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AUSGABE 1/2010 |
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Die Wassili Blashenny Kathedrale am Roten Platz in Moskau. In Moskau beginnt die Reise auf dem Wolga-Ostsee-Wasserweg nach St. Petersburg. |
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Vor zwei Stunden hat das schneeweiße Binnenpassagierschiff GEORGIY TSCHITSCHERIN vom Kai des Moskauer Flusshafengebäudes am Moskwa-Kanal abgelegt. Der Nördliche Binnenhafen der russischen Hauptstadt liegt hinter uns.
Die künstliche Wasserstraße gruben Sträflinge auf Befehl Stalins zwischen 1932 und 1937. Was sie damals unter größten Strapazen leisten mussten, ist beachtlich. In der Rekordbauzeit von knapp sechs Jahren bewegten sie 154 Millionen Kubikmeter Erdreich, verarbeiteten 2,9 Millionen Kubikmeter Beton und Stahlbeton, errichteten elf Staudämme, ebenso viele Schleusen, 15 Brücken, acht Wasserkraftwerke und Sperrtore, fünf Pumpstationen und zwei Tunnels unter dem Kanal. Der 128 Kilometer lange Moskwa-Kanal übertrifft zudem seine Brüder in Panama um 47 und zwischen Nord- und Ostsee um 29 Kilometer.
Zu ihrem Namen ist die Stadt durch den Moskwa-Fluss gekommen. Das altslawische Wort „moska” für Sumpf, Feuchtigkeit stand dabei Pate. In früheren Zeiten war der Fluss einziger Weg durch die dichten Wälder. Bevor Peter I. Pläne zur Verbindung zwischen Ostsee, Wolga und Don schmiedete, konnte man in 20 bis 42 Tagen von Moskau nach Astrachan schippern. Über die Wasserscheide wurden Schiffe und Waren mit Muskelkraft von Mensch und Pferd übers Trockene geschleppt. Infolge zunehmender Siedlungsgrößen und damit verbundener Wasserentnahme, Abholzung und landwirtschaftlicher Nutzung begann im 17. und 18. Jahrhundert der Fluss zu versanden. Im 19. Jahrhundert fiel der Wasserspiegel auf magere 30 Zentimeter. Bis zu 250 Menschen und 50 Pferde waren für das Freischleppen von den Sandbänken notwendig. Zwischen 1873 und 1877 wurde ein Holz-Schleusen-System gebaut. Bis Kolomna konnten jetzt wieder Lastkähne mit 70 Zentimetern Tiefgang verkehren. Doch erst weitere Ausbau-Verbesserungen und Regulierungen brachten ab 1931 eine Erleichterung. Heutzutage ist die Moskwa auf 210 Kilometern für Schiffe mit bis zu 2,20 Metern Tiefgang problemlos befahrbar.
Pausenlos gleiten Binnenschiffsverbände mit bis zu 18.000 Tonnen Ladung vorüber. Bei 85 Metern Kanalbreite kein Problem für die erfahrenen Männer auf der Brücke um Kapitän Victor A. Kotschetkov. Sie haben es hier – tief im Herzen Russlands – sogar mit echten Seeleuten zu tun. Denen begegnen sie auf Binnen-See-Schiffen der Typen „Wolgo-Balt” oder „Amur”. Sie transportieren Güter in über 20 Länder Europas, Asiens und Afrikas, ohne dass ein Umladen notwendig ist. Eine Reise von Murmansk nach Baku mitten durch Russland dauert nur 15 Tage. Ausländischen Schiffen begegnet man auf den innerrussischen Wasserstraßen hingegen nicht. Auch die Containerfrachter-Linie Rostock-Moskau ist davon nicht ausgenommen. Die Monopolisten mit ihrer Mammut-Flotte unter der weiß-blau-roten Zarenflagge fürchten internationale Konkurrenz. Und stellen daher unannehmbare Bedingungen, zum Beispiel sich an den immensen Unterhaltungskosten des Fahrwassers zu beteiligen. Das schreckt ab. Vorerst bleibt's also beim strikten „Njet!”
Die TSCHITSCHERIN und ihre 37 Schwestern – allesamt seit 1976 auf der ehemaligen DDR-Elbewerft in Boizenburg gebaut – fahren im Fahrplan und haben dadurch Privilegien. Nämlich bevorzugt in den Schleusen abgefertigt zu werden. Das ist jedesmal ein Augen- und Fotoschmaus für die Seh-Leute an der Reling. Weithin sichtbar die monumentalen Schleusengebäude aus Granit und weißem Kalkstein. Ihr stalinistischer Baustil mit den triumphbogenähnlichen Türmen erinnert entfernt an das alte Rom. Satte 50 Meter Höhenunterschied müssen überwunden werden. Da heißt es immer wieder: „Fahrstuhlfahren abwärts". Auf unserem Kanal-Kurs nach Norden allein sechs Mal. Ab Dubna, dem Atomforschungszentrum an der Wolga-Einmündung, geht's erst mal auf „ebenem Kiel" weiter. Ein versilberter Lenin grüßt mit erhobenem Arm vom gegenüberliegenden Ufer.
