Beschäftigungslosigkeit hat manchmal auch sein Gutes. Das russische Forschungsschiff AKADEMIK SERGEJ VAVILOV zum Beispiel. Geldmangel hätte es schon längst an die Kette gelegt, wären da nicht Veranstalter, die russische  Eisbrecher und Forschungsschiffe „an Land gezogen haben, um auf ihnen Reisen ins Eis anzubieten, vom Nordpol bis zur Antarktis. Die erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, denn auf diese Weise lassen sich die letzten „weißen Flecken unserer Erde erforschen – im doppelten Sinne des Wortes.

Mit von der „eisigen Partie zu sein, ist sonst nur Wissenschaftlern vergönnt. Diese Exklusivität ist nun vorbei. Forscher sind zwar an Bord, aber sie kümmern sich in erster Linie um Vorträge und fachkundige Führungen an Land. Es geht um Ökologie, Ornithologie, Zoologie, Vegetation, Ozeanographie, Geographie – sozusagen auf einer schwimmenden „Arktis-Universität.

Was der eis-, geschichts- und naturhungrige Passagier dabei erleben kann, schildert die folgende Reportage einer knapp vierzehntägigen Reise vom norwegischen Spitzbergen nach dem immer noch kaum bekannten russischen Fels-Archipel Franz-Josef-Land.

 

Ausgangspunkt unserer touristischen Expedition ist die Svalbard-Hauptstadt Longyearbyen. Dorthin müssen wir via Norwegen per Jet, von da an nur noch im 13-Knoten-„Tempo.

AKADEMIK SERGEJ VAVILOV geht ankerauf. Die Kulisse: selbst im Sommer, auf immerhin 78 Grad Nord, schneebedeckte Berge. An Land Bergwerkshütten, Schachteinfahrten, aus denen arktische Kohle – die nördlichste der Welt – gefördert wird.

Durch den langgezogenen Fjord dampft das weiße Schiff erst einmal auf Südkurs. Im gletschergesäumten Hornsund wird eine polnische Wissenschaftsstation angelaufen. Postübergabe – eine freundliche Geste an die einsamen Nord-Männer.

Am nächsten Tag „Maschine Stopp! vor Haaöya, der „Todesinsel: Hunderte von  uralten Walross-Skeletten leuchten sonnengebleicht vom Strand herüber. Mit diesem ersten „Tier-Erlebnis müssen wir uns vorerst begnügen. Die See gebärdet sich zu grob und lässt uns nicht landen. Sicherheit geht nun mal vor.

 

Am nächsten Morgen poltern Treibeisschollen gegen die verstärkte Bordwand. Zwerg-Wale, Ringelrobben und Kurzschnabellummen – scherzhaft auch „Pinguine der Arktis genannt – mit ihren quietschvergnügten Jungen ficht das überhaupt nicht an. Sie tummeln sich munter im eisigen Wasser. Das Treibeis verdichtet sich unter dem Einfluss von Wind und Strömung zu Packeis.

Franz-Josef-Land voraus. Nasse Landung per Zodiac-Schlauchbooten auf der Insel Northbrook. Tierfreunde und -fotografen kommen voll auf ihre Kosten, besser gesagt: zum „Schuss: 20  tonnenschwere Walross-Kolosse lümmeln auf einer einzigen Scholle.

Historisches am Rande: Die Jackson-Station, in der schon Fridtjof Nansen während seiner polaren Driftfahrt mit dem Holzsegler FRAM überwinterte. Welche Strapazen gegen unsere „weiche Reise – hier kann jeder es nachempfinden.

Vor der Wilczek-Insel „empfängt uns ein kapitaler Eisbär. Der ist so neugierig, dass er sogar auf das Schiff lostappt – oder er ist sich seiner Stärke als „König der Arktis bewusst. Ob die Polarforscher Weyprecht und Peyer auch so „angegangen wurden, als ihre österreichische Expedition mit der Fregatte ADMIRAL TEGETTHOFF hier 1875 erstmals landete? Die fotogene Szene setzt noch eins drauf mit sonnenbestrahlter blauer Himmelskulisse.

AKADEMIK SERGEJ VAVILOV muss sich gegen massives Treibeis stemmen, als sie bis in die Tychaja-Bucht vordringt. Das Schaben, Kratzen und dumpfe Donnern wirkt

beängstigend.

Die wuchtige Stabilität des eisstarken Schiffes verdrängt solche Gefühle im gleichen Augenblick.

 

Nächste Station: die Bell-Insel. Nicht nur eine gut erhaltene Hütte der Leigh-Smith-Expedition vom Ende des vorigen Jahrhunderts lockt Polarhistoriker an Land. „Endlich einmal mit eigenen Augen zu sehen, unter welchen harten Bedingungen hier damals geforscht und gehaust wurde!, so der Ausruf eines Mitreisenden. Auch die Fauna hält während einer Abendexkursion bei Mitternachtssonne Überraschungen bereit: einen Polarfuchs, brütende Schmarotzerraubmöwen, Sterntaucher und Meeresstrandläufer beleben die scheinbar leblose Arktis.

