Oliver Schmidt




150 Jahre wäre er alt geworden, geboren zu Hamburg am 15. August 1857. Zwei Herzen vereinten sich in seiner Brust: Das des jüdischen Kaufmannes und des aufrechten Hanseaten. Stolz war er auf letzteres. Albert Ballin hat die deutsche Schifffahrt geprägt wie sonst keine andere Persönlichkeit.

 

Ballin war sich nie zu fein. Nicht für seine Kunden, nicht für seine Mitarbeiter. Auch für keine Arbeit auf seinen Schiffen. Dass er aber heute selbst, in Mantel und Bordmütze, die Sofas abstaubt und die Akkuratesse der Salons inspiziert, hat einen besonderen Grund: Erster Besuch des Kaisers an Bord. Und das erste Mal, dass Ballin mit der Hapag eine Kreuzfahrt veranstaltet. Nordeuropäische Kälte liegt über Cuxhaven. Kurz vor Weihnachten. Der stets beschäftigte Ballin hat seine Frau Marianne mit der Ein-ladung zu einer Reise überrascht.

Marianne, aus gutem Hamburger Tuchhändlerhause, trifft in Kaiser Wilhelm II. einen Jugendgespielen wieder, mit dem sie in Kindertagen kurzes Ferienglück am Strand teilte. Auch Ballin hat den damaligen Prinzen Wilhelm bereits vor dem Dreikaiserjahr 1888 bei einem Gespräch mit Reichskanzler Bismarck getroffen. Der launige Besuch des Monarchen endet mit einer kühnen Bleistiftzeichnung. Seine Majestät haben den schwungvollen Clippersteven des ersten als Kreuzfahrtschiff gebauten Hapag-Schif-fes aufs Papier gebannt: Der späteren PRINZESSIN VIKTORIA LUISE.

 

Aufgestiegen aus kleinen Anfängen

Ballin gehört zu den in dieser Zeit wenigen Deutschen, die schließlich am Hof des Kaisers ein- und ausgingen, obwohl ihnen dies an der Wiege gewiss nicht gesungen wurde. Als jüngstes von 13 Kindern übernahm er das „Schleppergeschäft des Vaters, das eines Hafenagenten, der für die Schifffahrtslinien die Passagiere akqui-rierte. Mit seinem Bruder Joseph teilte er eine bescheidene Dachkammer. Der freundliche, kleine Mann von der Columbia-Agentur, obwohl stets zurückhaltend und leise, fiel bald auf, denn er „glänzte nicht dadurch, dass er seine Kunden als „Aus-wandererpack beschimpfte, während er von den Prozenten ihrer Überfahrtskosten lebte. Ballins Erfolg gründete sich zeitlebens neben einer guten Nase für’s Geschäft-liche auf Freundlichkeit und Kundennähe, jene Faktoren, die auch heute noch eine erfolgreiche Selbständigkeit garantieren.

Kaum, dass er einigen hundert Polen, Russen und Zuwanderern vom Balkan ihre Passagen verkauft hatte, kannte er ihre Familienverhältnisse, verabschiedete sie an der Gangway mit Namen. Auch, dass er Kunden, die auf St. Pauli „versackt waren, rechtzeitig auslöste, ist überliefert – belächelt von den Bossen der Hapag und ande-rer Reedereien. Schon früh forderte Ballin menschliche Verhältnisse für die „Fracht, unter der die Zwischendecker noch immer in den Büchern vermerkt waren. Ähnlich gute Kontakte hatte er zu Besatzung und Kapitänen. Bescheidenheit und eigene Herkunft hat Ballin nie vergessen, geschweige denn verleugnet. Ebenso hat er, solange sie lebte, engen Kontakt zu seiner Mutter gepflegt. Sein Briefwechsel gibt heute Aufschluss über manche Hintergründe seines Handelns.

