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Voller Goldschmuck
ist der Eingang zum Königlichen Haupttempel vom Bangkok. |
Kultur
made in Thailand
Bangkok – Märchenwelt einer anderen Kultur. Eine
Kreuzfahrt, die hier beginnt, ver-langt ihren Gästen vom ersten Tag das
volle Spektrum an Begeisterung für die frem-de Kultur, an Bewunderung,
Zurückhaltung, Toleranz ab – und an Vorsicht. Bangkok, das ist der Traum
von Männern, die an grazile Schönheiten mit ewigem Lächeln denken, der
Traum von Frauen, die die Kreditkarte beim Kauf von Schmuck und Kleidern
strapazieren, die nach der Heimkehr nicht mehr so richtig zu ihrem Stil
passen wollen – zu exotisch ist bisweilen das Design.
„Ein bisschen Bangkok”
gibt es nicht – jeder Schritt vor die Hoteltür bedeutet „Bang-kok total”.
Die staubige, verstopfte Straße mit den dreirädrigen Tuktuks gönnt keine
Erholungspause. Die am Rand stehenden Garküchen, die im dreckigen
Rinnstein Plastiktüten mit blitzsauberen Zutaten lagern
(Hygiene-Untersuchungen haben Erstaunliches bestätigt) bieten alles, was
nach asiatischem Verständnis essbar ist – und das ist weit mehr, als der
Besucher aus dem fernen Europa sich träumen lässt.
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Goldene Spitze im
Königlichen Haupttempel vom Bangkok. |
„Sir, would you
like Cartier? Rolex?” Das Meer der
Armbanduhren ist unübersehbar. Dazu Sonnenbrillen, Edelfeuerzeuge,
T-Shirts von Boss und Lagerfeld. Textilien sind nicht selten „echt”,
denn sie werden hier für die großen Modegurus günstig herge-stellt. Da
lässt sich leicht ein Teil für den Straßenverkauf abzweigen. „Keep Smiling” heißt die Devise, mit einem Lächeln wird jedes „Nein”
akzeptiert. Abendländische Sauertöpfe hingegen haben’s schwer.
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Bei einem Stadtrundgang in Bangkok.
Kein Bangkok ohne Bangkok
Bangkok ist freilich mehr als Straßenchaos und
nachgemachte Edelmarken. Der Königliche Haupttempel mit seinen goldenen
Spitzen und märchenhaft verzierten Gebäuden ist die Attraktion Nummer
eins. Aber isoliert von ihrem unglaublichen Lebensrhythmus gibt die
Stadt ihre Kulturgüter nicht preis. Der Weg führt durch den
unvermeidlichen, an Infarkt grenzenden Stau, und das Ticket gibt’s für
ein Lächeln (der geldliche Preis ist eher Nebensache).
Beim Blick in den Reiseführer, der all das Gold und
die bunten Drachenfiguren aus-einanderhalten hilft, spürt man plötzlich
katzenhaft weiche Hände auf dem Rücken und greift angstvoll nach der
Kamera und Portemonnaie. Kein Grund zur Besorgnis. Die kleine,
leichtfüßige Tempelschülerin hat sofort erkannt, dass die Klimaanlage im
Flugzeug dem Touristen einen steifen Nacken beschert hat. Und zeigt ihr
Können als Thai-Masseurin unaufgefordert, hoffend auf einen Auftrag zum
Hotelbesuch. Wer die Chance nutzt, wird danach das Gefühl haben, mit der
gleichen Leichtfüßigkeit durch den Straßenstaub zu tanzen wie die
Wohltäterin. Sie ist übrigens nur für steife Nacken zuständig. Andere
Körperteile bleiben außen vor.
