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„We are sailing ...” – möchte man begeistert lossingen, als die SEA
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II ablegt. Die Begrüßungsworte von Kreuzfahrtdirektorin Trixi
Lange-Hitzbleck sind verweht, das Typhon dröhnt zum Abschied dreimal lang
und sein satter Ton kriecht einem unter die Haut. Der mächtige Dreimaster
mit der Hamburg-Gösch auf der Klüverbaumspitze steckt seine lange Nase in
die abendlich schwarze See. Las Palmas, wo die luxuriöse Bark 2001 von
Sabine Christiansen getauft wurde, bleibt achteraus – bis das Lichtermeer zu
einem dünnen Lavastrom zerfließt. So fangen reale Träume an.
Am nächsten Morgen, querab La Gomera. „Enter auf!”
Wieselflink klettern die blauen Jungs der internationalen Deckscrew über die
Wanten auf die Rahen in bis zu 54 Meter Höhe. „Hier passiert nichts auf
Knopfdruck”, erklärt der Stralsunder Steuermann Stefan Räbisch, „das
traditionelle Rigg bedienen nur 15 Mann, einschließlich der Offiziere”. Nach
echter Segelschiffsart von Hand. So ein nostalgisches Erlebnis lässt sich
niemand entgehen. „Beinahe hätte ich‘s verschlafen”, fährt sich Ex-Mariner
Ludwig Schafhausen durch die wirren Haare und macht seine Kamera
schussbereit.
Schon nach einer dreiviertel Stunde wölbt sich der weiße Dom aus 24 Segeln
über unseren Köpfen. Ohne lautstarke Kommandos wie auf manchen
Schulschiffen. Jeder Seemann kennt seine Aufgaben genau. Bald wiegt sich der
117 Meter lange 3849-BRZ-Windjammer wohlig im tiefen Blau der sanften
Atlantikdünung, die an der Bordwand schmatzt und gluckst. Irgendwo knarzt
segelschiffstypisch Holz. „Das gehört dazu”, findet Renate Heimke, „dabei
kann ich herrlich einschlafen”. Die mehrfache „Wiederholungstäterin” hat,
wie sie sagt, „noch wochenlang nach jedem Törn den Atlantik in der Seele”.
Ohne es zu wissen, nutzte bereits Kolumbus bei seiner ersten
Atlantiküberquerung die vorherrschenden Strömungen und Windrichtungen der
Region. Am 5. September 1492 schrieb er in sein Logbuch: „Die Schiffe sind
beladen, alles ist fertig zur Reise. Heute Nacht wird ein Dankesmahl
gereicht, und beim Sonnenaufgang lichten wir den Anker und segeln nach
Westen”.
SEA
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II hingegen startet 512 Jahre später schon nach Sonnenuntergang, aber mit
einem opulenten Essen. Später serviert Chefkoch Clemens Stiefvater auch
schon mal Senf-Eier oder Kartoffelsalat und Würstchen – auf
Passagierswunsch.
Wir starten in ein komfortables Abenteuer unter fünf Sternen. Anders die
Crews auf ihren 400 Booten im gegenüber liegenden Yachthafen. Sie lauern auf
den Startschuss zur Transatlantik-Regatta. Die wird abenteuerlich auf andere
Art und knochenhart sein.

2800 Quadratmeter Segeltuch bläht der Nordost-Passat. Sachte treibt er das
Schiff mit fünf bis sechs Knoten nach Südwesten. Gegen Abend schläft er
manchmal ein, so dass die beiden 1240-kW-Maschinen als „Flautenschieber”
nachhelfen müssen. So gut hatte es Kolumbus nicht, als er am 7. September
schrieb: „Den ganzen Tag und die ganze Nacht hatten wir keinen Wind”.
„Insgesamt aber herrschen hier zwischen dem 10. und 30. Breitengrad schon
ideale Bedingungen”, meint Kapitän Evgeny Nemerzhitskiy aus dem estnischen
Tallinn. Er führte auch schon die russische Viermastbark KRUZENSHTERN,
die bis 1945 PADUA
hieß. „Ein himmelweiter Unterschied zur SEA
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II, meint Nmerzhitskiy, „hier messingspoliertes Edelholz-Ambiente, dort ein
karges Arbeits- und Ausbildungsschiff”. Beide allerdings mit modernster
Sicherheits-, Navigations- und Kommunikationstechnik.