 

Der Weg zum Reeder

Edward Carr schließlich verhalf dem rührigen Agenten zum ersten Durchbruch. Der englischstämmige Reeder suchte neue Aufgaben für seine beiden Frachtschiffe. Ballin überzeugte ihn, die Schiffe ausschließlich für den Transport von Auswanderern umbauen zu lassen, die doch bei den anderen Reedereien eher als lästig empfun-den wurden. Mit diesen beiden Schiffen, umgebaut nach Ballins Vorstellungen und somit mehr Komfort bietend als die Zwischendecks, begann die erste direkte Verbindung Hamburg-New York. Die Auswanderer mussten nicht mehr über England reisen und dort das Schiff wechseln. Der Reeder bereute seinen Entschluss nicht, Ballin versprach ihm volle Auslastung und hielt Wort. Allerdings trieb Ballin seinen Chef, der dem Reitsport mehr zugetan war als dem Geschäftsleben, mit seinen kühnen Entschlüssen manches Mal zur Verzweiflung.

Weitaus mehr Probleme aber bereitete Ballin der Konkurrenz. Mit bitterem Lächeln erinnerten sich die schon damals in gediegener Atmosphäre tagenden Hapag-Direk-toren ihres früheren Agenten, der da so eifrig der Konkurrenz zuarbeitete, und mehr-fach unternahmen verschiedene Direktoren Vorstöße, ihn abzuwerben. Aber Ballin war immer eine Nasenlänge voraus: Scheinbar unbekümmert ließ er sich auf einen halsbrecherischen Poker um den niedrigsten Passagepreis ein. Weder wusste die Hapag, dass der Carr-Line durch die niedrigen Preise das Wasser bis zum Hals stand, und Ballin ahnte allenfalls, dass es bei der Hapag durch die schwindende Auslastung nicht besser aussah, als er 1886 auch die Passageabteilung der Hapag übernahm und beide zusammenführte.

 

Privates Glück

Für Wahnsinn hielt sie Edward Carr, die Idee, den Auswanderern kostenlos Woll-decken zur Verfügung zu stellen. Ballin aber brauchte neue Argumente, um sein Angebot attraktiv zu halten, einen neuen Werbegag sozusagen. Er hatte, wie immer, mit spitzer Feder, aber Erfolg versprechend kalkuliert. Dass ihm der Besuch beim Hamburger Tuchhändler Rauert die Gunst von dessen Tochter Marianne bescheren würde, ahnte er indessen nicht. Zum ersten Mal spürte der erfolgreiche junge Mann beim Werben um seine Angebetete, dass sich durch seine jüdische Herkunft man-che Türen langsamer öffneten. Dabei war die blonde Walküre, die er schließlich doch heiraten durfte, etwas größer und etwas älter als er, das ganze Gegenstück zum schwarzhaarigen, drahtigen Ballin.

Nur der gewünschte Kindersegen war den beiden nicht beschert. Jahre später adop-tierten sie die fünfjährige Irmgard, den Sonnenschein einer kinderreichen Bauern-familie, die mit einem von Ballins Schiffen der Neuen Welt zustrebte. Um seinen Kun-den liquide zu machen, übernahm der Reeder auch gleich dessen Anwesen, das er fortan als Sommerresidenz nutzte.

 

Frischer Wind für die Hapag

Sein Erfolgskonzept änderte Ballin nach dem Wechsel zur Hapag nicht. Auch hier ließ er sich nicht darin beirren, dass nur das Wagnis großer Investitionen Erfolg ver-spreche. Sie waren es nicht gewohnt, die hohen Herren von der Hapag, dass ihnen jemand freundlich, aber bestimmt die Fakten auf den Tisch legte. Dass jemand Entscheidungen verlangte, statt die Probleme mit einem Whisky fortzuspülen, und für den Fall, dass man sich nicht entschließen mochte, bereits eigene Pläne soweit ausgearbeitet hatte, dass er nur noch den Startschuss zu geben brauchte. Und da sie sich vom Tagesgeschäft zunehmend entfernten, nahmen sie murrend hin, was schon Edward Carr resignierend feststellte: „Ich habe Ihnen, Ballin, die Steigbügel gehalten, und nun entgleiten mir Zügel und Sporen!

