In einer buddhistischen Schule in Bangkoks Tempeln.


 

Oliver Schmidt


 

 
 
Voller Goldschmuck ist der Eingang zum Königlichen Haupttempel vom Bangkok.

 

Kultur made in Thailand

Bangkok – Märchenwelt einer anderen Kultur. Eine Kreuzfahrt, die hier beginnt, ver-langt ihren Gästen vom ersten Tag das volle Spektrum an Begeisterung für die frem-de Kultur, an Bewunderung, Zurückhaltung, Toleranz ab – und an Vorsicht. Bangkok, das ist der Traum von Männern, die an grazile Schönheiten mit ewigem Lächeln denken, der Traum von Frauen, die die Kreditkarte beim Kauf von Schmuck und Kleidern strapazieren, die nach der Heimkehr nicht mehr so richtig zu ihrem Stil passen wollen – zu exotisch ist bisweilen das Design.

 

„Ein bisschen Bangkok gibt es nicht – jeder Schritt vor die Hoteltür bedeutet „Bang-kok total. Die staubige, verstopfte Straße mit den dreirädrigen Tuktuks gönnt keine Erholungspause. Die am Rand stehenden Garküchen, die im dreckigen Rinnstein Plastiktüten mit blitzsauberen Zutaten lagern (Hygiene-Untersuchungen haben Erstaunliches bestätigt) bieten alles, was nach asiatischem Verständnis essbar ist – und das ist weit mehr, als der Besucher aus dem fernen Europa sich träumen lässt.

 

Goldene Spitze im Königlichen Haupttempel vom Bangkok.

 

„Sir, would you like Cartier? Rolex?” Das Meer der Armbanduhren ist unübersehbar. Dazu Sonnenbrillen, Edelfeuerzeuge, T-Shirts von Boss und Lagerfeld. Textilien sind nicht selten „echt”, denn sie werden hier für die großen Modegurus günstig herge-stellt. Da lässt sich leicht ein Teil für den Straßenverkauf abzweigen. „Keep Smiling” heißt die Devise, mit einem Lächeln wird jedes „Nein” akzeptiert. Abendländische Sauertöpfe hingegen haben’s schwer.

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Bei einem Stadtrundgang in Bangkok.

 

Kein Bangkok ohne Bangkok

Bangkok ist freilich mehr als Straßenchaos und nachgemachte Edelmarken. Der Königliche Haupttempel mit seinen goldenen Spitzen und märchenhaft verzierten Gebäuden ist die Attraktion Nummer eins. Aber isoliert von ihrem unglaublichen Lebensrhythmus gibt die Stadt ihre Kulturgüter nicht preis. Der Weg führt durch den unvermeidlichen, an Infarkt grenzenden Stau, und das Ticket gibt’s für ein Lächeln (der geldliche Preis ist eher Nebensache).

 

Beim Blick in den Reiseführer, der all das Gold und die bunten Drachenfiguren aus-einanderhalten hilft, spürt man plötzlich katzenhaft weiche Hände auf dem Rücken und greift angstvoll nach der Kamera und Portemonnaie. Kein Grund zur Besorgnis. Die kleine, leichtfüßige Tempelschülerin hat sofort erkannt, dass die Klimaanlage im Flugzeug dem Touristen einen steifen Nacken beschert hat. Und zeigt ihr Können als Thai-Masseurin unaufgefordert, hoffend auf einen Auftrag zum Hotelbesuch. Wer die Chance nutzt, wird danach das Gefühl haben, mit der gleichen Leichtfüßigkeit durch den Straßenstaub zu tanzen wie die Wohltäterin. Sie ist übrigens nur für steife Nacken zuständig. Andere Körperteile bleiben außen vor.

 

Bootsfahrt durch Bangkoks Kanäle.

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Venedig des Fernen Ostens

Das Leben spielt am Wasser. Auch in Bangkok. Wasser als Verkehrsweg, Wasser als Lebensspender. Und Wasser als Abfallentsorger. Dass das nicht so recht zusammenpasst, zeigt eine Bootstour durch die Klongs ziemlich rasch. Vorbei an großartigen schwimmenden Märkten, Frauen, die auf schwankenden Booten und unter großen Reisstrohhüten Früchte feilbieten, für die der Besucher die im Hotel ausliegende „Gebrauchsanweisung benötigt, geht es zum Wat Arun, einem achtzig Meter hohen Tempel aus Keramik und Porzellan.

 

Dachgestaltung am Wat Arun, Bangkoks Porzellan-Tempel ...

 

... mit unglaublichem Detailreichtum.

