Im Stadthafen von Antalya




Ivo Menzel




Kreuzfahrt im östlichen Mittelmeer – man freut sich auf kleine Inseln, lauschige Häfen und Ziele, die man als Flugtourist kaum zu erreichen weiß. Doch geht das Schiff auf seiner Reise entlang der türkischen Küste auch gern in Antalya vor Anker. Kein Stopp freilich, der dem verkürzten Programm der Strandtouristen ent-spricht – Kreuzfahrer erkunden vielmehr die Schönheiten der Stadt, lassen sich fallen ins bunte Leben und die fremde, wenn auch vom Massentourismus etwas geprägte Kultur. Das hat natürlich auch Vorteile: Ein Taxi bringt den Reisenden problemlos zu seinen Sehenswürdigkeiten.

 

Ich kenne die Stadt aus den 1970ern. Damals war die 600.000 Einwohnermetropole ein malerisches Küstenstädtchen mit Kamelen, Eseln und bäuerlichem Treiben auf den Straßen. Zehn Jahre später entdeckte der Tourismus die türkische Riviera. Über-all an den sonnenverwöhnten Stränden schossen die Hotels wie Pilze aus dem Bo-den. Antalya wurde zur Drehscheibe der Fernwehsüchte und damit zum Wirtschafts- und Dienstleistungsmagnaten der türkischen Mittelmeerküste.

Mein erstes Ziel ist Perge. Nur 15 Kilometer vom ultramodernen Airport der Stadt ent-fernt, brennt die Antike ein architektonisches Feuerwerk ab. Wo die Helden der griechischen Sagen einst über breite Prachtstraßen flanierten, in Marmor getäfelten Thermen schwitzten oder auf den Stufen der Tempel über die damals noch scheiben-förmige Welt philosophierten, herrscht jetzt am frühen Morgen meditative Stille. Nur ein paar Ziegen hauchen den steinernen Götterstatuen Leben ein. „Fremder, schei-nen sie mich mit großen Augen zu fragen, „warum bist Du hier? Und was störst Du unsere Kreise?

Noch bevor die ersten Touristenbusse ihre Abgaswölkchen in den blauen Himmel kringeln, geht die Fahrt wieder Richtung Antalya. Entlang einer sanft gewellten, mit Gewächshäusern durchwirkten Landschaft stoppt das Taxi am Yukan Düden, dem Oberen Düden-Wasserfall. Kaum steige ich aus dem Wagen, kommen ein paar Männer auf mich zu. Geschäftstüchtig erkundigen sie sich, ob ich nicht mal auf einem Kamel reiten wollte? Sie hätten die besten Tiere. Und so ein Ritt auf einem Wüsten-schiff wäre doch sicherlich ein tolles Erlebnis. Dankend lehne ich ab. Dem Wunsch eines jungen Pärchens dagegen komme ich gerne nach. In gebrochenem Deutsch drücken mir die beiden ihre Kamera in die Hand und stellen sich vor dem gut 30 Meter hohen, von üppigem Grün umwucherten Naturspektakel in fotogene Pose.

Zurück in Antalya: Nach gebührender Würdigung des Konyaalti-Boulevards mit seinem kilometerlangen Bilderbuch-Strand, einem traumhaften Blick von den schrof-fen Uferfelsen auf die schneeweißen Segelschiffe im Yachthafen, steht die Alaeddin-Moschee auf dem Programm. Bei genauem Hinsehen entpuppt sich das großforma-tige Gotteshaus als ehemalige Christenkirche. Lange vor Allah und seinem Prophe-ten hatte sich der Heilige Paulus um das Seelenheil der Menschen hier verdient gemacht und damit den „ideologischen Grundstein für dieses Glaubensmonument gelegt.

Wirklich gefruchtet hat sein Missionswerk offensichtlich nicht. Keinen Steinwurf von der Kirche pardon: der Moschee – feiert der Kaufrausch fröhliche Urständ. In einem Labyrinth ebenso alter wie abenteuerlich verwinkelter Gassen zieht die Verführung alle Register, buhlen Boutiquen, Ramschläden und Billigshops um die Portemonnai-es der Touristen. Ob Goldschmuck, Wasserpfeifen, Teppiche, Gewürze oder … Viagra es gibt wohl nichts, was man nicht kaufen könnte. Und das gilt vor allem für Berge von Armani-, Boss-, Versace- und Rolex-Plagiate. „Wenn die Türkei, so mein Taxifahrer, „einmal der EU beitreten sollte, ist mit solchen Raubkopien Schluss. Ich glaube kaum, schmunzelt er, „dass es unter den Händlern hier auch nur einen Befürworter für die EU-Mitgliedschaft gibt.

Keine Probleme mit der EU dagegen hat Cünyt. Nach 26 Jahren in München, nun wieder in seiner Heimat, betreibt er nicht nur einen schwungvollen Gewürzhandel, sondern hat auch eine Antwort auf die Finanzmisere unserer bundesdeutschen Krankenkassen. „Das, deutet er auf einen Sack voll weißem Pulver, „ist eine Mixtur aus Zimt, Ingwer, Muskatnuss, Koriander, Nelken und Johannisbrot. Zwei Teelöffel mit heißem Wasser aufgegossen und getrunken sind die beste  Gesundheitsprophy-laxe. Als Beitrag zur Sanierung unserer Kassen ordere ich 500 Gramm davon. Cünyt greift zum Taschenrechner, tippt ein paar Zahlen ein und kassiert zwei Euro. „Kein Vergleich zu den Arzneimittelpreisen in Deutschland, sagt er und wünscht mir einen schönen Tag.