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Bootsfahrt durch
Bangkoks Kanäle. |
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Venedig des Fernen Ostens
Das Leben spielt am Wasser. Auch in Bangkok. Wasser
als Verkehrsweg, Wasser als Lebensspender. Und Wasser als
Abfallentsorger. Dass das nicht so recht zusammenpasst, zeigt eine
Bootstour durch die Klongs ziemlich rasch. Vorbei an großartigen
schwimmenden Märkten, Frauen, die auf schwankenden Booten und unter
großen Reisstrohhüten Früchte feilbieten, für die der Besucher die im
Hotel ausliegende „Gebrauchsanweisung” benötigt, geht es zum Wat Arun,
einem achtzig Meter hohen Tempel aus Keramik und Porzellan.

Dachgestaltung am Wat Arun, Bangkoks
Porzellan-Tempel ...
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... mit
unglaublichem Detailreichtum. |
Dahinter taucht das schön geschnitzte, nach dem
Vorbild königlicher Barkassen reich bemalte Boot ein in eine Welt, in
der das Leben ausschließlich am Wasser spielt. Da wird gewaschen und
gekocht, kleine Kinder stehen bis zum Bauch in der lehmig-braunen Brühe,
in der Hand die wohlbekannte Flasche eines deutschen
Shampoo-Herstellers, und makellos hübsche Mädchen in knappem Bikini
passen auf die jüngeren Geschwister auf. Freundlichkeit auch hier – kein
böses Wort gegen die ungebetenen Besucher im privaten Reich. Winken und
Lächeln. Man winkt zurück. Und möchte doch so gern sagen: Den Hausgeist
milde zu stimmen, indem man Opferspeisen in sein „Geisterhäuschen”
stellt, reicht nicht. Ihr dürft das Wasser zum Kochen nicht zehn Meter
neben der Abwasserleitung holen. Und müsst die toten Hunde, die
gelegentlich am Boot vorbei schwimmen, aus dieser Kloake räumen, wenn
ihr hier leben wollt.
Was würde passieren, wenn man es täte? „Yes Sir”,
würde man mit dem bereitwillig-sten Lächeln sagen. Und sofort enteilen.
In den Alltag, nicht zum Aufräumen. Höflich-keit über alles. Auch dann,
wenn man die seltsamen Ratschläge des Fremden nicht versteht. Und auch
nicht beherzigt. Lächeln über eine unsichtbare Mauer hinweg.
Kurs Süd
Die goldenen Tempelspitzen vermischen sich mit dem
Dunst, der Bangkok in einer Glocke gefangen hält und vom Heer der Autos
und Motorräder unermüdlich erneuert wird. Der Hafen liegt weit
außerhalb, eine Busstunde südlich. Erst spät entdeckt wur-de das
abgeschiedene Ko Samui, Trauminsel mit weißen Stränden, deren Bewohner
in erster Linie vom Reichtum an Kokospalmen leben. Sie liefern Speise
und Getränk, Baumaterial und Fasern für grobe Stoffe, schließlich sogar
Fett und Öl für Seife und Kerzen.
Der Ankerplatz liegt direkt am Strand. Tenderboot-Service
ins Paradies. Das großarti-ge Buffet geht weit über den einheimischen
Kokosnuss-Reichtum hinaus. Erst bei genauem Hinsehen erscheinen hinter
Desserts und Deko die Schalen und das Fleisch der Palmfrüchte. Kein
Straßenhändler stört die Idylle. Strand, türkisblaues Wasser,
Korallenwelt. Das Schnorchelparadies bietet Urlaub vom Urlaub, Erholung
von der Großstadt, die für ihre unwissenden Besucher noch anstrengender
ist als für ihre Einwohner.
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Das Schiff tastet sich langsam den lehmig
braunen Mekong nach Saigon hinauf.
Ho-Chi-Minh oder
Saigon?
Der Schiffsbug tastet sich langsam den lehmig braunen
Mekong hinauf. Unorthodoxe Ein- und Auslaufzeiten, die sich nur nach dem
Wasserstand richten, beherrschen den Fahrplan und zwingen dennoch zur
Vorsicht. Ein von Ferne entdeckter Ameisenhau-fen löst sich auf als
emsiges, unübersehbares Gewusel von Fahrrädern und Reis-strohhüten,
dazwischen sich jeweils ein Mensch befindet.
