►►► Tja, ich weiß ja nu nicht, was Sie so machen, wenn Sie keine Lust haben, ans Telefon zu gehen. Auf dem Sofa sitzen bleiben? Aber plagt Sie dann nicht die Neu-gier? Ein Freund von mir hatte einen genialen Anrufbeantworter: „Herr Jäger macht gerade seinen Stadtrundgang. Am besten rufen Sie sämtliche Bordelle in alphabeti-scher Reihenfolge an ... Hat natürlich keiner gemacht. Eins zu null für ihn. Aber im Geschäftsleben, da gibt’s eine neue Masche. Und die begegnet Ihnen schnell, ziem-lich egal, bei welcher Reederei Sie anrufen. Wenn Sie nicht nur mit dem Call-Center sprechen wollen und Ihre detektivischen Fähigkeiten ausreichen, um die „richtige  Telefonnummer rauszukriegen (also nicht die 0800), dann hören Sie: Der ist im Meeting. Wann ist er denn wieder da? frage ich zurück. Meeting heißt Treffen, und das dürfte ja schnell erledigt sein. Ich treff schließlich hunderte von Leuten, wenn ich in die Stadt gehe. In dreißig Minuten, höre ich, aber da ist dann gleich das Mittagsmee-ting. Und dann das Pressemeeting. Und dann das Meeting mit dem Chef in seinem Büro. Heißt im Klartext: Erst trinkt die ganze Belegschaft Kaffee, dann geht sie Mittag essen, dann macht der Chef für abends die Journalistin klar, die ihn eigentlich interviewen wollte, und dann sitzt seine Sekretärin bei ihm auf dem Schreibtisch. Aus orthopädischen Gründen, versteht sich, denn für so junge Knochen sind die Chef-sessel gar nicht gesund. Und der Anrufer verhungert in der Leitung. Aber das ist noch die harmlose Variante. Stellen Sie sich mal vor, die wären wirklich alle im Meeting. Ich mein, eigentlich werden die ja für’s Arbeiten bezahlt. Dass man sich austauscht, den gemeinsamen Kurs festlegt, gut und schön. Aber nach der Kursbestimmung wird gesegelt. Stellen Sie sich das mal auf einem Schiff vor: Meeting von früh bis spät. Da kämen Sie nie irgendwo an. Meeting kann auch zum Selbstzweck werden. Was gar nicht selten geschieht. Toll, was Unternehmensberater alles herausfinden. Um in Ihrem Betrieb den Informationsfluss zu optimieren, müssen Sie 25 Stunden am Tag Meetings machen. Was, Sie können nur 24 Stunden? Na gut, bei straffer Zeitplanung reicht das. So, wie ein Verkehrsplaner herausgefunden hat: Wenn man in Hamburg alle Gebäude abreißt, die Alster zuschüttet und aus allem Straßen macht, dann fließt der Verkehr reibungslos. Na prima. Ich arbeite manchmal für das SeereisenMagazin. Ach so, das wissen Sie ja. Also, da arbeiten zwanzig Autoren über Deutschland ver-teilt. Und wenn einer was will, ruft er den Chefredakteur an. Der sagt es allen, die es angeht. So, wie das früher war. Ohne Meeting. Dafür kann man ihn aber auch erreichen. Und arbeiten tut er auch (manchmal). Ich arbeite bei dem Wort „Meeting  inzwischen nicht mehr. Ich schreie. „Meete mich, nee, pardon, „Miete mich stand auf einem Dutzend Autos, die ich neulich an der Pier stehen sah, als ich mit dem Schiff im Hafen ankam. Ich ging hin, aber was soll ich Ihnen sagen? Diese Autos konnte man gar nicht mieten. Die waren nämlich nicht umsonst zu zwölft da. Die waren im Meeting.

