|
Landgang auf Istrien ...
Istrien ist durch seine Naturschönheiten gesegnet und berührt jedes Herz. In
Istrien braucht es keine Schauspieler, um Lebensfreude zu zeigen. Land und
Leute verkörpern das, was man heutzutage so gerne als authentisch
bezeichnet. Die fruchtbare Landschaft, in der Oliven, Weintrauben und
Trüffelpilze gedeihen und fischreiche Gewässer rund um die herzförmige
Halbinsel im Norden Kroatiens sind den Menschen genug.
Wir sitzen bei Sonnenuntergang
und einem „Bellini” auf weichen Kissen in einer verwunschenen Bar für
Verliebte und Träumer, auf felsigem Grund in der Nähe des Hafens, saugen die
mediterrane Stimmung in uns auf, angetan vom Licht und seinen Farben – mal
lieblich, mal betörend, aber immer überwältigend.

Die grandiose, zauberhafte Landschaft Istriens bietet ein reichhaltiges
Kontrast-Programm. Weite Täler, stille Seen, lichte Höhen, beschauliche
Bergdörfer, liebliche Weinfelder und reihenweise Bäume mit Lecino- und
Pendolino-Oliven. Die Muschel-Gerichte vom Limski Kanal gelten unter
Feinschmeckern als die delikatesten und leckersten im ganzen Land.
Ursprünglich eine Bucht, bezeichnen die Anwohner ihren Limski Kanal als
schönsten Fjord Kroatiens, der sich am besten von einem Aussichtspunkt am
Nordhang überblicken lässt, wo der Kreuzfahrer erfährt, dass die weiland 25
Kilometer lange Karstschlucht Limska draga schon vor mehr als 10.000 Jahren
im Meer versank.

Rovinj, die schönste Küstenstadt Istriens, ist für Kreuzfahrer ein Landgang
allemal wert. Im Ort herrschen Ruhe und Gelassenheit. Kein Autolärm, kein
Stress, kein hektisches Treiben plagen Anwohner und Besucher der Altstadt,
deren Ursprünge bis ins 3. Jahrhundert zurückreichen. Niemand hat es hier
eilig. Und Zeit, um alles schön der Reihe nach erledigen zu können, gibt es
reichlich – irgendwann jedenfalls, morgen vielleicht.
Rovinj ist ein romantischer Ort mit venezianischer Architektur und
italienischem Flair, der die mediterrane Atmosphäre hinter dem morbiden
Charme seiner Altstadt-Fassade zu bewahren versteht. Ein Labyrinth aus
verwitterten Steinhäusern, die vom schlanken, 59 Meter hohen Campanile und
der alles beherrschenden Pfarrkirche stolz überragt werden. Während auf dem
glitzernden Wasser unser Kreuzfahrtschiff ankert und Fischer in dümpelnden
Booten ihr Abendmahl angeln, öffnen in der malerischen Stari Grad urig
eingerichtete Konobas und gepflegte Restaurants ihre Pforten. Dazwischen
liegen liebevoll eingerichtete Läden, verschwiegene mit Pflanz-Kübeln
dekorierte Innenhöfe, blumengeschmückte Treppen und Terrassen, schattige
Torbögen und geheimnisvolle Winkel, hübsche Boutiquen und kleine Galerien,
in denen Künstler ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Besonders romantisch
ist vor allem der geschützte Hafen mit unzähligen Booten, die sanft auf den
Wellen hin und her schaukeln.

Es geht weiter nach Poreĉ. Unseren Rundgang durch die historische Altstadt
unterbrechen wir vor dem vergoldeten Portal der Euphrasius-Basilika. Es
führt in das prachtvolle, säulengeschmückte Atrium des rund 1700 Jahre alten
Kirchengebäudes, das 1997 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde.
Die byzantinischen Mosaiken mit ihren kunstvollen Darstellungen biblischer
Geschichten und das oktogonale überkuppelte Baptisterium sind meisterhafte
Werke romanischer Architektur und erfreuen das Auge eines jeden
Kunstliebhabers. Allein der Blick vom Glockenturm auf die roten Dächer der
mittelalterlichen Hafenstadt ist Grund genug, Poreĉ ins Herz zu schließen.

