|
Johann Dietel hatte es nicht leicht. Zu schwer war sein
Los in Deutschland, und 1848 vertauschte er die Gewissheit auf ewige Armut
mit der Chance auf ein neues Leben. Über Bremerhaven wanderte er in die USA
aus und legte den Grundstein zu neuen Erfolgen. Dabei musste er gewiss nicht
weniger arbeiten als vor seiner Auswande-rung. Aber seine Perspektiven waren
besser, und Dietel brachte es zu bescheidenem Wohlstand. Fast 160 Jahre
später begegnet er, seine Bordkarte in der Hand, seinem eigenen Schicksal.
Nein, nicht ganz. Es ist ein Besucher im Auswandererhaus in Bremerhaven, der
in Dietels Rolle schlüpft, sein Schicksal nachverfolgt, das sich als roter
Faden durch den Besuch der Ausstellung zieht.
Real
Realitätsnähe, das ist vielleicht das Wichtigste,
was der Ausstellungsdesigner und Architekt Andreas Heller im mehrfach preisgekrönten
Auswandererhaus in Bremer-haven geschaffen hat. Zwar werden viele Details,
viele Gegenstände aus der Habe der Auswanderer gezeigt: Da gibt es
Spielkarten, Geldbeutel und Toilettenartikel. Doch erwartet niemand von den
Besuchern, dass ihnen ihre Phantasie daraus ein Bild vom Leben als
Auswanderer zaubert. Das erledigt die Ausstellung.
Beliebt
Der beliebteste Ort bei den Besuchern ist der Kai. Hier
liegt ein Stück original nach-gebaute Bordwand des Lloyd-Dampfers LAHN,
dazu eine Gangway, Wasser, Kisten und Kasten, Gepäckstücke und
Versorgungsgüter auf der Pier, über allem die ängst-lichen Gesichter der
Passagiere, die an der haushohen, schwarz glänzenden Bord-wand mit den
riesigen Nieten hinaufblicken. Der Nachbau in Originalgröße wiegt 32 Tonnen
und war bestimmend für die Statik des Gebäudes.
Das Schweigen der Gesellschaft, die da auf der Pier steht, geht unter im real
hörbaren Kreischen der Kräne, dem Gluckern des Wassers, dem Knirschen der
Bordwand an den Fendern. Wer seine „Bordkarte” an das Magnetfeld
einer Hörstation hält, bekommt Informationen über „seinen” Auswanderer.
Authentisch
Wer über die Gangway „an Bord” geht, erlebt das
großartigste, weil authentischste Stück der Ausstellung. Eigentlich die
Geschichte der Auswanderer erzählend und nicht die der Seefahrt, finden
Shiplover hier die einzige Möglichkeit, vollständig nach-gebaute Innenräume
längst abgewrackter Ozean-Liner zu betreten. Vom Kabinen-gang, hinter dessen
Bullaugen Bildschirme das Meer in Wellen und Schlingerbewe-gungen
vorbeirauschen lassen und somit ein fahrendes Schiff bis hin zur
Seekrank-heit täuschend echt simulieren, betritt man Schlafgemächer des
Zwischendecks, wo jede Familie sich auf der Größe eines Ehebetts mit ihrer
Habe ausbreiten konnte, und den Speisesaal, wo an langen Tischen Platz
genommen werden kann. Hinter den Bullaugen läuft wieder der
zweifelhaft-romantische Film vom blauen Meer.
Bombastisch
Wenige Auswanderer haben den Atlantik in der Kabinenklasse überquert.
Für einen Nachbau der Erster-Klasse-Gemächer hätte das
Budget wohl nicht gereicht, aber das war auch nicht das Ziel der
Ausstellung. Wohl kein Auswanderer hat den Atlantik in der Kabinenklasse
überquert. Dennoch kann man in Guckkästen einen dreidimen-sionalen Eindruck
von der Pracht zwischen riesigen Lüstern und knöcheltiefen Tep-pichen