 

►►► Tja, die richtige Kreuzfahrt zu finden, ist schon 'ne schwierige Sache, nicht? Die rechte Route zur rechten Zeit, das passende Schiff – und schließlich die Grat-wanderung zwischen dem gewünschten Komfort und dem, was der Geldbeutel hergibt. Und trotzdem kann man enttäuscht werden: Da hatte man eine Reise auf Drei-Sterne-Plus-Niveau gebucht. Und ist mit dem Schiff auch vollauf zufrieden. Aber die beiden vorangestellten Hotelübernachtungen in China oder Ecuador – die waren ja nu gar nicht nach unserem Geschmack. Dabei hatte der Veranstalter – durchaus passend – auch hier ein Drei-Sterne-Haus gewählt. Nur erträgt man das in heimi-scher Umgebung – zu der ein deutsches Kreuzfahrtschiff zählt – meist besser als auf chinesischem oder ecuadorianischem Standard. Will heißen: Man setzt in unter-schiedlichen Fällen unterschiedliche Prioritäten. Das habe ich schon erlebt, seit ich pensioniert bin und private Kreuzfahrten mache. „Muss Dein Mann ein Geld haben! Hat der in der Südsee ’n Schatz ausgegraben? haben sie meine Antje gefragt. Und selbstverständlich angenommen, dass wir überall so luxuriös leben, jeden Tag Lachs frühstücken und so. Aber unsere Prioritäten liegen woanders. Was von der Welt sehen wollen wir. Leute treffen, mit denen sich ein Gespräch lohnt. Nicht aus goldenen Tellern essen. In meinem Häuschen an der Elbe (von meinem Vadder, dem Lotsenkapitän, geerbt, nicht zusammengespart) trink ich sogar das gute Leitungswasser. Aus Blubberwasser mach ich mir nix. Dafür flieg ich, seit ich ein Bäuchlein hab, gern Business Class. Da hab ich mehr Platz. Das ist Komfort. Für mich. Und sofort gehör ich wieder zu den Großkopfeten. Für die anderen. Ist das nicht mein Bier, wofür ich mein Geld ausgebe? Apropos Bier: Ich trink lieber Whisky. Und auch der eignet sich trefflich für ein Klischee.                                                                      ▲


 

Und da hab ich was Interessantes beobachtet, als ich kürzlich in der Schweiz mit dem Zug unterwegs war. Ich hatte da einen Kollegen kennengelernt, der fährt so’n alten Raddampfer. Den hab ich besucht. Und saß in der Bahn in der ersten Klasse. Da saß aber keiner, der forsch um sich blickte, ob auch genug Leute sehen, was für ein teures Ticket er gekauft hat. Die erste Klasse ist dort eine Wagenklasse. Keine Menschenklasse. Die Leute teilen sich auf die beiden Wagenklassen auf, ohne sich dabei nach Einkommens- oder Bildungsniveau zu separieren. Wer schlafen will, geht in’n Schlafwagen, wer was essen will, geht in’n Speisewagen, wer mal muss, geht aufs Klo, wem Sitzkomfort wichtig ist, geht in die erste Klasse, wem nicht, der geht in die zweite. Warum darf ich nicht zweiter Klasse fahren, wenn ich will, und mir da ein Glas Champagner bestellen? Oder in der ersten meine Stullen auspacken? Weil mir Sitzkomfort wichtiger ist als Esskomfort? In der Schweiz geht das. Komisch, bei uns nicht.

 