Nur noch schemenhaft in seemeilenweiter Ferne El Hierro, die westlichste der
Kanarischen Inseln. Als das letzte Handy verstummt und der Leuchtturm im
Kielwasser blitzt, wissen wir: Ab jetzt geht es immer nur geradeaus – stolze
2694 Seemeilen! Allein der Wind hat das Sagen. „Ein Kindheitstraum, den ich
mir jetzt erfüllen kann”, freut sich nicht nur Ludwig Schafhausen.
Kolumbus notierte dazu andere Beobachtungen: „An diesem Tag haben wir
endgültig das Land aus der Sicht verloren, und viele Männer seufzten und
jammerten vor Angst, dass sie es lange Zeit nicht wiedersehen würden ... Ich
bin der Einzige, der deswegen jubeln möchte”. Ihm ging es schon damals so
wie den Passagieren von heute. Für sie steht das Segel- und
Seefahrtserlebnis im Mittelpunkt – losgelöst von Zeit und Raum.

Die 41 „mutigen” Transatlantikfahrer der Neuzeit hingegen können, anders als
ihre historischen Kollegen, sicher sein, nach 14 Tagen wieder festen Boden
unter die Füße zu bekommen. Nach dem Motto: bis zum Horizont und darüber
hinaus. „Alle haben zwar Barbados als Zielhafen gebucht”, prägt Passagier
Manfred d e n Spruch der Reise, „aber keiner will schnell hin”. „Wer heute
eher als wir Nautiker ‚Land in Sicht!‘ melden kann”, scherzt Stefan Räbisch
in seiner Mittagsdurchsage von der Brücke, „der bekommt eine Flasche
Champagner”. Doch die SEA
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II-Passagiere haben sich schon längst auf den täglichen 360-Grad-Blick in
die tiefblaue Unendlichkeit eingestellt. Sie wollen in Ruhe genießen.
Schauspielerin Gudrun Landgrebe und ihr Mann können sich nach stressigen
Monaten nichts Erholsameres vorstellen.
Langweilig? Von wegen, denn das Leben auf See ist bunt. Nach dem Motto: voll
beschäftigt mit dem Nichtstun. Kurz erhaschen auch die Hörer des
NDR-Hafenkonzerts ein paar Sätze von Trixi Lange-Hitzbleck darüber. An Land
managt sie die Öffentlichkeitsarbeit für den Hamburger Traditionssegler RICKMER
RICKMERS.
Der jedoch liegt still, während hier alles life ist wie zum Beispiel die
immer wieder faszinierenden Segelmanöver, vom Kapitän anfangs sogar selbst
erklärt. Oder der einzigartige Zodiac-Ritt auf drei Meter hoher
Atlantik-Dünung: Foto-shooting für die wie eine Feder unter Vollzeug dahin
gleitende SEA
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II. |
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Besonders kribbelnd das wannenwarme Spaß-Bad im offenen Ozean bei 5400
Metern tintenblauer Tiefe. Wie auch die turbulente Atlantik-Taufe durch
Neptun und Thetis. Dargestellt von Passagier Stevie Tarach und seiner Frau
Kerstin.
Auch Offiziersdienstgrade müssen die feuchte und übel riechende Prozedur
über sich ergehen lassen. In der Mitte zwischen Afrika und Südamerika. Wenig
später eine konzertierte Aktion der kollektiven Begeisterung: 40 mal fliegt
Post in Flaschen über die Reling – und Hoffnungen auf Finder irgendwo hinter
dem Horizont.
Auch Columbus fühlte sich anscheinend wohl, als er schrieb: „Der Himmel ist
strahlend blau wie der Frühlingshimmel über Andalusien. Dazu diese
wohltuende Wärme!”
Die Begegnungen mit Walen sorgt jedes Mal für Aufregung. Auch die mit der
dümpelnden SINDBAD,
einem irischen Zweimaster. Plötzlich hisst er die schwarze Piratenflagge mit
weißem Totenkopf. Allerdings in friedlicher Absicht, wie das freundliche
Winken der Crew zeigt. Was den Kapitän bewegt, hören wir über Funk: „Sucht
ihr auch den Passatwind?” Steuermann Stefan dreht einen Vollkreis um den
alten Segellogger und verabschiedet sich mit drei Mal dröhnendem Typhon.