 

Dahinter taucht das schön geschnitzte, nach dem Vorbild königlicher Barkassen reich bemalte Boot ein in eine Welt, in der das Leben ausschließlich am Wasser spielt. Da wird gewaschen und gekocht, kleine Kinder stehen bis zum Bauch in der lehmig-braunen Brühe, in der Hand die wohlbekannte Flasche eines deutschen Shampoo-Herstellers, und makellos hübsche Mädchen in knappem Bikini passen auf die jüngeren Geschwister auf. Freundlichkeit auch hier – kein böses Wort gegen die ungebetenen Besucher im privaten Reich. Winken und Lächeln. Man winkt zurück. Und möchte doch so gern sagen: Den Hausgeist milde zu stimmen, indem man Opferspeisen in sein „Geisterhäuschen stellt, reicht nicht. Ihr dürft das Wasser zum Kochen nicht zehn Meter neben der Abwasserleitung holen. Und müsst die toten Hunde, die gelegentlich am Boot vorbei schwimmen, aus dieser Kloake räumen, wenn ihr hier leben wollt.  

 

Was würde passieren, wenn man es täte? „Yes Sir, würde man mit dem bereitwillig-sten Lächeln sagen. Und sofort enteilen. In den Alltag, nicht zum Aufräumen. Höflich-keit über alles. Auch dann, wenn man die seltsamen Ratschläge des Fremden nicht versteht. Und auch nicht beherzigt. Lächeln über eine unsichtbare Mauer hinweg. 

 

Kurs Süd

Die goldenen Tempelspitzen vermischen sich mit dem Dunst, der Bangkok in einer Glocke gefangen hält und vom Heer der Autos und Motorräder unermüdlich erneuert wird. Der Hafen liegt weit außerhalb, eine Busstunde südlich. Erst spät entdeckt wur-de das abgeschiedene Ko Samui, Trauminsel mit weißen Stränden, deren Bewohner in erster Linie vom Reichtum an Kokospalmen leben. Sie liefern Speise und Getränk, Baumaterial und Fasern für grobe Stoffe, schließlich sogar Fett und Öl für Seife und Kerzen.

 

Der Ankerplatz liegt direkt am Strand. Tenderboot-Service ins Paradies. Das großarti-ge Buffet geht weit über den einheimischen Kokosnuss-Reichtum hinaus. Erst bei genauem Hinsehen erscheinen hinter Desserts und Deko die Schalen und das Fleisch der Palmfrüchte. Kein Straßenhändler stört die Idylle. Strand, türkisblaues Wasser, Korallenwelt. Das Schnorchelparadies bietet Urlaub vom Urlaub, Erholung von der Großstadt, die für ihre unwissenden Besucher noch anstrengender ist als für ihre Einwohner.

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Das Schiff tastet sich langsam den lehmig braunen Mekong nach Saigon hinauf.

 

Ho-Chi-Minh oder Saigon?

Der Schiffsbug tastet sich langsam den lehmig braunen Mekong hinauf. Unorthodoxe Ein- und Auslaufzeiten, die sich nur nach dem Wasserstand richten, beherrschen den Fahrplan und zwingen dennoch zur Vorsicht. Ein von Ferne entdeckter Ameisenhau-fen löst sich auf als emsiges, unübersehbares Gewusel von Fahrrädern und Reis-strohhüten, dazwischen sich jeweils ein Mensch befindet.

 

Allein die Studie, auf wie viele verschiedene Arten ein Mensch lächeln kann, würde einen Tag füllen. Gibt es ein Bangkok- und ein Saigon-Lächeln? Oder nur eines, das mit den Besuchern lächelt, weil man in Bangkok verstanden hat, was der Tourismus will, während das Lächeln Saigons die Distanz der Verständnislosigkeit überbrückt? Jedenfalls nennt hier niemand die Hauptstadt bei ihrem neuen Namen. Wer hier lebt, weiß „seine alte Stadt wohl zu trennen von der neuen Politik. Das eine heißt Saigon, das andere Ho-Chi-Minh. Eine Verbindung gibt es nicht. Jedenfalls nicht in den Köpfen der Menschen.

 

Das Rathaus von Saigon oder Ho-Chi-Minh-Stadt.

 

Touristen mischen sich in das bunte Markttreiben und staunen wieder über die Köst-lichkeiten, die zum sofortigen Verzehr feilgeboten werden. Vorsichtige Gemüter grei-fen zu Süßigkeiten. Und auch die Damen dürfen getrost shoppen gehen: Ein reich bestickter Seidenkimono reist für nur zehn Dollar mit ins ferne Europa. Der Kapitän hat indes zwanzig ausgegeben – und ein filigran gearbeitetes, voll getakeltes Segel- 

 

schiff aus Holz erstanden. Die über zwei Meter lange Kostbarkeit wird das neue Schmuckstück für die Lounge an Bord.   

