Außenansicht des Auswanderungshauses


Es ist auch ein Museum für kleine Besucher



Oliver Schmidt




Johann Dietel hatte es nicht leicht. Zu schwer war sein Los in Deutschland, und 1848 vertauschte er die Gewissheit auf ewige Armut mit der Chance auf ein neues Leben. Über Bremerhaven wanderte er in die USA aus und legte den Grundstein zu neuen Erfolgen. Dabei musste er gewiss nicht weniger arbeiten als vor seiner Auswande-rung. Aber seine Perspektiven waren besser, und Dietel brachte es zu bescheidenem Wohlstand. Fast 160 Jahre später begegnet er, seine Bordkarte in der Hand, seinem eigenen Schicksal. Nein, nicht ganz. Es ist ein Besucher im Auswandererhaus in Bremerhaven, der in Dietels Rolle schlüpft, sein Schicksal nachverfolgt, das sich als roter Faden durch den Besuch der Ausstellung zieht.

Real

Realitätsnähe, das ist vielleicht das Wichtigste, was der Ausstellungsdesigner und Architekt Andreas Heller im mehrfach preisgekrönten Auswandererhaus in Bremer-haven geschaffen hat. Zwar werden viele Details, viele Gegenstände aus der Habe der Auswanderer gezeigt: Da gibt es Spielkarten, Geldbeutel und Toilettenartikel. Doch erwartet niemand von den Besuchern, dass ihnen ihre Phantasie daraus ein Bild vom Leben als Auswanderer zaubert. Das erledigt die Ausstellung.

Beliebt

Der beliebteste Ort bei den Besuchern ist der Kai. Hier liegt ein Stück original nach-gebaute Bordwand des Lloyd-Dampfers LAHN, dazu eine Gangway, Wasser, Kisten und Kasten, Gepäckstücke und Versorgungsgüter auf der Pier, über allem die ängst-lichen Gesichter der Passagiere, die an der haushohen, schwarz glänzenden Bord-wand mit den riesigen Nieten hinaufblicken. Der Nachbau in Originalgröße wiegt 32 Tonnen und war bestimmend für die Statik des Gebäudes. Das Schweigen der Gesellschaft, die da auf der Pier steht, geht unter im real hörbaren Kreischen der Kräne, dem Gluckern des Wassers, dem Knirschen der Bordwand an den Fendern. Wer seine „Bordkarte an das Magnetfeld einer Hörstation hält, bekommt Informationen über „seinen Auswanderer.

Authentisch

Wer über die Gangway „an Bord geht, erlebt das großartigste, weil authentischste Stück der Ausstellung. Eigentlich die Geschichte der Auswanderer erzählend und nicht die der Seefahrt, finden Shiplover hier die einzige Möglichkeit, vollständig nach-gebaute Innenräume längst abgewrackter Ozean-Liner zu betreten. Vom Kabinen-gang, hinter dessen Bullaugen Bildschirme das Meer in Wellen und Schlingerbewe-gungen vorbeirauschen lassen und somit ein fahrendes Schiff bis hin zur Seekrank-heit täuschend echt simulieren, betritt man Schlafgemächer des Zwischendecks, wo jede Familie sich auf der Größe eines Ehebetts mit ihrer Habe ausbreiten konnte, und den Speisesaal, wo an langen Tischen Platz genommen werden kann. Hinter den Bullaugen läuft wieder der zweifelhaft-romantische Film vom blauen Meer.

Bombastisch

Wenige Auswanderer haben den Atlantik in der Kabinenklasse überquert. Für einen Nachbau der Erster-Klasse-Gemächer hätte das Budget wohl nicht gereicht, aber das war auch nicht das Ziel der Ausstellung. Wohl kein Auswanderer hat den Atlantik in der Kabinenklasse überquert. Dennoch kann man in Guckkästen einen dreidimen-sionalen Eindruck von der Pracht zwischen riesigen Lüstern und knöcheltiefen Tep-pichen erhalten, die exakt das andere Ende der gesellschaftlichen Bandbreite wider-spiegelt. Umso detailreicher ist das Leben der Zwischendecker nachzuempfinden, wenn man sogar ihre Toiletten und Waschräume als Eins-zu-eins-Kopie betreten kann. Wer die bedrückende Enge erlebt und gespürt hat, mag schwer glauben, dass heutige Bau- und Sicherheitsstandards den maßstabsgetreu-en Nachbau verboten haben, das Original also noch enger war – zumindest in der BREMEN 1854.

Beängstigend

Der Überfahrt folgt die Ankunft. Ein kahler, weißlich-gelb getünchter Gang, dessen Länge Angst einflößt, und dann findet sich der Besucher in der Unwürdigkeit der Käfige wieder, in die auch „sein Auswanderer, dessen Reiseticket er noch immer in der Hand hält, auf Ellis Island vor New York gelangte, wo die Einwanderer zentral erfasst wurden. Die Vorschriften  in der Quaran-täne-Station waren streng, und Gesundheitsinspektoren mussten in wenigen Sekun-den feststellen, ob der Einreisebewerber Symptome einer langen Liste von Krank-heiten zeigte, die zu seiner Abweisung führten. In einer Befragung, die dem heutigen Einreiseformular im Flugzeug nicht unähnlich ist, wurde der Neuankömmling auf Herz und Nieren geprüft: Nach Gefängnisstrafen, psychiatrischen Behandlungen, nach Polygamie und Anarchie wurden die zukünftigen Amerikaner ebenso befragt wie danach, ob sie des Lesens und Schreibens kundig seien. Am Bildschirm kann der Besucher die „hochnotpeinliche Befragung über sich ergehen lassen – und feststel-len, ob er eine Einreisechance gehabt hätte.

