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Sie sind eines der Schreckgespenster, das zahlreiche
Vorurteilsgläubige davon abhält, eine Kreuzfahrt zu buchen – die
vermeintlich auf Schritt und Tritt lauernden Vorschriften, sich umzuziehen.
Was ist wirklich dran am Schiff als schwimmen-dem Laufsteg für Modenschauen?
Um es gleich vorwegzunehmen: Die Zeiten, die es noch bei
der Indienststellung der HAMBURG (heute MAXIM
GORKI) anno 1969 gab, und in denen man jeden
Abend im Smoking zu Tisch saß, sind endgültig vorbei.
Geblieben sind jene Regeln, die auf ein Strandhotel
ebenso zutreffen wie auf eine „schwimmende Herberge”.
Wohl kein kultivierter Reisender hüpft morgens in der Badehose in den Pool,
setzt sich dann in der nassen Kleidung zum Frühstück, schwitzt beim
Strandspaziergang das T-Shirt durch, geht damit stinkend und versan-det zum
Mittagsbuffet, cremt sich ein, fläzt sich mit seiner öligen Haut auf die
Polster in der Hotelhalle und nimmt noch mit der längst waschreifen Montur
am Abendpro-gramm im Hotel oder gar am Ausflug ins Nachtleben der nächsten
Stadt teil. Man darf sich schon wundern, dass es offenbar etliche
Zeitgenossen gibt, die von einer Reederei (und nicht zuletzt von den
mitreisenden Passagieren) erwarten, das alles zu tolerieren.
Tagsüber gibt es auf keinem Kreuzfahrtschiff
Kleidungsvorschriften, die über die Regeln des oben Gesagten hinausgehen.
Selbst eine ausgefranste Jeans, so sie nicht dreckig oder ungepflegt ist,
ist kein Hinderungsgrund für den Spaziergang an Deck oder ein
Schmökerstündchen in der Bibliothek. Wenn auf dem Tagesprogramm ein
Bekleidungsvorschlag auftaucht, dann ist damit die Zeit ab dem Abendessen
(oder ab dem Aperitif) gemeint. Die Fälle, in denen Passagiere tatsächlich
wegen grob unangemessener Kleidung einen diskreten Hinweis vom Hotelmanager
bekommen, lassen sich an einer Hand abzählen. Und auf Nordlandrouten kommt
es durchaus vor, dass Passagiere nach der Show wieder zu Pullover und
Windjacke zurückkehren, für einen Gang über die Außendecks (merke, sie
müssten sich keines-wegs umziehen, tun es aber freiwillig!).
Inzwischen ist die Bandbreite, aus der man sich die
häufig benutzten Formeln „ele-gant / festlich”,
„informell” oder „leger”
zusammenstellen kann, recht breit geworden. Die elegante Kleidung reicht vom
dunklen Anzug (eine schicke Kombination tut’s auf Drei- und
Viersterne-Schiffen auch) über den Smoking bis zum Dinner-Jacket. Für die
Damen empfiehlt sich ein Kleid (auch ein Cocktailkleid) oft auch Rock und
Bluse bzw. Hose und Blazer, wenn entsprechend geschmackvoll gewählt.
„Informell” bekommt man mit
einer Kombination (an fehlender Krawatte wird sich niemand stören), aber
auch mit Hose, Weste und Krawatte, einige Herren auch mit Krawatte und
Strickjacke bestens in den Griff. „Leger”
bedeutet nur eines: Nicht in kurzen Hosen in den Speisesaal. Ansonsten:
Freier Griff in den Kleiderschrank.
Auf einer klassischen Kreuzfahrt darf man zwei- bis
dreimal damit rechnen, um elegante oder festliche Kleidung gebeten zu
werden. Die Reederei revanchiert sich mit einem Gala-Dinner oder einem
fulminanten Buffet. Die Häufigkeit hängt natürlich auch von der Länge der
Kreuzfahrt ab. Die übrigen Abende teilen sich auf „informell”
und „leger” auf.
Auf deutschen Drei- und Viersterne-Schiffen sieht man
inzwischen auch beim Captain’s Dinner ein buntes Gemisch aus Jacketts und
Krawatten, und die meisten Reisenden empfinden dies als angenehmer als die
„Uniform”, in die man sich früher zwängen
musste. Selbst auf Hapag-Lloyds EUROPA hat man
sich von übertriebener Steifheit verabschiedet. Lediglich die DEUTSCHLAND,
ausgewiesener Ocean Liner der Golden Twenties, setzt noch ziemlich enge
Grenzen.
Explorer-Schiffe
Schiffe, die auf einigen wenigen Routen Entdeckerreisen
in die Antarktis oder auf dem Amazonas unternehmen, wechseln dafür nicht das
Konzept (z.B. DELPHIN oder VISTAMAR).
Sie bleiben auch in diesen Fahrtgebieten bei dreimal elegant, Rest fifty /
fifty. Anders kleine Eisbrecher, die gezielt oder ausschließlich die
Polargebiete an-steuern. Hier sind Norwegerpulli und Jeanshemd die richtigen
Begleiter. Krawatten hat da niemand im Gepäck. Gleiches gilt für die
Hurtigruten.
Lediglich die Explorer-Schiffe von Hapag-Lloyd sind eine
Ausnahme, die mit Captain’s Dinner und der Bitte um entsprechende Kleidung
den Wünschen den Hapag-Stammkunden nachkommt und all diejenigen übergeht,
die das gebucht haben, was HANSEATIC und BREMEN per definitionem eigentlich
sein wollen: Schiffe für Abenteurer und Weltentdecker.