erhalten, die exakt das andere Ende der gesellschaftlichen Bandbreite
wider-spiegelt. Umso detailreicher ist das Leben der Zwischendecker
nachzuempfinden, wenn man sogar ihre Toiletten und Waschräume als
Eins-zu-eins-Kopie betreten kann. Wer die bedrückende Enge erlebt und
gespürt hat, mag schwer glauben, dass heutige Bau- und Sicherheitsstandards
den maßstabsgetreu-en Nachbau verboten haben, das Original also noch enger
war – zumindest in der BREMEN 1854.
Beängstigend
Der Überfahrt folgt die Ankunft. Ein kahler,
weißlich-gelb getünchter Gang, dessen Länge Angst einflößt, und dann findet
sich der Besucher in der Unwürdigkeit der Käfige wieder, in die auch „sein” Auswanderer,
dessen Reiseticket er noch immer in der Hand hält, auf Ellis Island vor New
York
gelangte,
wo die Einwanderer zentral erfasst wurden. Die
Vorschriften in der Quaran-täne-Station waren streng, und
Gesundheitsinspektoren mussten in wenigen Sekun-den feststellen, ob der
Einreisebewerber Symptome einer langen Liste von Krank-heiten zeigte, die zu
seiner Abweisung führten. In einer Befragung, die dem heutigen
Einreiseformular im Flugzeug nicht unähnlich ist, wurde der Neuankömmling
auf Herz und Nieren geprüft: Nach Gefängnisstrafen, psychiatrischen
Behandlungen, nach Polygamie und Anarchie wurden die zukünftigen Amerikaner
ebenso befragt wie danach, ob sie des Lesens und Schreibens kundig seien. Am
Bildschirm kann der Besucher die „hochnotpeinliche” Befragung über
sich ergehen lassen – und feststel-len, ob er eine Einreisechance gehabt
hätte.
Akribisch
Exakt nachlesen kann der Besucher die Geschichte „Seines” und anderer
Auswan-derer in der Galerie. Sie ist einem Reedereikontor jener Zeit
nachempfunden, und in den hölzernen Schubladen der Registratur finden sich
unter Glas Kopien der Origi-nal-Dokumente, Lebensläufe und Fotos.
Authentische Zeitungen liegen als Lektüre ebenso bereit, wie man an weiteren
Kopfhörern wieder der persönlichen Geschichte von Einzelschicksalen folgen
kann.
Wissenschaftlich
Über 25 Jahre Sammlungsgeschichte und damit der größte
Literaturschatz zum Norddeutschen Lloyd und Bremerhaven als letztes Good-bye
für 7,2 Millionen Aus-wanderer sind in die Ausstellung geflossen. In einem
Gebäude gegenüber dem Aus-wandererhaus geht die wissenschaftliche Arbeit
weiter. Unter der Leitung der Historikerin Dr. Simone Eick, die zum Thema „Auswanderung” promoviert hat,
werden weitere Details recherchiert. So werden auch die Einzelschicksale,
die den Besucher beim Rundgang begleiten, von Zeit zu Zeit ausgetauscht.
Die Mischung aus Wissen-schaft und Design, aus Erlebnispark und Museum will
zu keiner Zeit den Anspruch auf historische Verpflichtung und die
Korrektheit der Wiedergabe aus den Augen ver-lieren. Dabei helfen auch
ehemalige Angestellte des Norddeutschen Lloyd, alte Fahrensleute zum Teil,
die aus erster Hand berichten können, wie es an Bord zuging.
Persönlich
Das Museum, die Ausstellungsstücke und das Konzept sind
mit vielen persönlichen Schicksalen verknüpft. Die Auswanderer stehen nicht
als anonyme Masse da, sondern antworten auf die Frage, was sie bewogen hat,
die wichtigste Zäsur ihres Lebens vorzunehmen. Oft kommen dabei interessante