Ballins Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Beeindruckende Dividenden an die Hapag-Aktionäre ließen die Kritiker schnell verstummen und nur noch hinter vorge-haltener Hand über den „Wasserjuden spötteln. Neue Schiffe sollten her, größer und schneller als bisher. Bei seinem ersten Treffen mit dem späteren Kaiser Wilhelm II. unter den Augen des greisen Fürsten Bismarck überredete der Prinz den Hapag-Direktor, seine Neubau-Aufträge nicht komplett nach England zu vergeben, und ver-bürgte sich für die Qualität der noch unerfahrenen Vulcan-Werft in Stettin.

Die AUGUSTA VICTORIA holte das Blaue Band. Ihr Name wurde erst später in AUGUSTE VICTORIA geändert, nach einer Intervention des Kaisers. Schon wollte Ballin mit der neu gebauten COLUMBIA das Blaue Band übernehmen. Dass er hier den Namen seiner ehemaligen Hafenagentur verewigt hatte, daran nahm niemand Anstoß. Und Ballin wäre nicht Ballin, würde er für die Rekordfahrt außer 250 Extra-Waggons Kohle nicht auch Zulagen für die Heizer und Trimmer genehmigt haben. 1889 konnte Ballin aus seinem bescheidenen Gartenhaus in eine eigens gebaute Villa umziehen. Seiner „Freundschaft mit dem Kaiser, die 1891 vor der ersten Kreuzfahrt in Cuxhaven begann, stand nichts mehr im Wege.

 

Die Cholera in Hamburg

1892 muss Ballin den ersten Rückschlag für die Hapag hinnehmen. Für die Gründe kann er wahrlich nichts: Die Cholera wütet in Hamburg, erfasst über 16.000 Menschen aus Ballins Vaterstadt und reißt über die Hälfte der Erkrankten in den Tod. Waren die Auswanderer aus Polen, Russland und einem Dutzend anderer Länder schuld? Ballin weiß, dass es die Trinkwasserqualität in Hamburg ist, wo man auf den Bau moderner, effektiver Kläranlagen vergeblich wartet. Offene Ohren für seine Kritik findet Ballin kaum. Ist die Cholera ein willkommener Anlass, dem allzu erfolg- und einflussreichen jüdischen Hapag-Direktor einen Dämpfer zu verpassen? Ballin wartet nicht auf das Ergebnis seiner Verhandlungen. Er zieht es vor, das Problem an der Wurzel zu packen und lässt auf der Elbinsel Veddel, weit außerhalb Hamburgs, eine vorbildliche Auswandererstadt errichten. Gerade in diesem Jahr (2007) ist die „Ballinstadt als Hamburger Museum über die Zeit der Auswanderer wieder aufer-standen.

 

Hapags Erfolg – Ballins Erfolg

Das zu Ende gehende Jahrhundert bringt Ballin rasch neue Einträge auf den Haben-Seite. Neue Schiffe werden gebaut, rund 5000 Menschen in Hamburg hält die Hapag – direkt oder mittelbar – in Lohn und Brot. Zwischen 1896 und 1900 wird das Aktien-kapital des Unternehmens von 30 Millionen auf 80 Millionen Mark mehr als verdop-pelt. Wieder muss er um den Erfolg mit der Hansestadt kämpfen: Die Elbe müsste ausgebaggert werden. Hier liegt die Qualität von Bremen und Bremerhaven als See-häfen in dieser Zeit noch vor Hamburg. Gleichzeitig denkt Ballin über den Bau entsprechender Kai-Anlagen in Cuxhaven nach: Die spätere Steubenhöft-Pier. Das ausgehende Jahrhundert bringt außerdem den ersten Spatenstich zum repräsentati-ven neuen Hapag-Gebäude am Alsterdamm (heute Ballindamm). Der Januar des Jahres 1900 bringt gleich den Stapellauf eines der grandiosesten Ballin-Schiffe: Der DEUTSCHLAND. Dass Hamburg den einstigen Vorsprung des Norddeutschen Lloyd inzwischen aufgeholt hat, verkündet man an der Elbe nicht ohne Stolz:

Die HAPAG sprach zu dem Vulcan:

Nun baut mir einen Riesenkahn

Mit dreiundzwanzig Knoten,

dass auch der Dümmste merken kann,

der Lloyd ist überboten ...

Derlei Triumphgeheul lag dem bescheidenen Ballin nicht. Er führte weder seinen Ehrendoktortitel, noch trug er seine Orden. Im Stillen stolz war er auf die Leistungen seines Konzerns, und er war Unternehmer genug, sie nicht auf die eigenen Schultern zu nehmen.

Insbesondere der Bau des Doppelschraubendampfers DEUTSCHLAND führte im Jahr 1902 zu einem viel beachteten Ereignis. Der altgediente Hapag-Kapitän Albers, Master aller Rekordfahrten, die der Packetfahrt das Blaue Band bescherten, erlitt mit der DEUTSCHLAND im Sturm einen Ruderschaden. Durch geschickten Einsatz der Maschinen steuerte er, fünf Tage eisern auf der Brücke ausharrend, das Schiff durch die kochende Hölle sicher nach Plymouth. Tränen in den Augen, drückten die Passa-giere dem Commodore der Hapag dankbar und ergriffen die Hand. Der legte sich endlich schlafen. Kapitän Albers wachte nicht mehr auf. Ballin, der stets wusste, was er an seinen Mitarbeitern hatte, verlor seinen zuverlässigsten Kapitän. Er hatte – vielleicht angespornt durch den stets freundlichen, verständnisvollen Direktor – seine Gesundheit für Schiff und Passagiere geopfert.

Eine mehrwöchige Ostasienreise nutzt Ballin, um sich ein Bild von der Welt zu machen. Wieder liefern die Briefe an seine Mutter beredtes Zeugnis davon, wie er seine Vorstellungen bestätigt findet und viel Neues hinzulernt. Die Indienststellung des ersten Kreuzfahrtschiffes PRINZESSIN VIKTORIA LUISE bringt Ballin wieder den Besuch des Kaisers. Bereits 1895 war der Reeder Gast des Kaisers bei der Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals gewesen. Immer öfter folgten nun Einladungen auf die Kaiserliche Yacht METEOR, ins Berliner Schloss oder Besuche des Monarchen in der Hamburger Villa. Ballin wurde zu Rate gezogen. Aber hörte man auf seine Stimme?

 

Ballin, der Kaiserfreund?

„Ihr treuer Freund ... pflegte der Kaiser seine Briefe an „seinen Reeder zu unter-zeichnen. Das ist freilich sehr nett zwischen dem Berliner Regenten und dem Ham-burger Bürger, und Wilhelm mag sich durchaus so gefühlt haben. Ballin aber zog aus dieser „Freundschaft gewiss nicht nur Gewinn, sondern auch manche bange Sorge. Der Reeder bezeichnete sich selbst als unpolitisch. Gleichwohl sah er bereits mit dem beginnenden Zwanzigsten Jahrhundert drohende Wolken am europäischen Himmel aufziehen. Und auf zwischenmenschliche Töne verstand sich der kleine Jude vortrefflich. Er brauchte seine Intimkenntnis der britischen Gesellschaft (die man vom Kaiser wegen seiner verwandtschaftlichen Beziehungen auch hätte erwarten dürfen) nicht, und auch nicht seine echte Freundschaft aus alten Hamburger Tagen zum jüdischen Bankier Sir Ernest Cassel, um zu spüren, dass die Provokationen aus Berlin, das stetige Flottenwachstum und die ungeschickten, bisweilen tollpatschigen Reden des Kaisers in England Unbehagen hervorrufen mussten.