 

Die zwischen 1877 und 1883 aus Backstein errichtete neoromanische Kathedrale Notre-Dame in Saigon.

 

Gläubige des Caodaismus im Cao Dai Tempel bei Saigon.

 

  In einem
Teil des Củ Chi-Tunnelsystems ...

 

... bei dem alle Eingänge durch primitive, aber wirkungsvolle Fallen gesichert waren – grausame Relikte aus dem Vietnamkrieg von 1965 bis 1975.

 

Landgang auf Freiersfüßen

Die Insel Bawean wird man auf Karten und Plänen vergeblich suchen. Ein Geheim-tipp des Kapitäns. Der Anker fällt in der Mittagshitze. Für das zwergenhaft kleine Nachbar-Eiland von Bali und seine Bewohner bedeutet der ungewohnte Anblick eines Kreuzfahrtschiffes, aus der trägen Siesta in die Senkrechte zu kommen. Fahr-räder, Motorroller, Lastwagen mit ein paar roh gezimmerten Gartenbänken auf der Ladefläche bringen dunkelhäutige Menschen an, junge Burschen zumeist, während die Frauen sich aufgeregt schwatzend, aber gemessenen Schrittes zu Fuß in Richtung Bootsanlegestelle bewegen.

 

Die Kreuzfahrer haben’s kaum leichter. Die Sonne sengt gnadenlos. Ausflugsbusse gibt es hier nicht. Als die staunenden Einheimischen erkennen, dass sich der Tross der Besucher Richtung Dorfplatz wälzt, bieten geschäftstüchtige Teens die Mitfahrt auf dem Motorroller an. „You want to see my home? Na klar, wann hat man dazu sonst Gelegenheit? Drei Kilometer knattert der PS-schwache Ofen über Schotter, dann öffnet sich die elegant geschnitzte Tropenholztür. Der lange, blonde Besucher wird der Familie vorgestellt. Stolze Eroberung des Halbwüchsigen, die er nun heimbringt. Selbst der knorrige Großvater, der vor der wie zum Foto aufgestellten Familie steht und nur aus Sehnen und ledriger Haut zu bestehen scheint, kratzt an seinem lichten, grauen Ziegenbärtchen und versucht sich in Englisch: „Man, where you come?

 

Süßigkeiten werden gereicht, tropische Säfte ausgepresst. Frauen huschen emsig im Hintergrund. Der blauäugige Exot hockt im Sessel, die Gastgeber stehen im Halb-kreis drum herum. Der Fluss der Fragen verebbt. Fehlen die Vokabeln? Oder vielmehr die Vorstellung, was man den Weitgereisten fragen könnte? Der Strom der Leckereien reißt indes nicht ab. Gebracht werden sie alle von einer jungen, schwarz-haarigen Schönheit, die zauberhaft lächelt. Da fragt der Motorrollerfahrer unvermittelt: „You like my sister? Her husband far away, in Singapore ... Ach du lieber Himmel. Ist der ganze Auftritt etwa nur als Kuppelei inszeniert worden? Mitnichten. Die Gast-freundschaft verlangt, alles anzubieten, worüber Haus und Hof verfügen. Da ist, in Unkenntnis weiterer Rituale, die Notlüge erlaubt: „She’s so sweet, but my wife ...

 

Komplimente über Komplimente. Und der Europäer begreift nicht sofort, dass sie gedacht sind, um ihm zu zeigen, womit er seine so rührenden Gastgeber erfreuen könnte. Das Oberhemd hat sie verzückt, gelbgrünes Karo mit Schweißflecken, feinste Discountware, drei Euro neunundneunzig. Gern tritt man den Rückweg im Feinripp-Unterhemd an. Der junge Mann tippt auf die Kamera. No, sorry, das geht zu weit. Das Verstehen folgt später: Über einen Film würde er sich freuen. Die Fototasche enthält nur Diafilme, die man auf Bawean gewiss nicht entwickeln kann. Egal, mit dem  Problem sollen sich bitte die Insulaner herumschlagen. Nur eine Bitte lässt sich nicht erfüllen: Den Gegenbesuch an Bord, zu dem man gerne einlüde, vereiteln die Sicher-heitsvorschriften.