Allein die Studie, auf wie viele verschiedene Arten
ein Mensch lächeln kann, würde einen Tag füllen. Gibt es ein Bangkok-
und ein Saigon-Lächeln? Oder nur eines, das mit den Besuchern lächelt,
weil man in Bangkok verstanden hat, was der Tourismus will, während das
Lächeln Saigons die Distanz der Verständnislosigkeit überbrückt?
Jedenfalls nennt hier niemand die Hauptstadt bei ihrem neuen Namen. Wer
hier lebt, weiß „seine” alte Stadt wohl zu trennen von der neuen
Politik. Das eine heißt Saigon, das andere Ho-Chi-Minh. Eine Verbindung
gibt es nicht. Jedenfalls nicht in den Köpfen der Menschen.

Das Rathaus von Saigon oder Ho-Chi-Minh-Stadt.
Touristen mischen sich in das bunte Markttreiben und
staunen wieder über die Köst-lichkeiten, die zum sofortigen Verzehr
feilgeboten werden. Vorsichtige Gemüter grei-fen zu Süßigkeiten. Und auch
die Damen dürfen getrost shoppen gehen: Ein reich bestickter
Seidenkimono reist für nur zehn Dollar mit ins ferne Europa. Der Kapitän
hat indes zwanzig ausgegeben – und ein filigran gearbeitetes, voll
getakeltes Segel-
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schiff aus Holz erstanden. Die über zwei Meter lange
Kostbarkeit wird das neue Schmuckstück für die Lounge an Bord.

Die zwischen 1877 und 1883 aus Backstein
errichtete neoromanische Kathedrale Notre-Dame in Saigon.

Gläubige des Caodaismus im Cao Dai Tempel bei
Saigon.
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In einem
Teil des Củ Chi-Tunnelsystems ... |

... bei dem alle Eingänge
durch primitive, aber wirkungsvolle Fallen gesichert
waren – grausame Relikte aus dem Vietnamkrieg von 1965 bis 1975.
Landgang auf Freiersfüßen
Die Insel Bawean wird man auf Karten und Plänen
vergeblich suchen. Ein Geheim-tipp des Kapitäns. Der Anker fällt in der
Mittagshitze. Für das zwergenhaft kleine Nachbar-Eiland von Bali und
seine Bewohner bedeutet der ungewohnte Anblick eines Kreuzfahrtschiffes,
aus der trägen Siesta in die Senkrechte zu kommen. Fahr-räder,
Motorroller, Lastwagen mit ein paar roh gezimmerten Gartenbänken auf der
Ladefläche bringen dunkelhäutige Menschen an, junge Burschen zumeist,
während die Frauen sich aufgeregt schwatzend, aber gemessenen Schrittes
zu Fuß in Richtung Bootsanlegestelle bewegen.
Die Kreuzfahrer haben’s kaum
leichter. Die Sonne sengt gnadenlos. Ausflugsbusse gibt es hier nicht.
Als die staunenden Einheimischen erkennen, dass sich der Tross der
Besucher Richtung Dorfplatz wälzt, bieten geschäftstüchtige Teens die
Mitfahrt auf dem Motorroller an.
„You want to see my home?”
Na klar, wann hat man dazu sonst Gelegenheit? Drei
Kilometer knattert der PS-schwache Ofen über Schotter, dann öffnet sich
die elegant geschnitzte Tropenholztür. Der lange, blonde Besucher wird
der Familie vorgestellt. Stolze Eroberung des Halbwüchsigen, die er nun
heimbringt. Selbst der knorrige Großvater, der vor der wie zum Foto
aufgestellten Familie steht und nur aus Sehnen und ledriger Haut zu
bestehen scheint, kratzt an seinem lichten, grauen Ziegenbärtchen und
versucht sich in Englisch: „Man, where you come?”
