Oliver Schmidt






Sie sind eines der Schreckgespenster, das zahlreiche Vorurteilsgläubige davon abhält, eine Kreuzfahrt zu buchen – die vermeintlich auf Schritt und Tritt lauernden Vorschriften, sich umzuziehen. Was ist wirklich dran am Schiff als schwimmen-dem Laufsteg für Modenschauen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Zeiten, die es noch bei der Indienststellung der HAMBURG (heute MAXIM GORKI) anno 1969 gab, und in denen man jeden Abend im Smoking zu Tisch saß, sind endgültig vorbei.

Geblieben sind jene Regeln, die auf ein Strandhotel ebenso zutreffen wie auf eine „schwimmende Herberge. Wohl kein kultivierter Reisender hüpft morgens in der Badehose in den Pool, setzt sich dann in der nassen Kleidung zum Frühstück, schwitzt beim Strandspaziergang das T-Shirt durch, geht damit stinkend und versan-det zum Mittagsbuffet, cremt sich ein, fläzt sich mit seiner öligen Haut auf die Polster in der Hotelhalle und nimmt noch mit der längst waschreifen Montur am Abendpro-gramm im Hotel oder gar am Ausflug ins Nachtleben der nächsten Stadt teil. Man darf sich schon wundern, dass es offenbar etliche Zeitgenossen gibt, die von einer Reederei (und nicht zuletzt von den mitreisenden Passagieren) erwarten, das alles zu tolerieren.

Tagsüber gibt es auf keinem Kreuzfahrtschiff Kleidungsvorschriften, die über die Regeln des oben Gesagten hinausgehen. Selbst eine ausgefranste Jeans, so sie nicht dreckig oder ungepflegt ist, ist kein Hinderungsgrund für den Spaziergang an Deck oder ein Schmökerstündchen in der Bibliothek. Wenn auf dem Tagesprogramm ein Bekleidungsvorschlag auftaucht, dann ist damit die Zeit ab dem Abendessen (oder ab dem Aperitif) gemeint. Die Fälle, in denen Passagiere tatsächlich wegen grob unangemessener Kleidung einen diskreten Hinweis vom Hotelmanager bekommen, lassen sich an einer Hand abzählen. Und auf Nordlandrouten kommt es durchaus vor, dass Passagiere nach der Show wieder zu Pullover und Windjacke zurückkehren, für einen Gang über die Außendecks (merke, sie müssten sich keines-wegs umziehen, tun es aber freiwillig!).

Inzwischen ist die Bandbreite, aus der man sich die häufig benutzten Formeln „ele-gant / festlich, „informell oder „leger zusammenstellen kann, recht breit geworden. Die elegante Kleidung reicht vom dunklen Anzug (eine schicke Kombination tut’s auf Drei- und Viersterne-Schiffen auch) über den Smoking bis zum Dinner-Jacket. Für die Damen empfiehlt sich ein Kleid (auch ein Cocktailkleid) oft auch Rock und Bluse bzw. Hose und Blazer, wenn entsprechend geschmackvoll gewählt.

„Informell bekommt man mit einer Kombination (an fehlender Krawatte wird sich niemand stören), aber auch mit Hose, Weste und Krawatte, einige Herren auch mit Krawatte und Strickjacke bestens in den Griff. „Leger bedeutet nur eines: Nicht in kurzen Hosen in den Speisesaal. Ansonsten: Freier Griff in den Kleiderschrank.

Auf einer klassischen Kreuzfahrt darf man zwei- bis dreimal damit rechnen, um elegante oder festliche Kleidung gebeten zu werden. Die Reederei revanchiert sich mit einem Gala-Dinner oder einem fulminanten Buffet. Die Häufigkeit hängt natürlich auch von der Länge der Kreuzfahrt ab. Die übrigen Abende teilen sich auf „informell und „leger auf.

Auf deutschen Drei- und Viersterne-Schiffen sieht man inzwischen auch beim Captain’s Dinner ein buntes Gemisch aus Jacketts und Krawatten, und die meisten Reisenden empfinden dies als angenehmer als die „Uniform, in die man sich früher zwängen musste. Selbst auf Hapag-Lloyds EUROPA hat man sich von übertriebener Steifheit verabschiedet. Lediglich die DEUTSCHLAND, ausgewiesener Ocean Liner der Golden Twenties, setzt noch ziemlich enge Grenzen.

 

Explorer-Schiffe

Schiffe, die auf einigen wenigen Routen Entdeckerreisen in die Antarktis oder auf dem Amazonas unternehmen, wechseln dafür nicht das Konzept (z.B. DELPHIN oder VISTAMAR). Sie bleiben auch in diesen Fahrtgebieten bei dreimal elegant, Rest fifty / fifty. Anders kleine Eisbrecher, die gezielt oder ausschließlich die Polargebiete an-steuern. Hier sind Norwegerpulli und Jeanshemd die richtigen Begleiter. Krawatten hat da niemand im Gepäck. Gleiches gilt für die Hurtigruten.

Lediglich die Explorer-Schiffe von Hapag-Lloyd sind eine Ausnahme, die mit Captain’s Dinner und der Bitte um entsprechende Kleidung den Wünschen den Hapag-Stammkunden nachkommt und all diejenigen übergeht, die das gebucht haben, was HANSEATIC und BREMEN per definitionem eigentlich sein wollen: Schiffe für Abenteurer und Weltentdecker.


