|
|
|||||||
|
|
|||||||
|
Lebenslinien im Gesicht von Cornelius Cransbergen. |
|||||||
|
|
|||||||
|
|
|||||||
|
Einst war Cornelius Cransbergen Walfänger. Heute ist er Greenpeace-Mitglied und wütend auf Japan und Norwegen. Wie der fischende Holländer vom Saulus zum Paulus wurde.
Ameland ist ein schöner Flecken
Erde. Eine kleine Nordsee-Insel vor Westfriesland,
schimpft Cor, „schlicht und einfach eine Schande. Es gibt heute keinen Grund mehr, Wale zu jagen.” Cor ist 78 Jahre alt, hat kräftige, ruhige Hände, buschige Augenbrauen mit tief sitzenden, dunklen Augen. Er ist groß und immer noch von beeindruckender Statur. Er lebt mit seiner Frau Hennie in einem dieser winzigen Ameland-Häuschen und hält ein halbes Dutzend langhaarige Dackel. Wenn er zu den Dünen geht oder in den Ferienhäuschen, die er an Touristen vermietet, nach dem Rechten sieht, zieht er eine grüne Wachsjacke an. Und wenn er von den großen Walen erzählt, wie sie immer weniger werden und wegen nichts und wieder nichts ihr Leben lassen müssen, beginnen seine Augen wild und wütend zu funkeln. Er, Cransbergen aus Nes, wütend? Wo er doch als Schiffskoch eines Walfängers selber zur fatalen Situation der Wale beigetragen hat? Cor scheut diese Frage nicht. „Wissenschafter haben uns damals glaubwürdig in Blauwal-Einheiten vorgerechnet: Zwei Finnwale oder drei Buckelwale entsprachen einer Blauwal-Einheit. Pro Jahr könne man weltweit getrost 16.000 Blauwal-Einheiten jagen, denn jährlich wachse die Gesamtpopulation der großen Wale um 20.000 Blauwal-Einheiten, woraus sich immer noch ein jährlicher Zuwachs von 4000 Blauwal-Einheiten ergäbe. Wir stachen also mit dem akademisch gesicherten Wissen in See, die Bestände der Wale keinesfalls zu dezimieren. Es gab klare Bestimmungen, wie groß ein Wal im Minimum sein musste, dass er geschossen werden durfte. Kapitäne, die sich nicht an die Vorschriften hielten, wurden damals noch in den Tageszeitungen getadelt. Und auf unserem Schiff waren immer mehrere Wissenschafter an Bord, die jeden gefangenen Wal genau vermassen. Ein Blauwal zum Beispiel musste mindestens 66 Fuß lang sein. Wenigstens bei uns.” Bei anderen sei das nicht so gewesen. „Russische Walfänger erzählten mir, sie hätten auf alles geschossen, was sich bewegte ...”
Die Gewissensfrage war also geklärt, bevor sie gestellt wurde. Doch das war nur einer der Gründe, warum Cor als Walfänger anheuerte. Der andere war Ameland. „Es gab keine Arbeit hier, zumal unser Land immer noch an den schlimmen Folgen des Zweiten Weltkrieges litt”, erzählt Cor. „Als mein Vater wegen einer Kinderlähmung seine Bäckerei aufgeben musste, war ich zu jung, um sein Geschäft zu übernehmen.” Cor tat das Naheliegendste, er ging zur See. Zuerst auf einem kleinen Küsten-Handelsschiff nach London, Manchester und Paris, „aber das war endlos langweilig”. Seine Chance witterte er, als ihm ein Seemann anbot, auf dem Walfangschiff WILLEM BARENDSZ zu arbeiten, dem einzigen Mutterschiff der holländischen Walfangflotte. Ameland war seit jeher eine Walfänger-Insel. Jahrhunderte lang stachen Ameländer auf der Jagd nach Walen in See. Viele verloren dabei ihr Leben, und Kapitäne wie Hidde Dirk Kat erlangten Berühmtheit, aber alle verdienten mit diesem Handwerk gutes Geld und großes Ansehen bei den Insulanern. Walfänger waren wilde Kerle. Cor wollte sein Glück ebenfalls versuchen. Und Wale waren damals nützliche Tiere: Aus ihnen wurde Kerzen- und Maschinen-Öl hergestellt, Margarine und Fleisch, Elfenbein und Farben, Seifen, Salben und Suppen ... Noch nach dem Ersten Weltkrieg meinte die britische Armeeführung: „Ohne das Walöl wäre die Regierung nicht in der Lage gewesen, sowohl die Schlacht um die Ernährung als auch die Munitionsschlacht zu schlagen.”