Akribisch

Exakt nachlesen kann der Besucher die Geschichte „Seines und anderer Auswan-derer in der Galerie. Sie ist einem Reedereikontor jener Zeit nachempfunden, und in den hölzernen Schubladen der Registratur finden sich unter Glas Kopien der Origi-nal-Dokumente, Lebensläufe und Fotos. Authentische Zeitungen liegen als Lektüre ebenso bereit, wie man an weiteren Kopfhörern wieder der persönlichen Geschichte von Einzelschicksalen folgen kann.

Wissenschaftlich

Über 25 Jahre Sammlungsgeschichte und damit der größte Literaturschatz zum Norddeutschen Lloyd und Bremerhaven als letztes Good-bye für 7,2 Millionen Aus-wanderer sind in die Ausstellung geflossen. In einem Gebäude gegenüber dem Aus-wandererhaus geht die wissenschaftliche Arbeit weiter. Unter der Leitung der Historikerin Dr. Simone Eick, die zum Thema „Auswanderung promoviert hat, werden weitere Details recherchiert. So werden auch die Einzelschicksale, die den Besucher beim Rundgang begleiten, von Zeit zu Zeit ausgetauscht. Die Mischung aus Wissen-schaft und Design, aus Erlebnispark und Museum will zu keiner Zeit den Anspruch auf historische Verpflichtung und die Korrektheit der Wiedergabe aus den Augen ver-lieren. Dabei helfen auch ehemalige Angestellte des Norddeutschen Lloyd, alte Fahrensleute zum Teil, die aus erster Hand berichten können, wie es an Bord zuging.

Persönlich

Das Museum, die Ausstellungsstücke und das Konzept sind mit vielen persönlichen Schicksalen verknüpft. Die Auswanderer stehen nicht als anonyme Masse da, sondern antworten auf die Frage, was sie bewogen hat, die wichtigste Zäsur ihres Lebens vorzunehmen. Oft kommen dabei interessante historische Entwicklungen an den Tag. So etwa die Geschichte des Otto Mergenthaler, der in den USA zum Erfinder der berühmten Druck- und Setzmaschine „Linotype wurde. 

Ebenso aufgehoben wird die Anonymität der Schiffe als Transportmittel, was den Schiffsliebhaber freut. Als große Modelle werden der Segler BREMEN (I) von 1854 mit seinen 949 Tonnen, die LAHN von 1887 (5097 Tonnen) und die COLUMBUS von 1922, immerhin schon mit riesenhaften 32.354 Tonnen, herausgegriffen. Diese Schiffe standen auch Pate bei der Kreation der Innenräume im Zwischendeck.

Interaktiv

Im Forum Migration kann sich der Besucher interaktiv auf die Suche machen und Eigenrecherche betreiben nach Schicksalen, Namen und dem Verbleib von Perso-nen, vielleicht sogar von Verwandten. Fünf internationale, leicht zu bedienende Daten-banken stehen den Besuchern zur Verfügung. Speziell programmierte, leicht zu be-dienende Computer-Terminals stehen hierfür zur Verfügung. Eine ungeheure Daten-menge der 7,2 Millionen via Bremerhaven ausgewanderten Europäer dient als Grundlage des Programms.

Im Ocean Cinema wurden dagegen einige Schicksale herausgegriffen und beleuch-tet. Der Film zeigt, wie jene Menschen und ihre Nachfahren, die den Weg in die Neue Welt wählten, dort heute leben. Das Museum trägt mit Auswanderern, die Deutsch-land erst in den 60er Jahren verließen, auch jenen Rechnung, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg und somit weit jenseits der eigentlichen „Auswanderungswellen zum Neustart entschlossen.

Zukunftsweisend

Seit seiner Eröffnung vor gut zwei Jahren hat das Auswandererhaus knapp eine halbe Million Besucher mitgenommen in eine Welt, von der niemand in unserer Zeit geglaubt hätte, so tief und so real in sie eintauchen zu können. Wären nicht manche Schicksale so erschütternd, man würde mit leuchtenden Kinderaugen dastehen ob der perfekten Illusion. Das Auswandererhaus ist ein Meilenstein auf dem Weg von drögem, musealem Sammlertrieb zur Präsentation, die das Erleben von Geschichte mit dem Erzählen einer Geschichte verbindet. Geschichte zum Anfassen. Und zum Diskutieren. Dafür bietet das Restaurant „Speisesaal im Eingangsbereich Raum, der mit einem erstklassigen Buchhandel verbunden ist. Manch einer lässt sich hier erst einmal fal-len, um die Eindrücke zu verarbeiten – vor allem den Eindruck, für zwei, drei Stunden zum Auswanderer geworden zu sein. Und Besucher, die den Rundgang ein zweites Mal beginnen, sind auch keine Seltenheit. 

Adresse

Deutsches Auswandererhaus

Columbusstraße 65 · 27568 Bremerhaven · Telefon 04 71-9 02 20.0

www.dah-bremerhaven.de

Öffnungszeiten

April bis Oktober: 10:00 bis 18:00 Uhr (Samstag bis 19:00 Uhr)

November bis März: 10:00 bis 17:00 Uhr (Samstag bis 18:00 Uhr)

Eintrittspreise

Erwachsene 9,50 € · Ermäßigt (Senioren, Soldaten, Studenten) 8,20 € · Kinder 6 € · Familien 24 € 


 

Erster Stopp für Auswanderer und Museumsbesucher, die Wartehalle

 

Hier sind Einzelschicksale dokumentiert

 

Im Interaktiv-Center kann man selbst recherchieren

 

Im Ocean Cinema werden Auswandererfilme gezeigt

 

Pier mit 32-Tonnen schwerem Nachbau einer Bordwand der COLUMBUS

 

Für Schulklassen ist der Besuch ein grandioses Erlebnis