor uns liegende Strecke den Abenteuerreisen Alexander von Humboldts vor 200 Jahren: der Geschwindigkeit. Erlaubt sind zwischen neun und zwölf Kilometer Schleichfahrt. Am Ufer lauern manchmal auch „Wegelagerer”: Wasserschutzpolizisten mit Blitzgerät auf der Jagd nach Temposündern – wie „Ziethen aus dem Busch”, kommentiert Magner. Da braucht’s denn schon fünf Tagesreisen bis zur rund 300 Kilometer entfernten Ostsee.


Eingerahmt von Instrumenten, Monitoren und Radargerät hockt Magner an seinem Fahrpult. Tegeler See und Oberhavel mit ihren Inseln, Bootsanlegern und Fähren verlangen volle Konzentration. Das Frühstück erledigt er so nebenbei. Als der aus DDR-Zeiten übrig gebliebene Wachtturm bei Niederneuendorf in Sicht kommt, werden bei einem Passagier Erinnerungen wach: „Da musste ich als junger Bengel dienen. Zur Marine ließ man mich nicht”. Er meint seine damalige Einheit, die mit ihren schnellen Booten die „Staatsgrenze West” auf dem Wasser „schützte”. Zum „Trost” für ihn: in Marine-Uniform. Neben der Einfahrt in den Oder-Havel-Kanal bei Hennigsdorf deuten noch versenkte Schleppkähne darauf hin, dass das Ufer des Sees, der an den Berliner Stadtteil Heiligensee grenzt, bis vor zehn Jahren blockiert war.
Zwischen Brötchen und einem Schluck Kaffee informiert der Kapitän seine Gäste: „Wie Sie sicher schon bemerkt haben, meine Damen und Herren: Nur wenige Weltstädte haben ein so ausgedehntes wasserreiches Netz von Seen, Flüssen und Kanälen wie Berlin. Die Havel ist nach der Spree der zweitwichtigste natürliche Wasserlauf der Stadt. Wegen ihrer zahlreichen seenartigen Erweiterungen nannte man den Fluss altnorddeutsch ‚Haf’, was soviel wie ‚See’ bedeutet.” Wir hören weiter, dass der von 1909 bis 1914 gebaute 56 Kilometer lange Oder-Havel-Kanal, in den wir einlaufen, früher die wichtigste Grosschifffahrtsverbindung zwischen Berlin und Stettin war. Der Mann am Ruder aus dem Elbe-Schifferstädtchen Bittkau – unter Fahrensleuten wegen der intensiven Schifffahrt zur Unterelbe auch „Klein Hamburg” genannt – kennt das Revier wie seine Westentasche und so manche Anekdote aus seiner Zeit als Frachtschiffs-Kapitän. Einst beförderte er hier hunderttausende von Ladungstonnen für die volkseigene Wirtschaft. Seine Kollegen von damals dieseln mit Schubverbänden vorbei und grüßen nach oben.


Hennigsdorf glänzt mit Geschwindigkeit: nagelneue ICE-Züge aus der traditionsreichen Lokomotivschmiede warten neben dem Kanal auf ihren schnellen Einsatz. Und über die Brücken des Autobahnrings brettern Blechkolonnen. „Rein jar nischt kriegen se mit!” meint die Berlinerin Marianne Schuhknecht kopfschüttelnd und lobt die beschauliche Langsamkeit „ihres Dampfers”. Die „Herren der Schöpfung” delektieren sich derweil an sparsam bekleideten „Gänseblümchen”. Die „sprießen” bikiniknapp auf gelb leuchtenden Traumstränden – dort, wo märkischer Sand von seinen Kiefern entblößt worden ist. Ein beleibter Petri-Jünger wärmt seine Rundungen genüsslich in der Sonne. „Dir hat der Arzt wohl Sport verordnet!” ruft jemand hinüber und alle lachen. Dicht an dicht aufgereihte Laubenpieper-Hütten gewähren intime Einblicke in sonntägliche Frühstücks-Idyllen. Die Gartenbewegung hatte hier in den zwanziger Jahren ihren Ursprung und nennt sich heute wie damals „Eden”. Bei der Einfahrt in die Schleuse Oranienburg-Lehnitz tropft es vom hochgezogenen Tor: eine unplanmäßige Taufe mit Havel-Wasser.


