Die Stadtmitte von Beamish mit dem Stadtbus




Oliver Schmidt




Wer hat davon nicht schon geträumt? Ein Verkehrsmittel besteigen und eine Zeit-reise unternehmen. In einer völlig anderen Epoche wieder aussteigen. In einer Welt, in der Menschen mit Cut und Melone, mit Korsett und großen Hüten das Straßenbild bestimmen. Sich gegenseitig anstaunen. Die Epochen, in denen die Großeltern Kinder waren, nicht nur aus dem Familienalbum kennen, sondern einen Tag verbringen in dieser Welt, die nicht mehr zurückkehrt. Auf einer Fährreise mit DFDS nach Newcastle geht das – im Freizeitpark Beamish – „Where History Comes Alive!

 

„Oh, ist das schön! Elektrisches Licht! Einfach auf einen Knopf drücken, und es ist hell! sagt Vicky, schiebt sich das Spitzenhäubchen etwas in den Nacken und nimmt eine neue Schachtel Streichhölzer aus der rüschenbesetzten Schürze, während sie sich weiter abmüht, die Petroleumlampe anzuzünden. Die Szene könnte aus einem futuristischen Roman des 19. Jahrhunderts stammen: Vicky als Visionärin. Aber es ist umgekehrt: Vicky arbeitet im Freilicht-Museum von Beamish, und zu Hause hat sie elektrisches Licht. Tagsüber aber taucht sie ab in das Jahr 1825, spielt die Magd auf einem Landhaus der englischen „Countryside. Mit den Besuchern. Für die Besucher.

 

Eisenbahnromantik

„Wir haben dieses Tal extra ausgesucht, weil man hier nichts von unserer heutigen Zivilisation sieht! Keine Strommasten, keine Hochhäuser, erklärt Jacki Winstanley, Pressesprecherin des seit 1970 bestehenden Themenparks, nicht ohne Stolz. So wurde Beamish in den 37 Jahren seines Bestehens auch schon öfters zum Drehort von Historien-Filmen. Der Anspruch ist hoch: Kein falsches Kostüm, kein moderner Weidezaun darf das Bild einer perfekten Zeitreise stören. Da wurden nach alten Auf-zeichnungen Pflanzenarten für die Gärten liebevoll zusammengetragen, Häuser aus der Umgebung aufgekauft und nach Beamish transferiert.

„Ah, da kommt gerade unser Zug! Das ist eine ganz moderne Erfindung! weist Jacki auf ein sich näherndes, fauchendes und spuckendes Ungetüm. Für die Mitte des 19. Jahrhunderts mag das stimmen. Von der Lok existierte nichts weiter als ein Ölgemäl-de. Mit viel Liebe trugen die Ingenieure ein paar Originalteile zusammen, bis eine Klasse von Lehrlingen sich daran versuchen konnte. Das Dampfross nachzubauen. Ein vierschrötiger Heizer mit schwarzem Schlapphut wischt sich die kohleschwarzen Hände an der Hose ab, bevor er den Besuchern die Rechte reicht und dabei schnauft wie seine Lok. „Steigen Sie ein! Seine Trillerpfeife schrillt über den „Bahnhof, und die antiquierte Maschine kommt der Aufforderung zögernd nach. Beißender Kohlen-geruch in der Nase, das Rattern der Schienen und Schwellen im Rückgrat, kann man sich ohne weiteres vorstellen, was die Menschen seinerzeit von der Errungenschaft hielten, die ihre liebliche Landschaft verpestete.

 

Trautes Heim

Im Landhaus aus dem Jahr 1825 stört das alles nicht. Hier lebt man autark, backt vor den Augen der Besucher Brot in einem gewaltigen, eisernen Ofen und reicht es zum Kosten herum. Vicky hat inzwischen die Öllampe in Gang gebracht und geht voraus in die Vorratskammer. „An der Nordseite des Hauses, mit ganz kleinen Fenstern, damit nur frische Luft hereinkommt, keine Wärme! erklärt sie, und der flackernde Schein der Lampe fällt auf Enten und Rebhühner, die von der Decke baumeln, auf Trocken-fisch, Körbe mit Obst und Talg zur Herstellung von Kerzen. Im Obergeschoss liegt das Schlafzimmer der Herrschaften: Himmelbett, Nachttopf, gusseiserne Badewan-ne. Hätte Vicky nicht samstags frei, sondern lebte tatsächlich 1825, müsste sie der Familie dann ein Bad anrichten. Für sie selbst bliebe, ginge sie nicht jeden Abend nach Hause, wo elektrisches Licht, Fernsehen und Tiefkühltruhe warten, nur eine kleine Kammer unter der Dachschräge mit geflicktem Bettzeug.