Vor der Prinz-Georg-Insel wieder Makro-Lebewelt: ein Grönland-Wal wird gesichtet und angelaufen. Zwei Stunden liegen Schiff und Riesen-Meeressäuger einträchtig Seite an Seite, sich freundlich gegenseitig beäugend, an Bord durch die Objektive zahlreicher Kameras. Erstaunliches erfahren wir von „unseren Bord-Wissenschaftlern: Totgesagte leben länger, will sagen: Diese Wal-Spezies ist also im Nördlichen Eismeer zum Glück noch nicht ausgestorben. Allgemeine Freude und Erleichterung machen sich breit und äußern sich spontan: „D a s  wenigstens hat der Mensch noch nicht geschafft! Wir sind staunende Zeugen.  

Bergtour auf das Kap Nansen. Tief unter uns AKADEMIK SERGEJ VAVILOV, im dichten Fjord-Eis der Cambridge-Bucht eingeklemmt . Eine streunende Eisbären-Familie lässt sich dadurch nicht irritieren.

 

Flotte Fahrt mit Kurs West zurück nach Spitzbergen. Das offene Wasser, in diesem Seegebiet nur selten anzutreffen, begünstigt unseren Fahrplan.

Kvitöya – hier überwinterte der schwedische Polar-Ballonfahrer Andrée. Kaum vorstellbar, so ein luftig-eisiges Unternehmen.

Jüngste, mehr unheilvolle Geschichtsbetrachtung, im Rypfjord, an der Nordflanke von Nordauslandet. „Wettertrupp Haudegen funkte aus diesem äußersten Winkel Spitzbergens Daten an die Wehrmachts-Besatzer nach Norwegen – für Kampfschiffe der deutschen Kriegsmarine im Einsatz gegen Handelsschiffskonvois von und nach Murmansk auf der Kola-Halbinsel. Bartrobben auf erhöhten Strandterrassen scheren die verrosteten Stahlhelme heute wenig.

Geradezu überwältigend die Kulisse im Lomfjord. Berge und Gletscher gereichen dem Namen „Spitzbergen hier allemal zur Ehre. In der geschützten Bucht sprießt zudem eine kärgliche bodendeckende Vegetation. Sogar „Bäume wachsen zwischen dem Steinpflaster: die Polarweide, mit maximal zehn Zentimetern „Stammhöhe kleinster Vertreter seiner hohen Vettern in südlichere Breiten. Schneehühner finden in diesem Felstundra-„Wald noch ihr bescheidenes Auskommen. Im Wahlenberg-Fjord, ein paar Meilen weiter, sichten wir Ringelgänse und sogar Großwild: äsende Rentiere.

 

Zodiac-Ausflüge entlang der Gletscher-Kalbungsfronten im Randfjord: die Eisberg-Geburtsstätte.

Menschliche Rest-Ansichten auf Ytre Norsköya und Smeerenburg, Gräber von Walfängern aus dem 17. Jahrhundert. Der Frostboden hat ihre Skelette pietätlos wieder ans Licht gepresst. „Nackt liegen sie am Strand. Alkhornet ist Ziel einer ornithologischen Exkursion; am Isfjord-Eingang Siedlungsgeschichtliches: Ruinen des altrussischen Pomors-Jägerstammes aus dem 18. Jahrhundert. Blick in die Gegenwart bei einem Landgang durch die neu-russische Bergwerkssiedlung Barentsburg mit ihren eintönigen Betonplatten-Burgen und Gräberfeldern. Weithin leuchtet der auf eine Bergflanke gepinselte Schriftzug „Mir” – Frieden. Den haben wir in der Arktis erlebt – an Bord, in und mit einer grandiosen Natur.

www.kontiki.ch · www.oceanwide-expeditions.com · www.polar-reisen.ch

Gletscher im Kongsfjord auf Spitzbergen.

Auf Spitzbergen erwartet die Abenteurer der König der Arktis – der Eisbär.

Die Moffen-Insel (Spitzbergen, Nähe 80. Breitengrad) ist die Heimat vieler Walrosse.

Begegnung mit dem Expeditions-Eisbrecher KAPITAN DRANTSYN auf Franz-Josef-Land – unberührte Heimat von Eisbären, Walrossen, Robben und unzähligen Polarvögeln.

Sagenhafte Steinkugeln von teilweise 3 Metern Durchmesser auf der Camp-Insel (Franz-Josef-Land).

Das markante Kap Tegetthoff, benannt nach der Payer-und-Weyprecht-Expedition mit der ADMIRAL TEGETTHOFF.