Vor den Brückenpassagen haben Steuermann Milan und Matrose Andreas die Reling umgelegt. Kapitän Magner versenkt sich immer wieder mitsamt seinem Ruderhaus, zieht die Schuhe aus und steigt auf den Steuerstuhl. Angestrengt peilt er nach vorn. „Gleich wird’s gaaanz knapp”, weiß er und warnt noch einmal seine Passagiere davor, auf das gesperrte Oberdeck zu kommen: „Das Beschädigen der Brücke ist bei Strafe verboten!” scherzt er. Bei einer etwas höheren Konstruktion freut sich eine Frau über ihren geduckten Mann: „Endlich bist du mal ganz klein!” Der umfangreicher Herr neben ihnen verzieht sich vorsichtshalber gleich nach unten: „Bei meinem Bauch kann ich mich nicht bücken.”
Johann Magner lenkt jetzt nur noch mit der „Infrarohr-Fernbedienung”, wie er das durch eine aufgesteckte Röhre verlängerte Steuerhebelchen grinsend nennt. Die übrigen Instrumente liegen in Reichweite seiner Zehen. „Damit könnte ich im Zirkus auftreten”, lächelt der unfreiwillige Artist erleichtert, als die etwas über vier Meter niedrige Brücke im Daumenabstand über ihn hinweg gleitet. Tiefe Kratzspuren zeugen von unsanfteren Annäherungen weniger glückhafter Schiffe.


Nahe dem Städtchen Malz geht’s in die Werft. Aber nur für ein kurzes Anlegemanöver. Der die SAXONIA ständig begleitende Reisebus lädt hier eine Gruppe von Passagieren zur Berlin-Rundfahrt. Die Phoenix-Reiseleiterin hat sie per Dia-Vortrag auf alle Sehenswürdigkeiten entlang der Route eingestimmt. Die Crew indes muss für Nachschub sorgen: aus einem Kühl-LKW verstaut sie in Windeseile frischen Proviant an Bord.
Den schiffsschmalen Kanal säumt jetzt nur noch eine Wand aus schier undurchdringlichem Wald. „So stell’ ich mir eine Amazonasfahrt vor”, träumt Ingrid Niemann aus Rostock. Die Reise ist für sie und ihre Schwester ein Hauptgewinn. Sie gewann den ersten Preis eines Fernsehzeitschrift-Rätsels.
Aus dem „brasilianischen Dschungel” gleiten wir übergangslos durch „Klein-Holland”: hinter dem Werbellinkanal säumen hohe Deiche das tief liegende, sumpfige Wiesenland am Rande des uckermärkischen Biosphärenreservats Schorfheide. Wildschweine wühlen hingebungsvoll in der Kanalböschung. „Das hab’ ich auch noch nicht gesehen”, meint der Berliner Peter Scharnow von diesem Anblick beeindruckt. „Und erst die fischenden Reiher aus der Vogelperspektive”, schwärmt seine Frau Christa. Dazu zählt auch der Zug auf der Strecke Stralsund-Berlin, der plötzlich zehn Meter unterm Kiel durch den Tunnel donnert. Wir queren das Berlin-Eberswalder Urstromtal.


Großes Lichterspektakel voraus. Schemenhaft zeichnet sich dahinter ein hohes Turmfiligran gegen den Abendhimmel ab: das Highlight des Tages ist Niederfinow.
Hotel-Direktorin Irene Fehrmann schöpft aus ihrem historischen Fundus: „Der Gedanke, Havel und Oder über das Urstromtal zu verbinden, entstand bereits um 1540. Am 21. Oktober 1603 begann man mit dem Bau eines Kanals samt elf Schleusen, in den das damals wirtschaftlich wichtige Flüsschen Finow einbezogen wurde. Während des Dreißigjährigen Krieges fiel er der Zerstörung anheim und versandete.”
Friedrich der Große ließ auf Bitten der Eberswalder durch seine Soldaten einen zweiten Kanal bauen, der 1746 in Betrieb genommen wurde. Mit Hilfe von 20 Schleusen, zwölf sind heute immer noch intakt, wurde die Talwasserscheide überwunden. Dank der Eröffnung des modernen Oder-Havel-Kanals verlor der Finow-Kanal an Bedeutung.