 

Landflucht

Hätte Vicky etwas später gelebt, nämlich 1913, wer weiß, ob sie nachttopfschwen-kend im Manor-House geblieben wäre. Vielleicht hätte sie sich für „Beamish Town  entschieden, einen kleinen Marktflecken mit Backsteinhäusern, Straßenbahnhalte-stelle und – immerhin – Freimaurerloge. Das letzte Jahr, bevor der Erste Weltkrieg die Nachwirkungen der Viktorianischen Zeit endgültig überrollte, ist der zweite Meilen-stein in Beamish. Mit einer authentischen, zweistöckigen Straßenbahn gelangen die Besucher hin. Vicky hätte freilich eine beschwerliche Reise auf sich nehmen müs-sen, wollte sie 1825 das Manor-House verlassen.

Beneidet aber hätte sie ihre Kollegin Kim. Die hat bei einer Musiklehrerin Anstellung gefunden. In einer Ecke des viktorianisch vollgestopften Wohnzimmers steht das Piano. Zwar ist das Salair, das die Frau Lehrerin mit ihrer Angestellten teilen muss, nicht üppig, aber arbeiten zu gehen geziemt sich nicht für eine bessere Dame. Also muss auch Kim hustend den Kohleofen anheizen. Aber wenn sie mit ihrem großen Hut auf die Straße geht, dann sieht sie schon adrett aus, ganz Dame. Eben kommt die Straßenbahn um die Ecke. Zeit für einen Flirt mit dem Schaffner. Dann eilt Kim über die Straße zum Coop. Zum Einkaufen, und um den neuesten Klatsch gleich weiterzugeben.

Authentisch bis ins Detail
Beamish ist mehr als ein Museum. Sein großer Vorteil ist, das es lebt, mit all den liebevoll verkörperten Charakteren. Kaum, dass man auf der Straße noch unterschei-den kann, wer ins Hier und jetzt gehört, und wer „ausgeliehen
ist aus einer anderen Epoche. Beamish Town ist der Platz der Großeltern und Kinder. Denn die Alten können sich sehr wohl noch erinnern an den Süßwarenladen, wo es für ein paar Pence all die bunten Bonbons, Lutscher und Toffees gab, wo aus dem Hinterhaus der Duft süßer Früchte zog, wenn dort eine klebrige Zuckermasse erhitzt und zu Himbeerdrops verarbeitet wurde. Diesem Vorgang können die Besucher stündlich zusehen, und die Kinder kommen in Scharen. Ein paar Häuser weiter verstehen sie jetzt auch die angstvollen Warnungen des Großvaters, auf die Gesundheit der Zähne zu achten. Hier sitzt in seinem Wohnzimmer der Zahnarzt, und sein weicher, einladend mit Samt bezogener Behandlungsstuhl wartet auf Schmerzgepeinigte, die sich mit dem manuellen Bohrer in dreißigminütiger Prozedur ein Loch in den Zahn martern lassen. In Beamish stimmt einfach alles: Auch der Furcht einflößende Geruch der Zahnarztpraxis.

