AUSGABE 1/2010


MS HANSA STAVANGER im Indischen Ozean.

 

121 Tage in Piratenhand – Wahnsinn, wie kann man das nur aushalten?! Ein paar Worte nur, aber immer wieder die gleiche erschrockene Spontanreaktion. Hinter denen unendlich viele, quälende Eindrücke stehen. Wer will schon von sich behaupten, dieses Martyrium nachvollziehen, geschweige denn verstehen zu können! So lange wurde bisher kaum eine Besatzung von Piraten festgehalten.

Kapitän Krzysztof Kotiuk trug auf der HANSA STAVANGER zudem eine doppelte Last: nicht nur die der Rettung seines eigenen Lebens, sondern auch das seiner  Besatzung. Das hieß Tag und Nacht unter Höchstspannung und desaströsen Lebensbedingungen in einem Verantwortungs- und Entscheidungsstress zu stehen, der selbst in unseren sensationsgesättigten Zeiten seinesgleichen sucht. Eine schier übermenschliche, lebensrettende Leistung! Dafür gilt ihm Dank und Anerkennung!     

Unter Seeleuten kursiert der Spruch: „Die besten Kapitäne stehen immer an Land. Das heißt so viel wie: „Vom sicheren Kai aus lässt es sich gut mitreden. So auch im Fall der HANSA STAVANGER-Geiselnahme. Als sich die erste mediale Aufregung gelegt hatte, die Geschichte und die damit verbundenen Menschen sogar zeitweilig in Vergessenheit gerieten, meldeten sich schnell Besserwisser und Zweifler zu Wort: Was sie alles getan oder nicht getan hätten. Diese „guten Ratschläge würden ein  weiteres Buch füllen.

Zum Glück bekamen die Männer an Bord der HANSA STAVANGER vor der somali-


schen Küste, fernab der deutschen Gerüchte- und Spekulationsküche, wenig davon mit. So konnten sie vier Monate durchhalten, ohne sich auch noch mit Vorhaltungen und Zweifeln auseinandersetzen zu müssen.

Krzysztof Kotiuk, mit dem ich selbst zur See gefahren bin, hat jahrzehntelange See-Erfahrungen auf dem Buckel. Ein Mann – sozusagen mit allen Wassern der Weltmeere gewaschen. Reich an Erfahrung und psychisch kein „Weichei. Trotzdem hat ihm die schwierige Zeit der Geiselnahme heftig zugesetzt.

An Bord führte er dennoch akribisch Tagebuch. Kotiuk zeichnete die Ereignisse im Indischen Ozean zwischen April und August 2009 schonungslos auf, unter schwierigen Bedingungen. Nicht um der Sensationshascherei willen, sondern um zu zeigen, wie Menschen in einer derartigen Ausnahmesituation denken, fühlen und handeln. Oft entgegen allen Theorien.

Auf andere Art litten – zwischen den Philippinen, Deutschland, Polen und Russland – die Familienangehörigen der Seeleute. Die Kapitänsfrau Bozena Kotiuk, studierte Juristin und frühere Konsulin, kommt hier deshalb stellvertretend zu Wort.

Im Übrigen kann das vorliegende Buch nicht den Anspruch für sich reklamieren, objektiv sein zu wollen oder eine Gesamtanalyse des Falles zu versuchen. Das ist nicht einmal ansatzweise zu leisten. Gleichwohl betont Kapitän Krzysztof Kotiuk, dass er, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, die aus seiner Perspektive „bestmögliche Wahrheit wiedergegeben habe.

Dr. Peer Schmidt-Walther


Kapitän Krzysztof K. Kotiuk in Gefangenschaft vor Somalia.

 

 

Geboren wurde ich 1949 im Ostseebadeort Sopot (Zoppot) in Polen. Nach der Grundschule wechselte ich auf die Technische Fachschule für Funkverkehr in Krakau. Die schloss ich 1972 mit dem Abitur ab. Zugleich hatte ich die Ausbildung zum Techniker für Elektronik in der Tasche.

Meine Laufbahn war seit meiner Kindheit durch Hobbys wie Skifahren im Winter und Segeln im Sommer vorgeprägt. Später, als Ausbilder, führte ich Segelkurse für Jugendgruppen durch.

1972 nahm ich ein Studium an der Marinehochschule, Fakultät für Navigation, in Szczecin (Stettin) auf. 1977 legte ich das Examen als Diplom-Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr und mit dem Patent AGW zum Kapitän auf großer Fahrt ab.