historische Entwicklungen an den Tag. So etwa die Geschichte des Otto
Mergenthaler, der in den USA zum Erfinder der berühmten Druck- und
Setzmaschine „Linotype” wurde.
Ebenso aufgehoben wird die Anonymität der Schiffe als
Transportmittel, was den Schiffsliebhaber freut. Als große Modelle werden
der Segler BREMEN (I) von 1854 mit seinen 949
Tonnen, die LAHN von 1887 (5097 Tonnen) und die
COLUMBUS von 1922, immerhin schon mit
riesenhaften 32.354 Tonnen, herausgegriffen. Diese Schiffe standen auch Pate
bei der Kreation der Innenräume im Zwischendeck.
Interaktiv
Im Forum
Migration kann sich der Besucher interaktiv auf die Suche machen und
Eigenrecherche betreiben nach Schicksalen, Namen und dem Verbleib von
Perso-nen, vielleicht sogar von Verwandten. Fünf internationale, leicht zu
bedienende Daten-banken stehen den Besuchern zur Verfügung. Speziell programmierte, leicht zu
be-dienende Computer-Terminals stehen hierfür zur Verfügung. Eine ungeheure
Daten-menge der 7,2 Millionen via Bremerhaven ausgewanderten Europäer dient
als Grundlage des Programms.
Im Ocean Cinema wurden dagegen einige Schicksale
herausgegriffen und beleuch-tet. Der Film zeigt, wie jene Menschen und ihre
Nachfahren, die den Weg in die Neue Welt wählten, dort heute leben. Das
Museum trägt mit Auswanderern, die Deutsch-land erst in den 60er Jahren
verließen, auch jenen Rechnung, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg und
somit weit jenseits der eigentlichen „Auswanderungswellen” zum Neustart
entschlossen.
Zukunftsweisend
Seit seiner Eröffnung vor gut zwei Jahren hat das
Auswandererhaus knapp eine halbe Million Besucher mitgenommen in eine Welt,
von der niemand in unserer Zeit geglaubt hätte, so tief und so real in sie
eintauchen zu können. Wären nicht manche Schicksale so erschütternd, man
würde mit leuchtenden Kinderaugen dastehen ob der perfekten Illusion. Das
Auswandererhaus ist ein Meilenstein auf dem Weg von drögem, musealem
Sammlertrieb zur Präsentation, die das Erleben von Geschichte mit dem
Erzählen einer Geschichte verbindet. Geschichte zum Anfassen. Und zum
Diskutieren. Dafür bietet
das Restaurant „Speisesaal” im Eingangsbereich
Raum, der mit einem erstklassigen Buchhandel verbunden ist. Manch einer
lässt sich hier erst einmal fal-len, um die Eindrücke zu verarbeiten – vor
allem den Eindruck, für zwei, drei Stunden zum Auswanderer geworden zu sein.
Und Besucher, die den Rundgang ein zweites Mal beginnen, sind auch keine
Seltenheit.
Adresse
Deutsches Auswandererhaus
Columbusstraße 65
· 27568 Bremerhaven
· Telefon 04 71-9 02 20.0
www.dah-bremerhaven.de
Öffnungszeiten
April bis Oktober: 10:00 bis 18:00 Uhr (Samstag bis
19:00 Uhr)
November bis März: 10:00 bis 17:00 Uhr (Samstag bis
18:00 Uhr)
Eintrittspreise
Erwachsene 9,50 € ·
Ermäßigt (Senioren, Soldaten, Studenten) 8,20 € ·
Kinder 6 €
· Familien 24 €
|
|

Erster Stopp für Auswanderer und Museumsbesucher, die Wartehalle

Hier sind Einzelschicksale dokumentiert

Im Interaktiv-Center kann man selbst recherchieren

Im Ocean Cinema werden Auswandererfilme gezeigt

Pier mit 32-Tonnen schwerem Nachbau einer Bordwand der COLUMBUS

Für Schulklassen ist der Besuch ein grandioses Erlebnis
|