Die SAXONIA tastet sich in das dunkle Gerüst hinein. Früher übernahmen die Treidelarbeit kleine Elektroloks, an die noch ein museales Restexemplar am Ufer erinnert. Wir sind umzingelt von Stahlträgern, Rädern und Seilen. Das Schiff scheint über den Baumwipfeln zu schweben. Irene Fehrmanns „Geisterstimme” aus dem Lautsprecher passt zur Szenerie: „Wir befinden uns jetzt im zweitgrößten, aber interessantesten Schiffshebewerks der Welt, das am 21. März 1934 nach siebenjähriger Bauzeit eingeweiht wurde. Dadurch konnten die Frachterkapitäne viel Zeit einsparen und die nebenan gelegene vierstufige Schleusentreppe wurde überflüssig. Wir sind gerade in den 85 Meter langen Trog eingefahren, der zusammen mit dem Wasser 4300 Tonnen wiegt”.
Staunend vernehmen ihre Zuhörer noch zwei Superlative: Höhe des Hebewerks 60 Meter, Gesamtgewicht der verarbeiteten Bauteile 14.000 Tonnen. „Wenn ein Schiff hier einläuft, wird der Trog nicht etwa schwerer”, lüftet Irene Fehrmann das Geheimnis, „sondern es wird so viel Wasser an den Kanal abgegeben, wie das Schiff verdrängt.” Das Gewicht des wassergefüllten Troges bleibt immer gleich, ob nun mit oder ohne Schiff. Um ihn ohne viel Kraftaufwand zu heben, ist eine ebenso große Gegenmenge notwendig, wird man an frühere Physikstunden erinnert. Für Ausgleich sorgen 560 Betonblöcke zu je sieben Tonnen, die durch 256 Drahtseile gehalten werden. Daher genügen auch vier 75 PS-Elektromotoren, um den Trog zu bewegen. In Zukunft wird ein noch größeres Hebewerk mehr, vor allem größere Schiffe noch schneller auf und ab bewegen. Da wird Kapitän Magner auch keine Turnübungen mehr machen müssen, um niedrigen Trägern auszuweichen.
Nach einer halben Stunde ist das nächtliche Spektakel gelaufen, wovon die eigentliche 36-Meter-Fahrstuhlfahrt auf Odertal-Niveau nur fünf Minuten dauert. „Er sinkt!” stellt ein Seh-Mann während der Abwärtsfahrt sachlich fest, aber seine Frau frotzelt: „Hoffentlich keine schmutzigen Lieder!” und hat damit die Lacher auf ihrer Seite.
Feierabend im Schifferstädtchen Oderberg. Am Lagerfeuer bei Schmalzbrot, Bier und Fackelschein im „Deichgrafen” gleich neben der Anlegestelle. Der Mond leuchtet heim an Bord, wo der Pianist mit flotten Klängen unermüdlich zum Tanz aufspielt.


Unsanftes Ende einer kurzen Nacht: Die Reiseleiterin spielt minutenlang den „fröhlichen Wecker”. Schließlich muss er alle ihre Ausflügler aus den Federn holen. Ein Angler wittert Beute zwischen Schiff und Pier. Als wir den Vorhang des Kabinenfensters öffnen, fällt ihm beinahe die Rute aus der Hand: zwei „große Fische” hinter Glas starren ihn an. Schreck in der Morgenstunde – auf beiden Seiten.
Die Busrundfahrer zieht’s zur Zisterzienser-Klosterruine Chorin von 1334, gilt sie doch als eines der ältesten teilweise erhaltenen Bauwerke der Backsteingotik. Die an Bord Zurückgebliebenen hingegen genießen Natur pur bei der Fahrt auf der künstlich angelegten Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße. Sie verläuft parallel zur Ostoder durch den Nationalpark Unteres Odertal, einer von zwölf in Deutschland. Er ist Teil eines deutsch-polnischen Naturschutzprojektes, das ein Gebiet von 106 Quadratkilometern umfasst und sich von der Schleuse Hohensaaten über eine Länge von 60 Kilometern bis vor die Tore Stettins erstreckt.

