Der Eiskapitän

AUSGABE 6/2009


Kapitän + Icemaster Heinz Aye

Kapitän a.D. Heinz Aye in seinem Antarktis-Outfit als legendärer Icemaster.


Unser Weltklima braucht unsere Hilfe

Im Februar 2009 kehrte ich aus der Antarktis zurück von meiner 111. Reise dorthin seit 1977 und im August aus Grönland von drei Polarsommer-Kreuzfahrten. Auf den dortigen Passagen ist das Packeis (gefrorenes Seewasser) verschwunden. Die Außentemperaturen in der Antarktis sind seit 1985 um 1,7 Grad Celsius gestiegen.

Aktueller Rückblick: Wo ich als Kapitän mit Eisklasseschiffen (1977 bis 1990) durch first year old ice und multiyear old ice tagelang durch Eiskonzentrationen von 5 bis 9/10tel boxte, um ein Ziel zu erreichen, wie den südlichen Polarkreis oder Thule an der grönländischen Westküste (hoch im Norden) ist heute total offenes Wasser und beide Maschinen laufen voll voraus. Ich selber war vorher, ohne Schlaf, Tag und Nacht auf der Brücke – während jetzt die Wachoffiziere den eingezeichneten Kurs abfahren.

Nautische Leckerbissen in der Halbinsel der Antarktis wie der Neumayer Kanal, der Lemaire Kanal, die Paradies Bucht, der Erera Channel, die Caldera von Deception Island, der Antarktis Sound bis Paulet Insel, Umrundung von James Ross Insel, Neko Harbour, Petermann Insel und und und … sind für Schiffe völlig ohne Eisklasse pünktlich zu erreichen. Das Erlebnis Packeis ansteuern und durch Felder durch zu steuern, ist durch den Klimawandel „gestorben”. Es nieselt, anstatt Schneefall seit etwa 1995. Das Klima hat die Zahl der Eisberge um die ganze Antarktis auf 200.000 konstant gehalten. Die US Station Mc Murdo (750 Seemeilen vom Südpol) in der Ross Sea von NZ kommend hat noch Mengen Packeis in der so genannten West-Antarktis.

Nautische Grönland Packeis-Leckerbissen: Vom Cape Farewell, durch den Prins Christian Sund bis cirka 83 Grad Nord einschließlich der acht Häfen und schönen Buchten sind abgetaut bzw. das Wasser friert nicht mehr. Die armen Eisbären, selbst als sehr gute Schwimmer, verlassen das Festland nicht mehr, um auf Futterfang zu starten. Die Anzahl der treibenden Eisberge einschließlich der TITANIC-Eisberge sind fast gleich geblieben.

Die berühmt berüchtigte Nordwestpassage (5 verschiedene Wege) auf den Spuren von Amundsen (1903-1906) vom Atlantik in den Pazifik ist eisfrei und verkürzt das Reiseziel Asien um etwa 3000 Seemeilen. Ich machte (schaffte) diese Reise fünf Mal mit vier verschieden Eisklasseschiffen. Heute sind die Schiffe 3 Tage eher durch. Die beste Zeit ist hier der August.


Der Amundsen Kurs ist eisfrei, ebenso die Beaufort See, Packeis ist weit im Norden und überhaupt nicht mehr von dem Küstenverlauf am Horizont zu sehen. Auf meinen Reisen kämpften wir direkt unter Küste von „Scholle zu Scholle”.

Seit nun etwa 15 Jahren erreichen uns die inhaltsreichen und deutlichen Meldungen der Wissenschaftler. Die wirklich laufenden Alarmmeldungen, Berichte, Bilder, Tabellen, Stimmen, Messwerte, Zukunftsdarstellungen nahmen an Lautstärke und Häufigkeit kontinuierlich zu und können kaum noch gesteigert werden. Deutlich waren die Stimmen und Kommentare der Inuits, einschließlich der Fischer, in jedem Grönlandhafen. Die oben erwähnten Kommentare / Hinweise wurden weltweit zu lässig und schleppend wahrgenommen!

Fazit: der Klimawandel beherrscht uns bereits. Besteht noch eine Chance, dass wir den Wandel, vielleicht teilweise, beherrschen? Klare Antwort: nein.

Eindämmen? Für unsere Entschuldigung: Vor etwa 40 Millionen von Jahren gab es bereits einen Klimawandel – a b e r  keine Menschen. Ergebnisse der Eiskerne aus der Antarktis liegen als Nachweise vor. Ereignisse durch den Klimawandel sprechen sich schneller herum, als Ergebnisse von geplanten Abwendungen bzw. durchgeführten Änderungen.