►►► Tja, kennen Sie das auch, wenn man im Hobbykeller sowas angefangen hat, was dann ein halbes Jahr herumsteht, ohne weiter- oder fertiggebaut zu werden? Ich hab da neulich angefangen, so’n Gartenschuppen zu bauen. Die Antje hat gesagt: Da brauchste ’ne Baugenehmigung. Ach, wenn wir früher im Hafen jede Genehmigung eingeholt hätten ... hab ich gesagt, und angefangen zu bauen. Nu kann ich mich mit den Behörden rumärgern. Und mir noch anhören: Hab' ich Dir doch gleich gesagt. Aber sie hat ja Recht, die Antje, und ich kein Recht, beleidigt zu sein. Aber der Micky Arison, der sieht das anders. Der ist beleidigt. Wo er doch den Deutschen ein Schiff schenken wollte. Mit Arbeitsplätzen und allem drum und dran. Alle Kartellämter an der Nase herumgeführt und zwei Drittel der Kreuzfahrtbranche vereinnahmt, da wird doch mit den Deutschen fertigzuwerden sein. Denkste. Erst wollte Micky der TUI einen Neubau präsentieren. Dann war es nur noch ein ausrangiertes Carnival-Schiff. Und jetzt gar keines mehr. Er befürchte, im möglichen Morast der Regularien zu versinken, klagte er. Wohl dem, der noch Morast spürt, denn darunter ist irgendwo fester Boden. Wenn man genügend Größe hat, erreicht man ihn mit den Füßen, und oben schaut der Kopf noch heraus ... Während auf internationalem Parkett das Kartellamt ins Schwimmen kam, als es galt, Arisons diktatorische Expansionspläne im Zaum zu halten. Mag ja sein, dass die Bundeswehr der amerikanischen Übermacht einst nicht gewachsen war – die deutsche Bürokratie erweist sich als sicheres Bollwerk. Deutsche Kreuzfahrer wählen, wenigstens der konventionelle Teil, zwischen zwanzig urdeutschen, beliebten Schiffe aus, während die, die up-to-date sein wollen, AIDA buchen. Ob die allzu heiß auf Second-Hand-Spaßdampfer mit Augenkrebs verursachender Farbgebung wären, wie man sie aus der Carnival-Flotte bekommen kann? Ein Nischenprodukt bei TUI aber hat Micky glattweg übersehen: Hapag-Lloyd Kreuzfahrten. Die sind nämlich stolz darauf, Reeder Albert Ballin in ihrer Ahnenreihe zu wissen. Und der hätte Herrn Arison erklären können, wie man in Deutschland erfolgreich Schiffe baut. Garantiert.

 

►►► Tja, was geschenkt kriegen, das ist doch eine schöne Sache, nicht? Nur wird Ihnen das auf einem Kreuzfahrtschiff nicht passieren. Denn alles, was Sie da „ge-schenkt kriegen, war vorher im Reisepreis mit drin. Das silberne Etui, das zum Geburtstag auf Ihrer Kabine liegt, die Rose, die Sie beim An-Bord-Gehen erhalten. Alles bezahlt. Sonst wäre der Reiseveranstalter ja auch bald pleite. Auf das, was laut Katalog „inklusive ist, trifft das natürlich genauso zu. Zum Beispiel Landausflüge. Angenehm, wenn man die nicht mehr bezahlen muss, nicht? Sagen Sie. Aber den Ausflugsmanager treibt das schier zur Verzweiflung. Was meine Frau, die Antje, ist, die hat gesagt: „Da machen wir natürlich alle Ausflüge mit, wenn’s umsonst ist! Über die geschmackliche Seite dieses Entschlusses kann man geteilter Meinung sein. Nur ist dieses Prinzip immer noch besser, als sich zu allem anzumelden, und dann den Ausflugsmanager mit der täglichen Frage zu nerven, ob man nun mitgeht oder nicht. Ach, wissen Sie, die vielen Stufen ... Das hatten wir ja gar nicht bedacht. Und heute ist es so warm. Und mein Mann hat ja die falschen Schuhe mit. Und so weiter. Wenn die ihre Tour beim Ausflugsmanager bar bezahlt hätten, können Sie sicher sein, dass sie teilnehmen würden. Aber es ist ja „umsonst. Da kann man ruhig in letzter Minute absagen. Abgesehen von dem Trugschluss, dass umsonst nicht um-sonst ist, bringt mich der Verlust der Wertvorstellungen auf die Palme, der dahinter steckt. Ist etwas nichts wert, kann einfach weggeworfen werden, nur weil es nichts gekostet hat (oder man die Kosten nicht so merkt)? Wenn mich jemand zum Essen einlädt, sage ich doch auch nicht kurz vorher ab oder gehe einfach nicht hin, nur deshalb, weil das Essen ja eh umsonst gewesen wäre. Muss man mit dem, was andere mühe- und liebevoll vorbereitet haben, bis ins Detail geplant haben, damit’s für alle schön wird, umgehen wie mit einem lästigen Werbeprospekt, den man in der Fußgängerzone zugesteckt bekommt und in den nächsten Papierkorb steckt? Kann man nicht ein Ding betrachten und dabei kraft eigener Erfahrung sehen, welchen Wert es hat? Mit dem man – bitte – nicht umgeht wie mit dem sprichwörtlichen geborgten Hund? Solange das nicht klappt, ist es wohl besser, die Ausflüge sind nicht umsonst (oder inkludiert). Sonst wäre nämlich die Mühe umsonst. Und das haben die Organisatoren nicht verdient.