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Honfleur, idyllisches Fischer-
und Künstlerstädtchen, eingekuschelt zwischen zwei Hügeln an der Côte de
Grace. Weit schweift der Blick von der Mole bis zur gleißenden
Horizontlinie, auf der große Frachter wie Modellschiffe kleben. Grünliche
Antlantikdünung rollt träge in den grau-braunen Flusstrichter. Vor der
kilometerweit entfernten Steilküste am gegenüber liegenden Ufer die weniger
ansehnliche Großstadt-, Industrie- und Hafenkulisse von Le Havre.
Ausgangs-Szenario einer Seine-Kreuzfahrt, „einer der schönsten Routen
Europas”, wie es im Prospekt heißt?

Gemach, gemach. Schon allein der Bummel durch die mittelalterlichen Gassen
stimmt versöhnlich, ja begeistert. Dazu als Apéritif ein Gläschen Calvados,
der hier heimisch ist. Warum nicht auch ein paar frische Austern und einen
trockenen Weißwein schlürfen? Mit Blick auf den quirligen alten Hafen ein
ganz besonderer Genuss. „Savoir vivre” sagen die Franzosen dazu. Für uns ein
gelungener Normandie-Auftakt. C ’est ca.
Überraschung, als nach einschläfernder Busfahrt durch sanft gewellte Wiesen
und Weiden plötzlich nicht mehr sattes Grün dominiert, sondern Tintenblau:
vor uns das Meer. Die Straße windet sich hinab ins malerische Seebad Etretat.
Gewaltige Kreidemauern begrenzen den Kiesstrand: die Alabasterküste. Stürme
und Brecher habe bizarre Formen ins Gestein gemeißelt: Türme, Durchbrüche
und Kerben. „Sieht ja ganz so aus wie Kreide”, meint jemand schmunzelnd, als
uns mittags lokaler Ziegenkäse kredenzt wird.
Hinter der am Heck flatternden Trikolore versinkt ein glühend roter
Sonnenball im Atlantik. MS VIKING NORMANDIE
stiebt mit schäumender Bugwelle in Gegenrichtung. Unter dem Stahlbeton-Band
der 215 Meter hohen Pont de Normandie muss sich das flache Schiff nicht
ducken. Ihr Schatten streicht quer über das Oberdeck. „Santé!”, „auf eine
erlebnisreiche und erholsame Kreuzfahrt.” Leise klingen die Gläser im
Abendwind. Schneller als vermutet verdunkelt sich der Himmel an Steuerbord.
Eine schwarze Wand schiebt sich bedrohlich nah ins Bild – die Flanke eines
gut 200 Meter langen Massengutfrachters. „Das solche Riesen hier fahren
können?!”, staunen die Gäste und recken ihre Hälse. „Weil wir auf Seewasser
schwimmen”, witzelt jemand. Aber Spaß beiseite: Der Atlantik drückt seine
Wassermassen noch 30 Kilometer stromauf.

Rot und grün blinken die Fahrwassertonnen in die Dunkelheit. Kapitän Patrick
Droissart und sein Kollege Jean-Marie Pia steuern jetzt nach dem Kursstrich
des Flussradars, dessen Widerschein ihre konzentrierten Gesichter
schemenhaft beleuchtet. Derweil genießen die Passagiere das Abendessen.
Erste „Bewährungsprobe” für Küchenchef Jürgen Schmitt. Bis nach drei Stunden
die Lichter von Caudebec-en-Caux, frühere Hochburg der Hugenotten, in Sicht
kommen. Zeit für einen Calvados-Absacker, den Abend- und
Verdauungsspaziergang. Das sanfte Gluckern der Seine an der Bordwand sorgt
für wohligen Schlaf.
Grau überragt die Kathedrale Notre Dame das Städtchen, das schon Wikinger,
Römer und Gallier sah. Für Heinrich IV. war das 1439 vollendete spätgotische
Gotteshaus „die schönste Kapelle seines Königsreichs”. Hören wir richtig?
Aus dem Innern dringt englischer Gesang: ein Gast-Chor aus London. Die Zeit
reicht noch für einen Abstecher zur Abtei-Ruine Jumièges, natürlich aus
normannischem Kalkstein errichtet. Sie trägt auch ein Prädikat: schönste in
Frankreich. Hinter der Uferstraße taucht plötzlich ein Flugzeug auf,
sozusagen im Tiefflug. Keine Angst, das Gefährt ist aus Stein: ein Denkmal
von 1931. Es erinnert an den Polarforscher Roald Amundsen, der mit einer
Maschine aus dem hiesigen Flugzeugwerk 1928 der Nobile-Nordpol-Expedition zu
Hilfe kommen wollte und dabei spurlos verschwand.