Grobe Aufzählung: Zunahme der Fluten, höheren Hochwassern, Stürme, höhere Wellen gegen die Küsten, Meereserwärmung, steigen der Meeresspiegel und die Folgen davon wie Landabnahme, Fließgeschwindigkeiten der Gletscher und deren Folgen, Zunahme an Tiefdruckgebieten und die Auswirklungen, Hurrikans, Taifune, Monsterwellen (freakwaves), Regenmengen, keine Änderungen des Golfstroms, dünner werdendes Packeis, täglich schrumpfendes Packeis im Norden.

Lediglich alle paar Monate eine Weltklimakonferenz abzuhalten ist absolut nicht ausreichend zum Stand der bereits weit fortgeschrittenen Situation. Eine ständige Institution muss her, die 365 Tage im Jahr die Länder updated zu sämtlichen Änderungen positiver und besonders negativer Art, informiert und Regeln zur Dämmung der Erderwärmung erlässt und kontrolliert. Der Mensch soll Verantwortung übernehmen und aktiv mithelfen, unsere noch immer schöne Welt zu erhalten. Ich bin 38 Mal um die Welt gefahren seit 1953 und weiß, wofür ich dies fordere.

Ahoi, Kapitän Aye


Packeis im Ilulisat Eisfjord auf Grönland.

 

Heinz Aye

Packeis oder Eis ist kein Feind

Während einer Talkshow mit Expeditionspassagieren kam die Frage: „Herr Kapitän, nun sind wir während dieser Semicircumnavigation von New Zealand nach Ushuaia (7500 Seemeilen von West nach Ost) in Argentinien durch sehr viele Packeisfelder mit unterschiedlicher Konzentration gefahren. Sie erklärten uns immer die Konzentration und die Eisarten wie multi year old ice oder first year old ice, die Growlers, die Eisradarbilder bei Nebel oder Sonnenschein und dass sie an den Seefahrtsschulen eigentlich nichts über Eisfahrten lernten. Sie sagten oft die Sätze: ‚Ice is nice, doch nicht im Whiskyglas.  Eis wächst wie ein Lebewesen. Eis sieht oft aus wie ein weißer Fleckenteppich. Es taut von oben und von unten. Welche Gesetze oder eigenen Regeln sind für Sie maßgebend? Eis ist doch gefährlich?

Meine 15-Punkte-Erfahrungssammlung besteht für Nautiker und Passagiere in der Eisfahrt darin, Taktiken im Kampf gegen das manchmal umklammernde Eis zu ent­wickeln. Trotzdem ist menschliche Wärme in der eisigen Welt gefragt. Die Augen sind dabei das älteste und sicherste Navigationsmittel der Welt.

   Das Packeis treibt mit drei bis fünf Prozent der Windgeschwindigkeit parallel zu den Isobaren.

   Kommt in einem kompakten Packeisfeld Dünung auf, ist der Eisrand (offenes Wasser OW) nicht mehr weit.

   Eisblink: Ein weißer Schimmer von niedrigen Wolken an der Unterseite deutet auf eine entfernt liegende Eis-Ansammlung (Eisfeld) oder den Eisrand hin. Ausguck auf die oberen Decks postieren.

   Wasserhimmel: Charakteristische dunkle Streifen an der Unterseite von niedrigen Wolken weisen auf Wassermerkmale (offen; Rinnen) im umgebenden Meereis hin.

   Bei Nebel können in einem Packeisfeld auch Eisberge aller Größen stecken, die auf dem Radarbild nicht als solche auszumachen sind. Wichtig: Ausguck!

   Gefährliche Growler, bergy bit Eisbergstücke und Bruchstücke von altem Meereis können in Eisfeldern von Neuschnee bedeckt und somit nicht erkennbar sein.

   In den Packeisfeldern (first year) können immer auch multi-year old Eiskonzen­trationen stecken. Zu erkennen sind diese an der höheren Konzentration und dem kleinen „Gebirge, das sich durch schlechtes Wetter auftürmt.

   Zwischen Tafeleisbergen herrschen teilweise beachtliche Strömungen. Diese sind besonders gefährlich, wenn die Flächen mit Packeis zwischen den Tafeleisbergen fast geschlossen sind, also ein Packeisstau herrscht. Dann ist es ratsam, die Durchfahrt nicht zu machen.