Schnell bleibt der Kleine zurück in der endlosen Weite. Einem anderen Segler
ist der Diesel-Sprit ausgegangen. Nach neun Tagen Flaute kommt endlich
Rettung: die SEA
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II. In ihren Masten hängen blinde Passagiere: Fledermäuse auf „Urlaubsreise”
in die karibische Sonne.
Auf der rund um die Uhr offenen Brücke kann man den Steuerleuten Löcher in
den Bauch fragen oder sich über Navigation oder Astronomie unterhalten.
Bord-Künstlerin Prof. Ulla Schmidt-Pesch führt in die Malerei ein und
entdeckt versteckte Talente. Das beweist die Abschluss-Vernissage auf hoher
See. Für maritime Geschichte, Geschichten und Bilder sorgt Lektor Dr.
Constantin Elfe. Der bekennende Großsegler-Fan aus Berlin ist vorbelastet,
fuhr doch sein Vater auf der GORCH
FOCK
I. Wie 1993 auch Großmast-Vormann Nikolai. Damals hieß sie noch TOVARISHCH
und brachte ihn als Kadetten und den Autor als Marine-Verbindungsoffizier
von der Hanse-Sail nach Stralsund. Das erste Mal seit Kriegsende, dass die
legendäre Bark Kurs auf ihren alten Heimathafen nahm. Auf der SEA
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II sieht man sich nach elf Jahren wieder. Kleine Welt der Großsegler.
Irgendwie verwundert stellen alle fest, dass man sich hier Seemeile um
Seemeile näher kommt. Bis schließlich eine familiär-verschworene
Seefahrer-Gemeinschaft entstanden ist.

Was treibt diese „modernen Entdecker” im November dazu, auf einem Windjammer
im Fahrwasser großer Traditionen – ohne einen einzigen Unterwegshafen, nur
umgeben von Wasserwüste – aus der Alten in die Neue Welt zu segeln?
Vielfältig wie die Menschen an Bord sind ihre Antworten: „Ringsherum ist
nichts, aber das ist schön!” „Endlich Zeit haben und die Langsamkeit
genießen”. „Sich einlullen lassen und alles vergessen”. „Stimmungsbilder der
See, die mich ergreifen und die ich genieße”. „Unter Großsegeln – ein altes
Schauspiel in neuen Dimensionen”. „Segeln, leben und genießen.” „Du kannst
hier super gut abschalten und allen Ballast an Land lassen”. „Kein typisches
Kreuzfahrtleben mit Schicki-Micki und Abend-Programm”. „Segeln macht
gleichgültig gegenüber der Zeit, verjüngt dich und weckt Glücksgefühle”. „So
was willst du immer mal erlebt haben. Ich hab‘ 50 Jahre dazu gebraucht”.
„Zur See fahren wie früher mit dem Komfort von heute”. Stevie spricht aus,
was alle denken: „Das Einzige, was hier keinen Spaß macht, ist der Gedanke
an den Rückflug”.
Kolumbus vermerkt: „Alles deutet darauf hin, dass wir auf Land zusteuern”,
und eine Woche später: „Es gibt hier so viele Inseln, dass man sie nicht
zählen kann”. Kapitän Nemerzhitskiy überrascht seine Passagiere mit einem
Stoppover in der grünen Bucht von Bequia. Landgang mit echten Seebeinen zum
Baden an einem Traumstrand unter Palmen. An so etwas verschwendete der
Entdecker Westindiens einst keinen Gedanken. Und erst recht nicht daran,
nach 14 Seetagen schon Urlaub auf Barbados machen zu wollen, wie die meisten
der
SEA
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II-Fahrer. Für sie ist das Transatlantik-Crossing auch ein – zumindest
ungewöhnlicher – Weg, um der winterlichen Tristesse in Europa zu entkommen.
Carola Krautz fasste ihre Eindrücke und -Gefühle in diesem
Gedicht zusammen:

Meilenweit seewärts
dem Licht engegen –
strahlendes Blau im Spiegel der See.
Wolkenverhangenes, buntes Grau
Bewegung am Himmel: Leben.
Die Wolken umspielen schneeweiße Planken,
von liebkosenden Winden durchweht.
Auf ihren Häuptern tanzen Strahlen
kräftige Winde Schatten malen
und immer ein Tag zur Nacht vergeht.
Die Dunkelheit durcheilt ein Glanz,
der langsam
ermattend verglimmt.
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