 

Ausgeträumter Jugendtraum

Wer kennt sie nicht aus den Romanen, die man abends unter der Bettdecke mit der Taschenlampe las – Namen wie Batavia und Surabaya? Letzteres liegt vor dem Bug. Die Frage „Was haben Sie denn heute vor? lässt sich ausnahmsweise leicht beant-worten: Einen Zoobesuch. Surabaya verfügt als weltweit einziger Zoo über die berühmten Komodo-Warane, die sonst nur auf Komodo selbst das grausige Schau-spiel einer lebendig verzehrten Ziege bieten. Der Weg zum Zoo ist ernüchternd. Eine selbst für südostasiatische Verhältnisse dreckige Großstadt zeigt ihre Kloaken, einen mit Abfall angefüllten Fluss, unter dessen Brücken jedes Plätzchen mit Obdachlosen belegt ist. Stinkender Moloch, der aus ungezählten Abwasserrohren neue Nahrung erhält. Autowerkstätten, die in Europa allenfalls als Schrottplatz eine Chance hätten, kleine, schmuddelige Geschäfte, übellaunige Straßenhändler. Welch ein Kontrast zum idyllischen Bawean! Was nur treibt die Menschen aus dem Schoß der Familien in diese Städte?

 

Trägheit und Aggression auch am Ziel der Wanderung. Faul gammeln die Riesen-echsen in einem unwürdig kleinen Wasserbecken. Kühler Beton mit abblätternder blauer Farbe beherbergt drei der Drachen, die so gar nichts von dem Biss haben (weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne), den man ihnen nachsagt. Un-gnädig schlägt der schuppige Schwanz auf den Boden und löst wieder einen Placken blauer Farbe. Bedauernswerte Kreaturen. Aus mit den romantischen Vorstellungen von Surabaya. Die abendliche Rückfrage der wissbegierigen Mitreisenden „Na, haben Sie Ihre Kormorane gesehen? erzeugt nur noch ein mildes Lächeln.

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  Stupa mit Gottheiten in Borobudur auf der Insel Java. 

 

Berührung des Glücks

Gewaltig hebt sie sich als Schattenriss gegen den Himmel, die größte Tempelanlage der Südhalbkugel. Über dreißig Meter ziehen sich kaskadenförmige Terrassen zum Himmel, auf denen Stupa neben Stupa steht. Darin jeweils ein kleiner Buddha. Nach buddhistischem Glauben wird das Glück demjenigen zuteil, dem seine Berührung durch das engmaschige Steingitter gelingt. Seltsamer Glaube, bei dem die Glück-seligkeit von der Armlänge abhängt. Die aus dem 9. Jahrhundert datierende Anlage war in der Neuzeit in Vergessenheit geraten. Erst der Gouverneur Sir Stamford Raffles entdeckte sie 1815 und rief sie ins Bewusstsein zurück. Im 20. Jahrhundert endlich wurde der Bau restauriert. Emporgestiegen über zehn Ebenen und unendlich viele steile Stufen, ist der Tourist durchaus in der Lage, den obersten Stupa als das Nirvana zu empfinden, das er symbolisiert: Schweiß und Atemlosigkeit weichen einer nicht geahnten Leichtigkeit. Darunter: Die großartige Landschaft Javas. Üppiges Grün tropischer Bäume schmiegt sich an sattes Gras. Die Feuchtigkeit lässt alles reichlich sprießen.

 

Auch die Kaffeepflanzen auf einer Plantage, die zum festen touristischen Ritus einer Java-Rundfahrt gehört, leben gut in diesem Klima. Ebenso wie die edlen Tropenhöl-zer. Die Besucher kriegen große Ohren, als ihnen erklärt wird, ein Teil der Teakholz-ernte werde als Heizmaterial für die einzige Eisenbahnstrecke verwendet. Verkehrte Welt, in der es dazu scheinbar keine Alternative gibt. Dann geht es an die Kaffeetafel. Die Produkte der Plantage werden probiert, das fördert den Verkauf. Dazu gibt’s braunen Rohrzucker. Die Dosen sind zur Hälfte mit Süßem gefüllt. Den Rest macht ein eifrig wuselnder Ameisenstamm aus und erzeugt spontane Gewissheit, dass der Kaffee auch ohne Zucker schmeckt.

 

Klinisch rein und doch sympathisch

Eiserne Lokalpolitik bewirkt viel. Sie machte New York von einer der gefährlichsten zu einer der sichersten Großstädte. Der Preis dafür ist freilich hoch. So auch für Singa-purs klinische Sauberkeit. Damit sind weniger die 500 Singapur-Dollar gemeint, die der eigenwillige Stadtstaat als Universalstrafe für Kaugummikauen (kauen, nicht ausspucken!) ebenso verhängt hat wie für öffentliches Rauchen, sondern der Verlust einer ganzen Kultur. Hier hatten es die Hochhäuser leicht, sich durch die ärmlichen, nicht immer sauberen, aber herzlichen alten Viertel zu wühlen. Inzwischen hat die Planierraupe auch das letzte Fleckchen Alt-Singapurs gefressen.