Für die Seefahrtschule bewarb ich mich, weil mich das Meer und fremde Länder schon immer magisch anzogen. Außerdem wollte ich so den Wehrdienst umgehen, zumal ich Gewalt und Waffen verabscheue. Es klappte: Zwar gab es 13 Bewerber auf einen Platz, aber ich wurde angenommen. So eröffnete sich mir die Möglichkeit, meine Freizeit-Leidenschaft mit dem Beruf zu verbinden. Einerseits hatte ich eine verantwortliche Stellung an Bord eines Frachters inne, andererseits konnte ich mich mit der Natur „messen, da die See – bei aller Technik – unberechenbar blieb.
Von Mai 1977 bis Januar 1981 fuhr ich als Nautischer Schiffsoffizier bei der Polish Baltic Shiping Co. in Kolobrzeg (Kolberg), Polen.
Für die Arbeit bei der staatlichen polnischen Reederei gab es nur einen Hungerlohn. Um die Familie einigermaßen über die Runden zu bringen, musste man hin und wieder Zigaretten und Alkohol schmuggeln. Das führte permanent zu Unannehmlichkeiten mit Zoll und Reederei.
Irgendwann einmal fiel die Entscheidung, in den Westen zu gehen.
Nach einigen Abenteuern wurde ich von der Baretto Shipping Agentur angenommen, die später zur Agentur Marlow Navigation wurde. 1981 fing ich an, unter deutscher Flagge für einen deutschen Reeder zur See zu fahren.
Als der erste Vertrag auslief, kam ich hochzufrieden zurück nach Hause. Für einen Monat Arbeit auf einem Schiff unter westlicher Flagge bekam ich beinahe das Gleiche, was mir als Lohn nach 25 Monaten Fahrtzeit auf polnischen Schiffen ausbezahlt wurde. Ich schätzte mich glücklich, aber dieses Glück währte nicht lange.


Die kommunistischen Sicherheitsdienste machten mir plötzlich das Leben so schwer, dass es kaum möglich war, meinen Pass wiederzubekommen. Nach einigen Unannehmlichkeiten und nicht ungefährlichen Aktionen erhielt ich schließlich meinen Pass zurück und verließ endgültig das Land.

Ich ging nach Bayern, das mir kulturell und landschaftlich entsprach. Es erinnerte mich an meine Kindheit, die ich in der Nähe von Krakau verbrachte. Ich hatte hier zum Skifahren und Wandern die Alpen vor der Tür und Menschen, die das Leben ähnlich wahrnahmen wie ich.
Der 19. September 1986 war für mich ein entscheidendes Datum: Einreise nach Deutschland, Antrag auf Asyl, verbunden allerdings mit einem gesetzlichen Arbeitsverbot.

Hätte ich gewusst, dass Polen schon bald die kommunistischen Herrschaft überwinden würde, jeder seinen Pass endlich bei sich zu Hause haben und frei entscheiden kann, wo er arbeiten möchte, hätte ich mir den Wechsel noch einmal überlegt. Vor allem, weil ich keine Ahnung hatte, wie meine „Freiheit am Anfang aussehen würde. Zuerst wurde ich zum Asylanten, was mir meine Arbeitspläne durchkreuzte. Unser Lebensunterhalt reichte weder hinten noch vorne.
Nach einem Jahr bekam ich die ersehnte Arbeitserlaubnis und fing bei Umzugsunternehmen als Möbelpacker an. Eine Rückkehr nach Polen wurde mir auch deshalb unmöglich gemacht, weil ich dort als „Verräter des Systems abgestempelt war. Seefahrt kam momentan auch nicht in Frage, da ich München nicht verlassen durfte und nur eine „Duldung in meinen Papieren stehen hatte. Diese musste alle drei Monate erneuert werden.
Große Enttäuschung nach eineinhalb Jahren: die Absage meines Asylantrages. Die Behörden waren der Meinung, dass mögliche Repressalien durch die Sicherheitsdienste in Polen kein ausreichender Grund waren. Da ich mich jedoch brav an die Gesetze hielt und nicht am „sozialen Tropf des deutschen Steuerzahlers hing, erlaubte man mir, in Deutschland zu bleiben. Zunächst musste das alle sechs Monate, schließlich nur noch jährlich, beantragt werden.
Damit verbunden waren auch bessere Jobs, zum Beispiel als Schlosser und Messebauer, bis ich mich selbständig machte: mit dem Einbau von Türen und Fenstern. Zwischendurch fuhr ich als Urlaubsvertreter zur See, um den beruflichen Kontakt nicht zu verlieren und weiterhin das Recht zu behalten, in meinem erlernten Beruf arbeiten zu dürfen.
Ich wartete auf die deutsche Staatsangehörigkeit, da ich für eine deutsche Reederei fahren wollte. Mit der Heuer eines polnischen Kapitäns oder Nautischen Offiziers ließ sich in Deutschland nicht über die Runden kommen. Sie war für die inzwischen vierköpfige Familie einfach zu klein. Da mir die Seefahrt fehlte, entschied ich mich im April 1998, wieder als Erster Offizier zur See zu fahren.
Am 29. März 2000 wurde schließlich auch meine polnische Ausbildung anerkannt und ich bekam das deutsche Kapitänspatent (ohne Einschränkungen) ausgehändigt.
Als ich die Erlaubnis zum dauernden Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland erhielt, konnte ich mich auch um die deutsche Staatsangehörigkeit bemühen. Dieses Verfahren mit zwischenzeitlicher Staatenlosigkeit dauerte fast drei Jahre (12. April 2001).
Damit fingen endlich auch bessere Zeiten an. Ich kehrte Anfang Juni 2000 endlich in meinen geliebten Beruf zurück und fuhr dann als deutscher Kapitän unter deutscher Flagge. Eingesetzt wurde ich weltweit auf Containerschiffen, wobei oft die politisch unruhigen Gewässer vor Afrika, Asien und Südamerika berührt wurden. Schon damals kooperierte ich mit den internationalen Behörden bezüglich Piraterie und Terrorgefahr.
Mein erster Vertrag, der mich entlang der somalischen Küste fahren ließ, dauerte von Juli bis November 2008. Als ich danach in Urlaub ging, bekam ich vom Charterer einen Dankesbrief für die von mir geleistete Arbeit und die Bitte, nach meinem Urlaub wieder auf dieser Route für ihn zu fahren.
Am 28. Februar 2009 musterte ich auf MS HANSA STAVANGER an. Jedes Mal, wenn ich eine gefahrvolle Route vor mir hatte, informierte ich sowohl Reederei, Charterer, Antipiraterie-Zentren (IMB) Dubai und Kuala Lumpur als auch die entsprechenden Stellen der Deutschen Marine. Dann kam der 4. April 2009 ...