Fünf Stunden Liegestuhl-Pause am Nachmittag. Dazu Landschaft satt: steile
Kalksteinklippen, deren bizarre Formen die Fantasie anregen, kontrastieren
zu
üppigem Grünsaum. Daran ist das perfekte Mikroklima des Seine-Tals schuld:
gut |
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bewässert, vor starken Winden
geschützt, erwärmt durch die Kreidefelsen mit gemäßigten Wintern, heißen
Sommern und warmem Herbst. Für zahlreiche Apfelsorten ideal.
Vor einer Flussbiegung werden wir
gewarnt: „Dahinter lauert ’Robert, der Teufel’!” Gespannt starren alle nach
vorn. Doch es taucht nur eine Burg mit markantem Turm auf. „Da hauste der
Knabe”, verrät ein Geschichtskundiger, „der Vater von Wilhelm dem Eroberer
nämlich.” An dessen Raubzüge erinnert ein zwanzig Meter langes
Wikingerschiff – auch das Symbol der Reederei Viking Flusskreuzfahrten –,
ausgestellt in luftiger Schloss-Höhe. Selbst solche flachgehenden Boote
zerschellten im frühen Mittelalter an den Seine-Klippen. Der
„Schiffsfriedhof” von Quillebeuf könnte da so manche Gruselgeschichte
erzählen. Kapitän Droissart kann darüber nur lächeln: „Seitdem der Fluss
durch Baggerungen, Schleusen und Staustufen reguliert ist, können ihn heute
große Seeschiffe bis 140.000 Tonnen mit 10,50 Meter Tiefgang 120 Kilometer
weit befahren, pas de problème.” Wofür wir zwei Tage gebraucht haben, das
schaffen die dicken Brocken in sechs Stunden.
Riesige Betonsilos und Containerkräne kündigen die Hafenstadt Rouen an.
Neben den Hochseefrachtern schrumpft unsere kleine NORMANDIE
auf Beiboot-Größe. Hinter einer Brücke wird festgemacht, mitten in der
400.000-Einwohner-Hauptstadt der Region Haute-Normandie. Bis zum nächsten
Mittag ist genügend Zeit für fußläufige Stadterkundungen. Besonders lockt
die winklige Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern, Kirchen und Plätzen, die
auch schon die hier geborenen Dichter Corneille und Flaubert inspirierten.
Für viele ihrer Kollegen wurde die streitbare Jeanne d’Arc zur literarischen
Vorlage. Als Jungfrau von Orleans wurde sie 1431 in Rouen verurteilt und
verbrannt.

Zerklüftete Kalksteinkulissen, scheinbar zusammengehalten von schwarzen
Feuersteinbändern, säumen unseren stillen sechsstündigen Seine-Kurs bis zum
malerischen Les Andelys, das von der gewaltigen Festungsruine Château de
Gaillard von 1196 bewacht wird. Wir sparen uns die zwanzigminütige
Kletterpartie für den nächsten Vormittag auf.
Zum Abendessen bekommt der Küchenchef Konkurrenz. Eine bunte
Jahrmarktstruppe hüllt uns mit leckeren Grillschwaden ein. Die hautnahen
sozialen Einblicke in das unkonventionelle Schausteller-Treiben bieten
Gesprächsstoff und Lacher ohne Ende. Bis es dunkel wird und wir uns in dem
kleinen Gartenlokal am Anleger niederlassen, um Cidre, den normannischen
Apfelwein, zu verkosten. Wie lange vor uns schon die großen Meister Balzac,
Hugo, Monet, Leger oder Signac. Kriegsberichterstatter Lothar-Günther
Buchheim indes hat andere Erinnerungen („Die Festung”) an die Gegend, in der
auch Generalfeldmarschall Rommel 1944 sein Quartier bei Roche-Gyon hatte.
Wir jedoch wandeln weiter auf künstlerischen Spuren bis Vernon. In der Nähe
liegt Giverny, das Mekka von Claude Monet-Fans. Der Impressionist lebte und
arbeitete hier in seinem selbst geschaffenen Blumen- und Wasserparadies von
1883 bis zu seinem Tod 1926. Sein Landhaus ist heute ein viel besuchtes
Museum. Im Garten, durch den sich Menschenschlangen winden, lässt seine
Motive wieder lebendig werden, die es als Drucke und Postkarten zu kaufen
gibt. Die einstige Maler-Oase, bevorzugt wegen ihres weichen und gedämpften
Lichts, kann man allerdings nur noch erahnen.
Paris voraus! Nach einem geruhsamen Flusstag wird es hektisch und die Seine
immer stärker eingezwängt zwischen Steinböschungen, Straßen,
Eisenbahntrassen, Wohn- und Industrieanlagen. Kapitän und Steuermann hangeln
sich gelassen von Schleuse zu Schleuse. Zentimeterarbeit. Bis der Eiffelturm
hinter Wolkenkratzern sichtbar wird. „Ah!” hört man die Oberdeck-Seh-Leute
vielstimmig raunen. Landgang? Kein Wort davon. MS NORMANDIE
rauscht statt dessen ungerührt am Viking-Anleger vorbei. Zum Finale hat
Cruise Manager Lofti Zougghlami nämlich noch einige Überraschungs-Schmankerl
parat: die Stadtrundfahrt zu Schiff – unter den Brücken von Paris.

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