Sie ist seit jeher Inbegriff für russische Heimat. Wie die Birke der russische Baum, der Wodka das russische Getränk, so ist die Wolga der russische Fluss. An seinen Ufern entstand die Nation. Viel besungen, bedichtet und gemalt: in Volksliedern, Romanen, Gedichten und Gemälden voller schwermütiger Romantik. Heute geschunden durch schwergewichtige Baumaßnahmen und Industrie. Nach ihrer finno-ugrischen Wortbedeutung gilt sie eigentlich als „die Helle, Herrliche" – längst passé. Auch wenn die Bord-Band „Troika" den Fluss noch so besingt. Was bleibt, ist russische Gigantomanie. Gespeist wird der 3690 Kilometer-Fluss der Flüsse, längster und wasserreichster Europas, aus rund 150.000 Zuflüssen, von denen 71 schiffbar sind. 60 Prozent des Wasservolumens machen Schmelzwasser, 30 Prozent Grundwasser und 10 Prozent Niederschläge aus. Sie durchströmt auf ihrem Nord-Süd-Weg drei Klima- und Vegetationszonen: Halbwüsten, Steppen und Nadelwälder. Letztere dehnen sich schier unendlich längs unseres Reiseweges durch das gleichförmige Osteuropäische Tiefland bis zur Ostsee.
Nach zweitägiger Kanal- und Flussfahrt weitet sich der Blick auf dem Uglitscher Stausee. Am Horizont Zwiebeltürme. Die heutige Uhrenstadt Uglitsch ging als Schauplatz eines düsteren Geschehnisses in die Geschichte ein. Dimitri, neunjähriger Sohn Iwans des Schrecklichen, kam hier 1591 unter mysteriösen Umständen ums Leben. Die Dimitri-Blut-Kirche von 1692 mit ihren fünf Kuppeln erinnert noch heute an den heiliggesprochenen Fürstenspross. Vom Anleger sind's nur ein paar Gehminuten zu dem Sakralbau oberhalb des Wolgastrandes. |
Der birkengesäumte Weg zur Kirche ist gepflastert mit Souvenirständen. Jeder Händler versucht ein Schnäppchen zu machen. Wenn sich allerdings Kindergruppen zum Kalinka-Gesang formieren, wird so mancher schwach. Ein paar Rubelchen, und die Gesichter strahlen.
Superlativ Nummer drei: der Rybinsker Stausee. Bis zu 72 Kilometer breit und 140 Kilometer lang, gilt er als einer der größten der Welt. Nicht umsonst wird er „morje", deutsch „Meer", genannt. Während seiner Anlage zur Verbesserung der Schifffahrts- Bedingungen, Energie- und Wasserversorgung zwischen 1941 und 1947 wurden 700 Ortschaften umgesiedelt und überschwemmt. Vom Decksstuhl lässt sich das würzig duftende grüne Panorama aus Inseln, versunkenen Bäumen und endlosem Waldmeer so recht genießen. Auch bei typisch russischem Essen, das die Küche täglich zaubert: ob Pelmeni, Borschtsch oder Piroschki. Vogelgezwitscher ist in der Stille weithin zu hören, allein übertroffen von stimmstarken Nachtigallen. Bis kein Ufer mehr zu sehen ist. Wir sind „auf See".
Wir lassen die Busgruppen hinter uns und machen uns zu Fuß auf den Weg durch Gorizy. Die sozialen Einblicke allerdings stimmen traurig. Vor einem verfallenen Haus schwankt eine ausgemergelte, zerlumpte Gestalt und winkt: „Paschalusta, bitte, kommen herein!" Drinnen Finsternis. Hinter schiefen Pappwänden ein wackliger Stuhl, Tisch und Bett, dessen zerfetzter Bezug mal weiß gewesen sein muss. Kein Wasser, kein elektrisches Licht. Sein letztes Fläschchen „Lebenselixier" umgestürzt und leer. An den schwarzgeräucherten Wänden vergilbte Zeitungsbilder. Igor, so heißt der junge, aber schon alt wirkende Mann, entblößt seinen Oberarm – und präsentiert im Licht des einzigen Fensters grinsend eine Tätowierung: „Cuba libre" ist da eingeritzt. Mit seinen vor Dreck schwarz glänzenden Fingern zerrt er mühsam ein abgegriffenes Album unter seiner zerwühlten Lagerstatt hervor: in Fotos festgehaltene Erinnerungen. An ein besseres Leben als Marinesoldat auf der karibischen Zuckerinsel. Müde winkt er „Dozwidanja!".