Der Zahnarztbesuch ist auch Thema im Coop-Laden, die Holzregale vollgestopft mit Dosen und Pappschachteln, Seifen und Streichhölzern. Die große Waage und die mechanische Registrierkasse haben gerade Pause, wenn der „Shop-Keeper sich weit vorbeugt, weil sein rundes Bäuchlein ihm nur so erlaubt, der Kundin die letzten Neuigkeiten über die Theke hinweg „im Vertrauen zu erzählen. Was, der Straßen-bahnschaffner hat kaum noch Zähne im Mund? Woher weiß man das? Von Mary von der Bank? Hat sie ihn etwa geküsst? Das würde Kim aber gar nicht passen. Hat er deswegen gar genug Geld, um jeden Abend in den Pub zu gehen? Kim wendet sich zum Gehen. Die Besucher bleiben belustigt im Laden zurück. Es fühlt sich merkwür-dig an, wenn der Ladenbesitzer sich nun in die Gegenwart zurückwendet und seinen Gästen aus jener Zeit erzählt, in der er sich eben noch befand: Wie das System der „COOPerative funktionierte, mit Mitgliedschaft und Dividendenzahlung. Bei der Bank möchte man gleich ein Konto eröffnen – 4,5% Zinsen werden im Jahr 1913 geboten, und das, obwohl das Konto in altmodischen Kassenbüchern geführt, Wertgegenstän-de einzeln in den Kellern eingelagert werden müssen und das hölzerne Zählbrett die einzige Hilfe ist, den Überblick zu behalten.

Neuerdings kann man sein Geld auch anders anlegen: Gerade gegenüber bietet die Garage nicht nur Fahrräder und Reparaturen an, sondern auch den neuesten Schrei: Automobile. Unter einem Galgen mit dampfgetrieben Winden steht ein schrulliges Vehikel zur Reparatur. Wer dem Automobilmeister natürlich die Freude macht und ihm einen Neuwagen abkauft, genießt besten Service. Sogar tanken kann man hier: Mehrere blecherne Fünf-Liter-Kanister werden in einer Holzbox reisefertig verkauft und – auf Wunsch – auch gleich eingefüllt.

 

Besuch bei der Arbeiterklasse

Wer könnte die unterste Schicht der arbeitenden Bevölkerung besser repräsentieren als die Bergarbeiter? Die Kohlemine, das einzige „Ausstellungsstück von Beamish, das keine Ortsveränderung erfahren hat, zeigt die Arbeitsbedingungen unter Tage, deren Industrialisierung mit einem Förderband mit Dampfantrieb noch in den Kinder-schuhen steckte. Und Beamish wäre nicht Beamish, nähme es die Besucher nicht abermals mit auf eine Zeitreise, in der die Vergangenheit fühlbar und erlebbar wird.

Beschaulicher geht’s zu in der Siedlung der Bergleute: Reihenhäuser, die auch im Ruhrpott stehen könnten, Vorder- und Hinterzimmer, im ersten Stock zwei Schlafzim-mer für die zehnköpfige Kinderschar, kleiner Hinterhof, drei auf vier Meter, Blechwan-ne, Wringmaschine, Toilettenbude. Wer genau hinschaut, sieht die feinen Unters-chiede zwischen dem Haus eines katholischen und eines methodistischen Arbeiters. Am Tisch sitzt eine Frau in wallenden Röcken vor Kessel, Kübeln und Schüsseln mit Kleidungstücken: Großer Wasch- und Flicktag. So scheint es. Doch die Idylle trügt. Sie sei, so erklärt sie und spielt ihre Rolle perfekt, die Witwe eines Bergarbeiters. Nur, weil ihr Sohn – gerade 15 Jahre alt – auch unter Tage arbeitet, darf die Familie das Haus behalten. Ihr Brot muss sie nun mit Näharbeiten und der Herstellung der beliebten Flickenteppiche verdienen.

 

Schulstunde

Wenn alte Männer sich schon im Süßigkeitenladen von Beamish Town gewünscht haben, wieder Kinder zu sein: Hier werden sie es. In der Schule. Das gemütliche Gebäude mit der hölzernen Dachkonstruktion stammt ebenso wie die benachbarte Kapelle aus der näheren Umgebung und wurde Stein für Stein hierher gebracht. Das war aber nur die halbe Arbeit: Kein Schulhaus, das man in den 70ern abbruchreif er-werben konnte, zeigte noch den Originalzustand des beginnenden 20. Jahrhunderts. Für sämtliche Häuser des Parks mussten Tapeten, Teppiche, Möbel, Kleider, Wasch-schüsseln und andere Accessoires einzeln herbeigeschafft werden.

