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Keine Stadt der Welt hat die
Fantasie der Menschen mehr angeregt als Venedig mit seinem Zauber. Die Hitze
des Tages und Bepis gleichmäßige Riemenschläge befördern uns rasch ins
Dolcefarniente. Wir lungern auf bunten Kissen in der mit schwarzem Samt
ausgeschlagenen Gondel und genießen das süße Nichtstun.

Seelenruhig bahnt sich das aus
sieben Holzarten asymmetrisch erbaute Boot einen Weg durch das Getümmel
Venedigs.
Mehr als 210 Palazzi und 15
Kirchen säumen die schönste Wasserstraße der Welt. Die repräsentativen
Paläste entlang des Canal Grande sind riesig und aus edlem Naturstein. Hohe
Bogenfenster, durch die sanft das Tageslicht streicht, verschnörkelte
Balustraden und filigrane Ornamente zieren ihre Fassaden. In den
herrschaftlichen Gemächern gibt es vergoldete Dielen, großzügige Kamine aus
istrischem Marmor und brokatbespannte Wände. Und in so manch einem Bett,
dessen Pfosten mit Blattgold verziert sind, soll Giacomo Casanova die Frauen
reihenweise verführt haben, verrät Bepi mit einem fröhlichen Augenzwinkern.

Auf den prächtigen Gebäuden rechts und links des Kanals liegt gleißend
heller Glanz, Straßen und Plätze sind zu einem Gemenge von Farben und Tönen
verwischt. Südländisches Temperament, wohin das Auge blickt. Langsam taucht
der mit sechs Eisen beschlagene Bug Bepis schmaler Gondel in den Schatten
der einbogigen Ponte Rialto. Das Wahrzeichen Venedigs ist ein
architektonischer Glücksfall und gut besucht. Leider wird der Mix der
Geschäfte, die es umgibt (bis vor wenigen Jahren noch durch Silberschmide
und Juweliere geprägt), immer eintöniger. Längst beherrschen Billigmarken
und kitschverdächtige Souvenirs das Bild rund um das weltbekannte Bauwerk.
Trotz reger Betriebsamkeit hat
auf Venedigs Hauptverkehrsader alles seine Ordnung. Um uns herum tuckern
überfüllte Vaporetti, die hier seit 1881 zwischen den sechs Stadtteilen
verkehren. Schnittige Boote, ausstaffiert mit poliertem Mahagoni und
blitzendem Messing, zischen übers Wasser. In seinem Sog schaukeln sanft
beladene Lastkähne mit allerlei Waren für den täglichen Bedarf der Geschäfte
in den verzweigten Kanälen der Stadt. Es gibt viele Dinge, die das Leben in
der autofreien Traumstadt erschweren, sagt Bepi mit Bedauern in der Stimme.
Er spricht von unbezahlbar hohen Mieten, bemängelt die marode Bausubstanz
der vernachlässigten Gebäude, beschreibt den endlosen Kampf der Handwerker,
um den Verfall der Häuser zu verhindern, klagt über die Tücken des
Lagunenklimas mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit, unter denen die Familien,
die sich eine Bleibe in den alten Gemäuern leisten können, leiden müssen. Es
heißt, die Wohnungen seien dunkel und muffig, nasskalt im Winter und stickig
heiß im Sommer.

„Die Königin der Adria muss leben!”, ruft Bepi mit fester Überzeugung und
hebt entschlossen einen Arm. Unter dem gestreiften Hemd steckt ein
gebräunter, kräftiger Körper. Tausende von Handgriffen, die in anderen
Städten längst wegrationalisiert sind, müssen hier noch persönlich
durchgeführt werden. Die Händler versorgen die Marktstände vom Kanalboot aus
mühselig mit Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse, beliefern kleine Bars und
Restaurants mit schweren Fässern und großen Kisten, und Handwerker schleppen
unermüdlich sperriges Baumaterial durch die engen Gassen. Besonders
beschwerlich wird der Alltag bei Hochwasser und Überschwemmungen, die in
Venedig leider zum Stadtbild gehören. Schnell werden dann überall Stege
aufgebaut, auf denen man trockenen Fußes über den Markusplatz wandelt und
durch die schmalen Gassen balanciert. Als wolle ein Magier der Nacht noch
einmal zurück ans Licht der Welt, tritt aus dem Schatten des Torbogens eine
verhüllte Gestalt in das |
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Gold der Abendsonne. Etwas
beängstigend und regungslos steht sie hinter der Balustrade am Canal Grande. Mit stummer Miene verfolgt sie
unsere Gondelfahrt auf dem Wasser. Unnahbar, geheimnisvoll und
unergründlich. Wollen ihre Blicke aus schwarzen Augenhöhlen uns auf ewig
verwünschen oder verzaubern? Die Person trägt eine schlichte baútta, die an
die Tragik eines Don Giovanni erinnert. Der dunkle Stoff fällt schwer zu
Boden, ohne die Terrakottafliesen zu berühren. Der Umhang hätte gewiss auch
dem (kastrierten) Sopranisten Farinelli gut zu Gesicht gestanden, der die
Venezianer mit seiner glockenhellen Stimme faszinierte. Die offene Kapuze
unter dem venezianischen Dreispitz mit goldener Spitze gibt eine
faszinierende und zugleich kalt abweisende, bleiche Maske frei, die im
Dunkel des Gebäudes so lautlos und geheimnisvoll entschwindet, wie sie
gekommen ist.