Im Herbst 1951 ging der damals 23jährige in Amsterdam an Bord der WILLEM BARENDSZ. „In Amsterdam luden wir 15.000 Kilo Munition, bevor wir nach Curaçao in See stachen, um dort Treibstoff zu tanken”, erzählt Cor. Die Reise dorthin dauerte zwei Wochen, weitere drei Wochen war die WILLEM BARENDSZ nach Kapstadt unterwegs. „In dieser Zeit gab es für uns nicht viel zu tun, mannsdicke Seile knüpfen und das Deck mit Holzbrettern auslegen.” Wozu der doppelte Boden nützlich war, würde Cor bald sehen. In Kapstadt lag das Schiff vor Anker, während die im dortigen Hafen eingestellten Fang- und Sammel-Boote klar Schiff gemacht wurden: bis zu 18 kleinere Dampfschiffe mit je 15 Mann Besatzung, die dem Mutterschiff voraus fuhren und die Wale erlegten. Zur Verstärkung der Mannschaft kamen rund 350 Südafrikaner an Bord, so dass die gesamte Crew etwa 1100 Mann zählte. Nach drei bis vier Tagen in Kapstadt legte die WILLEM BARENDSZ erneut die leinen los, diesmal Richtung Antarktis. Eine Woche dauerte die Fahrt dorthin. Cor arbeitete auf dem Mutterschiff als „Hakenboy”: Mit dem krummen Messer am langen Stiel schnitt er den Walen den Speck vom Fleisch. Die von einem Sammelboot hergebrachten Wale wurden auf das Speckdeck gezogen und zerschnitten. In dicken Brocken von über zehn Kilo kam der Speck direkt in den Ofen, wo er zu Tran schmolz und in Fässer abgefüllt wurde. „Das war anstrengende und gefährliche Arbeit”, sagt Cor. „Das Schiff schaukelte ja ständig. Wer von einem herab fallenden tonnenschweren Speckstück getroffen wurde, konnte leicht erschlagen werden.” Einen bis zwei Tote habe es auf dem Schiff in jeder Saison gegeben. |
Das Deck war vom Fett und vom Blut so glitschig, dass die Arbeiter Nägel in ihre Schuhe schlugen, um nicht auszurutschen – die Holzbretter, mit denen das Deck ausgelegt war, gab ihnen sicheren Halt. Der entspeckte Wal wurde mit Seilwinden vorwärts gezogen zum Fleischdeck, wo ihm weitere „Hakenboys” das Fleisch von den Knochen schnitten und dieses im Bauch des Schiffes tiefkühlten. Auf der WILLEM BARENDSZ waren immer einige Japaner an Bord, die die besten Fleischstücke vom Platz kauften und japanische Schiffe orderten, die das Fleisch abholen kamen. „Die Japaner”, sagt Cor, „waren übrigens immer sehr gute Seeleute.” Die Knochen wurden zu Mehl gestampft. Der Rest, die Schlachtabfälle, wurde zügig über Bord geworfen – denn der nächste Wal war buchstäblich schon im Anzug. So ging das 24 Stunden am Tag im Mehrschichtenbetrieb.