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Club- und Funschiffe
Sie haben den Markt mit dem erklärten Ziel erobert,
festlichen Abenden in entspre-chender Robe ade zu sagen. In Deutschland die
AIDA-Flotte, in den USA Carnival, NCL mit seinem Freestyle Cruising und ein
paar Gesellschaften mehr öffnen ihre Restaurants für einen Mix aus allem,
was die Mode hergibt. Wer hier das Restaurant betritt, sieht schnell, dass
es durchaus auch Passagiere gibt, die sich gern anspre-chend kleiden
möchten. Sie pflegen ein friedliches Miteinander: Anzug neben Jeans. Warum
nicht? Die Zeiten, da Kleider Leute machten, sind vorbei. Allenfalls
spiegelt die Kleidung die gegenwärtige Stimmung wider. Und die variiert von
Mensch zu Mensch. Oft jedoch gibt es unter den zahlreichen Restaurants der
Club- und Funschiffe auch solche, deren Ambiente förmlich nach adretter
Kleidung schreit. Auch hier wieder der Vergleich zur Landseite: Kein Mensch
wird zum Dinner in einem Sterne-Restaurant zerrissene Hosen wählen.
US-amerikanischer Dresscode
So es sich nicht um Club- oder Funschiffe handelt, ist
der Dresscode auf US-domi-nierten Cruise-Linern nicht anders als auf den
klassischen deutschen Kreuzfahrt-schiffen, nur nehmen sich die Amerikaner
weitaus mehr Interpretationsfreiheit. Des-wegen klingen die Hinweise im
Katalog im Land der unbegrenzten Möglichkeiten recht harsch: Man will allzu
lockere Zeitgenossen ein wenig im Zaum halten. Auch das gelingt aber nicht
immer. Selbst dort, wo unter 5-Sterne-Standard auf jeder Pro-spektseite auf
den hohen kulturellen Anspruch hingewiesen wird, finden sich Flanell-hose
und Holzfällerhemd, toleriert, aber gemieden von der besseren Gesellschaft.
Eher als Europäer setzen Amerikaner ganz bewusst
auffällige Akzente. Da kommt zum Dreiteiler in gedecktem, dunklem Anthrazit
leicht ein knallbuntes Hemd und blaue Slipper, oder zum hellen Sommeranzug
eine rote Fliege aus Kunststoff, in der kleine Lämpchen blinken ...
Ohne Dresscode
Hapag-Lloyd hat bereits vor vielen Jahren auf der alten EUROPA
einen Versuch unter-nommen, auf bestimmten, als leger ausgewiesenen Reisen
Dresscodes abzubau-en. Nach vorsichtigem Ausprobieren am ersten Abend zeigte
sich jedoch schnell, dass niemand dem Braten recht getraut hatte: Fast jeder
hatte die „Gala-Uniform” doch in den
Koffer gepackt. Peu à peu kehrte man bis zum Ende der Reise – entge-gen der
Empfehlung! – zu eleganter Kleidung zurück.
Ohne jedwede Empfehlung kommt nur einer aus: EasyCruise.
An Deck, in der Lobby, im Restaurant: das frech-orange Schiff will anders
sein, verspricht, dass alles so „easy” wie
möglich ist. In diesem Konzept ist nicht vorgesehen, dass sich irgendwer um
Kleidung kümmert. Um anderen Passagierkomfort allerdings auch nicht.
Auswege
Nicht nur auf Großseglern kann, wer Abendkleidung partout
nicht schätzt, ob männ-lich oder weiblich, auf den Trick mit der „maritimen
Eleganz” zurückgreifen: Der Autor ist mit
weißer Hose und dunkelblauem Zweireiher noch nirgendwo „abgeblitzt”.
Kleine Merkwürdigkeiten
Bisweilen können die Erwartungen an bestimmte Kleidung zu
skurrilen Situationen führen. Auf Schiffen mit zwei Essenssitzungen ist für
die einen noch heller Nachmit-tag, während es für die anderen Zeit zum
Abendessen ist. Da treffen dann im Aufzug Schwimmer mit nassen Haaren und
Badehose auf dem Weg zur Sauna auf die Pas-sagiere, die schon fertig
gedresst zum Dinner gehen. Das ist jedoch kein Problem und verursacht
allenfalls ein Lächeln.
Gerade auf den großen amerikanischen Schiffen werden jene
Passagiere beson-ders hofiert, die sich neben dem kargen Kreuzfahrtpreis
(der in der Regel kaum die Selbstkosten deckt) zu kräftigem Konsum hinreißen
lassen. Ein besonders einträgli-ches Geschäft (für die Reederei!) ist das
Glücksspiel. Da überlegt man sich schon, ob man den Passagier, den der
Spielrausch anscheinend im Schlaf überfallen hat und der deswegen im
Schlafanzug den Geldspielautomaten füttert, hinauskompli-mentiert.
Von Royal Caribbean hingegen ist überliefert, dass man
einem Ehepaar, das auf dem Hinflug-Arrangement der Reederei die Koffer
verlor, den Zutritt zum Captain’s Dinner verwehrte. „Sorry, nicht in Jeans
und T-Shirt!” Eine besondere Begrüßung der
Unglücksraben durch den Maîte d’ und ein paar tröstende Worte hätten der
Gesell-schaft zweifellos besser zu Gesicht gestanden.
Am besten aber war jener Engländer, der sich am
Kostüm-Abend auf der VISTAFJORD das vor dem
Speisesaal stehende Schild „Jacket and tie please!”
(„Jackett und Krawatte, bitte!”) auslieh – und
in Jackett und Krawatte erschien (plus String-Tanga) ...
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