Dafür knarren heute die Dielen auf dem Gang vor den Klassenräumen wie ehedem, große Karten an der Wand geben Auskunft über das britische Weltreich, die Dinosau-rier und die Ahnenfolge der englischen Könige, und in den niedrigen Holzbänken liegen Schiefertafeln bereit. Eine Lehrerin am Pult erklärt, was hier erlaubt ist und was nicht. Es hat schon etwas Beeindruckendes, wenn kleine Kinder plötzlich ganz still werden, weil sie entdecken, wie anders ihr Großvater seine Kindheit erlebt hat, wenn sie plötzlich verstehen, was die Großmutter gemeint hat, wenn sie von der einstigen Mühsal des Lebens sprach, von der strengen Erziehung, bedrängender Armut und der Freude über ein hölzernes Spielzeug. Gleichzeitig geht der Glanz großer Kinderaugen auf die Alten über, die eine längst vergessene Zeit wieder aufer-stehen sehen. Perfekt inszeniert in Beamish.

 

Historischer Themenpark und Museum Beamish

Sommer: Geöffnet täglich von 10.00 bis 17.00 Uhr, letzter Einlass 15:00 Uhr

Winter: 10.00 bis 16.00 Uhr, Montag und Freitag geschlossen

 

Der Park besteht aus vier „Inseln, eingebettet in eine authentische Landschaft, die verschiedenen Epochen nachempfunden sind: Dem Manor House von 1825 mit dem Dampflokschuppen, Beamish Town, The Village (Arbeitersiedlung) mit Kohlenmine und einer historischen Farm.

 

Eintritt: Erwachsene 16 britische Pfund · Kinder 10 britische Pfund · Familien (2 Erwachsene + 2 Kinder) 46 britische Pfund

 

Beamish, County Durham, DH9 0RG · Telefon +44 191 370 4000

www.beamish.org.uk

 

Fähre

Tägliche Verbindung mit DFDS ab Ijmuiden (Amsterdam) nach Newcastle. Anfahrt: niederländische Autobahn A 12 bis Utrecht, dort A 2 Richtung Amsterdam, bei Amsterdam wechseln auf A 9 Richtung Haarlem. Ab Haarlem sind Ijmuiden und der Fährterminal nach England beschildert. www.DFDS.de

 

Anfahrt Großbritannien: Von der Fähre nach Beamish rund 20 Kilometer. Beschilderung „The South / Tyne-Tunnel folgen. Achtung: mautpflichtiger Tunnel! Britisches Kleingeld oder eine 2-€-Münze bereithalten! Beschilderung „The South / Gateshead / Motorway A 1 folgen. Von der Autobahn (Motorway) A 1 die Ausfahrt 63 nehmen. Beamish ist bereits ab der Autobahn beschildert. 4 Meilen.

 

Buchungen, Zugtickets, Hotels und beste Beratung gibt’s hier

www.england-ferien.de · e-Mail: info@england-ferien.de · Telefon 0 61 55-79 64 34

 

Das
Beamish Hall Country House Hotel
in Beamish

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Die Halle des Hotels

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Hotel-Tipp

Unmittelbar vor den Toren des Parks liegt ein herrschaftliches Landhaus, „Beamish Hall. Hier wohnten früher Mitarbeiter des Parks, bis es als Hotel eingerichtet wurde. Seine schweren Clubmöbel, das stilvolle Ambiente in der Halle und die Landschaft, die man durch die Sprossenfenster der Zimmer sieht, sind ebenfalls eine Hommage an das Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Natürlich sind die Zimmer hochmodern mit Farb-TV, Telefon und Bad. Übernachtung ab 65 britische Pfund (rund 100 €).

 

Beamish Hall Country House Hotel

Beamish (Stanley), County Durham, DH9 0YB

Telefon +44 1207 233 733

reservations@beamish-hall.co.uk

www.beamish-hall.co.uk


 

Straßenklatsch im Jahre 1913

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Besuch beim Zahnarzt
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Das Autohaus
am Ort

 


Einkauf im Coop
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Ein Kohlentrimmer


Mitten im beschaulichen Beamish

 

Der Straßenbahn-fahrer


In einen Schlafzimmer


In einem Wohnzimmer der Victorianischen Zeit