In der traumhaften Kulisse Venedigs glänzen Karneval, Dolce Vita und
kostbare Schätze. Zu Lebzeiten Casanovas im 18. Jahrhundert erreichte
Venedigs Karneval seine Blütezeit, weiß Bepi, unser Gondoliere, zu
berichten. Zugleich uferten die Sitten immer weiter aus, was Napoléon
Bonaparte veranlasste, das ausschweifende Treiben ein für alle mal zu
untersagen. Erst 200 Jahre später fand 1979 die alte Tradition und Pracht
ihre Fortsetzung als Touristenattraktion. Seitdem bezaubern besonders im
Februar Phantasiemasken aus Bronze, Silber, Gold und Porzellan Venedigs
Straßen und Plätze. Die kostümierten Gestalten, in farbenprächtige, reich
bestickte Gewänder gehüllt, tragen faszinierende Hüte spazieren, auf denen
üppiger Federschmuck, manchmal sogar bunte Vögel und kleine Schiffe mit
geblähten Segeln kunstvoll drapiert sind. Mit geschmeidigen Bewegungen
wandeln sie durch die Stadt und offenbaren in ihrer Vollkommenheit einen
Anblick, der das Herz eines jeden Betrachters rührt. Besonders in den
Morgen- und Abendstunden, wenn Venedig in eine tiefe Melancholie versinkt –
in einen magischen Ort der Liebe und der strahlenden Schönheit, der
Dekadenz, der rauschenden Feste und des Todes im Labyrinth geheimnisvoller
Gassen und fauliger Kanäle, auf denen Gondeln Trauer tragen.
Venedig ist auf dem Wasser
erbaut. Millionen Stämme bilden die Basis für Paläste, Kirchen, Türme und
Brücken, erklärt uns Bepi und steuert die Gondel geschickt durch das
beeindruckende Entree des Canal Grande auf die Piazza San Marco zu. Die
sinkende Sonne spielt auf der zitternden Oberfläche des Wassers, vergoldet
die mächtigen Kuppeln der Kirche Santa Maria della Salute und verstärkt den
Reiz der großen Kulissen und belebten Plätze mit dem bunt gemischten
Publikum, das vom morbiden Charme der Lagunenstadt magisch angezogen wird.
Bevor Bepi am Molo festmacht, um uns in den Zauber der Serenissima zu
entlassen, preist er den einmaligen Blick von der Glockenstube des Campanile
auf Venedig, der den Dogenpalast, die Arkadenreihen der Biblioteca Marciana
und die Basilika di San Marco auf dem Markusplatz spitz überragt. Die
Mosaiksteine an den fünf bogenförmigen Portalen der Urkirche Venedigs
funkeln mit dem Marmorgesprenge und Granitschmuck um die Wette.
So voll, so bunt, so laut und
berühmt ist kein anderer Platz der Welt. Auch nicht so fein und so teuer.
Geigen erklingen, Leute lachen, Gläser klirren. Das Gurren der Tauben mischt
sich mit Kaffeehauswalzer und Stimmengewirr. Im historischen Caffé Florian
kostet der Cappuccino 12 € ohne, und 16 € mit Musik, die von Männern in
weißen Jacketts und mit Pomade im Haar zelebriert wird. Seit 290 Jahren hat
kaum ein Venedig-Gast auf einen Besuch im „Florian” verzichtet, schon wegen
der hohen, goldgerahmten Spiegel, kunstvollen Holzmalerei und kostbaren
Wandintarsien über den plüschig roten Velours-Bänken. Trotz der gepfefferten
Preise schlürfen wir Champagner aus geschliffenem Muranoglas und sinnieren,
ob wir vielleicht an dem Tisch sitzen, an dem Casanova die Frauen umgarnte.
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