 

Club- und Funschiffe

Sie haben den Markt mit dem erklärten Ziel erobert, festlichen Abenden in entspre-chender Robe ade zu sagen. In Deutschland die AIDA-Flotte, in den USA Carnival, NCL mit seinem Freestyle Cruising und ein paar Gesellschaften mehr öffnen ihre Restaurants für einen Mix aus allem, was die Mode hergibt. Wer hier das Restaurant betritt, sieht schnell, dass es durchaus auch Passagiere gibt, die sich gern anspre-chend kleiden möchten. Sie pflegen ein friedliches Miteinander: Anzug neben Jeans. Warum nicht? Die Zeiten, da Kleider Leute machten, sind vorbei. Allenfalls spiegelt die Kleidung die gegenwärtige Stimmung wider. Und die variiert von Mensch zu Mensch. Oft jedoch gibt es unter den zahlreichen Restaurants der Club- und Funschiffe auch solche, deren Ambiente förmlich nach adretter Kleidung schreit. Auch hier wieder der Vergleich zur Landseite: Kein Mensch wird zum Dinner in einem Sterne-Restaurant zerrissene Hosen wählen.

 

US-amerikanischer Dresscode

So es sich nicht um Club- oder Funschiffe handelt, ist der Dresscode auf US-domi-nierten Cruise-Linern nicht anders als auf den klassischen deutschen Kreuzfahrt-schiffen, nur nehmen sich die Amerikaner weitaus mehr Interpretationsfreiheit. Des-wegen klingen die Hinweise im Katalog im Land der unbegrenzten Möglichkeiten recht harsch: Man will allzu lockere Zeitgenossen ein wenig im Zaum halten. Auch das gelingt aber nicht immer. Selbst dort, wo unter 5-Sterne-Standard auf jeder Pro-spektseite auf den hohen kulturellen Anspruch hingewiesen wird, finden sich Flanell-hose und Holzfällerhemd, toleriert, aber gemieden von der besseren Gesellschaft.

Eher als Europäer setzen Amerikaner ganz bewusst auffällige Akzente. Da kommt zum Dreiteiler in gedecktem, dunklem Anthrazit leicht ein knallbuntes Hemd und blaue Slipper, oder zum hellen Sommeranzug eine rote Fliege aus Kunststoff, in der kleine Lämpchen blinken ...

 

Ohne Dresscode

Hapag-Lloyd hat bereits vor vielen Jahren auf der alten EUROPA einen Versuch unter-nommen, auf bestimmten, als leger ausgewiesenen Reisen Dresscodes abzubau-en. Nach vorsichtigem Ausprobieren am ersten Abend zeigte sich jedoch schnell, dass niemand dem Braten recht getraut hatte: Fast jeder hatte die „Gala-Uniform doch in den Koffer gepackt. Peu à peu kehrte man bis zum Ende der Reise – entge-gen der Empfehlung! – zu eleganter Kleidung zurück.

Ohne jedwede Empfehlung kommt nur einer aus: EasyCruise. An Deck, in der Lobby, im Restaurant: das frech-orange Schiff will anders sein, verspricht, dass alles so „easy wie möglich ist. In diesem Konzept ist nicht vorgesehen, dass sich irgendwer um Kleidung kümmert. Um anderen Passagierkomfort allerdings auch nicht.

 

Auswege

Nicht nur auf Großseglern kann, wer Abendkleidung partout nicht schätzt, ob männ-lich oder weiblich, auf den Trick mit der „maritimen Eleganz zurückgreifen: Der Autor ist mit weißer Hose und dunkelblauem Zweireiher noch nirgendwo „abgeblitzt.

 

Kleine Merkwürdigkeiten

Bisweilen können die Erwartungen an bestimmte Kleidung zu skurrilen Situationen führen. Auf Schiffen mit zwei Essenssitzungen ist für die einen noch heller Nachmit-tag, während es für die anderen Zeit zum Abendessen ist. Da treffen dann im Aufzug Schwimmer mit nassen Haaren und Badehose auf dem Weg zur Sauna auf die Pas-sagiere, die schon fertig gedresst zum Dinner gehen. Das ist jedoch kein Problem und verursacht allenfalls ein Lächeln.

Gerade auf den großen amerikanischen Schiffen werden jene Passagiere beson-ders hofiert, die sich neben dem kargen Kreuzfahrtpreis (der in der Regel kaum die Selbstkosten deckt) zu kräftigem Konsum hinreißen lassen. Ein besonders einträgli-ches Geschäft (für die Reederei!) ist das Glücksspiel. Da überlegt man sich schon, ob man den Passagier, den der Spielrausch anscheinend im Schlaf überfallen hat und der deswegen im Schlafanzug den Geldspielautomaten füttert, hinauskompli-mentiert.

Von Royal Caribbean hingegen ist überliefert, dass man einem Ehepaar, das auf dem Hinflug-Arrangement der Reederei die Koffer verlor, den Zutritt zum Captain’s Dinner verwehrte. „Sorry, nicht in Jeans und T-Shirt! Eine besondere Begrüßung der Unglücksraben durch den Maîte d’ und ein paar tröstende Worte hätten der Gesell-schaft zweifellos besser zu Gesicht gestanden.

Am besten aber war jener Engländer, der sich am Kostüm-Abend auf der VISTAFJORD das vor dem Speisesaal stehende Schild „Jacket and tie please! („Jackett und Krawatte, bitte!) auslieh – und in Jackett und Krawatte erschien (plus String-Tanga) ...