Oliver Schmidt · Chefredakteur

 

 

 

Liebe Besucher, Leser und Freunde des SeereisenMagazin,

mit dieser Ausgabe des Magazins kommt – unsere „Stammleser wissen dies – auch wieder eine neue Ausgabe unseres Internet-Fernsehens SeereisenMagazin.TV  

Ich wünsche Ihnen unterhaltsames Fernseh-Vergnügen mit der fast 60 Minuten lan-gen Sendung!

Und gerade bei der Produktion, bei den Reisen, die wir für die TV-Ausgabe gemacht haben, ist mir wieder aufgefallen, welch interessante Charaktere man an Bord von Kreuzfahrtschiffen trifft. Das gilt in Sonderheit auch für die Besatzungsmitglieder. Da-bei sind ein Gutteil dieser sieben Tage pro Woche arbeitenden Menschen Selfmade-Leute.

Es gibt eine Ausbildung zum Kellner, aber nicht zum Schiffssteward. Es gibt Ausbil-dungen als Tänzer und Sänger, aber die Passagierbespaßung bei der Polartaufe kommt in dieser Ausbildung nicht vor. Und eine Ausbildung zum Kreuzfahrtdirektor gibt’s schon gar nicht.

Es müssen besondere Menschen sein, die sich zu solch einem Job entschließen. Bei den untersten Positionen angefangen: Wieviel Courage braucht man, um aus einem philippinischen Dorf, aus einer zwanzigköpfigen Kinderschar emporzusteigen, mit mageren Englischkenntnissen den Mut zu haben, auf ein internationales Schiff zu gehen und dort Speisen zu servieren, von denen man zuvor noch nie etwas gehört hatte – mit einem gewinnenden Lächeln als einzigem Kapital?

Vergleichbares gilt auch für deutsche Mitglieder von Crew und Staff, die etwa in der Reiseleitung arbeiten. Wer nicht bereit ist, das Schiff als sein Zuhause und die Besat-zung als seine Familie anzunehmen, sondern klassischen Familienidealen nach-strebt, der wird unter dem Job leiden – und ihn nicht allzu lange machen.

Ich habe auf der AMADEA die Erfahrung gemacht, dass sich jedes Gespräch mit die-sen ungewöhnlichen Charakteren lohnt. Das begann bei meiner Lieblings-Stewar-dess in Harry’s Bar, der Philippinin Melanie, deren Freund auf einem Costa-Schiff arbeitet. Gesehen hat sie ihn durch ungünstige Ferienregelungen zuletzt vor zwei Jahren. Ein paar Worte, und aus dem undurchdringlichen Kokon „Stewardess schält sich eine zarte Persönlichkeit heraus, zerbrechlich, empfindsam – und unendlich dankbar für etwas Verständnis.

 

Ein „kurzes Interview mit Kreuzfahrtdirektor Christian Rippel wurde zum über zwei-stündigen Gespräch: Nur die Hälfte des Jahres fährt der rührige 39jährige auf der AMADEA, die anderen sechs Monate arbeitet er in der Türkei an der Verwirklichung seines Lebenstraumes. Dem Land seiner Wahl, in dem er seit zehn Jahren lebt, will er im alten Olympos eine naturverträgliche Ferienanlage auf luxuriösem Niveau schenken. Land erworben hat er schon und ist damit für dortige Verhältnisse ein reicher Mann. Aber er hat ein Ideal, ein Ziel. Letzteres ist eine Tugend, die vielen ziel-los durch ihre kleine Welt irrenden Menschen abhanden gekommen ist, und das tut ihrem Lebensmut in den seltensten Fällen gut.

Dabei folgt der Lohn grad auf dem Fuße. Denn Menschen, die sich in den Situatio-nen, in die ein Kreuzfahrtschiff in fremden Ländern kommt, bewährt haben, die den harten Bordalltag aushalten, werden nie befürchten müssen, arbeitslos zu sein. Bestes Beispiel ist die über achtzigjährige Erika Albrecht, die Sie, liebe Leser, aus unseren Bordtagebüchern (Seite 13) kennen. Sie hat auf ihrem neuen Schiff, der DELPHIN, sofort mit dem gleichen Charme die Passagierherzen erobert wie auf allen anderen Schiffen zuvor. Nicht nur Hansa Kreuzfahrten, sondern auch Deilmann zeigte Interesse an ihr, und der vordem erwähnte Kreuzfahrtdirektor Rippel (AMADEA) sagte sofort: „Erika? Die könnte hier bei mir jederzeit einen Job bekommen!

