Gourmet-Kreuzfahrt

AUSGABE 6/2009


An der Anlegestelle in Arles: Die LIBERTÉ liegt im Bundle neben der SERENITÉ.

 
 

Dr. Peer Schmidt-Walther

Flusswanderung + Gourmet-Kreuzfahrt

Sie ist zwar klein, hat es aber durchaus in sich: die nur 38 Meter lange LIBERTÉ. Dafür ist ihr Programm umso vielfältiger. Eine Mischung aus oft nachgefragten Klassikern und neuen Routen. Auf allen schiffbaren Wasserstraßen Europas. Vor allem auch denen, die von den großen Schiffen nicht befahren werden (können).

Wir sind im September 2009 bei schönstem Spätsommerwetter auf Rhône und Saône dabei gewesen: rund 450 Flusskilometer „zu Berg” zwischen Arles und Chalons-sur-Saône.

 

Donnerstag, 1. Oktober: Die LIBERTÉ erwartet uns direkt unterhalb des Papst-Palastes in Avignon. Einschiffung bis 12 Uhr. Um die Mittagszeit verlassen wir Avignon und starten unsere Reise auf der Rhône zunächst flussabwärts nach Arles, wo wir gegen 16.30 Uhr eintreffen werden. Am Nachmittag und Abend haben wir genügend Zeit, sich an Land umzuschauen.

Freitag, 2. Oktober: Heute Vormittag wenden wir unseren Bug wieder stromaufwärts. Über Beaucare und Tarascon kehren wir in die Provence zurück. Am frühen Nachmittag erreichen wir das sehr schön auf einer Anhöhe gelegene Châteauneuf-du-Pape. Hier besteht die Möglichkeit zu einem Ausflug zur Sommerresidenz der Päpste und zum alten römischen Theater in Orange. Unser Schiff bleibt über Nacht hier liegen.

Samstag, 3. Oktober: Eine eindrucksvolle Flussfahrt auf der Rhône entlang wunderschöner Landschaften. Am Nachmittag legen wir in der alten Bischofstadt Viviers an.

Sonntag, 4. Oktober: Am Vormittag legen wir zu einem Rundgang in Valence an. Anschließend fahren wir weiter in die Weinbauregion von Tain l’Hermitage und Tournon. Dort suchen wir uns einen schönen Liegeplatz für die Nacht.

Montag, 5. Oktober: Nach dem Ablegen rücken die Berge des Zentralmassivs nahe an den Strom heran. Besonders beeindruckend ist der Blick auf den Mont Pillat und auf die Côte Rotie. Gegen 11 Uhr legen wir in Vienne an. Zeit für einen kleinen Spaziergang. Am Nachmittag erreichen wir Lyon, wo wir über Nacht liegenbleiben werden.

Dienstag, 6. Oktober: Der Vormittag steht uns in Lyon zur Verfügung. Um die Mittagszeit legen wir ab und fahren auf der Saône weiter nach Norden. Am Nachmittag passieren wir Weinberge des Beaujolais. In Macon wird übernachtet.

Mittwoch, 7. Oktober: Am Vormittag stoppen wir für eine kleine Besichtigung in Tournus. Hier sollte man sich die berühmte Abtei St. Philibert anschauen. Anschließend starten wir zu unserer letzten Etappe bis nach Chalons-sur-Saône. Hier bleibt uns viel Zeit, um die Stadt näher kennenzulernen.

Donnerstag, 8. Oktober: Leider schon Ausschiffungstag. Nach dem Frühstück findet die Ausschiffung bis etwa 12 Uhr statt.

 

Schon während der Lektüre wird man feststellen, dass viele Punkte nur vage formuliert sind. Ganz bewusst. Der Grund ist einfach ‒  denn der Schiffsname LIBERTÉ ist Programm ‒ Freiheit. Das heißt auch Freiheit von starren Programmen. Auf großen Schiffen geht es nicht ohne, wenn Liegeplätze feststehen, Landausflüge organisiert werden müssen und Essenszeiten abzustimmen sind.

Die LIBERTÉ hingegen mit ihren maximal zwölf Passagieren ist überschaubar. Da wird das Programm, sozusagen der grobe Rahmen, während der Fahrt zwischen Gästen und Kapitän abgestimmt, der seine Ortskenntnisse dabei einbringt: Wo es sich ruhig liegen lässt, Strom- und Wasseranschluss bestehen, Sehenswürdigkeiten und Restaurants zu Fuß oder per Rad bequem zu erreichen sind. Manchmal ist eine Entscheidung auch wetterabhängig oder ein Liegeplatz belegt. Dann ist der Kapitän gefordert, sich Alternativen zu überlegen. Das macht die Reise spannend, die auch dadurch vom Schema Eff total abweicht. „Hier ist alles handgemacht”, sagte ein Mit-Passagier, der damit nicht nur die jeweils regionaltypischen Gerichte ‒ Boullabaisse, Hecht-Klößchen, Kartoffel-Gratin dauphinois, Maronen, Champagner-Sorbet, dazu lokale Weine ‒ aus der Bordkombüse meinte.