Besser könnte die Lage nicht sein! Auf einem freistehenden Bergkegel erhebt
sich die stolze Handelsstadt Motovun erhaben über die Weinebene im
fruchtbaren Tal der Mirna. Aus den Häusern, die mit dem beigen Karstgestein
verwachsen sind, blicken die Bewohner aus 288 Metern Höhe in alle
Himmelsrichtungen auf das grüne Panorama der istrischen Hügellandschaft. So
sanft die Hügelketten aus der Ferne betrachtet auch aussehen, so lieblich
die Gegend auch wirken mag – steht man einmal mittendrin, gerät man leicht
ins Schwitzen. Erst recht, wenn an einem Herbsttag bei 30 Grad Celsius im
Schatten die blauen und grünen Trauben geerntet werden (müssen).

Eine holprige, kopfsteingepflasterte Gasse führt von der romanisch-gotischen
Unterstadt Motovuns in die Oberstadt mit gut erhaltener Kastellmauer. Auf
dem Weg nach oben locken Geschäfte und Weinstuben zur Einkehr, in denen
nicht nur erlesene Tropfen, sondern auch antike Möbelstücke überzeugen. Wer
etwa zu viel des Weines intus hatte, konnte sich früher gleich nebenan in
das hölzerne Bett legen, das heute die Einrichtung des Lokals dekorativ
schmückt. Auf der Aussichtsterrasse hinter dem Stadttor werden wir mit einem
fantastischen Blick auf das Mirna-Tal belohnt. Den von üppigen
Kastanienbäumen bestandenen Hauptplatz bewachen Rathaus, Glockenturm,
Stephanskirche und Polesini-Palast.

Viele Maler, Musiker und Bildhauer sind im Künstlerdorf Goržnjan zuhause. An
jeder Ecke gibt es unplugged Musik, Ateliers, Galerien und Ausstellungen.
Die modernen
|
|
Werke setzen lebendige Akzente
und harmonieren wunderbar mit der alten istrischen
Bausubstanz, die kreative
Bewohner in gemeinsamer Anstrengung vor dem Verfall gerettet und liebevoll
restauriert haben. Die Innenhöfe, Gassen und Balkone sind farbenprächtig
geschmückt – und auch der Dorfplatz am Maja br, das Herzstück der vitalen
Künstlerkolonie mit grandioser Aussicht auf die Landschaft, ist eine
Augenweide und animiert zum Bleiben.

Vor der Konoba-Taverne „Bastia” in Grožnjan duftet es intensiv nach
hochwertigem Olivenöl, aromatischen Trüffelpilzen und fruchtigem Malvazija.
Alle drei sind die Hits der istrischen Küche und eignen sich auch für daheim
als erlesene Mitbringsel, die in großer Auswahl in einem hübsch dekorierten
Shop gekostet und käuflich erworben werden können. Unter betagten Kastanien
gibt es als Auftakt unseres ländlichen Menüs luftgetrockneten, istrischen
Schinken, serviert mit Schafskäse, Oliven, Brot, Wasser und Wein. Danach
speisen wir schwarze Trüffel an hausgemachter Pasta und – natürlich – Eis
zum Nachtisch. Einschließlich Wasser, Wein und Gedeck, das – wie in Italien
– extra berechnet wird, gibt es alle drei Gänge für zwei Personen zu einem
erschwinglichen Preis (246 Kuna = 35 Euro).
Ob Hum – unser nächstes Ausflugsziel – tatsächlich „die kleinste Stadt der
Welt” oder nur ein guter Werbegag ist, konnte uns niemand wirklich
beantworten. Klein ist die Stadt auf jeden Fall. Der mittelalterliche Ort
profitiert offensichtlich bestens von dem bescheidenen Titel, den sich die
18 Einwohner haben einfallen lassen, denn auch uns zieht es in den über 900
Jahre alten Weiler mit zwei Dutzend verwitterten Häusern, zwei engen Gassen,
einer Kirche und dem wuchtigen Glocken- und Verteidigungsturm.