„ Nach ein paar Monaten wurde ich in die Küche beordert. Ein Koch war krank, und weil der Küchenchef wusste, dass ich Bäcker gelernt hatte, bestellte er mich zu sich.” So wurde Cor zum Koch, „aber in der Großkombüse wurde ich wie ein Bauerntölpelbehandelt, weil ich von einer kleinen Insel kam und nicht wie die meisten anderen aus den Großstädten Amsterdam oder Rotterdam. ”Ein halbes Jahr lang kreuzte Cor auf dem Mutterschiff durch die antarktischen Gewässer, bevor die WILLEM BARENDSZ wieder in Kapstadt anlegte. Die Vorräte anFrüchten und Gemüse waren längst ausgegangen, die mitgeführten Eier rochen schon seit Wochen faulig. „Nach so langer Zeit auf See kam uns die Stadt vor wie das Land, in dem Milch und Honig fließen”, schwärmt Cor. Aber immerhin: 1626 Blau-, Finn-, Buckel- und Potwale hatte die Flotte gefangen und auf dem Mutterschiff verarbeitet.Jetzt ging die ganze Reise retour: Fangschiffe zum Übersommern klarmachen und zurück nach Amsterdam und von dort wieder nach Hause nach Ameland. Neun Monate war er insgesamt weg. Und zurück auf die WILLEM BARENDSZ wollte Cor auf keinen Fall. „Ich sagte meinem Chef, dass ich nächste Saison nur wieder komme, wenn ich auf einem Fangschiff kochen darf.”Kein Problem: Drei Monate später ging Cor erneut an Bord der WILLEM BARENDSZ, fuhr nach Kapstadt und wurde Koch eines Fangschiffes. Die Fangschiffe fuhren demMutterschiff einen bis zwei Tage voraus auf der Suche nach Walen. Hatte der Späher auf dem Ausguck die weißen Fontänen der Meeresriesen gesichtet, lotste er das Boot Richtung Wale. War das Schiff nahe genug dran, begab sich der Kapitän von der Brücke via einen direkten Steg an den Bug, denn ausschließlich ihm war es vorbehalten, die Kanonenharpune abzufeuern. Der Späher im Ausguck lotste jetzt sowohl das Schiff als auch den Kapitän: Von Ausguck herab konnte er am besten abschätzen, wann für den Schützen der ideale Moment für seinen tödlichen Schuss kam. Mit einem lauten Knall feuerte der Kapitän die Kanonenharpune. Das Geschoss bohrte sich in den Körper des Wales und detonierte in seinem Inneren. „Ein guter Schütze brauchte nur einen Schuss pro Wal”, sagt Cor. „Aber ich habe Kapitäne erlebt, die mussten fünf Mal schießen, bis der Wal tot war.” Das verendete Tier wurde mit Seilen und Haken zu den Planken gezogen, wo ihm mit Schläuchen Luft in den Körper gepumpt wurde, damit es nicht sinkt. Der Funker meldete den Fang an das Sammelschiff, der Wal wurde mit einer Flagge und einem Radar-Reflektor markiert. Und weiter ging die Fahrt durchs eisige Wasser auf der Suche nach dem nächsten Opfer. Ununterbrochen Tag und Nacht, sechs Monate lang.Cor kochte derweil für seine Männer. Proviant vom Mutterschiff. Und natürlich Walfleisch. „Gebraten schmeckt es wie Rindersteak. Aber man muss es essen,solange es heiß ist, sonst bekommt es einen tranigen Geschmack. ” Er servierte seinen Männern frisches Brot und süßen Kuchen, das gebührte seiner Bäcker-Ehre.