Krzysztof Kotiuk, Kapitän


Krzysztof Kotiuk

„Frohe Ostern Hansa Stavanger”

Erscheint um den 9. März 2010, etwa

240 Seiten, 50 Farbfotos, 20 farbige Abbildungen, Format 12,5 x 21,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag. Delius Klasing



Diese Erinnerungen an die tragischste Zeit meines Lebens widme ich meiner Ehefrau Bozena und meinen Eltern.
Das, was meine Frau durchgemacht und wie sie um mich und meine Mannschaft gekämpft hat, löst eine tiefe Anerkennung und grenzenlose Achtung in mir aus.
Ich widme es meiner Mutter (mein Vater lebt seit neun Jahren nicht mehr), die im Alter von 81 Jahren monatelang um ihren Sohn bangen musste.
Dieses Buch widme ich allen Müttern, Ehefrauen und Familien meiner Mannschaft, die während der viermonatigen Geiselhaft, in denen sie von Reederei und Agenturen über die Bemühungen und angeblich größten Befreiungsanstrengungen zwar „informiert
wurden, aber aus Telefonaten mit den gefangenen Männern etwas völlig anderes erfahren mussten. Sie alle litten zunehmend unter Gefühlen wie Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung.
Ich widme diesen Bericht drei jungen Menschen – den Studenten Steffen Eilts, Nadia Köppen und Julia Petzold von www.gopetition.com –, die in der Absicht, ihre Freunde zu retten, im Internet einen Appell an die Reederei richteten. Ihnen vielen herzlichen Dank für Mut und mitmenschliche Solidarität.
Ich fühle mich auch in Dankbarkeit verbunden: allen denjenigen, die sich offiziell dem Aufruf durch Unterschriften anschlossen; die Sinnlosigkeit der Situation kommentierten; die aus Angst vor den Folgen des eigenen Vorgehens ihre Namen nicht bekannt gaben und trotzdem ihre Empörung zeigten.
Ich widme dieses Buch in Dankbarkeit unserer Bekannten aus San Pietro in Italien, vor allem der Schweizerin Heidi, die als leidenschaftliche Hobbyastrologin mir vor zwei Jahren diese furchtbaren Ereignisse samt „Happyend
vorausgesagt hatte. Damit gab sie mir Zuversicht und Glauben in vielen Augenblicken meiner Verzweiflung.
Ich widme diese Erinnerungen allen Reedern, die sich in einer ähnlicher Situation befanden, jedoch schneller und problemloser ihre Mannschaften befreien konnten, sowie denjenigen Reedern, die eine ähnliche Situation noch treffen kann.
Schließlich widme ich das Buch all denjenigen gleichgültigen Menschen, die ernste Diskussionen darüber geführt haben, ob ein Lösegeld gezahlt, die Mannschaft dem eigenen Ego geopfert und das Geld gespart werden soll. Letzteren wünsche ich, dass niemand aus ihren Familien oder irgendein Nahestehender in eine ähnliche Situation geraten möge.

Krzysztof K. Kotiuk, Kapitän