 


Die Flussaue ist von vielen Altarmen durchzogen. Während bei anderen deutschen


Flüssen Hochwasser schnell zur Gefahr werden kann, ist es an der unteren Oder alljährliche Normalität, dass Tausende Hektar Wiesen und Weisen, Auwälder und Moore meterhoch überflutet werden. Nirgendwo sonst in Europa sind derart große natürliche Überflutungsräume erhalten geblieben. Zusammen bilden diese Flächen ein riesiges Rückhaltebecken, in dem sich das Hochwasser verlaufen kann, ohne flussabwärts Schaden anzurichten. Gleichzeitig wirkt die überschwemmte Aue wie eine überdimensionale biologische Kläranlage mit Gratis-Säuberung des belasteten Flusswassers. Die vom Menschen unbeeinflusste Renaturierung hat Erstaunliches bewirkt: einen der artenreichsten Lebensräume Deutschlands. Dazu zählen Auwälder, naturnahe Laubmischwälder oder das nordwestlichste Verbreitungsgebiet der Steppenzone mit blaublühendem Kreuzenzian, silbrigem Federgras oder gelbem Adonisröschen. Die außerordentlich reiche Wasservogelwelt ist unter internationalen Schutz gestellt worden. Mehr als 120 Vogelarten brüten im Nationalpark, darunter See-, Fisch- und Schreiadler, viele Weißstörche, der seltene Schwarzstorch sowie die weltweit vom Aussterben bedrohten Seggenrohrsänger und Wachtelkönige. Der Naturschutzwart, den wir am Fuß des Stolper „Grütztopps” treffen, kennt sein Metier aus dem Eff-Eff. Von nun an halten die SAXONIA-Beobachter verschärft Ausguck.
 


Weit schweift der Blick vom mittelalterlichen Wehrturm aus dem 11. Jahrhundert mit seinem bis zu fünf Meter mächtigen Mauerwerk: über die zwei bis vier Kilometer breite Flussaue hinüber zu den polnischen Uferhängen. Im Dorf allerdings erschrecken und deprimieren immer noch Treuhand-Ruinen und Zeugnisse aus unseliger jüngster Vergangenheit wie Schilder, die Sauberkeit und Ordnung „am Objekt” anmahnen oder an DDR-Helden erinnern.
Gleich den Tausenden von Gänsen und Kranichen zählen auch wir scheinbar zu den Zugvögeln – nur in umgekehrter Richtung gen Norden.
Problemlose Grenzkontrolle in Mescherin. Der jetzt beidseitig polnische Oderstrom treibt uns der alten Hansestadt Stettin entgegen. Mit Kraftwerksschloten, Kränen, Werkshallen, Werften und Plattenbauten kündigt sich die Halbmillionen-Metropole an. Unbeeindruckt davon ziehen Seeadler über uns ihre Kreise und führen den SAXONIA-Fahrern vor, wie man im Flug Fische fängt. „Das sind schon alte Bekannte”, meint Magner über Bordlautsprecher. Als unermüdlicher Beobachter und Tierfreund teilt er alles, was da an Back- und Steuerbord kreucht und fleucht, sofort seinem dankbaren Publikum mit.
Neben den hoch aufragenden Überseefrachtern im Stettiner Hafen schrumpft unser Liner auf Spielzeuggröße zusammen. Der Hafenkapitän weist jedoch seinem langjährigen Kollegen Magner den attraktivsten Liegeplatz zu: direkt vor der berühmten Haken-Terrasse, wo auch große Kreuzfahrtschiffe anlegen.
Am nächsten Tag locken die ansehnlich restaurierte mittelalterliche Altstadt, das Schloss der Pommernherzöge samt ihren Sarkophagen, der rostrote Backsteinbau des Altstädter Rathauses, die weniger vorteilhaft aufgebaute gotische Jakobi-Kathedrale und last but not least das Seefahrtsmuseum alle unwiderstehlich für ein paar Schau-Stunden an Land.


Hinter Stettin weitet sich der Fluss zum Trichter. Sogar eine Wiedervereinigung findet statt: die von Ost- und Westoder in der Nähe des Dammschen Sees. Bis sich voraus der Blick aufs leuchtfeuergespickte Oderhaff weitet. Magner hat dazu seine ganz eigene Steigerungs-Philosophie: „Aus der Kanal- und Brückenenge hinaus zur Freiheit der offenen See!” Wir lassen die Große Kaiserfahrt, die nach Swinemünde an der Ostsee führt, an Steuerbord und drehen ins Kleine Haff ein. Der Oldtimer-Zweimastsegler PETRINE versucht bei achterlichem Wind mitzuhalten, muss sich aber an der deutsch-polnischen Grenze geschlagen geben.
Zeit für die Seenotrettungsübung – wie auf einem Dickschiff. Die SAXONIA steuert unterdessen mit schäumender Bugsee und gemütlich rollend den Peenestrom an, der hinter der zerstörten Karniner Eisenbahnbrücke beginnt. Beim Mittagessen querab Ueckermünde stellen sich See-Gefühl ein. Passagier-Kommentar: „Ich glaub’, ich sitz im Wasser!” An den tief liegenden Restaurantfenstern glucksen die Wellen entlang. Wenn dann noch die Köche „Außenbordskameraden” auf dem abwechslungsreichen Speiseplan setzen und die Angler einem fast auf den Teller linsen, könnte man meinen: frischer Fisch direkt auf den Tisch!