 

Da verlängern oder verkürzen sich Liegezeiten, wird neben einem anderen Schiff angelegt, werden individuelle Landausflüge organisiert. Ein zufällig per Rad vorbeikommendes Gastwirtsehepaar lud zum Beispiel die LIBERTÉ-Fahrer spontan zum Essen in ihr fünf Kilometer entferntes Restaurant ein.

Alle sind dafür. Die Kapitänsaufgabe diesmal: in einem kleinen Kaff ein Großraumtaxi zu organisieren. Es kann auch vorkommen, dass er sich darum bemüht, die Öffnungszeiten eines Klosters oder einer Kirche für die Passagiere telefonisch zu verlängern.

Oder am Restaurant von Paule Bocuse in Collonges-au-Mont d’Or festzumachen. „Die Wünsche der Gäste”, so Kapitän Thomas Magner, „sind uns sehr wichtig!” Deren Realisierung haben er und sein zwei- bis dreiköpfiges Team sich auf die Fahnen geschrieben. „Es gibt einen Anfangs- und einen Endpunkt”, fasst Kapitän Johann Magner, der seinen Sohn auf dieser Reise begleitet, das LIBERTÉ-Reisen-Konzept treffend zusammen, „dazwischen ist alles fließend”.

Der Kreuzfahrtkurs durch Frankreichs berühmteste Weinbauregionen, deren Namen allein schon auf der Zunge zergehen: Pinot Noir, Chablis, Côte du Rhône oder Château Ricaud blanc. Genussteigernd wirkt sich das 20-Kilometer-„Tempo aus, in dem ihre Anbaugebiete vorbeigleiten.

Dass man dem Mann am Ruder ständig über die Schulter schauen und sich mit ihm auf der jederzeit offenen Brücke unterhalten kann, nehmen alle schon als Selbstverständlichkeit hin.


ISPS und andere unter diesem Aspekt hinderliche Sicherheits-Vorschriften ‒ gleichwohl wird auf einen sicheren Schiffsbetrieb großer Wert gelegt ‒ wie auf Seeschiffen werden hier nicht angewendet. Ganz im Sinne der Gäste. „Ein absolutes Wohlfühlschiff ohne Massenabfertigung“, fanden alle, „noch individueller als hier kann es wohl kaum gehen”.

 


Das erste Gourmet-Highlight naht mit dem Diner an Land. Die Karte des kleinen Restaurants, das die Gäste zufällig entdecken, verheißt auserwählte Genüsse: Duo aus Lachs und Wolfsbarsch mit Garnelenkaviar, soufflierter Seesaibling auf dem Spinatbett, leichte Cremesuppe mit Ingwerbutter, Champagnerschnee, Kapaunsnetz-Würstchen mit Gemüse und Kräuterbutter, Teigbeutelchen mit Bleu de Bresse und Peperoni, pochierte Feigen in Rotwein, geeister Nougat auf Himbeermark, Vanilleeis, Käseauswahl, Gebäck, Kaffee.
Der Weinkellner empfiehlt dazu „seine
Marken: Pinot Blanc Trimbach, Mercurey ler cru Tonnerre, Muscat Beâume des Venise Chapoutier. Ein Festmahl, das den Alltag vergessen lässt! Kann es da noch Steigerungen geben?
In Macon, 60 Kilometer nördlich von Lyon, wird nach dem Essen über Nacht fest gemacht. Auch wenn die Reihe der einzelnen Gänge auf der Karte lang gewesen ist, plagt einen erstaunlicherweise kein Völlegefühl. Ein Verdauungsspaziergang durch die idyllische Altstadt ist dennoch angesagt. Last but not least ein stilechter „Absacker
in einer urigen Kneipe. 