 

Dafür warten Vergnügungen neuer Art. Sentosa heißt das Zauberwort für jeden, der einen Tag fernab von Shopping und Sightseeing die Seele baumeln lassen will. Die Singapur vorgelagerte Insel war bis 1970 eine britische Bastion. Jetzt ist Sentosa ein gigantisches Freizeitparadies mit amerikanischem Einschlag. Per Schnellboot oder Seilbahn erreicht man die Insel, auf der von Wundern der Natur in einer riesigen Unterwasserwelt über Schmetterlingsgärten bis hin zu einem „echten Südseestrand alles auf Besucher wartet, was selbige froh macht. Freilich fehlen auch Spielplätze, Achterbahnen und ein „Drachenpfad nicht; aber mit seinem maritimen Museum, einer Fischerei-Ausstellung und Tanz-Darbietungen hält Sentosa auch der Prüfung kulturell Interessierter Stand. Hotels locken zu längerem Aufenthalt und sorgen dafür, dass nur 40 Prozent der Besucher Touristen sind.

 

Das nach Sir Stamford Raffles benannte, 1887 gegründete Raffles Hotel.

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Die Sonne senkt sich über dem Hafen zum Meer und schenkt Singapur goldenes Licht. Zeit, Sir Stamford Raffles noch einmal zu begegnen. Das nach ihm benannte, 1887 gegründete Hotel ist dem raffgierigen Zahn der vom Wirtschaftsboom gesteuer-ten Bagger entgangen. Der Daumen der Regierung wurde zum Jungbrunnen für die Grand Old Lady unter Singapurs Hotels, das in neuem altem Glanz erstrahlt. Geräuschlos schwebt die Asiatin im langen Kimono über die Terrasse, und das Licht der Blauen Stunde mischt sich mit dem Rot des „Singapore Sling im Glas zu einem unwirklichen Violett. Fast kein Geräusch stört die Idylle, nur der riesige Deckenventila-tor quietscht leise. Sein Luftzug erzeugt kleine Wellen. Ein winziger Sturm im Cocktail-glas, als Warnung, dass das süße Gesöff bei diesem Klima fatale Folgen haben kann.

 

Rückweg mit leicht beschwingtem Schritt. Für die letzten zwei Tage wurde die Schiffs-kabine gegen ein Hotelbett im „Mandarin eingetauscht. Noch ein Absacker in der fulminanten Penthouse-Bar mit ihrer umwerfenden Aussicht? Absperrungen auf der Orchard Road verzögern den Heimweg. Zäune, Luftschlangen, maßvoll ausgelasse-ne Menschen. „The New Year Party– ach ja, das neue Jahr beginnt im Februar. Wenigstens in Singapur. Schon rollen die ersten Wagen heran – ein riesiger Umzug mit zähnebleckenden Fratzen, die die bösen Geister ebenso vertreiben sollen wie die Böller bei uns. Musik schallt über die Straße, die immer noch kein Papierschnipsel verunziert. Immer zwei Motivwagen, dann ein Kamerafahrzeug. Singapurs Fernsehen ist live dabei. Die Menge jubelt – anständig und verhalten.

 

Singapur bei Nacht.

 

Schließlich ruft doch der letzte Singapore Sling lauter als das neue Jahr. Geräuschlos saust der Lift nach oben. Das Rauchglas der Panoramascheiben gibt den Blick frei auf das Meer der Klimaanlagen und Dachterrassen mit Swimmingpool. Der Barkee-per werkelt emsig mit dem Cocktail-Shaker. Darüber ein riesiger Fernsehschirm. Grüner Drache mit rotem Maul, rote Gnome mit blauen Mützen, dreiköpfiges, Feuer speiendes Ungetüm? Das hatten wir doch heute schon.

 

„Sir, you see yourself on TV? Tatsächlich – der liebevoll gemixte Cocktail erhält keine gebührende Aufmerksamkeit – die übereifrige Kamera hat die deutsche Touristen-gruppe eingefangen. Die Cocktail-Lieferantin beobachtet stolz die Begeisterung, die sie ausgelöst hat. Und schmiegt sich willig auf den Schoß des Gastes – zum Abschiedsfoto.


Malayische Fischerboote.