Unsere Weiterfahrt führt spektakulär in Serpentinen am östlichen Ufer
entlang. Die kurvenreiche Straße entlang bewaldeter Hänge mit idyllisch
gelegenen Bergdörfern gilt als die schönste Route Istriens. Zwischen
Esskastanien und Lorbeerbäumen entdecken wir schließlich am Lungomare die
herausgeputzten Villen und aufwändig restaurierten Prachtbauten aus der
guten alten k.u.k-Zeit. Kein Zweifel, wir sind in Opatija, einem
nostalgischen Kurort, mondän, beschwingt, und noch immer behaftet mit einem
Schuss „Wiener Schmäh”. Während der Donaumonarchie gehörte es zum guten Ton,
in Opatija an der Kvarner Bucht zu überwintern, das 1894 mit dem Treffen
Kaiser Wilhelm II. und Franz Josef I. von Österreich-Ungarn Weltruhm
erlangte.

Wie eh und je flanieren die Kurgäste vorbei an Opatijas Wahrzeichen, der
hinreißenden Bronzestatue „Gruß an das Meer”, trinken auf der großen
Terrasse des ehrwürdigen Hotels „Kvarner” zu Apfelstrudel und Sacher-Torte
Wiener Melange, und vertreten sich anschließend die Beine im nahegelegenen
Park Angiolina. Vor den bunten Blumenrabatten der klassizistischen,
rosafarbenen Villa gleichen Namens, traf sich um 1900 die Créme de la créme
der Wiener (Hof-) Gesellschaft zum Stelldichein. Die fehlt zwar heutzutage,
aber niemanden würde es wundern, auf dem Lungomare zwischen Lovran, dem
ältesten Ort der Opatijska riviera, und dem Fischerdorf Volosko, im Schatten
der Mammut- und Zitronenbäume, Akazien und Zedern „elegante Damen in langen
Kleidern promenieren zu sehen und die Klavierübungen höherer Töchter zu
hören,” wie ein Reiseführer so treffend beschreibt – eine schöne Illusion,
die durch Besucherscharen aus Italien, Deutschland, Österreich und Slowenien
rasch relativiert wird.

Die größte Attraktion der geschäftigen Hafenstadt Pula ist das am Meer
gelegene Amphitheater – das fünftgrößte der Welt. Die historischen Gemäuer
zwischen den gepflegten Grünanlagen stammen aus römischer Zeit, ebenso das
häufig erneuerte Rathaus und der vollständig erhaltene Augustus-Tempel am
Forum, dem Platz der Republik. Unter den Römern, die seit Kaiser Augustus
(27 v. bis 14 n.Chr.) über die ehemalige Wallburg der Histrer herrschten,
gab es hinter den Arkadenbögen des antiken Theaters blutige
Gladiatorenkämpfe und halsbrecherische Wagenrennen. Wer auf dem Sandplatz
der Arena steht, wird wieder an Kriegsgefangene, Sklaven und Christen
erinnert, die unter dem tosenden Beifall der Zuschauer den Tod fanden. Heute
ist das beeindruckende Bauwerk Aufführungsort unvergessener Events. Auf der
einzigartigen Freilichtbühne werden Verdi-Opern, Rock-Konzerte, Film- und
Schlagerfestivals inszeniert. Internationale Stars, wie Placido Domingo,
Montserrat Caballé und Sting, traten dort auf und begeisterten
hunderttausende Fans.

Sehen Sie, da ist es wieder, dieses mediterrane Licht und seine schillernden
Farben – so faszinierend, so traumhaft. Versonnen betrachten wir den
rotgoldenen Glanz auf der Oberfläche des Meeres tanzen. Das Haupt dankbar an
die Schulter des Partners gelehnt, ruht der Blick lange auf dem Wasser,
ernst und genau. Es ist schäumendes, rauschendes Wasser, das die Schrauben
unseres Schiffes beim Abschied von der Küste Istriens hinterlassen. Es
spritzt in die Höhe, zieht geräuschvoll eine Bahn wilder Strudel und
ungestümer Wirbel nach sich, die ohne Behinderung und wie durch einen Zauber
mit dem Meer verschmelzen. Erfüllt und glücklich gleitet der Blick westwärts
über die schillernden Wellen der Adria in das glühende Orangerot der rasch
am Horizont verblassenden sinkenden Sonne. |