Ballin beobachtete mit Sorge, wie der Monarch alle Warnzeichen übersah. Geschätzt hat er Wilhelm wohl eher als den Mann, der sein geliebtes Vaterland regierte, gewiss auch den Schiffsliebhaber, mit dem er in maritimen Fragen rasch auf einer Wellen-länge lag, als den zackigen Militaristen, dessen preußische Stiefel auf internationa-lem Parkett jedwede Diplomatie zertrampelten. Für Ballin, der schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegen allzu großes Nationalbewusstsein dazu aufge-rufen hatte, europäisch zu denken, muss das besonders schmerzlich gewesen sein. Ein ums andere Mal rief er den Kaiser in persönlichen Gesprächen zum Dialog mit England auf, versuchte, über Ernest Cassel Kontakte in die britische Regierung zu legen, und stieß dort sogar auf Wohlwollen.

Parallel dazu bot er auf internationalem Parkett das an, womit er einst in Deutschland guten Erfolg gehabt hatte: Kooperation der Reedereien. Dabei wurden ihm für einen persönlichen Wechsel nach Großbritannien oder in die USA durchaus offene Türen signalisiert. „Bleiben Sie, beschwor ihn der Kaiser, bot ihm sogar einen Minister-posten an. Zeitweise war Ballin als Kandidat für das Amt des Reichskanzlers im Ge-spräch, zumal auch andere europäische Staaten Juden in der Staatskanzlei hatten.

Immer öfter reiste Ballin nach Berlin, wurde nicht nur vom Kaiser, sondern von Kanz-lern, von Ministern und Beratern als willkommenes Sprachrohr zu Wilhelm gesehen und um Hilfe gebeten. Die große Politik spielte direkt vor seiner Nase, und entgegen eigener Darstellung verstand Ballin allerdings genug von dem, was da zwischen den europäischen Staaten (nicht) lief, um beunruhigt zu sein. Das alles kann aber nicht darüber hinweg trügen, dass es nie zu wirklich persönlichen Gesprächen zwischen Kaiser und Reeder kam, die die Annahme rechtfertigen, es habe hier eine Art Männerfreundschaft auf Augenhöhe bestanden. Ballin hatte freien Zugang bei Hofe, durfte sich ein offenes Wort erlauben, nicht aber hat ihn der Kaiser wirklich ins Vertrauen gezogen, gar über Privates gesprochen. Zugute halten muss man Wilhelm, das er für den Reeder über seinen Schatten sprang und über die jüdische Abstam-mung hinwegsah. Ausgerechnet in dieser Hinsicht musste Ballin in Berlin um Hilfe bitten, als seine Adoptivtochter einen Marine-Offizier heiraten wollte.

 

Ein Jude unter Hanseaten

Es ist aus heutiger Sicht schwer zu verstehen: Ballin hatte bei der Brautwerbung Hürden zu überwinden, seine Tochter mit ähnlichen Unbilden zu kämpfen, bis man ihr schließlich eröffnete, dass sie adoptiert und nicht jüdischen Blutes sei. Selbst der Kaiser musste seine Abneigung gegen die Söhne Moses’ überwinden, was seine Gattin nicht tat: Sie hat Ballins Haus nie betreten.