   Vor jedem Start der Maschinen muss mit dem Schlauchboot die Schraubennähe auf Eisfreiheit geprüft werden.

   Nie im Packeis rückwärts fahren.

   Sieben Zehntel des Seewassereises befinden sich unter Wasser.

   Frostrauch (frost smoke) entsteht, wenn kalte Luft über wärmerem Wasser liegt. Die nebelähnlichen Wolken deuten auf offene Stellen im Eis oder den Eisrand hin.

   Altes Eis (second year) und mehrjähriges (multi-year) Eis zeichnet sich durch eine glattere Oberfläche und abgerundete Presshügel aus als das umgebende erstjährige Meereis. Das ausgesüßte Eis ist sehr hart und unbedingt zu meiden.

   Rinnen (leads) sind befahrbare Öffnungen oder Durchgänge im Eis. Sie können jedoch als „blinde Rinne (blind lead) im kompakten Treibeis enden beziehungswei­se durch rasches Schließen zum Einschluß des Schiffes im Eis (beset) führen.

   Wenn es die Lage erlaubt, sollte ein vom Eis „besetztes Schiff solange mit Fahrt warten, bis der Eisdruck aufgehört hat. So kann unnöti­ger Treibstoffverbrauch vermieden werden, da der Fahrtfortschritt (progress) in der Regel minimal ist. Geduld ist angesagt.

Wir bestanden oft im Norden und im Süden den Kampf gegen die gefährliche Umklammerung durch das Packeis und die Unbarmherzigkeit einer lebensfeindlichen Welt. Manchmal verdeckte das hohe Eis den Horizont.

Aber ich genieße immer die kalte Pracht des Polarreichs mit den richtigen Eisklasseschiffen, und das ist auch das Erfolgsrezept zusammen mit den Herren auf der Brücke. Arved Fuchs sagte: „Die Arktis ist ein gnadenloser Lehrmeister.

Ich liebe das dominierende Element, die Verlockung der Arktis, ein Labyrinth im Kielwasser der erfolgreichen GJOA und der Antarktis, das Kraftzentrum der Welt­meere.

Passagiere müssen ganz langsam an ihr erstes Packeisfeld herangeführt werden. Sie müssen die Geräusche und die Kulisse des Eises beim Ansteuern und Durchfahren nicht mit Angst wahrnehmen, sondern mit Erwartung, Spannung und Freude. Ist das Rezept erfolgreich umgesetzt, merkt man ganz schnell, wie die Kameras in Bewegung gesetzt werden. In der Arktis und Antarktis bestimmt nicht der Kapitän, sondern das Eis den Kurs und: Wenn Ihnen das Wetter in diesen Regionen nicht gefällt, kommen Sie einfach vier bis sieben Stunden später wieder.


er mit dem Schiff in die Antarktis gefahren. Seereisen in die beiden polaren Gebiete nach Macquarie Island und Süd-Georgien stellen eine besondere Form des Glücks dar.

Mitunter machte ich mir einen Spaß, wie auf der Brücke zu beobachten, wenn Schiffe ohne Eisklasse ihre Maschinen vor einem Packeisfeld in der Antarktis stoppten, denn sie dürfen nicht in das Feld ein- oder durch das Feld durchfahren. Wir kamen von achtern langsam angesteuert. Zuvor wurde die dienstfreie Besatzung wie auch die Passagiere per Lautsprecher informiert, dass wir an der Steuerbord-Seite zwei Passagierschiffe passieren würden. Meine „Bordseelen standen in ihren roten Parkas auf  den Außendecks. Drei lange Töne mit den beiden Typhonen ertönten von uns und erlangten die Aufmerksamkeit der Menschen auf den beiden Nichtklasse-Eisschiffen, und langsam ging das Boxen und Schieben durch das Packeisfeld.

Unser Schiff wurde natürlich nahebei viel fotografiert, und schnell erkannte man von den beiden Schiffen unseren Namen am Steven und dann am Heck. Obwohl die Passagiere dieser Schiffe ihre Kapitäne mit der Frage bedrängten: „Warum fahren wir denn nicht auch durch das schön glitzernde Eisfeld? Die Kapitäne werden nicht geantwortet haben: „Tja, Sie haben leider das falsche Schilf gebucht, beziehungs­weise: „Ihr Reisebüro hat Sie leider lückenhaft beraten.