An Steuerbord gleitet die Insel Usedom vorüber mit ihren mittlerweile schon wieder mondänen Bädern an der Seeseite. Heringsdorf, Bansin, Ahlbeck und Zinnowitz – vor dem letzten Krieg auch die „Badewanne Berlins” genannt, stehen natürlich auf dem Besuchsprogramm der Busausflügler ab Wolgast. „Bei gutem Wetter und der entsprechenden Genehmigung könnten wir auch die Seebrücken ansteuern”, sieht Magner hoffnungsvoll neue See- und Seh-Ziele an der Zukunfts-Kimm.
Festlicher Ausklang des Tages beim Kapitänsabendessen im Hafen vom ehemaligen Residenzstädtchen der Herzöge von Pommern-Wolgast. Der Chef zaubert gemeinsam mit seinem Kollegen kulinarische Highlights in der Vorschiff-Mini-Kombüse: Gänseleberpastete an Portweingelee; doppelte Kraftbrühe mit Morcheln; Lachsstrudel auf roten Nudeln, napiert mit Safransauce; feines Rinderfilet an Cognacsauce, angerichtet mit Kartoffelgratin und Minaretkohl gefüllter Tomate; Brüsseler Endivien mit Schinken; Dessert „Krönung”; belgische Pralinen; Napoléon. Schon beim Lesen der Karte läuft uns das Wasser im Munde zusammen. Danach ist von Irene Fehrmann ein „Bunter Abend” angesagt „zum Schmunzeln, Mitmachen und Tanzen”. Der endet, fast wie bestellt, mit Pauken und Trompeten – einem donnernden Feuerwerk aus ringsum zuckenden Gewitterblitzen.


„Das blaue Wunder” öffnet sich, nichts wie los!, startet Magner die Maschinen angesichts der neuen Brücke zwischen Wolgast und Usedom. Behutsam fädelt er seinen Dampfer durch das Nadelöhr. Voraus eine dunkelgraue Röhre mit schlankem Turm. Von der russischen Marine ausgemustert, fristet das mit 4000 Tonnen einst größte dieselgetriebene U-Boot der Welt jetzt sein Dasein als Besuchermagnet im Peenemünder Hafen. Ansonsten heißt es hier: Wernher von Braun lässt grüßen. Das Dorf im Norden der Insel machte Weltgeschichte, als 1942 in der Versuchsanstalt die ersten V2-Raketen abgefeuert wurden. Grundlage für die spätere bemannte Raumfahrt. In der Nachkriegszeit mutierte das Zentrum der deutschen Raketenforschung zur Flottenbasis der ehemaligen DDR-Volksmarine. Seit der Wende hingegen präsentieren sich die maroden Gebäude als viel besuchtes Museum mit Raketen- und Flugzeugexponaten sowie einer NVA-Korvette.
Sprung über den mit Schaumköpfen garnierten Greifswalder Bodden auf Rügen zu. Salzwasser gischtet über das Vorschiff. „Dabei ist auch schon mal der Flügel durch den Raum gesegelt”, erinnert sich Magner an stürmischere Zeiten mit Seekranken, während die einstige SED-Prominenten-Insel Vilm an Backbord auftaucht. „Früher waren’s die Bonzen, die das kleine Paradies ungewollt bewahrten, heute macht’s der Naturschutzbund”, vergleicht Magner, „mit dem Unterschied, dass jetzt Führungen erlaubt sind.” Wie zur Bestätigung und Begrüßung pfeift der „Rasende Roland” im südrügenschen Hafen Lauterbach. Der dampfende Schmalspurzug hält mit qietschenden Bremsen gegenüber dem SAXONIA-Liegeplatz. Auftakt für die Crew-Show. Der Beifall ist anscheinend bis in den kleinen Ort zu vernehmen, denn hinter den Salonscheiben sammeln sich Schaulustige.