Das alles war doch lange, bevor der Antisemitismus ab 1933 geschürt und legalisiert wurde, mag man erstaunt konstatieren. Ballins Schicksal legt beredtes Zeugnis davon ab, dass ein latenter Antisemitismus auch in Deutschland (die Betonung liegt auf „auch, denn in anderen Ländern war dies nicht anders) stets vorhanden war. Abneigung und Vorurteile hatten eine lange Tradition, und mancher neidete den jüdischen Kaufleuten ihr Geschick und den daraus resultierenden Wohlstand. Juden hatten in Europa etwa den Status, den Farbige heute in USA haben. Ohne juristische Grundlage gesellschaftlich verpönt, achtete man doch gerne auf eine gewisse Sepa-


 

Der junge
Albert Ballin

 

Die Ballinstadt in Veddel

 

Hapag-Direktor Ballin

 

Gehören zum Lebenswerk Ballins: IMPERATOR und DEUTSCHLAND

 

Die nach Ballin benannte
ALBERT BALLIN


 

ration. Hätte Ballin seine Villa an der Elbchaussee gebaut, die englandfreundlichen Hamburger wären „not amused gewesen.

An Ballins Lebensgeschichte, dem freundlichsten, gütigsten, hilfsbereitesten und verständnisvollsten Kaufmann und Arbeitgeber, den man sich vorstellen konnte, ist abzulesen, wie leicht es die neue Ideologie nach 1933 hatte, sich den hintergründig schwelenden Hass auf die gesellschaftlichen Außenseiter zunutze zu machen. Jede Diktatur benötigt einen Sündenbock, und der war leicht gefunden, dankbar akzeptiert von allen Beteiligten, die Betroffenen freilich ausgenommen.

Dass es andersherum auch für Ballin und seine Zeit- und Glaubensgenossen schon keine Freude gewesen sein dürfte, bei gesellschaftlichen Anlässen und geschäft-lichen Erfolgen stets im „rechten Moment seinen Makel vorgehalten zu bekommen, ist leicht zu erraten.

 

Die Tragik der Größe

Zu groß war das deutsche Kaiserreich geworden, zu mächtig und zu protzig, als dass der Frieden in Europa hätte gerettet werden können. Ballin sah es bekümmert. Eindringlich und verzweifelt wies er in immer kürzeren Abständen darauf hin, dass ein Einlenken des Kaisers noch immer einen Ausweg bedeutete. Vergeblich. Der bescheidene Jude sah den ersten deutschen Größenwahn, dem noch ein zweiter folgen sollte, nicht mit Vorwurf oder Abneigung. Sondern mit Betrübnis. Zu gern hätte er das Land, das seine Heimat war, im Einklang gesehen mit dem geliebten Europa und dem geschätzten Königreich jenseits des Kanals. Trotz guter Verbindungen nichts tun zu können, um den bisweilen mit kindischer Einfalt agierenden Kaiser vor sich selbst zu schützen, schmerzte ihn sehr.

Ballin blieb sich selbst treu, tat auch während des Krieges sein Bestes für die Ree-derei. Wie schon während der Cholera-Krise hielt er seine Stellung im Hamburger Kontor. Er versuchte, Schiffe sinnvoll einzusetzen, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen, sorgte für seine Mannschaften und reagierte sogar mit Spenden auf Bittbriefe Unbekannter – eine Wohltätigkeit, die sein Privatkonto in einem einzigen Jahr mit 17.000 Mark belastete.

Nicht nur die Größe des Reiches und seiner Flotte, auch die der Hapag erwies sich natürlich in Krisenzeiten als hinderlich. Wo kein Transatlantikverkehr mehr stattfindet, ist eine kleine Flotte besser hinüberzuretten als ein Riesenkonzern mit Tausenden von Mitarbeitern. Ballin, noch keine sechzig, litt bereits seit längerem unter Schlaf-störungen. Sein Zustand besserte sich unter der Last des Krieges keineswegs.