Was die Gewürze für die türkische Küche sind, ist der Kaffee für die Manneskraft. Der Erzengel Gabriel persönlich soll dem sterbenskranken Propheten Mohammed eine Tasse voll mit diesem Elixier gereicht haben. Der Prophet gesundete im Handumdre-hen. Seine neu gewonnene Lebensenergie so die Legende – reichte, um 40 Män-ner aus dem Sattel zu werfen und ebenso viele Frauen glücklich zu machen. Damit waren die Weichen für das türkische Kaffeehaus gestellt. Ein gutes Beispiel dazu ist das Café Caybasi. Nur ein paar Meter hinter Cünyts Gewürz-Stand wartet diese Kultur-Ikone mit Holzschindeln überdachter Terrasse, Waschbetonboden, Holzkohle-grill und natürlich gefährlich fauchendem Heißwasserboiler auf. Männer sitzen an Holztischen, rauchen, reden, spielen Karten oder murmeln Koranverse. Jedes Alter und jede Sozialschicht scheint vertreten; der Ort ist eine Welt für sich, in der Männer Männer sind und Frauen – um es auf den Punkt zu bringen – nicht unbedingt etwas zu suchen haben ...

Die Zeit reicht noch für den Besuch des Hamam, des Türkischen Bades. Im Hand-umdrehen liege ich in einem feucht-heißen, marmorgetäfelten Raum und schwitze mir die Seele aus den Poren. Ordentlich aufgeweicht, wird der Körper geseift und mit einem rauen Handschuh gebürstet und gestriegelt. Nach zwanzig Minuten folgen eine kalte Dusche, die nächste Rubbelprozedur und dann mit reichlich Öl, eine geniale, jede Faser und Faszie zu neuem Leben erweckende Massage.

„Eigentlich, schwelge ich voll Wohlgefühl, „müsste ich der Reederei dankbar sein, dass sie mir diesen besonderen Blick auf Antalya ermöglicht hat – indem ich es intensiver erlebe als der 14-Tage-Strandtourist!

Das Schiff liegt bis 23 Uhr im Hafen. Ich mache nur eine Stippvisite an Bord, denn mein Taxifahrer hat mich zum Abendessen eingeladen! Es gibt Hasen – hat er gesagt – von ihm erlegt, von seiner Frau zerlegt, gut in Öl und Kräutern mariniert, mit Knoblauch und Jogurt im Ofen gegart und mit reichlich Kartoffeln, Gemüse, Salat und natürlich Raki serviert. Wie sollte ich da widerstehen? Nur ein Hinweis an meine reiseunerfahrenen Tischgenossen an Bord schien mir angebracht. Ohnehin besorgt über meinen Alleingang per Taxi, hätten sie womöglich eine Vermisstenmeldung beim Kreuzfahrtdirektor losgelassen. Nicht wissend, dass ich im Schneidersitz bei einem wunderbaren Abendessen hocke und dahinschmelze in türkischer Gast-freundschaft. Nichts gegen das Essen an Bord, aber die Atmosphäre bietet kein Kreuzfahrtschiff der Welt …

 


 

Informationen

Lust bekommen auf Antalya? Hier noch einige Reisetipps, auch für individuelle Reisen zu Land.

 

Anreise

Sun Express fliegt von 13 deutschen Städten aus nach Antalya. Oneway kostet 139 Euro, Telefon 01 80-5 95 95 90, Internet: www.sunexpress.de – Die Preise von LTU beginnen oneway bei 119 Euro, www.ltu.de

 

Veranstalter

Die türkische Riviera zählt zu den schönsten Urlaubsorten des östlichen Mittelmeers. FTI bietet 7 Tage Last Minute All Inclusiv mit Flug im 3-Sterne-Hotel ab 387 Euro p. P. im DZ (Telefon 01 80-38 45 00 (0,14 Euro pro Minute), www.fti.de – Öger Tours hat  4-Sterne-Hotels für 7 Tage ab 397 Euro (Telefon 0 18 05-24 25 58 (0,14 Euro pro Minute), www.oeger.de und gebeco die Glanzlichter der Westküste als 12-tägige Rundreise von Istanbul nach Antalya ab 995 Euro im Angebot (Telefon 04 31-5 44 60, www.gebeco.de

 

Auskunft

Fremdenverkehrsamt der Türkei, Baseler Straße 37, 60329 Frankfurt/Main, Telefon 069-23 30 81. Internet: www.turizm.gov.tr + www.reiseland-tuerkei-info.de

 

Reiseführer

RTB Türkei. Die Südküste

Handlicher Führer in gewohnter DuMont-Qualität mit großem Kartenteil. DuMont Verlag, 2007, 240 Seiten, 12 Euro.

 

ADAC Türkei Südküste mit Urlaubskarte

Kompakte, gut illustrierte Beschreibung der rund 50 wichtigsten Orte und Sehenswür-digkeiten. Gutes Kartenmaterial. ADAC Verlag, 2006, 192 Seiten, 8,95 Euro.


 

Blick über den Konyaalti-Strand un das Taurus-Gebirge.

 

Blick über den Yachthafen von Antalya mit Taurus-Gebirge im Hintergrund.

 

Der Obere Düden-Wasserfall in der Nähe von Antalya.

 

Es gibt kaum etwas, was man im Bazar von Antalya nicht kaufen könnte.

 

Die türkischen Cafés sind Männersache. Wie hier in der Nähe vom Bazar zählt das „Okay-Spiel mit zum beliebtesten Zeitvertreib.             

 

Das archäologische Museum in Antalya ist das bedeutendste seiner Art an der türkischen Mittelmeerküste. Hier: Sarkophag aus Perge.