Süßigkeiten werden gereicht,
tropische Säfte ausgepresst. Frauen huschen emsig im Hintergrund. Der
blauäugige Exot hockt im Sessel, die Gastgeber stehen im Halb-kreis drum
herum. Der Fluss der Fragen verebbt. Fehlen die Vokabeln? Oder vielmehr
die Vorstellung, was man den Weitgereisten fragen könnte? Der Strom der
Leckereien reißt indes nicht ab. Gebracht werden sie alle von einer
jungen, schwarz-haarigen Schönheit, die zauberhaft lächelt. Da fragt der
Motorrollerfahrer unvermittelt: „You like my sister?
Her husband far away, in
Singapore ...” Ach du lieber Himmel. Ist der
ganze Auftritt etwa nur als Kuppelei inszeniert worden? Mitnichten. Die
Gast-freundschaft verlangt, alles anzubieten, worüber Haus und Hof
verfügen. Da ist, in Unkenntnis weiterer Rituale, die Notlüge erlaubt:
„She’s so sweet, but my wife ...”
Komplimente über Komplimente. Und der Europäer
begreift nicht sofort, dass sie gedacht sind, um ihm zu zeigen, womit er
seine so rührenden Gastgeber erfreuen könnte. Das Oberhemd hat sie
verzückt, gelbgrünes Karo mit Schweißflecken, feinste Discountware, drei
Euro neunundneunzig. Gern tritt man den Rückweg im Feinripp-Unterhemd
an. Der junge Mann tippt auf die Kamera. No, sorry, das geht zu weit.
Das Verstehen folgt später: Über einen Film würde er sich freuen. Die
Fototasche enthält nur Diafilme, die man auf Bawean gewiss nicht
entwickeln kann. Egal, mit dem Problem sollen sich bitte die Insulaner
herumschlagen. Nur eine Bitte lässt sich nicht erfüllen: Den Gegenbesuch
an Bord, zu dem man gerne einlüde, vereiteln die
Sicher-heitsvorschriften.
Ausgeträumter Jugendtraum
Wer kennt sie nicht aus den Romanen, die man abends
unter der Bettdecke mit der Taschenlampe las – Namen wie Batavia und
Surabaya? Letzteres liegt vor dem Bug. Die Frage „Was haben Sie denn
heute vor?” lässt sich ausnahmsweise leicht beant-worten: Einen
Zoobesuch. Surabaya verfügt als weltweit einziger Zoo über die berühmten Komodo-Warane, die sonst nur auf Komodo selbst das grausige Schau-spiel
einer lebendig verzehrten Ziege bieten. Der Weg zum Zoo ist ernüchternd. Eine selbst für
südostasiatische Verhältnisse dreckige Großstadt zeigt ihre Kloaken,
einen mit Abfall angefüllten Fluss, unter dessen Brücken jedes Plätzchen
mit Obdachlosen belegt ist. Stinkender Moloch, der aus ungezählten
Abwasserrohren neue Nahrung erhält. Autowerkstätten, die in Europa
allenfalls als Schrottplatz eine Chance hätten, kleine, schmuddelige
Geschäfte, übellaunige Straßenhändler. Welch ein Kontrast zum
idyllischen Bawean! Was nur treibt die Menschen aus dem Schoß der
Familien in diese Städte?
Trägheit und Aggression auch am Ziel der Wanderung.
Faul gammeln die Riesen-echsen in einem unwürdig kleinen Wasserbecken.
Kühler Beton mit abblätternder blauer Farbe beherbergt drei der Drachen,
die so gar nichts von dem Biss haben (weder im wörtlichen noch im
übertragenen Sinne), den man ihnen nachsagt. Un-gnädig schlägt der
schuppige Schwanz auf den Boden und löst wieder einen Placken blauer
Farbe. Bedauernswerte Kreaturen. Aus mit den romantischen Vorstellungen
von Surabaya. Die abendliche Rückfrage der wissbegierigen Mitreisenden
„Na, haben Sie Ihre Kormorane gesehen?” erzeugt nur noch ein mildes
Lächeln.