 

Kein Kaiser, keine Schiffe

1918. Die Welt des Albert Ballin existierte nicht mehr. Das Gefüge, in dem er seinen Erfolg aufbaute, war zerschlagen. Ballin muss erleben, wie sein „Freund – wie tief auch immer die persönliche Zuneigung war – von seinem Volk aus dem Land getrie-ben wird. Die Masse der Aufständischen rüstet zur Revolution. Auch in Hamburg ge-hen die Leute auf die Straße, wenn auch zurückhaltender als in anderen deutschen Städten. Wer Ballin nicht kennt, dem gilt er als der Großmogul Hamburgs schlecht-hin. Aber seine Wohltaten, zeitlebens ausgestreut ohne eigenen Anspruch, machen sich bezahlt. Viele Arbeiter kennen ihn, verschonen seine Familie. Sein Auto über-lässt er lächelnd der neuen „Macht.

Wieder telefoniert er wegen der Lebensmittelversorgung. Das Resultat ist nieder-schmetternd, die Frage, welche Schiffe zur Verfügung stehen, leicht beantwortet: Keine. Ballin kann es nicht fassen. Während sein Name zum letzten Mal in den politi-schen Mittelpunkt rückt und man darüber berät, ob seine Zurückhaltung, seine offene, gewinnende Art wohl die richtige Strategie in Verhandlungen mit den Siegerstaaten über die Zukunft Deutschlands wäre, sieht sich der Hapag-Direktor vor einem Scher-benhaufen. Der alte Optimismus will sich nicht mehr einstellen.

In einer Nacht Ende 1918 stirbt Albert Ballin an einer Überdosis Schlafmittel. Die Annahme, dass er versehentlich falsch dosiert hat, ist unwahrscheinlich. Auf ebenso dünnem Eis aber bewegen sich Biografen, die seinen Tod mit der Abdankung des Kaisers in Zusammenhang bringen. Von ihm war Ballin nie wirklich abhängig. Ange-wiesen aber war er auf das freie Spiel wirtschaftlicher Kräfte. Die Energie, unter völlig neuen Bedingungen neu anzufangen, hatte der Reeder nach über dreißig Jahren schwerer Arbeit nicht mehr. Selbst der Optimismus, der ihm hätte sagen können, dass nichts so heiß ausgelöffelt wird, wie es gekocht wurde, verließ ihn.

Mit dem Wissen des Überlebenden lässt es sich gewöhnlich leicht, indessen selten fair urteilen über die Entscheidungen vergangener Tage. Heute ist klar, dass Ballin die großen Chancen der Zwanziger Jahre, die Deutschland neue Schiffe und dem Lloyd das Blaue Band bescherten, durchaus noch hätte erleben und mitgestalten können. Aber wir wissen auch, dass ihm durch seinen frühen Tod weitaus größere Schmach als die Niederlage Deutschlands 1918 erspart wurden. „Mein Feld ist die Welt war Ballins Wahlspruch. Seine Welt bestand nicht mehr. Der Reeder entschied, mit ihr das Feld verlassen zu wollen.

Bald nach Ballins Tod trug ein Hapag-Dampfer sein Andenken am Steven: ALBERT BALLIN hieß das Schiff, das an den Begründer des Hapag-Erfolges erinnerte. Die Verehrungen rissen 1933 natürlich abrupt ab. Nach 1945 setzte das Andenken an den erfolgreichen Sohn der Hansestadt wieder ein, nunmehr unterstützt durch seine jüdische Herkunft. „Ballindamm heißt seitdem die Straße gegenüber dem Hotel Vier Jahreszeiten, jene Straße, die als Ballins Büroadresse noch „Alsterdamm hieß. Die mit dem einstigen Konkurrenten aus Bremen fusionierte Hapag-Lloyd feiert heute die visionäre Idee ihres Direktors, mit der ersten Hapag-Kreuzfahrt 1891 den Grundstein zur heutigen Passagierschifffahrt „made in Hamburg gelegt zu haben.

 

Quellen: Biografie „Des Kaisers Reeder von Hans Leip, 1956.

Schicksale deutscher Schiffe (Nr. 128): „Albert Ballin und sein Werk von Otto Mielke, 1957. Jüdische Miniaturen: „Ein Schiffsherr ist’s ... Ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann ... von Christian Schölzel, 2004.