Die Reise steuert  d e m  kulinarischen Höhepunkt entgegen: Paul Bocuse! Abends wird nach geruhsamer Flussfahrt vis-a-vis von seinem Restaurant, einem der berühmtesten Frankreichs, in Collonges-au-Mont d’Or angelegt. Zunächst darf der Maître für Erinnerungsfotos vor seinem Gourmet-Tempel herhalten. Dann die Besichtigung des „Allerheiligsten
, der Küche mit kupferglänzenden Kasserollen, Pfannen, Töpfen und Herden – alles natürlich vom Feinsten. Scharen von Köchen und Kellnern, ihrer Würde wohl bewusst, wieseln durch das museal gestaltete Haus, das Einblicke verschafft in eine beispiellose Karriere.
Kronleuchter, Spiegel und Kerzen geben den passenden Rahmen ab. Endlich ist es soweit: Das ersehnte Menü wird zelebriert. Allein die französischen Spezialitäten-Begriffe, von Bocuse kreiert, lassen die Herzen höher schlagen und zu mehr als Appetit anregen: Amuse-geule de l’Auberge, Soupe aux truffes noires, Escalope de saumon poêlée à l’oseille, Granité des vignerons du Beaujolais, Pigeon en feuilleté au chou nouveau et au foie gras, Saint-Marcellin „Mère Richard
et baratte de chèvre, Crème brûlée à la cassonade Sirio, Assiette Gourmande, Petit fours et chocolats. Uff!

 

Baujahr 1935 als Binnenfrachter; Bauwerft Th. Kempers & Zoon, Alphen, Niederlande; Länge 37,66 m, Breite 5,05 m, Tiefgang 1,22 m; Verdrängung 151 Tonnen; Antriebsleistung 256 kW / 333 PS; Rufzeichen DC 3660; Schiffsnummer 4305260; Heimathafen Neckargemünd; Flagge deutsch. Bis 1975 als Frachtschiff im Einsatz, 1975 Umbau zum Passagierschiff, 1985 und 1998 komplett überholt (2004 Verlängerung um 4 m) – eine „charmante, alte Lady in neuem Glanz”.

 

6 komfortable Doppelkabinen (insgesamt 12 Personen, bei Tagesfahrten bis zu 50 Personen) mit neben- und auseinander stehenden Betten, Bad mit Dusche, WC, 2 Salons, 1 großes Sonnendeck, 1 Whirlpool unter freiem Himmel, Fahrräder für alle Gäste, 1 Bar, offene Brücke, auf einen Fernseher ist bewusst verzichtet worden (niemand hat den bisher vermisst; die Abende werden in eigener Regie gestaltet, sehr gern auch bei Unterhaltung und Spiel oder einer Ortserkundung). Motto: individuelle Kreuzfahrt in kleinstem Kreis, geboten wird Halbpension (ausgiebiges Frühstück und Mittagessen, Abendessen in eigener Regie an Land). Das Weinangebot ist erlesen und (auch) den durchfahrenen Regionen angepasst. Zur Verfügung stehen auch alle technischen Mittel für Seminare und Tagungen. Vollcharter des Schiffes auf Anfrage.

Im Programm 2010 (29 Reisen zwischen März und Oktober) sind übrigens sieben neue Reisestrecken ausgewiesen (z.B. Berlin-Rundreise, Märkische Seenplatte, Schlesien, Böhmen, Saale, Loire – geplant sind auch Reisen nach Masuren).

 

Polyglott on tour „Südfrankreich” mit flipmap, Gewässerkarte Frankreich, Edition maritim, Delius Klasing Verlag. Guide Vagnon de Tourisme Fluvial, Nr. 5: Rhône, ISBN 2-85725-158-0. Guide de Saône, Nr. 6 – dreisprachig Englisch, Deutsch, Französisch mit vielen nützlichen Informationen – sehr zu empfehlen.

 

LIBERTÉ-Reisen, Johann und Thomas Magner GbR, Telefon  01 72-872 27 96 +

01 72-3 94 03 24 · www.liberte-reisen.de · t.magner@gmx.de  

 

Die 1930 von Blohm & Voß an den Norddeutschen Lloyd abgelieferte EUROPA; sie musste 1946 als Reparationsleistung 1946 an Frankreich übergeben werden und erhielt den Namen LIBERTÉ (1960 abgebrochen und verschrottet).

MS LIBERTÉ legt vom Saône-Liegeplatz in Lyon ab.

Römerbrücke über die Rhône in Avignon.


Kapitän Johann Magner hat ein Schloss im Blick.

Burgturm von Villeneuve lez Avignon.


Ehemalige Zollfestung bei Kilometer 225.

Malerisches Dorf Backbord voraus.


Typisches Rhône-Dorf mit Burg.

Die Basilika Nôtre-Dame de Fourvière hoch über der Lyoner Altstadt vom Ufer der Saône aus gesehen.


Kapitän Johann Magner, der Vater, im Whirlpool. Kapitän Thomas Magner, der Sohn, führt die LIBERTÉ.

Kapitän Thomas Magner, der Sohn, am Steuerstand der LIBERTÉ.


Ein Straßencafé in Lyon.

Die LIBERTÉ-Fahrer gemeinsam zu Tisch.


An Oberdeck im ersten Abendlicht.

Die Doppelbetten in den Kabinen.


Kabine mit Blick ins Bad.

Früher Morgen, kurz vor Sonnenaufgang auf der Rhône.


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