Nach weiteren sieben Schleusen öffnet sich bei Wytegra der schmale Flusslauf der Kowscha, Teil des Wolga-Ostsee-Kanals, ins scheinbar Unendliche. MS GEORGIY TSCHITSCHERIN steckt seine in den hier dünengesäumten Onega See. Eine schier uferlose gleißende Fläche. Kein Schiff, kein Segel weit und breit. Den märchenhaften Sonnenuntergang untermalt Starpianist Alexander Gololobov aus Moskau mit den „Vier Jahreszeiten" von Vivaldi. Die „weißen Nächte" lassen grüßen, denn so richtig dunkel wird es auf dieser geografischen Breite jetzt nicht mehr. Mit 10.000 Quadratkilometern (zum Vergleich der Bodensee: 539 Quadratkilometer) ist der Onega See größer als alle westeuropäischen Seen.
Am Spätnachmittag Land(gang) in Sicht: die Museumsinsel Kishi, eine von 1650. Auf einem Hügel am Ufer überragt alles die hölzerne 22-kupplige Christi-Verklärungs-Kirche, ein Musterbeispiel russischer Holzbau-Kunst. Genannt auch das „Wunder des Nordens", 1990 aufgenommen in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO. Dazu zählen auch karelische Bauernhöfe, Speicher, eine Windmühle und die 10-kupplige Mariä-Schutz-Kirche. Deren Glockenspiel klingt hell über die Bucht. Der Ladoga, größter See Europas (219 Kilometer Nord-Süd-, 130 Kilometer Ost-West-Ausdehnung, 18.100 Quadratkilometer, bis zu 225 Meter tief), zeigt sich gnädig. Sieben Leuchttürme weisen den Weg nach Sankt Petersburg. Als die Stadt im Zweiten Weltkrieg 900 Tage von deutschen Truppen belagert wurde, führte über den zugefrorenen See die „Straße des Lebens", auf der Versorgungskonvois in die Festung rollten und sie dadurch retteten. Nach einer Woche ist der Zielhafen unserer 1400-Kilometer-Reise von der Moskwa an die Newa erreicht. Das „Venedig des Nordens" zieht uns unwiderstehlich in seinen Bann.
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Die Christi-Erlöser-Kirche in Moskau. Sie wurde in der 1990er Jahren wieder aufgebaut. |
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Die Mariä-Verkündigungs-Kathedrale im Kreml von Moskau. |
Links die Erzengel-Kathedrale, der Große Kreml-Palast und rechts die Zar-Glocke. |
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Der Rote Platz in Moskau. Links vor dem Senats-Palast und der Kreml-Mauer das Lenin-Mousoleum, rechts hinten das rote Staatliche Historische Museum. |
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Der erste Abend auf dem Schiff im Moskau-Kanal, Richtung Nord. |
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In Uglitsch, direkt am Wolgastrand, steht die Dmitrij-Kirche „Auf dem Blut” (Bildmitte) und die Christi-Verklärungs-Kirche. |
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Das Christi-Verklärungs-Kloster in Jaroslavl. |
Im Zentrum von Jaroslavl, mitten auf den Hauptplatz, steht die Eliaskirche. |
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Im Kirillov-Belozerskij-Kloster in Gorizy. |
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Die unendliche Weite Russlands bei Gorizy. |
Sonnenuntergang über Kareliens Seen. |
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Das Kirchen-Ensemble vom Kishi. Mit Sommerkirche, Christi-Verklärungs-Kathedrale (22 Kuppeln), Winterkirche und Mariä Schutzmantel-Kirche. |
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Die Folklore-Gruppe tanzt für die Besucher der Insel. |
Ein traditionelles russisches Bauernhaus. |
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Der Ladoga See mit der Museumsinsel Kishi. Links dominierend die Christi-Verklärungs-Kathedrale. |
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in der Realität: Ein russisches Haus an der Swir ... |
... und die Spielerei eines neureichen Künstlers im Kunst-Dorf Mandrogi. |
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Landschaft, die dem Auge wohl tut in Russisch-Karelien zwischen Onega- und Ladoga-See. |
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Der Fluss-Anleger in St. Petersburg: Schiffe im Bundle. |
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Die Isaaks-Kathedrale in St. Petersburg. |
„Eherner Reiter” – Denkmal für Zar Peter den Großen. |
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Der Palast des Peterhofs – der Sommersitz des Zaren – mit der Großen Kaskade, liegt westlich von St. Petersburg. |
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Peterhof oder Petrodworez: Von der Terrasse des Palasts reicht der Blick über die Große Kaskade bis zur Ostsee. |
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Im Park des Peterhof, direkt an der Ostsee, steht Monplaisir, ein Schlösschen ... |
... von dessen Terrasse man auf den Finnischen Meerbusen blickt. |
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