Wieder zu Hause in Nes, konnte Cor Geld zählen. Sehr viel Geld, denn auf einem Fangschiff verdiente er mehr als auf dem Mutterschiff. Abgerechnet wurde mit Fixum und in genauestens nach Dienstgrad abgestuften Anteilen an Provision pro erlegten Wal. Für ihn, den Koch, 7,69 Cent plus noch mal soviel „Jägerbonus” pro 180-Liter-Fass Tran, 10,38 Cent pro Tonne Knochenmehl, 14,43 Cent für jede Leber. So kam er in der achtmonatigen Jagdsaison 1958/59 bei 219 erlegten Walen auf einen Lohn von 6.016,08 holländischen Gulden. Das entspricht 752 Gulden pro Monat – plus, wenn man so will, Kost und Logis. Eine astronomisch hohe Summe. Cor: „In den Monaten zu Hause arbeitete ich auf der Fähre. Dort verdiente ich gerade mal 240 Gulden pro Monat, also einen Drittel des Walfängerlohnes.” Wenn man die Löhne dieser Saison aufrechnet auf 1100 Mann Besatzung und die Betriebskosten für das damals größte Walfang-Mutterschiff der Welt und deren Fangschiffe bei einem Gesamt-Jagdertrag von 2190 Walen, wird klar, wie lukrativ der Walfang damals war. Mit 6.000 Gulden konnte sich Cor damals etwa ein halbes Haus kaufen. Bald hatte er das Geld für sein erstes Haus beieinander. Er vermietete es an Touristen und verdiente noch mehr Geld. „Nach zehn Walfang- Saisons besaß ich zehn Ferienhäuschen auf Ameland”, erzählt Cor stolz, und seine Brust schwillt ein wenig an. Eine Investition, die seine Altersvorsorge geworden ist: Noch heute vermietet er die gemütlichen Reetdachhäuschen an Gäste. Jahre später wurde immer offensichtlicher, dass sich die Blauwaleinheiten-Theorie der Wissenschafter eine Lüge war. Die Wale wurden immer weniger. Die große Jagd rentierte nicht mehr, weder für die Walfänger noch für den Staat. Und immer mehr Produkte konnten inzwischen auch ohne Wale hergestellt werden. 1963 stieg Cor aus. Er hatte ja mittlerweile mit seinen Ferienhäuschen ein sicheres Einkommen. 1964 stellte Holland den Walfang ein. 1966 wurde die WILLEM BARENDSZ verkauft, erst nach Südafrika, wo sie zur schwimmenden Fischmehl-Fabrik umgebaut wurde. 1973 verkauften sie Südafrikaner das Schiff an die Koreaner. 1975 behinderte Greenpeace im Nordpazifik zum ersten Mal mit Zodiacs Walfangschiffe. Heute ist Cornelius Cransbergen ein zufriedener Mann. Er ist seit 36 Jahren mit Hennie verheiratet, die beiden Töchter sind längst ausgeflogen. Im Wohnzimmer steht eine Vitrine mit geschnitzten Potwalzähnen und einem Blauwal-Ohrknochen. An der Wand hängt ein Hakenmesser. Im Bücherregal stehen Ordner mit fein säuberlich sortierten Lohnabrechnungen der WILLEM BARENDSZ und sein Menü-Heft aus der damaligen Zeit. An Weihnachten 1961 gab's Gemüsesuppe, Kartoffeln mit Jus, Tournedos, Grüne Bohnen und Orangen zum Dessert. „Ich fühle mich nicht schuldig, dass die Wale heute vom Aussterben bedroht sind”, sagt Cor. „Damals war alles anders. Aber ich habe eine Stinkwut auf Länder wie Japan und Norwegen, die heute noch mit fadenscheinigen Begründungen Wale jagen.” 2006 reiste Cor mit Hennie auf einem Kreuzfahrtschiff in die Antarktis. „In Gebieten, in denen wir früher Hunderte von Walen sichteten, sah ich auf der Kreuzfahrt nur noch zwei weiße Fontänen.” www.wwf.de/iwc · www.greenpeace.de · www.sosweltmeer.ch · www.wdcs.de/wale |
||||||
|
Walfangschiffe waren leicht am Steg zu erkennen, der von der Brücke zum Bug führte – der Weg des Kapitäns zur Kanone. |
Die todbringende Kanone mit der Harpune. Die Spitze bohrte sich in den Wal und detonierte in seinem Körper. |
||||||
|
„Hakenboys” schnitten mit krummen Klingen und Kränen den Wal ist Stücke. Der Blauwal ist bis zu 200 Tonnen schwer. Eine anstrengende und gefährliche Arbeit. |
|||||||
|
|
|||||||
|
|||||||