Landgang

AUSGABE 6/2009


Das Venedig-Panorama, wie es der ankommende Kreuzfahrer sieht.

 
 

Renato Diekmann

Venedig - Königin der Adria

Keine Stadt der Welt hat die Fantasie der Menschen mehr angeregt als Venedig mit seinem Zauber. Die Hitze des Tages und Bepis gleichmäßige Riemenschläge befördern uns rasch ins Dolcefarniente. Wir lungern auf bunten Kissen in der mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Gondel und genießen das süße Nichtstun.

 

Seelenruhig bahnt sich das aus sieben Holzarten asymmetrisch erbaute Boot einen Weg durch das Getümmel Venedigs.

Mehr als 210 Palazzi und 15 Kirchen säumen die schönste Wasserstraße der Welt. Die repräsentativen Paläste entlang des Canal Grande sind riesig und aus edlem Naturstein. Hohe Bogenfenster, durch die sanft das Tageslicht streicht, verschnörkelte Balustraden und filigrane Ornamente zieren ihre Fassaden. In den herrschaftlichen Gemächern gibt es vergoldete Dielen, großzügige Kamine aus istrischem Marmor und brokatbespannte Wände. Und in so manch einem Bett, dessen Pfosten mit Blattgold verziert sind, soll Giacomo Casanova die Frauen reihenweise verführt haben, verrät Bepi mit einem fröhlichen Augenzwinkern.


Auf den prächtigen Gebäuden rechts und links des Kanals liegt gleißend heller Glanz, Straßen und Plätze sind zu einem Gemenge von Farben und Tönen verwischt. Südländisches Temperament, wohin das Auge blickt. Langsam taucht der mit sechs Eisen beschlagene Bug Bepis schmaler Gondel in den Schatten der einbogigen Ponte Rialto. Das Wahrzeichen Venedigs ist ein architektonischer Glücksfall und gut besucht. Leider wird der Mix der Geschäfte, die es umgibt (bis vor wenigen Jahren noch durch Silberschmide und Juweliere geprägt), immer eintöniger. Längst beherrschen Billigmarken und kitschverdächtige Souvenirs das Bild rund um das weltbekannte Bauwerk.

Trotz reger Betriebsamkeit hat auf Venedigs Hauptverkehrsader alles seine Ordnung. Um uns herum tuckern überfüllte Vaporetti, die hier seit 1881 zwischen den sechs Stadtteilen verkehren. Schnittige Boote, ausstaffiert mit poliertem Mahagoni und blitzendem Messing, zischen übers Wasser. In seinem Sog schaukeln sanft beladene Lastkähne mit allerlei Waren für den täglichen Bedarf der Geschäfte in den verzweigten Kanälen der Stadt. Es gibt viele Dinge, die das Leben in der autofreien Traumstadt erschweren, sagt Bepi mit Bedauern in der Stimme. Er spricht von unbezahlbar hohen Mieten, bemängelt die marode Bausubstanz der vernachlässigten Gebäude, beschreibt den endlosen Kampf der Handwerker, um den Verfall der Häuser zu verhindern, klagt über die Tücken des Lagunenklimas mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit, unter denen die Familien, die sich eine Bleibe in den alten Gemäuern leisten können, leiden müssen. Es heißt, die Wohnungen seien dunkel und muffig, nasskalt im Winter und stickig heiß im Sommer.


„Die Königin der Adria muss leben!”, ruft Bepi mit fester Überzeugung und hebt entschlossen einen Arm. Unter dem gestreiften Hemd steckt ein gebräunter, kräftiger Körper. Tausende von Handgriffen, die in anderen Städten längst wegrationalisiert sind, müssen hier noch persönlich durchgeführt werden. Die Händler versorgen die Marktstände vom Kanalboot aus mühselig mit Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse, beliefern kleine Bars und Restaurants mit schweren Fässern und großen Kisten, und Handwerker schleppen unermüdlich sperriges Baumaterial durch die engen Gassen. Besonders beschwerlich wird der Alltag bei Hochwasser und Überschwemmungen, die in Venedig leider zum Stadtbild gehören. Schnell werden dann überall Stege aufgebaut, auf denen man trockenen Fußes über den Markusplatz wandelt und durch die schmalen Gassen balanciert. Als wolle ein Magier der Nacht noch einmal zurück ans Licht der Welt, tritt aus dem Schatten des Torbogens eine verhüllte Gestalt in das


Gold der Abendsonne. Etwas beängstigend und regungslos steht sie hinter der Balustrade am Canal Grande. Mit stummer Miene verfolgt sie unsere Gondelfahrt auf dem Wasser. Unnahbar, geheimnisvoll und unergründlich. Wollen ihre Blicke aus schwarzen Augenhöhlen uns auf ewig verwünschen oder verzaubern? Die Person trägt eine schlichte baútta, die an die Tragik eines Don Giovanni erinnert. Der dunkle Stoff fällt schwer zu Boden, ohne die Terrakottafliesen zu berühren. Der Umhang hätte gewiss auch dem (kastrierten) Sopranisten Farinelli gut zu Gesicht gestanden, der die Venezianer mit seiner glockenhellen Stimme faszinierte. Die offene Kapuze unter dem venezianischen Dreispitz mit goldener Spitze gibt eine faszinierende und zugleich kalt abweisende, bleiche Maske frei, die im Dunkel des Gebäudes so lautlos und geheimnisvoll entschwindet, wie sie gekommen ist.