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Stupa mit
Gottheiten in Borobudur auf der Insel Java. |
Berührung des Glücks
Gewaltig hebt sie sich als Schattenriss gegen den
Himmel, die größte Tempelanlage der Südhalbkugel. Über dreißig Meter
ziehen sich kaskadenförmige Terrassen zum Himmel, auf denen Stupa neben
Stupa steht. Darin jeweils ein kleiner Buddha. Nach buddhistischem
Glauben wird das Glück demjenigen zuteil, dem seine Berührung durch das
engmaschige Steingitter gelingt. Seltsamer Glaube, bei dem die
Glück-seligkeit von der Armlänge abhängt. Die aus dem 9. Jahrhundert
datierende Anlage war in der Neuzeit in Vergessenheit geraten. Erst der
Gouverneur Sir Stamford Raffles entdeckte sie 1815 und rief sie ins
Bewusstsein zurück. Im 20. Jahrhundert endlich wurde der Bau
restauriert. Emporgestiegen über zehn Ebenen und unendlich viele steile
Stufen, ist der Tourist durchaus in der Lage, den obersten Stupa als das
Nirvana zu empfinden, das er symbolisiert: Schweiß und Atemlosigkeit
weichen einer nicht geahnten Leichtigkeit. Darunter: Die großartige
Landschaft Javas. Üppiges Grün tropischer Bäume schmiegt sich an sattes
Gras. Die Feuchtigkeit lässt alles reichlich sprießen.
Auch die Kaffeepflanzen auf einer Plantage, die zum
festen touristischen Ritus einer Java-Rundfahrt gehört, leben gut in
diesem Klima. Ebenso wie die edlen Tropenhöl-zer. Die Besucher kriegen
große Ohren, als ihnen erklärt wird, ein Teil der Teakholz-ernte werde
als Heizmaterial für die einzige Eisenbahnstrecke verwendet. Verkehrte
Welt, in der es dazu scheinbar keine Alternative gibt. Dann geht es an
die Kaffeetafel. Die Produkte der Plantage werden probiert, das fördert
den Verkauf. Dazu gibt’s braunen Rohrzucker. Die Dosen sind zur Hälfte
mit Süßem gefüllt. Den Rest macht ein eifrig wuselnder Ameisenstamm aus
und erzeugt spontane Gewissheit, dass der Kaffee auch ohne Zucker
schmeckt.
Klinisch rein und doch sympathisch
Eiserne Lokalpolitik bewirkt viel. Sie machte New
York von einer der gefährlichsten zu einer der sichersten Großstädte.
Der Preis dafür ist freilich hoch. So auch für Singa-purs klinische
Sauberkeit. Damit sind weniger die 500 Singapur-Dollar gemeint, die der
eigenwillige Stadtstaat als Universalstrafe für Kaugummikauen (kauen,
nicht ausspucken!) ebenso verhängt hat wie für öffentliches Rauchen,
sondern der Verlust einer ganzen Kultur. Hier hatten es die Hochhäuser
leicht, sich durch die ärmlichen, nicht immer sauberen, aber herzlichen
alten Viertel zu wühlen. Inzwischen hat die Planierraupe auch das letzte
Fleckchen Alt-Singapurs gefressen.