Fahrten mitten durch das Packeis sind hundertprozentige Erlebniskurse und gehören zu jeder Reise in polare Gebiete. Für die Reiseanbieter sind gerade sie der Schlüssel zum Erfolg. Für ein Schiff braucht man keine Straße. In der Antarktis sind wir der Natur auf der Spur, hier kann man die Stille hören, und wir hinterlassen nur Fuß­spuren, die der Wind wieder wegfegt. Wenn das Ötzi gewusst hätte ... Also: Weniger vererben und mehr reisen. Wir sollten nicht versuchen, Eigentümer dieser Welt zu werden, wir haben lediglich die Erlaubnis, sie zu betreten.

Unter dem Eis sind keine Balken, also: Wenn die Wassertiefen in der Seekarte geprüft sind, wenn Sie mit der Eisklasse des Schiffes vertraut sind, wenn alle nautischen Geräte einwandfrei arbeiten, wenn die aktuelle Eis- und Wetterkarte vorliegt und geprüft wurde, wenn Einigkeit zur akuten Eiskonzentration des Packeises vorliegt, dann: Maschinen langsame Fahrt voraus und durch.

Wer einmal von der Polarmeer-Euphorie gepackt wurde, wird seine Begeisterung für die Eis- und Schneelandschaft nicht mehr los, nie mehr. So erging es mir seit 1977 - meiner ersten Reise in die Antarktis mit der WORLD DISCOVERER bis 1979. Der unheilbare Bazillus ergriff Besitz von mir.

„Ice will never be giving up its mystic. Never fight against ice, always wait until the ice gives you the permission to pass through. You loose the war against ice if you try to fight. ” Mein Naturgesetz.

Furcht kommt nicht auf, aber Freude (viel Freude!), besonders für das ungemein intensive Blau des Eises. Immer der Natur Respekt erweisen. Das Eis ist zu „fühlen, wenn man sich mit einem Schiff in einem Packeisfeld festgefahren hat. Elemente schließen immer einen Pakt. Meereis (gefrorenes Seewasser) hat die Farbe des Meeres. Gedanken zur Unendlichkeit kommen auf. Die Eisbewegungen hat man beinahe vollständig entschlüsselt, trotzdem bleibt das Phänomen auf unserem Planeten beziehungsweise den Eismeeren erhalten.

Expeditionsreisen in Eisregionen haben steigende Tendenz. Bis zum Sommer 2003 / 2004 steuerten zwölf Passagierschiffe die Antarktis an, dann waren es siebzehn und seit Sommer 2004 / 2005 bereits 34 Schiffe, die Besucher in die Antarktis brachten.

Jedoch kann das Packeis durchaus zur Gefahr werden, wie für die GOTLAND II, die MAXIM GORKIY 1989, die MAGDALENE OLDENDORFF 2002 / 2003 oder die CLIPPER ADVENTURE, besonders, wenn versucht wird, die Natur zu überlisten. Die Natur verzeiht keine Fehler und behält immer die Kontrolle.

Außer im Norden der Arktis haben im Süden der Antarktis die Ausdehnung der Packeisfelder durch die bis zu 1,7 Grad Celsius Erwärmung um cirka zwanzig Prozent abgenommen. Die Kommentare nach einer allerersten Fahrt durch eine Packeis-Konzentration lauten immer: „Das hätte ich mir nie vorstellen können oder „Phantastisch, es ist total anders, als erwartet, eine einmalige Faszination. Einfach eine unbeschreibliche Schönheit, diese Eiskristalle.

An die Geräusche an der Bordwand gewöhnt man sich recht schnell, wenn man überzeugt ist, dass nichts passiert. Wenn ein Schiff Eisklasse hat, dann wird die Fahrtstufe entsprechend der Eiskonzentration reguliert und immer wieder angepasst.

Der britische Polarforscher Bernhard Stonehouse sagte: „Ehrfurcht vor dem Eis ist Ehrfurcht vor der Natur, vor dem Leben, vor der Zukunft. Meine Anmerkung dazu lautet: „Zukunft bedeutet auch Verheißung.

Es lohnt sich für die Schiffsbar, mal ein paar Brocken Gletschereis per Schlauchboot an Bord zu holen und aufzustellen. Das etwa 30.000 bis 40.000 Jahre alte Eis und der lächerliche 24 Jahre alte Chivas vertragen sich recht gut. Das Stück Gletschereis schmilzt auch nach dem dritten Whisky nicht. Die Stimmung steigt. Man kann das Stück Gletschereis mit in die Kabine nehmen und am nächsten Tag einen Whisky Nachschub bestellen. Lediglich der Kontostand des Gastes verändert sich.


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