In der traumhaften Kulisse Venedigs glänzen Karneval, Dolce Vita und kostbare Schätze. Zu Lebzeiten Casanovas im 18. Jahrhundert erreichte Venedigs Karneval seine Blütezeit, weiß Bepi, unser Gondoliere, zu berichten. Zugleich uferten die Sitten immer weiter aus, was Napoléon Bonaparte veranlasste, das ausschweifende Treiben ein für alle mal zu untersagen. Erst 200 Jahre später fand 1979 die alte Tradition und Pracht ihre Fortsetzung als Touristenattraktion. Seitdem bezaubern besonders im Februar Phantasiemasken aus Bronze, Silber, Gold und Porzellan Venedigs Straßen und Plätze. Die kostümierten Gestalten, in farbenprächtige, reich bestickte Gewänder gehüllt, tragen faszinierende Hüte spazieren, auf denen üppiger Federschmuck, manchmal sogar bunte Vögel und kleine Schiffe mit geblähten Segeln kunstvoll drapiert sind. Mit geschmeidigen Bewegungen wandeln sie durch die Stadt und offenbaren in ihrer Vollkommenheit einen Anblick, der das Herz eines jeden Betrachters rührt. Besonders in den Morgen- und Abendstunden, wenn Venedig in eine tiefe Melancholie versinkt – in einen magischen Ort der Liebe und der strahlenden Schönheit, der Dekadenz, der rauschenden Feste und des Todes im Labyrinth geheimnisvoller Gassen und fauliger Kanäle, auf denen Gondeln Trauer tragen.

Venedig ist auf dem Wasser erbaut. Millionen Stämme bilden die Basis für Paläste, Kirchen, Türme und Brücken, erklärt uns Bepi und steuert die Gondel geschickt durch das beeindruckende Entree des Canal Grande auf die Piazza San Marco zu. Die sinkende Sonne spielt auf der zitternden Oberfläche des Wassers, vergoldet die mächtigen Kuppeln der Kirche Santa Maria della Salute und verstärkt den Reiz der großen Kulissen und belebten Plätze mit dem bunt gemischten Publikum, das vom morbiden Charme der Lagunenstadt magisch angezogen wird. Bevor Bepi am Molo festmacht, um uns in den Zauber der Serenissima zu entlassen, preist er den einmaligen Blick von der Glockenstube des Campanile auf Venedig, der den Dogenpalast, die Arkadenreihen der Biblioteca Marciana und die Basilika di San Marco auf dem Markusplatz spitz überragt. Die Mosaiksteine an den fünf bogenförmigen Portalen der Urkirche Venedigs funkeln mit dem Marmorgesprenge und Granitschmuck um die Wette.

So voll, so bunt, so laut und berühmt ist kein anderer Platz der Welt. Auch nicht so fein und so teuer. Geigen erklingen, Leute lachen, Gläser klirren. Das Gurren der Tauben mischt sich mit Kaffeehauswalzer und Stimmengewirr. Im historischen Caffé Florian kostet der Cappuccino 12 € ohne, und 16 € mit Musik, die von Männern in weißen Jacketts und mit Pomade im Haar zelebriert wird. Seit 290 Jahren hat kaum ein Venedig-Gast auf einen Besuch im „Florian” verzichtet, schon wegen der hohen, goldgerahmten Spiegel, kunstvollen Holzmalerei und kostbaren Wandintarsien über den plüschig roten Velours-Bänken. Trotz der gepfefferten Preise schlürfen wir Champagner aus geschliffenem Muranoglas und sinnieren, ob wir vielleicht an dem Tisch sitzen, an dem Casanova die Frauen umgarnte.

San Marco, links die Libreria Vécchia, hinter der linken Säule der Zugang zum Markusplatz, in der Mitte die Markuskirche und rechts der Dogenpalast.

Die REGENT OF THE SEAS auf Reede im Canale di San Marca.

 

Geschäftige Wasser-Taxis vor dem Campanile und dem Dogenpalast.

Filigrane Detail-Ansichten der Markuskirche.

 

Die Rialtobrücke überspannt den Canal Grande mit einem einzigen Bogen.

Elegante Wassertaxis warten auf Kunden.


In der Enge suchen die Gondoliere ihren Weg.

Venedigs Bauten in den Kanälen sind marode ...


... obwohl sich darin vornehme Restaurants verbergen.

Der Canal Grande mit der mächtigen Kirche Santa Maria della Salute.



Zauberhafte Masken

 

 


     


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