Dafür warten Vergnügungen neuer Art. Sentosa heißt
das Zauberwort für jeden, der einen Tag fernab von Shopping und
Sightseeing die Seele baumeln lassen will. Die Singapur vorgelagerte
Insel war bis 1970 eine britische Bastion. Jetzt ist Sentosa ein
gigantisches Freizeitparadies mit amerikanischem Einschlag. Per
Schnellboot oder Seilbahn erreicht man die Insel, auf der von Wundern
der Natur in einer riesigen Unterwasserwelt über Schmetterlingsgärten
bis hin zu einem „echten” Südseestrand alles auf Besucher wartet, was
selbige froh macht. Freilich fehlen auch Spielplätze, Achterbahnen und
ein „Drachenpfad” nicht; aber mit seinem maritimen Museum, einer
Fischerei-Ausstellung und Tanz-Darbietungen hält Sentosa auch der
Prüfung kulturell Interessierter Stand. Hotels locken zu längerem
Aufenthalt und sorgen dafür, dass nur 40 Prozent der Besucher Touristen sind.

Das nach
Sir Stamford Raffles
benannte, 1887 gegründete Raffles Hotel.
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Die Sonne senkt sich über dem Hafen zum Meer und
schenkt Singapur goldenes Licht. Zeit, Sir Stamford Raffles noch einmal
zu begegnen. Das nach ihm benannte, 1887 gegründete Hotel ist dem
raffgierigen Zahn der vom Wirtschaftsboom gesteuer-ten Bagger entgangen.
Der Daumen der Regierung wurde zum Jungbrunnen für die Grand Old Lady
unter Singapurs Hotels, das in neuem altem Glanz erstrahlt. Geräuschlos
schwebt die Asiatin im langen Kimono über die Terrasse, und das Licht
der Blauen Stunde mischt sich mit dem Rot des „Singapore Sling” im Glas
zu einem unwirklichen Violett. Fast kein Geräusch stört die Idylle, nur
der riesige Deckenventila-tor quietscht leise. Sein Luftzug erzeugt
kleine Wellen. Ein winziger Sturm im Cocktail-glas, als Warnung, dass das
süße Gesöff bei diesem Klima fatale Folgen haben kann.
Rückweg mit leicht beschwingtem Schritt. Für die
letzten zwei Tage wurde die Schiffs-kabine gegen ein Hotelbett im
„Mandarin” eingetauscht. Noch ein Absacker in der fulminanten
Penthouse-Bar mit ihrer umwerfenden Aussicht? Absperrungen auf der
Orchard Road verzögern den Heimweg. Zäune, Luftschlangen, maßvoll
ausgelasse-ne Menschen. „The New Year Party” – ach ja, das neue Jahr
beginnt im Februar. Wenigstens in Singapur. Schon rollen die ersten
Wagen heran – ein riesiger Umzug mit zähnebleckenden Fratzen, die die
bösen Geister ebenso vertreiben sollen wie die Böller bei uns. Musik
schallt über die Straße, die immer noch kein Papierschnipsel verunziert.
Immer zwei Motivwagen, dann ein Kamerafahrzeug. Singapurs Fernsehen ist
live dabei. Die Menge jubelt – anständig und verhalten.
Singapur bei Nacht.
Schließlich ruft doch der
letzte Singapore Sling lauter als das neue Jahr. Geräuschlos saust der
Lift nach oben. Das Rauchglas der Panoramascheiben gibt den Blick frei
auf das Meer der Klimaanlagen und Dachterrassen mit Swimmingpool. Der
Barkee-per werkelt emsig mit dem Cocktail-Shaker. Darüber ein riesiger
Fernsehschirm. Grüner Drache mit rotem Maul, rote Gnome mit blauen
Mützen, dreiköpfiges, Feuer speiendes Ungetüm? Das hatten wir doch heute
schon.
„Sir, you see
yourself on TV?” Tatsächlich – der liebevoll gemixte
Cocktail erhält keine gebührende Aufmerksamkeit – die übereifrige Kamera
hat die deutsche Touristen-gruppe eingefangen. Die Cocktail-Lieferantin
beobachtet stolz die Begeisterung, die sie ausgelöst hat. Und schmiegt
sich willig auf den Schoß des Gastes – zum Abschiedsfoto.
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