Auf der BOLERO traf ich bei einer Donau-Reise den Kreuzfahrtdirektor Andrej Belinskiy (zuletzt MS LILI MARLEEN) wieder. Und merkte nach 24 Stunden: Dieses Schiff ist in wenigen Wochen ein Andrej-Schiff geworden. Wer Belinskiy persönlich erlebt hat, weiß, was gemeint ist: Funktionierende Sozialstrukturen, eine Crew, in der jeder wichtig und geachtet ist, und in der jedes Mitglied eine Persönlichkeit ist, die die Passagiere kennen und schätzen. Das ist gemeint mit dem Satz „Der Lohn folgt auf dem Fuße – der Erfolg stellt sich sichtbar ein, der Dienst am Passagier ist mit das Befriedigendste, womit man sein Geld verdienen kann. Was gibt es Schöneres, als in zufriedene Gesichter zu schauen, die Dankbarkeit ausdrücken – bei Crew-Kollegen wie auch bei Passagieren?

Das Schönste daran aber ist vielleicht, dass viele dieser Jobs nach Eignung und Fähigkeit besetzt werden und nicht nach Ausbildung oder Hochschulstudium. Die Touristik ist vielleicht die letzte Bastion im Arbeitsmarkt, die arbeitswilligen Aufstei-gern noch echte Chancen bietet. Insbesondere die mittelständischen Kreuzfahrt-Unternehmen in Deutschland, bei denen die Hierarchien überschaubar und die Wege kurz sind, zeigen immer wieder Interesse für engagierte Quereinsteiger, ohne Altersgrenzen zu berücksichtigen.

Aber auch, wer über eine fundierte Ausbildung mit Studium an der Seefahrtsschule seinen Weg in die Nautik oder Schiffsbetriebstechnik sucht, hat noch immer beste Chancen. Noch immer stehen die Reedereien am Hochschultor bereit und bieten den Absolventen gut bezahlte Praktika und Studienhilfen an, wenn sie nur schon vor Beendigung des Studiums einen Vertrag für ihre Laufbahn als Ingenieur oder Offizier unterschreiben. Ich möchte wirklich die Gelegenheit nutzen und an Sie, liebe Leser, appellieren, Jugendliche bei der Suche nach dem richtigen Ausbildungsberuf auf diese Lücke, mit der eine Jobgarantie verbunden ist, hinzuweisen.

Die Seefahrt allgemein und die Kreuzfahrtbranche verzeichnen starkes Wachstum. Es wird auf der Vielzahl von Schiffen, die neu gebaut und in Dienst gestellt werden, auch eine Vielzahl von Stellen zu besetzen geben. Die bekannten Hotelfachschulen in Österreich, der Schweiz und Deutschland, von denen die Luxusschiffe der 70er und 80er Jahre beschickt wurden, können den Bedarf schon lange nicht mehr decken. Die Reedereien sind auf sich selbst angewiesen – auf Bewerbungen von Fachkräften mit Ausbildung und einem hohen Maß an Eigenmotivation. Keine andere Branche bietet solche Chancen.

Und selbst, wer irgendwann nicht mehr zur See fahren, sondern sich an Land nieder-lassen und ein „bürgerliches Leben führen möchte, wird erleben, dass er keine Probleme bei der Jobsuche hat. Reiseveranstalter nehmen alte Fahrensleute gern, wissen sie doch genau, wie’s draußen zugeht, was der Passagier will und welche Wünsche man vor Ort umsetzen kann.

Oft ist jungen Leuten nicht bewusst, dass hier eine Chance liegt, sich zu bewähren, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und sich vielleicht sogar in der Branche einen guten Namen zu machen. Vielmehr wird der Wunsch eines Jungen, der mit elf oder zwölf Jahren mal eine Kreuzfahrt gemacht hat, „Ich möchte auf einem Schiff arbeiten! gleichgesetzt mit „Ich will umsonst auf Kreuzfahrt gehen!. Ich wünsche mir, vor allem aber der Branche und den Leuten, denen sie einen solchen Job bieten kann, dass sie zueinander finden. Vielleicht geben Sie interessierten Menschen einen Tipp?

Ihnen wünsche ich natürlich viele interessante Gespräche mit den Menschen, von denen Sie an Bord betreut werden, und die obligatorische Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Herzlichst, Ihr Oliver Schmidt