Ein makelloser Himmel signalisiert schönstes Reisewetter für den Törn rund um Südrügen durch den landschaftlich reizvollen Schlauch des Strelasunds. Die altehrwürdige Hanse- und Meerstadt Stralsund, jetzt zum UNESCO-Welterbe gehörend, reckt pünktlich zum Frühstück die Türme ihrer drei mächtigen Backsteinkirchen über die Speicherkulisse des Hafens. Ungeduldig scharren die SAXONIA-Fahrer vor dem Altstadtrundgang mit den Füßen.
Beim Auslaufmanöver mit Blick auf Stralsunds Schokoladenseite zeigen sich die meisten Gäste beeindruckt von den Aufbauleistungen. „Wissen Sie, was wir früher gesagt haben? Ruinen schaffen ohne Waffen”, erinnert ein Magdeburger an das Desinteresse der DDR-Regierung, die alle Baukapazitäten auf Berlin konzentrierte, an der Erhaltung von historischen Gebäuden. Stralsund hat über 800 davon. Die Hälfte erstrahlt bereits in neuem Glanz. Inzwischen ist das Flächendenkmal als Welterbe unter den Schutz der UNESCO gestellt zu worden.


Neben der schiffsengen Fahrrinne stehen die Schwäne im flachen Wasser. Wie eine Schleppe zieht die SAXONIA den Schwall seitlich neben sich her. Der entgegenkommende Dampfer der Weißen Flotte passiert „gerade man eben so”. Hiddensee, „dat söte Länneken”, wie die Einheimischen ihr „süßes Ländchen” nennen, zeichnet sich erst flach, dann hügelig an Backbord ab, gekrönt vom fernsehbekannten Leuchtturm auf dem Steilufer des Dornbusch. Das „Sylt der Ostsee”, beileibe kein sündhaft teures Modebad, war seit 1930 Feriendomizil des prominentesten Inselgastes. Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der jedes Mal von Stralsund zu Schiff anreiste, schrieb auf dem Eiland bedeutende Werke der Weltliteratur. Sein Haus „Seedorn” in Kloster ist heute ein vielbesuchtes Museum.
Zentimetergenau legt Johann Magner die 82 Meter lange SAXONIA an den Kai von Vitte. Auf dem warten schon Pferdefuhrwerke für eine abendliche Rundfahrt, denn die 17 Kilometer lange Insel ist zum Glück autofrei. Die Tagesgäste sind weg, so dass Ruhe eingekehrt ist. Alternative zum Zwei-PS-Zuckeltrab: Leih-Fahrräder. Auf gut ausgebauten Wegen strampeln wir durch den idyllischen Norden. Wobei der Enddorn mit seinem blendend weißen Sandhaken ein ganz besonderes Kleinod darstellt. „So viel Himmel haben wir nicht bei uns!” begeistert sich eine Frau aus der eidgenössischen Alpenrepublik.
Runter vom Fahrrad – selbst das ist hier nicht mehr erlaubt – und durch die wunderschöne Natur gelaufen! Hunderte selten gewordener Vogelstimmen überraschen und bezaubern den Besucher dieses Naturparadieses. Wenn dann noch der Mond aufgeht und der Leuchtturm in den Abendhimmel blitzt, ist die romantische Caspar-David-Friedrich-Stimmung komplett. Davon kann man süchtig werden, wie Erstbesucher von Hiddensee „gewarnt” werden.


Schon der Dichter Ernst Moritz Arndt schwärmte von seiner Heimat: „Oh, Rügen! Liebliche Insel, wohin ewig die Liebe sich sehnt ...!” Geruhsame Fahrt durch die Boddenlandschaft. „Gletscher und Schmelzwasser ließen vor rund 10.000 Jahren die See überlaufen und schwappten in die flache Grundmoränenlandschaft”, Kapitän Magner von der Brücke anschaulich die flachen Wassermulden der Küstenlandschaft erklärend.
Im Hafen von Breege auf der Halbinsel Wittow heißt es nach rund 440 Kilometern: Endstation Kap Arkona! Der nordöstlichste und sonnenreichste Punkt Deutschlands grüßt mit seinen beiden historischen Leuchttürmen vom 46 Meter hohen Mergelkliff, an dem die Brandung unermüdlich nagt. Aus luftiger Perspektive schweift der Blick weit über die Ostsee, in die Frachter ihre schaumigen Bahnen zeichnen. Aber auch hinüber zum zehn Kilometer langen Strand der Schaabe-Nehrung, der Karibik-Assoziationen weckt. Dahinter recken sich die weißen Kalkklippen der Stubbenkammer, von sattgrünem Buchenwald umkränzt, in den blauen Himmel. Die Krönung ist der 117 Meter hohe Königsstuhl. Busausflügler werden am Abend davon schwärmen, aber auch vom Fischerdörfchen Vitt, der fürstlichen Residenz zu Putbus mit seiner zirkusförmigen Ortsanlage oder dem Schinkel’schen Aussichtsturm der Granitz mit Sicht auf das neu erstandene beliebte Seebad Binz, in dem der Schlafwagenzug „Arkona” aus Basel endet.
Müde von so vielen Eindrücken, wiegen uns die an der Bordwand leise glucksenden Wellen in den Schlaf. Meint Hiddensee- und Rügen-Fan Johann Magner: „Ich hab’ ja schon viel gesehen, aber dieses Revier ist für mich das Schönste.”

 

Diese oder ähnliche Reisen bieten 2010 diese Veranstalter bzw. Reedereien an:  1AVista Reisen · Hansa Kreuzfahrten · Hansa Touristik · KVS tours · nicko tours · Phoenix Reisen · plantours&partner · Thurgau Travel · TransOcean · TUI Flüsse

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Blick auf die Weinbergterrassen von Schloss Sanssouci in Potsdam.

Foto: GFDL Lienhard Schulz

Das Tegeler Schloss ist der Sitz der Nachfahren der Familie von Humboldt.

 

Foto: GFDL Andreas Steinhoff

Der Oder-Havel-Kanal mit dem Eberswalder Wassertor.

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Ein alter Treidelpfad im Schatten der Bäume am Finowkanal in der Schorfheide.

 

Foto: GFDL Sh.

Die Zugbrücke in Niederfinow mutet fast holländisch an.

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Der Trog im Schiffshebewerk Niederfinow.

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Freies und weites Land im Unteren Odertal.

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Die Hakenterrasse in Stettin mit der Seefahrthochschule.

 

Foto: GFDL Jan Luc

Die Seebrücke Ahlbeck auf Usedom.

Foto: GFDL Joachim Moellerchen

„Das blaue Wunder” zwischen zwischen Wolgast und Usedom.

 

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Der „Rasende Roland” verbindet Putbus über Binz, Selin und Baabe mit Göhren.

Foto: Seebad Binz

Das Ostseebad Binz liegt im Südosten von Rügen.

Foto: Phoenix Reisen, Bonn

SAXONIA-Kapitän Magner kennt dieses Fahrtgebiet wie seine Westentasche. 

 

Foto: GFDL Schaacke

Blick vom Leuchtturm über Hiddensee, „dat söte Länneken” (das süße Ländchen).

Foto: EG, SeereisenMagazin

Das Kurhaus von Zingst auf der Ostsee-Halbinsel Fischland-Darß-Zingst.

 

Foto: GFDL Botaurus

Kap Arkona auf Rügen ist der nördlichste Punkt der Reise.


Foto: nicko tours, Stuttgart

Die MS FRÉDERIC CHOPIN ist ein nicko-tours-Neuzugang aus der ehemaligen Flussflotte der Peter Deilmann Reederei.

Foto: Thurgau Travel, Weinfelden

MS JOHANNES BRAHMS fährt für Hansa Kreuzfahrten, Hansa Touristik, KVS tours, nicko tours und Thurgau Travel.

 

Foto: nicko tours, Stuttgart

Die kleine&feine MS KATHARINA VON BORA ist ebenfalls für nicko tours unterwegs, auch sie wurde Ende 2009 von Deilmann übernommen.

Foto: SANS SOUCI Kreuzfahrten J.S.

MS SANS SOUCI ist im Einsatz für TransOcean Flussreisen und TUI Flüsse.

 

Foto: plantours&partner, Bremen

Die MS SWISS CORAL ist buchbar bei 1AVista Reisen und bei plantours&partner.

Foto: Dr. Peer Schmidt-Walther, Stralsund

MS SAXONIA von Scylla Tours fährt im Charter von Phoenix Reisen. Hier in Stralsund endet oder beginnt die Reise zwischen Havelland und Ostseestrand.